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11.12.2020

Analyse: Perspektiven der Agrarforschung in der Ukraine – eine Reflexion am Beispiel der Nationalen Akademie der Agrarwissenschaften

Der ukrainische Reformprozess des Forschungs- und Innovationsystems wurde im Zuge der Maidan-Revolution verschiedentlich adressiert, macht aber nur langsame Fortschritte. Lösungen sind aktuell nicht in Sicht.

Eine ukrainische Wissenschaftlerin bei der Begutachtung von Wintergetreide. (© picture-alliance, Photoshot)


Zusammenfassung

Der ukrainische Reformprozess des Forschungs- und Innovationsystems wurde im Zuge der Maidan-Revolution verschiedentlich adressiert, macht aber nur langsame Fortschritte. Weiterhin leidet die öffentliche Forschungslandschaft, die in der Ukraine nach wie vor schwerpunktmäßig an den Akademien der Wissenschaften etabliert ist, unter finanziellen und strukturellen Problemen. Dieser Beitrag illustriert am Beispiel der Nationalen Akademie der Agrarwissenschaften (NAAS) wesentliche Problembereiche. Besonders problematisch erscheinen die mangelnde Internationalisierung, kaum international sichtbare Forschungsleistungen, Defizite in der methodischen und theoretischen Ausbildung der Forschenden sowie ein Missverhältnis von Aufgabenumfang und Personalbestand in Relation zur Finanzierung. Lösungen sind aktuell nicht in Sicht.

Forschungs- und Innovationslandschaft in der Ukraine

Parallel zum stockend verlaufenden Reformprozess leidet die ukrainische Forschungslandschaft unter strukturellen Problemen. Gemessen an der Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen im Bereich Agrar- und Biowissenschaften liegt die Ukraine nach dem "Scimago Journal & Country Rank" (SJC) der wissenschaftlichen Zitationsdatenbank "Scopus" für das Jahr 2019 weltweit auf Rang 51 und damit im oberen Drittel. Was zunächst aus produktiver Sicht als gutes Ergebnis erscheint, relativiert sich bei Betrachtung der absoluten Anzahl an Publikationen. Im Jahr 2019 etwa wurden in diesem Forschungsbereich 774 zitierfähige Publikationen veröffentlicht. Dem stehen für Deutschland 11.414 Publikationen gegenüber. In agrarspezifischeren Bereichen, wie etwa dem Pflanzenbau, finden sich für die Ukraine nur 68 (Deutschland 1.155) oder im Bereich der Bodenwissenschaften nur 34 (Deutschland 964) Publikationen. Die Diskrepanz wird noch größer, wenn neben der reinen Publikationsanzahl auch die Publikationsqualität berücksichtigt wird. Diese wird üblicherweise anhand von Zitationen beurteilt, welche ein Hinweis auf die Wahrnehmung und Resonanz der veröffentlichten Forschung sind. So wurden die im Jahr 2018 erschienenen ukrainischen Beiträge im Bereich Agrar- und Biowissenschaften bislang im Durchschnitt 1,77-mal zitiert, deutsche Veröffentlichungen dagegen bereits 3,92-mal.

Nun könnte man die unterschiedlichen Forschungsleistungen damit erklären, dass Deutschland mehr Einwohner hat und die Forschungseinrichtungen besser ausgestattet sind. Allerdings gibt es in der ukrainischen Agrarforschung eine erhebliche Anzahl agrarwissenschaftlicher Einrichtungen mit einem teilweise enorm hohen Personalbestand. So weist die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) für die ukrainischen Agrarwissenschaften im Jahr 2018 etwa 3.462 wissenschaftliche Vollzeitäquivalente aus (Tabelle 1). Für die Agrarwissenschaften in Deutschland wurden für das Jahr 2003 vom Wissenschaftsrat insgesamt etwa 5.150 Vollzeitäquivalente ausgewiesen, das Personal an Fachhochschulen und Landesforschungseinrichtungen eingerechnet. Auch wenn sich der Personalbestand in Deutschland zwischenzeitlich erhöht haben dürfte, kann davon ausgegangen werden, dass sich die Publikationsleistungen je Vollzeitäquivalent größenbereinigt im Durchschnitt mindestens um den Faktor 10 unterscheiden, bei den Zitationszahlen sogar mehr als um den Faktor 20.

