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23.6.2021

Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj?

Die Protestbewegung ist gespalten. Die Hälfte versteht sich als führerlosen Protest, sieht aber in der Person Nawalnyj eine treibende Kraft. Die andere Hälfte sieht das Team um Nawalnyj als Anführer.

Nawalnyj und sein Team ist momentan die wichtigste oppositionelle politische Kraft, die zur Massenmobilisierung fähig ist. (© picture-alliance/dpa, TASS)


Während der Protestbewegung "Für faire Wahlen" von 2011 bis 2013 neigten die meisten Demonstrierenden dazu, die Kundgebungen und den Protest im Allgemeinen als einen führerlosen Protest wahrzunehmen. Der Protest schien spontan und völlig selbstorganisiert zu sein. Gleichzeitig bot die Protestbewegung "Für faire Wahlen" vielen föderalen und kommunalen Politiker:innen und Aktivist:innen eine Bühne (im übertragenen wie auch im wörtlichen Sinne, denn fast jede Kundgebung hatte eine Bühne mit Hauptredner:innen). Was hat sich seither geändert? Die Zahl der Politiker:innen, die direkt mit dem Protest in Verbindung stehen, hat stetig abgenommen. Die meisten der Demonstrierenden sind deswegen zu der Überzeugung gelangt, dass der Protest nun lediglich einen Anführer hat: Alexej Nawalnyj mit seinem Team.

Einerseits betrachtete mindestens die Hälfte unserer Informant:innen bei den Kundgebungen am 21. April 2021 den Protest weiterhin als führerlosen Protest. Gleichzeitig bezeichneten sie jedoch immer noch die Person Nawalnyj als den "Anlass" für die Protestmobilisierung oder ihren "Auslöser", "treibende Kraft", "Motor" oder sogar als den "zentralen Gegenspieler" von Putin. Andererseits betrachtete etwas weniger als die Hälfte der Informant:innen Nawalnyj persönlich, "Nawalnyj und die Stiftung für Korruptionsbekämpfung (FBK)" oder "Nawalnyj und sein Team" als die unbestrittenen Anführer der Proteste. Interessanterweise wurde die bloße Existenz eines Anführers in diesem Fall von den Demonstrierenden positiv bewertet. Diese Haltung steht im Gegensatz zu der misstrauischen Haltung gegenüber jeglichen Anführer:innen, die für die russischen Proteste vor acht bis zehn Jahren typisch war. Wie einer unserer Informant:innen es ausdrückte: "Außer Alexej Nawalnyj ist kein Anführer am Horizont in Sicht. Gott bewahre, wenn er verschwinden sollte, erwarte ich, dass wir uns plötzlich in unserer primitiven Gesellschaft wiederfinden, in der wir seit Jahren leben, in der sich nichts ändert und wir buchstäblich in Sümpfen und Mooren usw. versinken" (männlich, geb. 1978 in Moskau).

In diesem Sinne müssen wir uns klar machen, ob es uns nun gefällt oder nicht, dass Nawalnyj und sein Team im Moment die wichtigste politische Kraft sind, die zur Massenmobilisierung derer fähig ist, die mit der derzeitigen Situation in Russland unzufrieden sind. Auch wenn nur ein Teil der Demonstrierenden Nawalnyj als Anführer betrachtet, während andere ihn als "Anlass" und "treibende Kraft" ansehen, ist er es, der zum "Nutznießer" der Unzufriedenheit wird. Während der Proteste der Jahre 2011 bis 2013 gab es so viele politische Leitfiguren mit unterschiedlichen Ansichten und Programmen, dass beschlossen wurde, ein koordinierendes, repräsentatives Gremium zu schaffen, das von den Demonstrierenden gewählt wurde. Unsere Forschung zeigte damals, dass die Demonstrierenden es vorzogen, ihre Stimmen unabhängig von ihren eigenen politischen Präferenzen abstrakt gesprochen für eine/n linke/n, eine/n rechte/n und eine/n liberale/n Kandidat/-in abzugeben, um die Einheit der Bewegung nicht zu zerstören. Nach jüngsten Umfragen des Lewada-Zentrums wächst die soziale Basis derer, die unzufrieden sind, auch wenn nicht alle gleich auf die Straße gehen, um zu protestieren. Die Unzufriedenen haben jedoch nur einen Anführer. Es ist nicht mehr notwendig, Linke, Rechte und Liberale zu wählen, denn Nawalnyj selbst kombiniert meisterhaft linke, rechte und liberale Rhetorik, während er sich selbst als ideologisch neutral präsentiert. Diese Strategie, die sich in den letzten Jahren als so erfolgreich erwiesen hat, scheint aber allmählich an ihre Grenzen zu gelangen.

