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16.3.2020

Analyse: Der soziokulturelle Kontext der Konkurrenzfähigkeit junger Menschen in einer großen Region in Sibirien

In welchen inneren und äußeren soziokulturellen Kontexten leben junge Menschen in Russland? Welche Werte haben sie? Wie sozial konkurrenzfähig sind sie? Die hier vorgestellte Studie untersucht junge Erwachsene in der Region Krasnojarsk, einer großen Region in Sibirien.

Junge Erwachsene sitzen auf einer Bank und sehen sich Aufnahmen auf einer Digitalkamera an. Die Vorstellungen junger Menschen über die moralische und wertebezogene Umgebung weist eine Spezifik im Vergleich zu entsprechenden Vorstellungen erwachsener Bewohner der Region auf. (© dpa, Report)


Zusammenfassung

Ziel der vorgestellten Studie ist die Analyse des inneren und äußeren soziokulturellen Kontexts der sozialen Konkurrenzfähigkeit junger Erwachsener einer großen Region in Sibirien, der Region Krasnojarsk. Der äußere Kontext der sozialen Konkurrenzfähigkeit ist die soziokulturelle Umgebung, der innere besteht aus einer Reihe von Werteorientierungen und sozialen Vorstellungen. Soziale Konkurrenzfähigkeit wird als Fähigkeit eines sozialen Akteurs betrachtet, seine Ziele in der Gesellschaft im Wettbewerb mit anderen Akteuren zu erreichen. Es wurde festgestellt, dass diejenigen jungen Menschen am konkurrenzfähigsten sind, die ihre soziokulturelle Makroumgebung (die Gesellschaft in Russland) entweder als vorindustriell oder feudal betrachten, oder aber als kapitalistische oder Industriegesellschaft. Über eine besonders hohe Konkurrenzfähigkeit verfügen diejenigen jungen Erwachsenen, die sich bei ihrer beruflichen Tätigkeit an marktwirtschaftlichen Werten orientieren, was deren erfolgreiche Anpassung an die im Land bestehenden sozio-ökonomischen Bedingungen belegt. Der soziokulturelle Kontext der Konkurrenzfähigkeit junger Menschen entspricht im höchsten Maße dem derzeitigen Zustand der Gesellschaft in Russland. Viele erwachsene Menschen in Russland hingegen leben weiterhin in dem soziokulturellen Kontext einer vergangenen Epoche.

Einleitung

Jede moderne Gesellschaft beruht in gewissem Maße auf der Konkurrenz zwischen sozialen Subjekten. Materielle Güter, Status, Rollen(-bilder), Macht, Ansehen und vieles andere, aus dem das Wesen unseres gesellschaftlichen Lebens besteht, sind Objekte sozialer Konkurrenz. Die Konkurrenzfähigkeit verschiedener sozialer Gruppen tritt recht deutlich zu Tage: Je höher der soziale oder ökonomische Status, umso größer die Wettbewerbsmöglichkeiten der Statusträger im Vergleich zu Angehörigen anderer gesellschaftlicher Gruppen. Auch bei sozio-demografischen Gruppen wie Frauen und Männern ist eine mehr oder weniger klare Situation zu beobachten: Die Genderunterschiede vor allem hinsichtlich der beruflichen Konkurrenzfähigkeit sind bekannt. In der internationalen Soziologie befasst sich eine Vielzahl von Studien mit diesen Fragen. Weniger klar stellt sich die Konkurrenzfähigkeit der Jugend dar (hier werden darunter Personen zwischen 18 und 25 Jahren verstanden und im Folgenden als junge Erwachsene bezeichnet), insbesondere im Kontext einer bestimmten Region eines großen, heterogenen Landes wie Russland. Es gibt zwar nicht wenige Fälle, in denen ältere Menschen im Bewerbungsverfahren um einen Arbeitsplatz diskriminiert werden, zumindest in Russland. Das betrifft jedoch eher ihre berufliche Wettbewerbsfähigkeit. Personen, die unterschiedlichen sozialen Schichten und Gruppen entstammen, verfügen Kraft ihrer unterschiedlichen Herkunft nicht über gleiche soziale Konkurrenzfähigkeit. Die soziale Konkurrenzfähigkeit junger Erwachsener wird innerhalb eines spezifischen soziokulturellen Kontexts oder soziokulturellen Umgebung aufgebaut und umgesetzt, auf der Ebene des Landes, einer Region, einer Ortschaft, in der Kommunikation zwischen Gruppen und Individuen in Organisationen, der Familie und dem Freundeskreis. Die soziokulturelle Umgebung einer Region formiert sich durch Interaktion der Menschen, und zwar unter dem Einfluss sozio-ökonomischer, kultureller, durch Natur und Klima bedingter und anderer Faktoren. Sie stellt die Bedingungen dar, aus denen sich die Motivation der Menschen für ihr alltägliches Leben ergibt.