Während in Deutschland die FuE-Intensität, also der Anteil der Bruttoinlandsausgaben im gesamten Bereich Forschung und Entwicklung (FuE), von 2,2 Prozent im Jahr 1997 auf 3,1 Prozent (entspricht knapp 105 Milliarden Euro) im Jahr 2018 angestiegen ist, sank die Forschungsintensität in der Ukraine im selben Zeitraum von 1,2 Prozent auf 0,5 Prozent (entspricht circa 527 Millionen Euro) (Grafik 1). Schaut man auf die FuE-Intensität in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, so wird deutlich, dass diese in den Agrarwissenschaften überproportional rückläufig ist (Tabelle 2). Gemessen in Vollzeitäquivalenten hat sich die Anzahl der ukrainischen Forschenden insgesamt von 61.858 (2009) auf 41.713 (2018) um knapp ein Drittel reduziert. Ebenfalls rückläufig ist die Entwicklung bei den Agrarwissenschaften (Tabelle 1). Allerdings verläuft dieser personelle Rückgang weniger schnell als der der effektiven Forschungsmittel. Dies deutet darauf hin, dass die verfügbaren Mittel für die Bezahlung und Ausstattung je Forschenden nicht mit anderen Sektoren Schritt halten können und sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert haben.

In der Ukraine ist die öffentliche Forschung vornehmlich an den Akademien der Wissenschaften angesiedelt, während die Hochschulen sich vor allem auf die Lehre fokussieren. In den letzten Jahren sind Verschiebungen in dieser Aufgabenteilung zu beobachten. Forschungsaktivitäten werden mitunter an die Universitäten verlagert bzw. Kooperationen zwischen Akademien und Hochschulen intensiviert. Die Akademien sind dem ukrainischen Ministerkabinett unterstellt und haben weitgehende Gestaltungsfreiheit hinsichtlich ihrer fachlichen Ausrichtung. Das Akademiesystem der Ukraine umfasst neben der 1918 gegründeten Nationalen Akademie der Wissenschaften (NAS), verschiedene kleinere sektorale Akademien, darunter die 1931 gegründete Nationale Akademie der Agrarwissenschaften (NAAS).

Zur Ausgangssituation der Nationalen Akademie der Agrarwissenschaften

Die NAAS der Ukraine erscheint nach wie vor stark von den institutionellen Bedingungen der sozialistischen Zeit vor 1991 geprägt. In dieser Zeit hat die Vorgängerorganisation der NAAS eine herausragende und anerkannte Rolle in der wissenschaftlichen und informationstechnischen Begleitung der Agrarproduktion gespielt. Infolge des Zusammenbruchs des sozialistischen Systems haben sich institutionelle Rahmenbedingungen des Agrarsektors wie auch der Agrarforschung jedoch radikal geändert. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im Zuge der Wiedervereinigung die DDR-Akademien aufgelöst. Nur die wettbewerbsfähigen Einheiten wurden in die bestehende Wissenschaftslandschaft eingegliedert, von denen einige Einrichtungen später in sogenannte "Blaue-Liste-Institute" umgewandelt wurden und heute Teil der Leibniz-Gemeinschaft sind.

Der Auftrag der NAAS besteht darin, die Entwicklung des Agrarsektors der Ukraine wissenschaftlich zu begleiten. Dieser Auftrag umfasst ein breites Spektrum von Teilaufgaben und reicht von grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung, wissenschaftlichen Infrastrukturaufgaben (z. B. Genbanken oder die Bereitstellung von Saatgut), über den Wissenstransfer bis hin zur Nachwuchsförderung und Forschungskoordination. Die NAAS hat eine beträchtliche Personalausstattung. Laut eines Berichts der Nationalen Akademie der Agrarwissenschaften der Ukraine von 2019 waren im Jahr 2018 in ihren wissenschaftlichen Einrichtungen insgesamt 7.100 Personen beschäftigt. Davon gehörten 3.587 Mitarbeiter zum wissenschaftlichen Personal, darunter 404 Doktoren, die nach deutschen Maßstäben als habilitiert gelten würden und 1.494 Kandidaten, die in Deutschland als promoviert bezeichnet werden würden (Khodakiwska 2019).

