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27.3.2021

Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität

Die Corona-Todeszahlen waren in den Regionen Russlands unterschiedlich hoch. Daten zeigen, dass in Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte und vielen Rentner:innen die meisten Todesfälle vorkamen.

Auf die unterschiedliche Übersterblichkeit hatten weder die Rigorosität der staatlichen Maßnahmen noch der Anteil der Landbevölkerung, die Ärztedichte oder die Lebenserwartung wesentlichen Einfluss. (© picture-alliance/dpa)


Zusammenfassung

Die durch die Corona-Pandemie verursachte Mortalität lag in Russlands Föderationssubjekten im Jahr 2020 zwischen 75 und 333 Todesfälle pro 100.000 Einwohner. Dafür können Faktoren wie eine unterschiedliche Strenge der behördlichen Maßnahmen gegen die Pandemie, das Verhalten der Bevölkerung, demographische Merkmale oder der Umfang der medizinischen Versorgung verantwortlich gewesen sein. Daten der Regionalstatistik lassen den Schluss zu, dass die mit Corona in Verbindung stehende Mortalität in jenen Föderationssubjekten besonders hoch war, die eine hohe Bevölkerungsdichte und einen hohen Anteil von Menschen im Rentenalter aufwiesen.

Messung der Corona-Todesfälle durch die Übersterblichkeit

In Russland werden nur die Corona-Todesfälle als pandemiebedingt registriert, bei denen die Virusinfektion nach ärztlichem Befund direkt zum Tod führte. Dagegen werden in Deutschland und in anderen Ländern "an und mit" Corona verstorbene Menschen als Corona-Todesfälle gewertet. Im Verlauf des Jahrs 2020 ist in Russland eine ungewöhnlich hohe Zahl von Menschen verstorben, wofür es keine andere Erklärung als die Auswirkungen der Corona-Pandemie geben kann. Unter Experten herrscht Konsens darüber, dass die Differenz der Zahl der 2020 Verstorbenen zu der Zahl der 2019 verstorbenen Personen (die Übersterblichkeit), gegebenenfalls korrigiert durch die Auswirkungen von klimatischen Besonderheiten wie Hitzewellen, als durch die Corona-Pandemie verursacht angesehen werden muss (https://www.welt.de/; https://www.dekoder.org/de/article/covid-19-uebersterblichkeit-statistik). Die Übersterblichkeit erfasst auch Covid-19-Todesfälle, die nicht korrekt diagnostiziert und gemeldet wurden und außerdem solche, die auf die mit der Pandemie zusammenhängenden Auswirkungen auf das Gesundheitssystem zurückzuführen sind (https://ourworldindata.org/excess-mortality-covid). In Deutschland stimmt die amtlich gemeldete Zahl der Corona-Toten mit der statistisch ermittelten Übersterblichkeit weitgehend überein (https://de.statista.com/infografik/21523/anzahl-der-sterbefaelle-in-deutschland/). Die 2020 in Russland aufgetretene Übersterblichkeit betrug 333.000 Personen und war damit dagegen fast sechsmal so hoch wie die amtliche Darstellung (57.000) suggeriert (http://government.ru/news/41486/). Die auf die Bevölkerungszahl bezogene Mortalität betrug in Russland rund 220 Personen pro 100.000 Einwohner, in Deutschland dagegen nur rund 50 Personen (siehe Tabelle 1 auf S. 24). Dabei waren die vom Staat angeordneten Maßnahmen in beiden Ländern zwar im ersten Halbjahr unterschiedlich ausgeprägt, im Jahresverlauf jedoch gleichermaßen restriktiv, wie der Index der staatlichen Reaktionen (Government response index) der Blavatnik School of Government der Universität Oxford zeigt (https://www.bsg.ox.ac.uk/research/research-projects/covid-19-government-response-tracker).

Russlands Föderationssubjekte

Die Russische Föderation wird aus folgenden territorialen Einheiten gebildet: 46 Gebiete, 22 Republiken (einschließlich der international nicht anerkannten Republik Krim), 9 Regionen, 4 Autonome Kreise innerhalb von Gebieten, das Jüdische Autonome Gebiet sowie die drei Städte "mit föderalem Rang" Moskau, St. Petersburg und das ebenfalls nicht international als zu Russland gehörend betrachtete Sewastopol, zusammen somit in 85 Föderationssubjekte (https://www.bpb.de/internationales/europa/russland/47962/foederalismus). Sie sind zudem in 8 Föderalbezirke gegliedert.

Übersterblichkeit in Russlands Föderationssubjekten

Die Übersterblichkeit (damit die auf Corona zurückgehende Mortalität) differierte in Russlands Föderationssubjekten im Jahr 2020 zwischen 75 und 333 Todesfällen pro 100.000 Einwohner. Ein Grund dafür könnte das regional unterschiedliche Ausmaß der 2020 zur Eindämmung der Pandemie ergriffenen staatlichen Maßnahmen gewesen sein, welches eine Arbeitsgruppe des Zentrums für Geodemographie und Raumentwicklung des Fachbereichs Bevölkerung der Wirtschaftsfakultät der Lomonossow-Universität Moskau untersucht hat. (https://populationandeconomics.pensoft.net/article/54487/zoom/fig/120/). Diese Daten erfassen zwar nur die im ersten Halbjahr 2020 dekretierten Maßnahmen, da jedoch die Maßnahmendichte im zweiten Halbjahr erheblich geringer und damit nicht entscheidend war, wie der oben erwähnte Index der staatlichen Reaktionen zeigt, können sie als Indikatoren für die regional unterschiedlichen Rigorosität der staatlichen Maßnahmen im Jahr 2020 verwendet werden.