Der gesamte vielfältige soziokulturelle Kontext für die soziale Konkurrenzfähigkeit junger Erwachsener stellt praktisch eine dialektische Einheit aus äußerer soziokultureller Umgebung und inneren Faktoren dar. Zu den letzteren gehören Werteorientierungen und soziale Vorstellungen einer Persönlichkeit. Dieser Beitrag möchte gerade diese Aspekte untersuchen.

Die Studie

Unter sozialer Konkurrenzfähigkeit wird hier die Fähigkeit eines sozialen Akteurs verstanden, seine Ziele in der Gesellschaft angesichts des Wettbewerbs gegenüber anderen Akteuren zu erreichen. Untersucht werden junge Erwachsene einer großen Region in Sibirien, nämlich der Region Krasnojarsk, die im geografischen Zentrum Russlands liegt, in Ostsibirien. Die Region wird als soziokultureller Raum, eine Makrozelle der horizontalen Differenzierung in der Gesellschaft betrachtet. Diese Gemeinschaft bildet die nähere soziokulturelle Umgebung für das Leben der Bevölkerung dieser Region als Persönlichkeiten und motiviert ihr Handeln. Hier werden die Interaktionen zwischen den Individuen auf komplexe Weise und vielfach unmittelbar (und mittelbar mit der Gesellschaft) realisiert. Die Erforschung des soziokulturellen Kontexts der Konkurrenzfähigkeit junger Erwachsener in der Region legt einen Vergleich mit einer anderen soziodemografischen Gruppe nahe, nämlich mit erwerbsfähigen Erwachsenen, deren Konkurrenzfähigkeit und deren soziokulturellem Kontext. In dieser Studie wird letzterer als gesamte soziokulturelle Umgebung in Verbindung mit den subjektiven sozialen Vorstellungen und Orientierungen der Befragten betrachtet, die die Herausbildung und Realisierung der sozialen Konkurrenzfähigkeit des Einzelnen bedingen und beeinflussen. Durch die Komplexität und die vielzähligen Komponenten der soziokulturellen Umgebung lässt sie sich längst nicht in ihrer gesamten Vielfalt analysieren. Daher haben wir die soziokulturelle Umgebung mit Hilfe der Vorstellungen der Befragten über die verschiedenen im Massenbewusstsein bestehenden Elemente erforscht.

Unsere Hypothese lautet, dass sich der soziokulturelle Kontext der sozialen Konkurrenzfähigkeit bei jungen und erwachsenen Menschen einer Region unterscheidet. Zudem haben wir vier spezielle Hypothesen aufgestellt, wonach diejenigen jungen Menschen über eine hohe Konkurrenzfähigkeit verfügen, die: In unserer Studie gehen wir davon aus, dass die soziale Konkurrenzfähigkeit eines Akteurs eine der Funktionen seines Humankapitals ist. Dabei finden die Ergebnisse der Realisierung dieser Konkurrenzfähigkeit durch eine Reihe von Merkmalen subjektiven sozialen Wohlergehens ihren Ausdruck. Daraus folgt, dass je entwickelter das Humankapital eines Einzelnen oder einer sozialen Gruppe ist, und je höher die subjektiven Merkmale sind, die die Realisierung ihrer Wettbewerbsvorteile in der Gesellschaft wiederspiegeln, umso größer die soziale Konkurrenzfähigkeit. Auf Basis empirischer Indikatoren haben wir einen eigenen, zusammenfassenden "Index für soziale Konkurrenzfähigkeit" (ISK) erstellt. Er ist aus Werten aufgebaut, die sowohl die objektive soziale Lage des Befragten beschreiben, wie auch dessen subjektives Wohlergehen. Zur ersteren gehört das Bildungsniveau des Befragten, die materielle Lage, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht und das Niveau der administrativen Befugnisse (Anzahl unterstellter Mitarbeiter). Zum sozialen Wohlergehen gehört die Zufriedenheit insgesamt mit dem eigenen Leben, der Grad des Vertrauens in die Zukunft sowie die Einschätzung, ob sich das Leben des Befragten und seiner Familie im Vergleich zum Vorjahr positiv oder negativ verändert hat. Für jede gewählte Antwortvariante wurde ein Punkt vergeben. Die Gesamtpunktzahl eines Befragten wird durch die Anzahl der Variablen (7) geteilt. Es ergibt sich eine Verteilung der individuellen Indexwerte zwischen 0 und 1. Der ISK drückt das Niveau der sozialen Konkurrenzfähigkeit des Einzelnen aus, wobei ein hoher Wert hohe Konkurrenzfähigkeit bedeutet.