Die Altersstruktur der NAAS lässt sich demzufolge als fortgeschritten bezeichnen, nur knapp 37 Prozent des wissenschaftlichen Personals war im Jahr 2018 in der Altersklasse "bis 40 Jahre" eingruppiert. Zugleich wird in dem genannten Bericht ein massives finanzielles Defizit an staatlicher Finanzierung beklagt. In den Jahren 2016 bis 2018 wären nur 50 Prozent der Finanzmittel zur Finanzierung der vom Staat bestellten Forschungsarbeiten ausgezahlt worden, 2019 waren es etwa 335 Millionen ukrainische Hrywnja (UAH) (entspricht rund 10 Millionen Euro). Andererseits verfügt die NAAS über ein beträchtliches Immobilienvermögen, das insbesondere Landbesitz umfasst.

Dem Bericht von 2019 zufolge habe im Zuge der jüngeren Reformprozesse die NAAS zudem auf die gestiegenen politischen Anforderungen an Forschungseinrichtungen reagiert. Dazu gehöre beispielsweise die Erstellung von Forschungsplänen und deren Begutachtung, eine regere Publikationstätigkeit und Einwerbung von Drittmitteln, eine verstärkte internationale Vernetzung und Dokumentation wissenschaftlicher Leistungen oder die Etablierung von wissenschaftlichen Beiräten. Darüber hinaus seien im Jahr 2019 alle Einrichtungen der NAAS nach ihren Leistungen der zurückliegenden Jahre und nach ihrem wissenschaftlichen Potenzial begutachtet worden. Im Ergebnis wurden 17 wissenschaftliche Einrichtungen in die erste (höchste) Qualifikationsgruppe, 38 Einrichtungen in die zweite Qualifikationsgruppe und die übrigen in die dritte Qualifikationsgruppe eingestuft. Wissenschaftliche Einrichtungen der ersten Qualifikationsgruppe erhalten diese Attestierung für fünf Jahre und haben für diesen Zeitraum auch Anspruch auf staatliche Finanzierung. Wissenschaftliche Einrichtungen der zweiten Qualifikationsgruppe erhalten eine dreijährige Attestierung mit staatlicher Finanzzusage, während der Attestierungszeitraum und die Finanzierung für Einrichtungen der dritten Gruppe nur zwei Jahre betragen.

Die sehr positiv klingenden Evaluierungsergebnisse überraschen angesichts der dargestellten strukturellen und finanziellen Schwierigkeiten der ukrainischen Forschungslandschaft. Das gilt nicht zuletzt auch angesichts des beträchtlichen wissenschaftlichen Personalbestands. Nachfolgend wird daher die gegenwärtige Situation der NAAS mit Blick auf internationale Standards und Entwicklungstendenzen aus einer Außenperspektive eingeordnet und diskutiert.

Entwicklungsherausforderungen und Reformbedarfe

Integration in die internationale Wissensgemeinschaft

Laut der erwähnten Studie von 2019 haben jährlich etwa 30 bis 40 Angehörige der NAAS die Möglichkeit zur Vertiefung der wissenschaftlichen Kenntnisse durch Forschungsaufenthalte im Ausland. Das entspricht einem Anteil von etwa einem Prozent des wissenschaftlichen Personals. An internationalen Foren und Konferenzen würden jährlich etwa 150 Personen teilnehmen, also etwa vier Prozent des wissenschaftlichen Personals. Geht man davon aus, dass diese Zahlen auch für andere Jahre gelten, lässt sich vermuten, dass ein Großteil des wissenschaftlichen Personals der NAAS keine Auslandserfahrungen besitzt.

Ursachen der geringen internationalen Vernetzung dürften vor allem in mangelnden Englischkenntnissen liegen, aber auch in der in Relation zur Beschäftigtenzahl schlechten Finanzausstattung, die etwa Reisen zu Konferenzen erschwert. Dies führt zum einen dazu, dass viele Forschungsleistungen der NAAS im Ausland unbekannt bleiben. Zum anderen bleibt damit auch der Stand der internationalen Forschung vielen bzw. den meisten Forschenden der NAAS weitgehend unbekannt. Damit wäre die NAAS von der Entwicklung der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft entkoppelt und kann daher kaum ihrer Aufgabe nachkommen, die Integration der ukrainischen Agrarwissenschaft in die internationale Forschungsgemeinschaft zu fördern.

