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5.3.2020

Dokumentation: Chronologie: Der Abschuss von Flug MH-17

Seit April 2014 finden in der Ostukraine Kriegshandlungen zwischen Einheiten der ukrainischen Regierung und den von Russland unterstützten Rebellen statt. Nach dem Absturz der Passagiermaschine MH-17 beschuldigt die Ukraine die prorussischen Rebellen, das Flugzeug abgeschossen zu haben. Die Chronologie gibt einen Überblick über die einzelnen Ereignisse.

Flugzeugteile der abgestürzten Passagiermaschine MH-17 wurden im Juli 2014 von einem internationalen Ermittlerteam an der Absturzstelle in der Nähe der ostukrainischen Stadt Donezk untersucht. (© picture alliance/AA)


Datum Ereignis
April 2014 In Teilen der Gebiete Luhansk und Donezk in der Ostukraine beginnt der bewaffnete Konflikt zwischen Einheiten der ukrainischen Regierung und den von Russland unterstützten Rebellen.
06.06.2014 Bei Slowjansk wird ein mit Hilfsgütern beladenes ukrainisches Militärflugzeug des Modells An-26 abgeschossen. Ein Mitglied der Besatzung kommt ums Leben, zwei weitere werden verletzt.
14.06.2014 Bei Luhansk schießen die Rebellen ein Flugzeug des Modells Il-76 der ukrainischen Armee ab. Alle 49 Insassen, darunter neun Besatzungsmitglieder und 40 Soldaten, kommen ums Leben.
08.07.2014 Die Ukraine sperrt den Luftraum unterhalb von ca. 7.900 Metern im Osten des Landes für Zivilflugzeuge.
14.07.2014 Die Rebellen schießen im Gebiet Luhansk eine An-26 der ukrainischen Armee ab. Der Verteidigungsminister der Ukraine gibt eine Flughöhe von 6.500 Metern an und spricht von einem Abschuss mit einem Boden-Luft-Raketensystem von russischem Territorium. Die Ukraine sperrt den Luftraum unterhalb von ca. 9.800 Metern im Kriegsgebiet für den zivilen Flugverkehr.
16.07.2014 Ein ukrainisches Su-25 Erdkampfflugzeug wird in einer Höhe von ca. 6.000 Metern abgeschossen. Laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium wurde das Flugzeug von einer Luft-Luftrakete einer russischen MiG-29 abgeschossen.
17.07.2014 Malaysia-Airlines-Flug 17 (im Folgenden: MH-17), auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur, stürzt aus einer Flughöhe von 10.000 Metern rund 50 km von der russischen Grenze in der Nähe von Hrabowe (Gebiet Donezk, Ostukraine) ab. Alle 298 Insassen kommen ums Leben. Igor Girkin (Strelkow), der "Verteidigungsminister" der "Volksrepublik" Donezk ("DNR"), gibt wenige Minuten nach dem Absturz in den sozialen Medien "den Abschuss einer ukrainischen An-26" bekannt und schreibt: "Wir haben sie gewarnt – sie sollen nicht über "unseren Himmel" fliegen". An dem von Strelkow genannten Ort wird kurz darauf das Wrack der MH-17 entdeckt.
18.07 – 22.07.2014 Die Ukraine beschuldigt die prorussischen Rebellen, die MH-17 mit russischen Boden-Luft-Raketen des Typs"Buk" abgeschossen zu haben und erklärt, selbst keine Waffen einzusetzen, die zu einem solchen Abschuss fähig wären. Die Buk (Buk-M1) ist ein in der Sowjetunion entwickeltes Flugabwehrraketensystem, das 1980 in den Streitkräften der UdSSR eingeführt wurde und zum Zeitpunkt des MH-17-Abschusses sowohl in Besitz des ukrainischen als auch des russischen Militärs ist. Der ukrainische Geheimdienst SBU veröffentlicht einen abgefangenen Funkspruch der Rebellen, in dem sich zwei Männer über die Nachricht eines abgeschossenen Transportflugzeuges austauschen, das möglicherweise eine Passagiermaschine war. Russland macht die Ukraine für den Abschuss verantwortlich und veröffentlicht Satellitenfotos, die beweisen sollen, dass zum Zeitpunkt des Abschusses ukrainische Buk-Systeme in der Region stationiert waren, von denen aus der Abschuss mutmaßlich erfolgte. Parallel werden Radarbilder veröffentlicht, die belegen sollen, dassMH-17 von einem ukrainischen Su-25 Erdkampfflugzeug abgeschossen worden sein soll. Die OSZE beklagt, dass das Absturzgebiet zwar abgeriegelt sei, aber bewaffnete Rebellen die Arbeit der internationalen Experten erschwere. Der UN-Sicherheitsrat verabschiedet Resolution Nr. 2166 (2014), in der die bewaffneten Rebellen in der Ukraine dazu aufgefordert werden, den Zugang zum Absturzort sowie die Untersuchung des Absturzes durch die OSZE-Experten und anderer Organisationen nicht zu behindern.
