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19.2.2021

Kommentar: Chinesische und russische Medien arbeiten zusammen, um "das Narrativ des Partners gut zu erzählen"

Der russische Außenminister Sergej Lawrow und der chinesische Außenminister Wang Yi bei einem Treffen im Oktober 2020: Damals riefen beide dazu auf, die Medienkooperation ihrer Länder zu stärken. (© picture-alliance/AP)


Am Rande des Treffens der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Moskau im Oktober 2020 riefen die Außenminister Chinas und Russlands dazu auf, die bilaterale Medienkooperation zu stärken (https://english.cctv.com/). Kurz darauf gelobten Medienvertreter:innen beider Länder, "über wichtige internationale Ereignisse umfassend, unparteiisch und objektiv zu berichten und sich entschieden gegen Falschinformationen zu wehren, die darauf abzielen, andere Länder zu stigmatisieren" – insbesondere in Zeiten von Covid-19.

Dies ist nur ein Beispiel für den seit Jahren vorangetriebenen Ausbau der Kooperation beider Länder im Medienbereich. Seit 2015 halten China und Russland ein jährliches Medienforum ab und 2018 vereinbarten die staatlichen beziehungsweise staatsnahen Medien beider Länder, verstärkt Materialien zu veröffentlichen, die die Zustimmung der Regierung des Partnerlandes haben (https://ria.ru/20180911/1528288991.html). Als Teil der sich ausweitenden strategischen Partnerschaft zwischen China und Russland haben Medien beider Länder in den letzten Jahren zahlreiche Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet: Chinesische Medien wie People’s Daily, Xinhua, Global Times und China Media Corporation haben sich mit RT, Russia Channel One, TASS und Sputnik auf russischer Seite zusammengetan.

Medien-Partnerschaften: Das eigene Narrativ im In- und Ausland verbreiten

Ziel dieser Medien-Partnerschaften ist es, die Kräfte zu bündeln und "das Narrativ des anderen gut zu erzählen", wie es die chinesischen Staatsmedien formuliert haben (http://world.people.com.cn/). So soll gemeinsam für die Standpunkte, Werte und Interessen des anderen geworben werden. Ein Ziel dabei ist es, das Image des Partners im eigenen Land zu fördern. Aber der Pakt zielt auch explizit darauf ab, die Wahrnehmung und den öffentlichen Diskurs in der ganzen Welt, und besonders im globalen Süden, zu prägen. Das China Global Television Network (CGTN) erreicht weltweit 85 Millionen Zuschauer:innen, bei RT sind es mehr als 350 Millionen. Internationale Berichterstattung bieten aber weit mehr russische und chinesische Sender als diese zwei an.

China und Russland werden mächtiger. Nun gilt es, ihrer Stimme international mehr Gehör zu verleihen, um die Dominanz des westlichen Narrativs über globale Werte und Regierungsführung herauszufordern, wie in Analysen und gemeinsamen Veranstaltungen immer wieder betont wird.

Die chinesisch-russische Medienzusammenarbeit nimmt viele Formen an (http://media.people.com.cn/n1/2019/0103/c423884-30501781.html). Lokale Reporter:innen sollen beispielsweise Artikel für das Partnerland verfassen. Zudem haben sich die Medien zum Ziel gesetzt, Ressourcen zu bündeln, indem sie Inhalte austauschen, gemeinsam Beträge verfassen sowie Apps und Plattformen entwickeln. Gemeinsame Fortbildungen und der Austausch von Schlüsselpersonal sollen außerdem dazu dienen, die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse und deren Einschätzung in traditionellen und neuen Medien in beiden Ländern anzugleichen.

Die USA werden als Hauptgegner dargestellt, die EU noch als potenzielle Verbündete

Diese Zusammenarbeit scheint Früchte zu tragen. Bei der Lektüre der staatlich gelenkten Medien beider Länder fällt auf, dass die russische Medienberichterstattung über China weitgehend die Perspektive Pekings widerspiegelt – und umgekehrt. Russische Medien haben eine Reihe von Berichten und Dokumentarfilmen veröffentlicht, die die Narrative des chinesischen Einparteienstaats über Hongkong und Xinjiang verbreiteten (https://www.wsj.com/). Bei der Berichterstattung über die jüngste Verfassungsreform in Russland wiederum hielten sich die chinesischen Medien an die offizielle russische Darstellung (http://sputniknews.cn/).

Ziel dieser Berichterstattung ist aber nicht nur, die Politik des anderen Landes in einem guten Licht darzustellen. Die Staatsmedien kooperieren, um gemeinsame Freunde und Feinde zu schaffen. Chinesische und russische Schlagzeilen machen deutlich, wie Medien in beiden Ländern die USA, aber auch den Westen insgesamt, als gemeinsamen Widersacher darstellen. Insbesondere die USA werden oft in herablassender und sarkastischer Sprache als Gegner beschrieben und es wird gegenseitige Unterstützung signalisiert, um diesen zurückzudrängen (https://ria.ru/20201005/kitay-1578106797.html). Nach der US-Wahl und insbesondere dem Sturm auf das Kapitol betonten die Medien beider Staaten die Schwachstellen des politischen Systems und den Niedergang der geopolitischen Dominanz der USA (https://merics.org/, https://www.fpri.org/fie/foreign-state-media-global-leadership). Ein viel geteilter Beitrag auf chinesischen Nachrichtenplattformen beschrieb die jüngsten Proteste in Russland als von den USA angestachelt (https://www.sohu.com/a/446553381_99985585).