Die Interviews, deren Daten als empirische Grundlage der Studie dienen, sind von Soziologen der Sibirischen Föderalen Universität Krasnojarsk im Februar 2016 in 28 Ortschaften der Region Krasnojarsk durchgeführt worden. Im Zuge unserer Studie wurden zur Überprüfung der allgemeinen Hypothese zwei Unterstichproben mit der Hälfte der Befragten gebildet. Die eine umfasste eine junge Kohorte (Altersgruppe: 18 – 25 Jahre), die andere bestand aus erwachsenen Bewohnern der Region im erwerbsfähigen Alter (25 – 55 Jahre für Frauen, 26 – 60 für Männer).

Der Einfluss des Gesellschaftstyps

Die Frage, welchem Gesellschaftstyp die derzeit in unserem Land bestehende Gesellschaft zuzuordnen ist, wird in den Sozialwissenschaften heftig diskutiert. Die sozialen Akteure handeln allerdings aufgrund eigener Vorstellungen und der eigenen Lebenserfahrung, und nicht auf der Basis wissenschaftlicher Debatten. Im Laufe der Studie wurde eine Korrelation zwischen dem Index der Konkurrenzfähigkeit der Befragten und ihren Antworten auf die Frage "Die Züge und Merkmale welcher der traditionell unterschiedenen Gesellschaftstypen überwiegen ihrer Ansicht nach in der Region Krasnojarsk?" festgestellt. Die Befragten sollten einschätzen, ob folgende Gesellschaftstypen überwiegen: Informations-, postkapitalistische, Industrie-, kapitalistische, vorindustrielle, feudale oder Sklavenhaltergesellschaft, und zwar auf einer vierstufigen Skala. Dabei wurden drei Ebenen der soziokulturellen Umgebung der Befragten herausgearbeitet: Russland als Ganzes, die Region, in der man lebt (Region Krasnojarsk) und die Organisation / das Unternehmen, in der / in dem man arbeitet.

Die Korrelationsanalyse ergab, dass der ISK bei jenen jungen Menschen höher ist, die die soziokulturelle Umgebung in Russland als Manifestierung eines früheren Entwicklungsstadiums bewerten (vorindustrielle, feudale Gesellschaft); der mittlere ISK-Wert derjenigen, die diese Varianten gewählt hatten, lag bei 0,60. Gleichzeitig lag der ISK bei jenen, die meinten, "In Russland überwiegt in vollem Maße die postkapitalistische, Informationsgesellschaft" bei 0,47, und bei der Antwort "kapitalistische, Industriegesellschaft" bei 0,49. Ebenso wurde ein Zusammenhang zwischen diesen Variablen, den Vorstellungen vom Überwiegen einer vorindustriellen Gesellschaft im Land und dem Niveau der persönlichen Konkurrenzfähigkeit eines Befragten sowie den Vorstellungen der russischen Gesellschaft als industriell und kapitalistisch und dem ISK festgestellt. Möglicherweise erschienen den Befragten – oder deren Eltern, da den Forschungsdaten zufolge ein nicht geringer Teil der stark konkurrenzfähigen jungen Menschen Familien mit hohem sozio-ökonomischem Status entstammen – jene Mittel des Konkurrenzkampfes effizient, die für diese Gesellschaftssysteme charakteristisch sind. Man kann annehmen, dass hier auch der Einfluss sozialer Stereotype wirksam ist, die in dieser Befragtengruppe verbreitet sind.

In die soziokulturelle Umwelt der Region Krasnojarsk sind die jungen Menschen dort schon stärker eingebunden; die Interaktion ist dementsprechend direkter. Es lassen sich im Massenbewusstsein junger Erwachsener zwei Vorstellungen ausmachen, die in Verbindung mit der Konkurrenzfähigkeit dieser Befragten stehen: 1) die Ansicht, dass in der Region Krasnojarsk Merkmale einer kapitalistischen oder Industriegesellschaft überwiegen, und 2) die Vorstellung, dass die Befragten in dieser Region bereits unter Bedingungen einer postkapitalistischen oder Informationsgesellschaft leben. Für jeden dieser Gesellschaftstypen können spezifische Karrierestrategien kennzeichnend sein, zur Realisierung der Wettbewerbsambitionen der jungen Menschen. Die Gesellschaft in Russland heute ist (wie jede andere) höchst komplex und ambivalent und enthält Elemente, Leerräume und Fluktuationen, die sich auf verschiedene gesellschaftliche oder wirtschaftliche Formationen beziehen können. Dementsprechend sind diejenigen Subjekte am konkurrenzfähigsten, die Wettbewerbsstrategien einsetzen, die maximal der Spezifik jener gesellschaftlichen Beziehungen entsprechen, in die sie eingebunden sind.