22.07.2014 Die prorussischen Rebellenübergeben die Flugschreiber der MH-17 den zuständigen malaysischen Experten.
23.07.2014 Der"Sicherheitsminister" der "DNR", Oleksandr Chodakowskij, erklärt, dass die Rebellen im Besitz eines Buk-Systems gewesen sein könnten, mit dem die MH-17 mutmaßlich abgeschossen wurde. Bisher hatten die Rebellen geleugnet, im Besitz eines solchen Systems zu sein. Wenig später widerruft Chodakowskij seine Aussage.
23.07.2014 Die Ukraineüberträgt die Leitung der offiziellen Ermittlungen zur Absturzursache den Niederlanden. Laut dem Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt (Chicagoer Abkommen) ist das Land, in dem ein Flugunglück passiert ist, für die Untersuchung verantwortlich; dieses Land kann die Untersuchung jedochan einen anderen Staat delegieren. Die Niederlande führen zwei parallele Ermittlungen durch. Für die Untersuchung der technischen Ursachen des Absturzes ist der niederländische "Untersuchungsrat für Sicherheit", (engl. "Dutch Safety Board", im Folgenden: DSB) zuständig. Mit dem Ziel der strafrechtlichen Ermittlung entsteht ein internationales Team (Joint Investigation Team, im Folgenden: JIT), an dem die Niederlande, Australien, Belgien, Malaysia und die Ukraine beteiligt sind.
24.07.2014 Die Niederlande und Australien entsenden insgesamt 90 unbewaffnete Polizisten an die Abschussstelle, um Ermittlungen vor Ort durchzuführen.
09.09.2014 Der vorläufige Bericht des DSB kommt zum Ergebnis, dass es weder Hinweise auf technisches Versagen noch Pilotenfehler gebe. Die auf Fotos von Cockpit- und vorderen Rumpfteilen zu sehenden Schäden entsprächen dem, was typischerweise nach einem Einschlag zahlreicher "Objekte mit hoher Geschwindigkeit" zubeobachten sei. Wahrscheinlich führten diese Beschädigungen zu einem Stabilitätsverlust und zum Auseinanderbrechen des Flugzeuges. Der Bericht enthält keine Aussagen zu Art oder Ursprung der Objekte.
08.10.2014 Laut einem Bericht des SPIEGEL stellt der Bundesnachrichtendienst (BND) im parlamentarischen Kontrollausschuss des Bundestages eine detaillierte Auswertung von Satellitenaufnahmen und Fotos vor, die den Schluss nahelegen, dass prorussische Rebellen für den Absturz des Fluges MH-17 verantwortlich sind.
06.05.2015 Die russische Zeitung Nowaja Gazeta veröffentlicht Informationen zum Absturz der MH-17 aus einem nach Aussagen der Zeitung streng geheimen Bericht russischer Militärexperten. Die Untersuchung habe ergeben, dass das Flugzeug wahrscheinlich mit einer Buk-Rakete abgeschossen wurde und dass diese Rakete aus dem zum damaligen Zeitpunkt vonRebellen kontrollierten Gebiet Saro­schtschenske gekommen sei.
01.06.2015 Das investigative Recherchenetzwerk Bellingcat präsentiert eine Analyse der am 21.07.2014 vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Unterlagen. Ein Vergleich mit anderen Satellitenbildern hat laut Bellingcat ergeben, dass die russischen Aufnahmen bereits im Juni 2014 gemacht und vermutlich absichtlich falsch datiert wurden.
02.06.2015 Das russische Unternehmen"Almas-Antei", das Flugabwehrsysteme produziert, präsentiert einen Bericht zum Absturz der MH-17. Ein Konzernvertreter spricht von Spuren an der Außenverkleidung des Flugzeugs, die auf eine Rakete des Flugabwehrsystems "Buk-M1" hinweisen. Die Rakete soll dem Sprecher nach aus einem Winkel abgeschossen worden sein, der auf einen Standort der ukrainischen Armee schließen lasse.
29.07.2015 Im UN-Sicherheitsrat scheitert eine Resolution am Veto Russlands, mit der ein Tribunal zur Aufklärung des Absturzes des Fluges MH-17 eingerichtet werden sollte. Elf Staaten stimmen für die Einrichtung, China, Angola und Venezuela enthalten sich.