Forschungsleistungen

Auswertungen in internationalen Publikationsdatenbanken wie "Google Scholar", "ResearchGate", "Scopus" und teilweise auch die Auswertungen des "Web of Science" zeigen, dass von den Angehörigen der NAAS aktiv publiziert wird. Teilweise finden sich etwa in "Google Scholar" sogar auf den ersten Blick beeindruckende Publikationslisten und Zitationszahlen von Angehörigen der Einrichtungen. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass laut "Google Scholar" vielzitierte Artikel selten englischsprachig sind. Die Veröffentlichungen erscheinen fast ausschließlich in Zeitschriften, die nicht oder kaum international anerkannt sind. Eine Suche nach Publikationen im "Web of Science" ergab für die NAAS lediglich 81 Zeitschriftenartikel, die seit 2010 veröffentlicht wurden. Davon sind alleine 31 in der Springer-Zeitschrift "Cytology and Genetics" veröffentlicht, die einen für die Disziplin recht niedrigen Impact Faktor von 0,475 (2019) hat. (Der Impact Faktor gibt an, wie oft die Artikel einer Zeitschrift durchschnittlich pro Jahr in anderen wissenschaftlichen Publikationen zitiert werden.) Zudem besteht das Herausgebergremium dieser Zeitschrift zum Großteil aus Angehörigen der Nationalen Akademie der Wissenschaften (NAS). Viele der in dieser Zeitschrift von NAAS Forschenden veröffentlichten Artikel weisen federführend Autoren aus, die Angehörige der NAS sind. Dies erweckt den Eindruck, dass dort viele institutseigene Publikationen erscheinen, was wiederum Fragen nach einer unabhängigen Begutachtung aufwirft. Viele der übrigen im "Web of Science" gelisteten NAAS Publikationen erschien darüber hinaus in anderen niedrig-rangigen Zeitschriften aus Russland, der Türkei oder Indien.

Wissenschaftliche Qualitätssicherung

Für einige Teilbereiche der NAAS, wie der Agrarökonomie, finden sich Publikationen lediglich außerhalb des "Web of Science" und sind teilweise in der Literaturdatenbank "Scopus" gelistet. Obwohl auch "Scopus" grundsätzlich eine Qualitätssicherung voraussetzt, weisen hier stichprobenartig durch den Erstautor geprüfte agrarökonomische Beiträge Defizite und Probleme auf, die ausdrücklich nicht nur für Forschende der NAAS, sondern für große Teile der Agrarökonomie in der Ukraine sowie in Osteuropa typisch sind. Dies betrifft insbesondere die mangelnde Aufbereitung der internationalen Literatur oder die mangelnde Nutzung moderner Theorien und wissenschaftlicher Methoden, die dem internationalen Forschungsstand entsprechen. Häufig beschränken sich die Beiträge auf deskriptive Darstellungen, bei deren Analyse und Interpretation teilweise Theorie durch Ideologie ersetzt scheint. Die Tatsache, dass derartige Artikel dennoch veröffentlicht werden, wirft Fragen zur erforderlichen Qualitätssicherung auf. Diese Fragen betreffen etwa die Ernsthaftigkeit der Begutachtungsverfahren der Zeitschriften, bei denen diese Beiträge eingereicht und publiziert wurden. So wurden in jüngerer Zeit in einer Reihe von Transformations- und Schwellenländern erhebliche Anteile der Publikationen in Zeitschriften veröffentlicht, die zwar in "Scopus" gelistet sind oder gelistet wurden, die aber dennoch zur Kategorie sogenannter "Potentially Predatory Journals" gezählt werden sollten. Darunter versteht man wissenschaftliche Zeitschriften, die fälschlich vorgeben, dass sie ein anerkanntes und strenges Begutachtungssystem besitzen. Die Begutachtung erfolgt nur oberflächlich. Über die Veröffentlichung entscheidet primär die Bereitschaft zur Zahlung einer Gebühr, die damit begründet wird, dass diese Zeitschriften offen zugänglich sind und es entsprechend keine Lizenzeinnahmen gäbe. Tatsächlich werden die Zeitschriften aufgrund mangelnder Qualität kaum gelesen und sind eher eine Art Geschäftsmodell, das den bestehenden Publikationsdruck ausnutzt.