Vorstellungen hingegen, dass in dem Unternehmen, in dem die Befragten arbeiten, Merkmale einer Sklavenhaltergesellschaft überwiegen, ergeben einen negativen ISK. Die Beschäftigung in einer Organisation, in der die Arbeitsbedingungen und die Unternehmenskultur bei jungen Mitarbeitern Assoziationen mit Sklavenarbeit erzeugen, macht sie in geringem Maße konkurrenzfähig in einer modernen Gesellschaft. Gleichzeitig sollte berücksichtigt werden, dass in solchen Unternehmen oft Geringqualifizierte eingestellt werden.

Der Einfluss des Partnerschaftsstatus

Es wurde festgestellt, dass der ISK bei jenen jungen Männern und Frauen am höchsten ist, die in einer nicht registrierten Partnerschaft leben (0, 4564); bei unverheirateten jungen Befragten liegt er etwas niedriger und beträgt 0,4386. Man kann davon ausgehen, dass eine freie Beziehung, die nicht mit formalen Verpflichtungen verbunden ist, junge Menschen durch die weitgefächerten Möglichkeiten zur Entwicklung ihres Humankapitals und der Wahl von Wettbewerbsstrategien in höherem Maße in der Gesellschaft konkurrenzfähig macht.

Jene jungen Befragten, die in Scheidung oder in einer registrierten Ehe leben, fallen hinsichtlich dieses Wertes erheblich ab (0,3810 bzw. 0,3929). Es liegt auf der Hand, dass eine Scheidung oft destruktiv wirkt: Der Lebensstandard sinkt (vor allem bei Frauen, die mit Kindern zurückbleiben), es kommt zu psychischen Depressionen usw. Eine Situation, in der junge Menschen in einer registrierten Ehe leben, die den Ehepartnern die bekannten Verpflichtungen auferlegt (Geburt und Erziehung von Kindern, materielle Versorgung der Familie, Bewältigung von Alltags- und Wohnungsfragen etc.), engt in gewissem Maße das Spektrum für die Wahl einer Wettbewerbsstrategie ein, wie auch die Möglichkeiten, sein Humankapital zu entwickeln. Hier ist die Annahme logisch, dass in dem Maße, wie diese Probleme bewältigt und die Kinder erwachsen werden, die soziale Konkurrenzfähigkeit dieser Akteure zunehmen könnte.

Die Vorstellungen junger Menschen über die moralische und wertebezogene Umgebung (ein wichtiges Element der soziokulturellen Umgebung) weist eine Spezifik im Vergleich zu entsprechenden Vorstellungen erwachsener Bewohner der Region auf (siehe Tabelle 1 auf S. 6).

Unterschiedliche Werteorientierung

Insgesamt kann in der moralischen und wertebezogenen Umgebung junger Erwachsener aufgrund der Antworten von einem beträchtlichen Überwiegen von sozial verantwortungslosen Menschen gesprochen werden, die konformistische, konsumorientierte und hedonistische, wie auch auf soziale Fremdsicherung und soziale Ausbeutung gerichtete Einstellungen haben, und denen moralische Ziele und ein Sinn im Leben fehlen.

Der ISK junger Menschen übersteigt den ISK älterer Respondenten dann am stärksten, wenn sie meinen, dass es in ihrer Umgebung Leute gibt, die: Dabei können junge Menschen mit einer hohen sozialen Konkurrenzfähigkeit widersprüchliche Elemente der moralischen und wertebezogenen Umgebung aufweisen. Einerseits wäre da das Streben nach der eigenen geistigen und moralischen Vervollkommnung sowie nach neuen Erkenntnissen und Schaffen. Andererseits gibt es konsumorientierte und hedonistische Werte. Man kann davon ausgehen, dass zwei entgegengesetzte Wertetypen der soziokulturellen Umgebung der jungen Menschen in der Region bestehen, die als Faktoren für eine erhöhte Konkurrenzfähigkeit gelten können.