13.10.2015 Der DSB veröffentlicht den offiziellen Abschlussbericht über die Ursachen des MH-17-Absturzes. Der Bericht bestätigt den Verdacht eines Abschusses durch eine Boden-Luft-Rakete des Typs "Buk". Der Bericht enthält auch Angaben zum möglichen Abschussgebiet, aus dem die Rakete gestartet worden sei und das sich zum Zeitpunkt unter Kontrolle der Rebellen befunden habe. Gleichzeitig kritisiert der Bericht die ukrainischen Behörden, weil diese den Luftraum nur teilweise und nicht komplett gesperrt haben. Almas-Antei veröffentlicht am selben Tag einen eigenen Bericht, der besagt, dass der Raketentyp russischen Ursprungs veraltet und nicht mehr im Bestand der russischen Armee sei, jedoch in dem der ukrainischen Armee. Außerdem will Almas-Antei durch ein Experiment nachgewiesen haben, dass die Rakete nicht aus demvon Rebellen kontrollierten Gebiet bei Snischne abgeschossen worden sein könne.
29.02.2016 Bellingcat publiziert einen Bericht, der der Version des Konzerns"Almas-Antei" vom 13.10.2015 widerspricht. Des Weiteren belegt Bellingcat mit Satellitenbildern, dass in den von Almas-Antei genannten Stellen zur Zeit des Abschusses keine ukrainischen Buk-Raketen stationiert waren.
28.09.2016 Das JIT veröffentlicht einen Zwischenbericht zum Abschuss der MH-17. Die Ermittler gelangen darin zu dem Schluss, dass die Maschine aus dem zu diesem Zeitpunkt von den Rebellen kontrollierten Ort Perwomajskyj abgeschossen wurde. Der Abschuss sei mit einem Buk-System erfolgt. Die betreffende Anlage sei aus Russland in das Gebiet gebracht und später dorthin zurücktransportiert worden, so das JIT.
24.05.2018 Das JIT gibt seine abschließenden Untersuchungsergebnisse bekannt. Demnach sei die MH-17 von einer Rakete des Typs "Buk-M1" abgeschossen worden, die von der 53. Flugabwehrbrigade (Teil der russischen Streitkräfte) im russischen Kursk stammte. Der leitende Ermittler Fred Westerbeke erklärt, dass nun gezielt untersucht werde, inwieweit die Brigade selbst aktiv am Abschuss der Maschine beteiligt gewesen sei. Der "Verteidigungsminister" der "DNR" und das russische Verteidigungsministerium weisen die Vorwürfe zurück.
25.05.2018 Die Niederlande und Australien veröffentlichen eine gemeinsame Stellungnahme, in der sie Russland eine Mitschuld am Abschuss der MH-17 zuschreiben. Möglicherweise werde der Fall nun vor ein internationales Gericht gebracht.
17.09.2018 Das russische Militär präsentiert Unterlagen, die belegen sollen, dass die Buk-Rakete, mit der die MH-17 abgeschossen wurde, 1986 an eine Einheit der sowjetischen Streitkräfte in der Ukraine geliefert wurde. Dort sei die Rakete nach dem Zerfall der Sowjetunion verblieben, weshalb Russland keine Verantwortung für den Abschuss trage. Die Ukraine spricht von einer Fälschung. Das JIT gibt an, das Material zu prüfen. Die russische Zeitung Nowaja Gaseta veröffentlicht zwei Tage später Hinweise, die darauf schließen lassen, dass die Unterlagen nachträglich bearbeitet wurden.
19.06.2019 Das JIT klagt vier Verdächtige wegen Mordes in 298 Fällen an. Igor Girkin (Strelkow), Sergej Dubinskij, Oleg Pulatow (alle Russland) und Leonid Chartschenko (Ukraine) wird Mord in 298 Fällen zur Last gelegt. Der Prozessbeginn am Bezirksgericht Den Haag wird auf den 9. März 2020 terminiert, die vier Verdächtigen werden international zur Verhaftung ausgeschrieben.
07.07.2019 Die ukrainischen Behörden geben bekannt, mit Wolodymyr Zemach einen wichtigen Verdächtigen festgenommen zu haben, der am Abschuss der MH-17 beteiligt gewesen sein soll. Ein Kiewer Gericht wirft ihm Terrorismus vor und verhängt eine zweimonatige Untersuchungshaft.
07.09.2019 Zwischen Russland und der Ukraine findet ein Gefangenenaustausch statt. Auf ukrainischer Seite wird unter anderem Wolodymyr Zemach ausgetauscht, an dessen Freilassung Russland den Gefangenenaustausch geknüpft haben soll.
03.12.2019 Der niederländische Staatsanwalt beschuldigt Russland, Zemach bewusst ermöglicht zu haben, das Land zu verlassen und in die ostukrainischen "Volksrepubliken" fliehen zu können, bevor er an die Niederlande übergeben werden konnte.
23.02.2020 Der leitende Ermittler des JIT, Fred Westerbeke, gibt in einem Interview bekannt, dass die Ermittler des JIT Augenzeugen des Abschussmomentes der Buk-Rakete haben.
09.03.2020 Am Internationalen Gerichtshof in Den Haag beginnt, in Abwesenheit der vier Angeklagten, der MH-17-Prozess.


Zusammenstellung: Mykyta ShcherbakGemeinsam herausgegeben werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.
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