Möchte die ukrainische Agrarforschung diesem Problem entgehen bzw. rechtzeitig gegensteuern, wäre einerseits seitens der verantwortlichen Forschenden, vor allem aber bei Forschungseinrichtungen wie der NAAS, verstärkt darauf zu achten, dass Einreichungen ausschließlich in solchen Zeitschriften erfolgen, bei denen die Begutachtung ernsthaft und mit ausreichend qualifizierter Expertise durchgeführt wird. Dies schließt mit ein, dass bei Beförderungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geprüft wird, ob deren maßgebliche Publikationen in tatsächlich hochwertigen Zeitschriften erschienen sind. Ein zweiter wesentlicher Aspekt der Qualitätssicherung betrifft die Qualifizierung der Forschenden. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden vor allem dadurch gewonnen, weil die Forschenden in der Lage sind, geeignete theoretische und methodische Ansätze zu nutzen, um interessante Hypothesen zu entwickeln, gute Daten zu sammeln und diese angemessen auszuwerten. Fehlen diese Kompetenzen, dann ist das Spektrum der Möglichkeiten des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns eingeschränkt. Wenn Theorie und Methoden fehlerhaft angewandt werden besteht die Gefahr, dass problematische Ergebnisse generiert werden. Wenn eine selbstkritische und qualifizierte Eigenkontrolle durch die Forschenden, einschließlich ihrer Arbeitsgruppenleitung, nicht gewährleistet ist, fehlt ein wichtiger Baustein der Qualitätssicherung. Fehlende Kenntnisse der internationalen Literatur, einschließlich der nötigen Theorie- und Methodenkenntnisse führen zudem zu einer Ressourcenverschwendung dadurch, dass den Forschenden nicht bekannt ist, dass ihre Forschung gar nicht originär ist.

Qualifizierung und Personalentwicklung

Wie auch in anderen Forschungseinrichtungen der Ukraine sind die Einkommen der NAAS Mitarbeitenden sehr niedrig und der Abstand zu anderen Wirtschaftsbereichen wächst. Verantwortlich für diese Entwicklung ist, dass der Personalbestand in keinem angemessenen Verhältnis zum Budget der jeweiligen Einrichtung steht. Im Jahr 2019 lag der durchschnittliche Monatslohn des wissenschaftlichen Personals der NAAS lediglich bei 4.928 UAH (circa 160 Euro), während er in der Landwirtschaft bereits bei 7.166 UAH lag. Diese ungünstige Einkommenslage in der öffentlich finanzierten Forschung in Verbindung mit der Altersverteilung lässt bezweifeln, dass eine leistungsfördernde Personalentwicklung möglich ist. Für erfolgversprechende Rekrutierungen von Nachwuchskräften fehlen wettbewerbsfähige Gehaltsniveaus. Erschwerend kommt hinzu, dass die oben dargestellten Defizite in der Internationalisierung, bei den wissenschaftlichen Leistungen sowie auch bei der Qualitätssicherung es kaum ermöglichen, dass eine erfolgreiche Personalentwicklung im Rahmen der eigenen Nachwuchsförderung erfolgen kann. Entsprechend ist auch zu hinterfragen, ob die NAAS vor diesem Hintergrund ihren Aufgaben in der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses angemessen nachkommen kann.