Die ISKs von Angehörigen der älteren Bevölkerungskohorte in der Region Krasnojarsk liegen nur in einem Fall etwas über den entsprechenden Werte bei jungen Männern und Frauen, wenn sie nämlich meinen, es gebe in ihrer Umgebung Menschen, die nach Macht, Ansehen und erhöhtem sozialen Status streben (0,4255 bei Jungen, 0,4594 bei Erwachsenen). Offensichtlich gelten diese Menschen für eine Reihe erwachsener Befragter als wichtiges Vorbild (und in vielen Fällen als eine Art Instrument) im sozialen Wettbewerb.

Der Kontext der Arbeitswelt

Einer der signifikanten Faktoren für soziale Konkurrenzfähigkeit junger Menschen ist die Werteorientierung im Bereich der beruflichen Tätigkeit. Den Befragten wurde die Frage gestellt: "Welche Arbeit würden Sie heute bevorzugen, wenn Sie wählen könnten?" (Siehe Tabelle 2 auf S. 6). Den höchsten ISK weisen junge Respondenten auf, die ihre eigene Firma haben und sie auf eigene Faust und eigenes Risiko führen wollen. Etwas dahinter rangieren bei diesen Indexwerten junge Männer und Frauen, die nicht nach hohem Einkommen streben, sondern nach einfacher Arbeit und nach Freizeit. Hier ist die Annahme logisch, dass die soziale Konkurrenzfähigkeit und die Möglichkeit, sich nicht abzumühen, bei ihnen schon durch die Eltern gewährleistet wurde. Eine Analyse der Verknüpfung mit entsprechenden Merkmalen ergab, dass in dieser Gruppe Abkömmlinge hochgestellter Gesellschaftsschichten überwiegen.

Fazit

Die Ergebnisse zeigen, dass sich der soziokulturelle Kontext der sozialen Konkurrenzfähigkeit in den von uns gemessenen Parametern bei jungen Erwachsenen und Erwachsenen in der Region unterscheidet. Es erscheint logisch, dass der soziokulturelle Kontext der sozialen Konkurrenzfähigkeit der jungen Menschen für die modernen gesellschaftlichen Realitäten passend ist, während er bei Erwachsenen die Situation von vor zwei, drei Jahrzehnten widerspiegelt. Bildhaft gesprochen konkurrieren Junge und Erwachsene in zeitlich unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten. Hervorzuheben ist: Stark konkurrenzfähig können junge Bewohner der Region sein, die in einem moralischen und wertebezogenen Kontext des schöpferischen Wirkens und der geistigen und moralischen Entwicklung leben. Das gilt auch für jene Menschen, die sich an Konsum und hedonistischen Werten orientieren. Das könnte von einer Dualität sozialer Normen und Werte sowie den Verhaltensnormen zeugen, die (in diesem Fall) in einer regionalen Gesellschaft bestehen und den Lebenserfolg eines Menschen gewährleisten. Zweifellos bedarf das überaus reiche Phänomen des sozialen Kontexts der sozialen Konkurrenzfähigkeit junger Menschen einer weiteren Erforschung, unter anderem mit Hilfe des umfassenden empirischen Materials und unter Nutzung eines interregionalen Vergleichsansatzes. Berücksichtigt man die Spezifik des soziokulturellen Kontexts, in dem die unterschiedlichen sozialen Akteure handeln, erscheint es aussichtsreich, den Kontext weiter zu erforschen, um auch weniger erforschte Mechanismen herauszuarbeiten, die für sozialen Erfolg bestimmend sind.

Übersetzung aus dem Russischen: Hartmut Schröder

Eine vorangehende Fassung dieses Beitrags ist ursprünglich erschienen als: Nemirovskiy, V.G., Nemirovskaya, A.V.: Social competitiveness of the youth and their perceptions of the socio-cultural environment (based on research in a large Siberian Region), in: Journal of Siberian Federal University. Humanities & Social Sciences, 12.2019, Nr. 2, S. 206–216.

Der Beitrag wurde im Rahmen des staatlichen Auftrags des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation "Formierung der Konkurrenzorientierung und Konkurrenzfähigkeit junger Menschen in der russischen Gesellschaft im Kontext der modernen soziokulturellen Entwicklung" erstellt. Projekt-Code: 28.2941.2017/4.6Gemeinsam herausgegeben werden die Russland-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Valentin Nemirovskiy, Anna Nemirovskaya

Zur Person

Valentin Nemirovskiy

Valentin Nemirovskiy ist Professor für Soziologie an der Universität Tjumen und Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift "Siberian Socium".


Zur Person

Anna Nemirovskaya

Anna Nemirovskaya ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Laboratorium für vergleichende Sozialforschung Sankt Petersburg und Leiterin der Abteilung für Soziologie der Schule für Sozialwissenschaft und Oststudien an der National Research University "Higher School of Economics" Sankt Petersburg.


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