Zusätzlich zu den Fragen, wen die Demonstrierenden als Anführer des Protests sehen, haben wir sie auch direkt nach ihrer Einstellung zu Nawalnyj gefragt und sie gebeten, diese Einstellung zu beschreiben oder zu erklären. Im Großen und Ganzen bestätigten die Antworten unserer Informant:innen unsere Schlussfolgerungen.

Die große Mehrheit der Informant:innen äußerte direkte Sympathie und Unterstützung für Alexej Nawalnyj. Einige erklärten, dass sie mit ihm als Politiker und zukünftigem Präsidenten sympathisieren, während andere sagten, dass sie ihn für seine investigativen Recherchen schätzen. Aber als die beliebteste Eigenschaft, die Nawalnyj bei den Demonstrierenden Sympathien einbrachte, erwies sich sein Mut, seine Entschlossenheit, seine Aufopferung und andere unpolitischen, aber dafür menschlichen Eigenschaften, die von unseren Informant:innen beschrieben wurden. "Dies ist ein Mann von außergewöhnlichem Mut", ein "Held", der "keine Angst hatte, das zu tun, vor dem sich heutzutage viele in Russland fürchten", sagten uns die Informant:innen über Nawalnyj.

Die Informant/-innen, die keine eindeutige Unterstützung für Nawalnyj zum Ausdruck brachten, unterteilen sich in drei Gruppen. Einerseits gibt es diejenigen, die denken, dass Nawalnyj die einzige Hoffnung auf einen Wandel zum Besseren sei (und dass es sich daher lohne, die Ablehnung ihm gegenüber hintenanzustellen). Andererseits gibt es die andere Gruppe, die denkt, dass er ein Symbol für die Ungerechtigkeit sei, die in Russland anzutreffen sei (denn Nawalnyj hat sie wie kein anderer am eigenen Leib erfahren). Die dritte Gruppe hat schließlich keine eindeutige Meinung dazu, wie Nawalnyj einzuschätzen sei. Keine/r unserer Informant/-innen äußerte eine eindeutig negative Einstellung gegenüber Nawalnyj. Die Rolle Nawalnyjs bei den letzten Protesten geht deswegen weit darüber hinaus, "lediglich nur ein Symbol" zu sein. Für Beobachter/-innen ist es von äußerster Wichtigkeit, dies zu verstehen.

Quelle: Die Daten wurden bei 90 qualitativen soziologischen Interviews vom Labor für öffentliche Soziologie (Sankt Petersburg) unter Beteiligung der Gruppe "Beobachtung der zeitgenössischen Folklore" sowie von den Freiwilligen Elena Besrukowa, Anna Orlowa, Marina Solntsewa, Elena Jugaj und anderen Freiwilligen, die anonym bleiben wollten, gesammelt. Die meisten Informant/-innen beteiligten sich an Demonstrationen in Moskau und St. Petersburg, haben ein abgeschlossenes Studium oder waren noch Studierende und haben ein Einkommen von 50 – 200.000 Rubel. , 27. April 2021, https://t.me/publicsociologylaboratory/37 und https://t.me/publicsociologylaboratory/38 . Gemeinsam herausgegeben werden die Russland-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.
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