Aus der von der Statistikbehörde Rosstat publizierten Regionalstatistik (https://gks.ru/bgd/regl/b20_14p/Main.htm) werden folgende Parameter des Einflusses auf die regionale Mortalität ausgewählt: Als Indikator der Distanzwahrung wird die Bevölkerungsdichte (Einwohner pro km²) herangezogen. Mobilfunkdaten, die genaueren Aufschluss über die Bewegungsprofile geben, liegen leider nur für 16 der 85 Föderationssubjekte vor (https://www.gstatic.com/covid19/mobility/2021-03-09_RU_Mobility_Report_en.pdf). Da im ländlichen Bereich möglicherweise traditionelle Verhaltensweisen eine Rolle spielen, die die Ausbreitung des Virus fördern können, ist der prozentuale Anteil der Landbevölkerung an der Gesamtbevölkerung von Interesse. Weil von der Pandemie Personen in höherem Alter besonders stark betroffen sind, wird der Anteil der Menschen im Rentenalter (Männer ab 61, Frauen ab 56 Jahren) an der Gesamtbevölkerung berücksichtigt. Als Indikator für die medizinische Versorgung der Corona-Patienten dient die Ärztedichte (die Zahl der Ärzte pro 100.000 Einwohner) und als Indikator für den allgemeinen Gesundheitszustand die Lebenserwartung bei Geburt (Jahre).

Wegen der besonderen Bedingungen der drei Städte Moskau, St. Petersburg und Sewastopol mit ihrer hohen Einwohnerdichte werden sie bei der statistischen Auswertung ausgeklammert. In Tabelle 2 auf S. 24–26 sind die verbliebenen 82 Föderationssubjekte in der Reihenfolge der Übersterblichkeit angeordnet. Ein Vergleich der Übersterblichkeit in den 41 Föderationssubjekten mit der jeweils höchsten und niedrigsten Übersterblichkeit soll Aufschluss über die Gründe für die unterschiedlich hohen Mortalitätsraten geben.

Ergebnisse

Sowohl die Bevölkerungsdichte als auch der Anteil der Senioren an der Bevölkerung sind in der Gruppe mit der höheren Übersterblichkeit höher als in der Gruppe mit der niedrigeren Übersterblichkeit. Alle anderen potentiellen Einflussfaktoren sind in den beiden Vergleichsgruppen im Durchschnitt ungefähr gleich stark ausgeprägt: Auf die unterschiedliche Übersterblichkeit hatten weder die Rigorosität der staatlichen Maßnahmen, noch der Anteil der Landbevölkerung, die Ärztedichte oder die Lebenserwartung wesentlichen Einfluss.

Eine multiple Regressionsanalyse, die sämtliche Föderationssubjekte außer den drei Städten erfasst, bestätigt diese Befunde: Mit hoher Wahrscheinlichkeit erhöhte eine hohe Bevölkerungsdichte, mit der offenbar ein hohes Ausmaß der interpersonellen Kontakte einherging, das Ausmaß der Infektionen mit Covid-19 und damit der Todesfälle, was auch in Deutschland beobachtet wurde (https://www.wirtschaftsdienst.eu/). Einen etwas weniger starken Effekt hatte ein hoher Seniorenanteil. Diese Ergebnisse geben allerdings keinen Hinweis auf den großen Unterschied der landesweiten Übersterblichkeit in Russland und Deutschland (siehe Tabelle 1 auf S. 24). Möglicherweise spielte hierbei der allgemeine Gesundheitszustand eine Rolle, auf den die durchschnittliche Lebenserwartung (in Russland: 73 Jahre, in Deutschland: 81 Jahre) verweist.

Das südrussische Gebiet Samara, das die Liste der Corona-Mortalität anführt, gehörte 2020 zusammen mit den Gebieten Pensa, Orenburg, Uljanowsk, Nischni Nowgorod und Saratow sowie den Republiken Mordwinien, Tatarstan, Tschuwaschien, Mari El und Baschkortostan zu den Regionen mit hohen Mortalitätsraten, die alle im südrussischen Föderalbezirk Wolga liegen. Dort sind Großbetriebe des Fahrzeugbaus, der petrochemischen Industrie und der Rüstungsindustrie Russlands konzentriert. Dieser Umstand lässt vermuten, dass die nicht auf Distanzwahrung ausgelegten Arbeitsbedingungen in diesen und anderen Industriebetrieben Russlands die Ausbreitung der Pandemie begünstigt haben.

Lesetipps

Gemeinsam herausgegeben werden die Russland-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Roland Götz

Roland Götz

Dr. Roland Götz hat sich am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln und in der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin mit der Sowjetwirtschaft und den Volkswirtschaften der GUS beschäftigt.


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