Im Vergleich dazu wird die Europäische Union – jedoch abhängig vom Thema – nicht ganz so einseitig dargestellt. Ein Artikel in Chinas Zeitung People’s Daily über einen angeblichen russischen Cyberangriff auf EU-Institutionen verzichtete darauf, klar dazu Stellung zu beziehen (http://paper.people.com.cn/rmrb/html/2020-08/06/nw.D110000renmrb_20200806_6-17.htm). Die russische Berichterstattung verfolgte diesbezüglich eine härtere Linie, griff aber nicht auf den derartig feindseligen Ton zurück, der fast routinemäßig bei Nachrichten mit Bezug auf die USA zu hören ist. Im Gegensatz zu dieser eher zurückhaltenden Berichterstattung löste der Besuch eines tschechischen Beamten in Taiwan eine scharfe Verurteilung durch die chinesischen Medien aus, welcher die russischen Medien folgten. Der chinesische Staatssender CCTV und weitere Medien übernahmen Anfang Februar die Berichterstattung und die Aussage von RT (CCTV: https://tv.cctv.com/; RT: https://www.youtube.com/), dass Nawalnyj und seine Mitarbeitenden vom britischen Auslandsgeheimdienst unterstützt werden, um Putin zu stürzen.

Kooperationen wie diese sind nicht nur ein Teil der chinesisch-russischen Beziehungen. Von Brasilien über Italien bis hin zu Sambia ist China sehr daran interessiert, die Koordination der Berichterstattung zu stärken (https://agenciabrasil.ebc.com.br/, http://chinaplus.cri.cn/, https://www.dw.com/en/).

Die Auswirkungen auf die nationale und globale Wahrnehmung sollten nicht unterschätzt werden

Medienkommentator:innen und Wissenschaftler:innen haben argumentiert, dass derartige offizielle Vorstöße staatlicher Imagepflege nur begrenzte Auswirkungen darauf haben, wie Russland und China insbesondere in der breiten Bevölkerung des jeweils anderen Landes wahrgenommen werden (https://meduza.io/, https://meduza.io/en/). Doch zu bedenken ist, dass alternative Sichtweisen in russischen und viel mehr noch in chinesischen Medien rar sind. In beiden Ländern spielen die offiziellen Nachrichtensender eine Schlüsselrolle darin, wie globale Ereignisse dargestellt werden und wie die wichtigsten internationalen Akteure eingeordnet werden. Immerhin nehmen russische Bürger:innen China immer noch positiver wahr als jedes andere Land in Europa. 60 Prozent der Russ:innen haben eine positive oder sehr positive Sicht auf China (https://sinofon.cz/).

Unsere Medienanalyse macht zudem deutlich, dass die Zusammenarbeit nicht nur darauf abzielt, ein positives Narrativ über das jeweilige Partnerland zu verbreiten. Viel mehr Wert wird daraufgelegt, eine gemeinsame Drohkulisse aufzubauen. Einfach ausgedrückt: Um öffentliche Unterstützung für die chinesisch-russischen strategischen Beziehungen und die Weltpolitik der beiden Staaten zu gewinnen, müssen die Bürger:innen Chinas und Russlands nicht unbedingt eine uneingeschränkt positive Sicht auf das jeweils andere Land haben. Viel wichtiger ist, wenn sie in der Einschätzung geeint sind, wer die gemeinsamen Feinde sind.

Dieselbe Dynamik des Aufbaus gemeinsamer Feindbilder spiegelt sich in der internationalen Medienlandschaft wider, wo China und Russland ihre Präsenz und Reichweite ausbauen. Das Narrativ mit positivem Vorzeichen über die Politik beider Staaten wird begleitet von Kritik an einer ungerechten westlichen und US-zentrierten internationalen Ordnung, deren Zeit abgelaufen ist.

Die verhältnismäßig freundliche Berichterstattung über die EU ist wahrscheinlich auf deren eher zurückhaltende Außenpolitik und die Tatsache zurückzuführen, dass sie einer der größten Handelspartner sowohl Chinas als auch Russlands ist (https://eeas.europa.eu/sites/eeas/files/eu-china_factsheet_06_2020_0.pdf, http://www.worldstopexports.com/). Deswegen ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich die Medien beider Länder gegen die EU wenden könnten, wenn die EU ihre Haltung gegenüber China und Russland überdenkt und bei einer Reihe von Themen – vom internationalen Handel bis zu den Menschenrechten – eine konfrontativere Linie einschlägt. Die EU muss sich dieser Dynamik und der internationalen Verbreitung von Narrativen bewusst sein und Bereitschaft zeigen, der Welt ihre eigene Position und Argumente nahezubringen.

Der Text ist am 22. Dezember 2020 unter dem Titel "Chinese and Russian media partner to "tell each other’s stories well"" erschienen und ist im englischen Original abrufbar unter: https://merics.org/de/ .
Die Redaktion der Russland-Analysen bedankt sich bei MERICS für die Erlaubnis, den Text in deutscher Übersetzung übernehmen zu dürfen.
Gemeinsam herausgegeben werden die Russland-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Mayya Solonina, Katja Drinhausen

Mayya Solonina

Mayya Solonina war von Juli bis Oktober 2020 Praktikantin im Programm Politik und Gesellschaft bei MERICS. Bevor sie zu MERICS kam war sie als Werkstudentin am German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in dessen Berliner Büro tätig. Sie hat einen Masterabschluss in Chinastudien von der Universität Würzburg und einen Bachelor von der National Taiwan Normal University.


Katja Drinhausen

Katja Drinhausen ist Senior Analyst am Mercator Institute for China Studies (MERICS). In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Entwicklung von Chinas Rechtssystem, Regierungsführung und politischer Kommunikation. Sie koordiniert zudem die Forschung des Bereichs Innenpolitik und Gesellschaft am MERICS. Katja Drinhausen studierte Sinologie, internationales und chinesisches Recht und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektmanagerin im Pekinger Büro der Hanns-Seidel-Stiftung.


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