Ressourcennutzung

Nicht nur wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung, sondern insbesondere auch wegen ihres Grundbesitzes ist die NAAS mit zunehmenden Legitimationsproblemen konfrontiert. Die NAAS verfügt Schätzungen zufolge über Grundbesitz im Umfang von 464,7 Tsd. Hektar. Hierzu gehören 365 Tsd. Hektar Ackerland, darunter Versuchsfelder im Umfang von 98,7 Tsd. Hektar, Futterfläche für die Tierproduktion im Umfang von 61,5 Tsd. Hektar sowie Flächen für die Saatguterzeugung im Umfang von 117,1 Tsd. Hektar. Es ist schwer vorstellbar, wie eine Ackerfläche von fast 100.000 Hektar – das entspricht etwa 140.000 Fußballfeldern – systematisch für Anbauversuche genutzt werden kann und wenn ja, warum diese Versuche bei dem Umfang nicht weltweit bekannt sind. Analog stellt sich die Frage, für welche Mengen an Tieren für Forschungszwecke eine Futterfläche von über 60.000 Hektar benötigt wird. Und auch mit Blick auf die Saatgutvermehrung ist zwar nachvollziehbar, dass die Landwirtschaft der Ukraine in erheblichen Umfang Saatgut benötigt, jedoch ist unklar, inwieweit das Saatgut der Akademie wettbewerbsfähig gegenüber ausländischen Sorten ist und ob dieses idealerweise in einer staatlichen Einrichtung erzeugt werden sollte. Diese Fragen sind einerseits bedeutsam mit Blick darauf, dass wiederholt Korruptionsvorwürfe in den Medien gegen die Leitung der NAAS aufgetaucht sind. Andererseits sind die Nutzungskosten von Ackerland in der Ukraine in den vergangenen 10 Jahren in Form gestiegener Pachtpreise an guten Standorten auf etwa 100 Euro je Hektar und teilweise sogar mehr angestiegen. Die Überlassung des Ackerlandes kostet den ukrainischen Staat mittlerweile jährlich grob geschätzt wohl etwa 25 bis 30 Millionen Euro bzw. 750 bis 900 Millionen UAH. Deren Nutzung sollte erhebliche Eigeneinnahmen ermöglichen.

Fazit

Die ukrainische Agrarforschung steht vor gewaltigen Herausforderungen. Die politischen Vorgaben einer stärkeren Orientierung in Richtung international ausgerichteter Publikationen und Evaluierungen der Forschungseinrichtungen können allerdings nur fruchten, wenn zugleich eine dafür angemessene Qualitätssicherung betrieben wird. Ansonsten sind diese gutgemeinten Maßnahmen ein Einfallstor für Korruption und die Erbringung von Pseudoleistungen, die eine vermeintliche Legitimität der Strukturen schaffen und letztlich überfällige Reformen und Anpassungen eher behindern. Allerdings ist die Politik auch gefordert, die Ziele der Forschungspolitik offen zu legen und dabei die Ziele den vorhandenen finanziellen Mitteln anzupassen. Dabei ist es dringend erforderlich, Qualität über Quantität zu stellen.

Wesentliche Herausforderung von Forschungseinrichtungen wie der NAAS ist eine Umkehr in der Personalpolitik. Die derzeitigen Gehaltsstrukturen und Arbeitsbedingungen erlauben keine gute wissenschaftliche Praxis. Die dringend benötigten qualifizierten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen lassen sich unter diesen Bedingungen weder von außen gewinnen, noch können sie aus dem eigenen Nachwuchs generiert und rekrutiert werden. Bei den gegebenen finanziellen Rahmenbedingungen wäre dringend erforderlich, Größe und Aufgabenspektrum der Einrichtung den Möglichkeiten anzupassen, was zweifellos zu sozialen Härten führen würde. Eine derart einschneidende Reform erfordert Transparenz ebenso wie ein Management, dass seine Legitimität sowohl auf Kompetenz als auch auf Integrität aufbauen kann.

IAMO ist Mitglied der Durchführungsarbeitsgemeinschaft des bilateralen Kooperationsprojekts "Deutsch-Ukrainischer Agrarpolitischer Dialog" (APD), welches vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) finanziert wird. Der hier vorgestellte Beitrag basiert auf Experteneinsätzen im Rahmen des APD. Die Autoren danken darüber hinaus Herrn Dr. Taras Gagalyuk und Herrn Prof. Vladislav Valentinov.

Literatur/Lesetipps

Gemeinsam herausgegeben werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Alfons Balmann, Franziska Schaft

Alfons Balmann

Prof. Dr. Alfons Balmann ist Direktor und Abteilungsleiter der Abteilung "Betriebs- und Strukturentwicklung im ländlichen Raum" am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle (Saale) und lehrt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich Agrarstrukturwandel, Agrarpolitik, Bodenmärkte, Investition und Finanzierung, Agroholdings.


Franziska Schaft

Dr. Franziska Schaft ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und stellvertretende Abteilungsleiterin in der Abteilung "Betriebs- und Strukturentwicklung im ländlichen Raum" am IAMO. Ihre Forschung beschäftigt sich mit den unternehmerischen Strategien und der Organisation landwirtschaftlicher Betriebe, mit regionalem Fokus auf Ostdeutschland und die Ukraine und dem Thema gesellschaftliche Verantwortung in der Landwirtschaft.


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