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7.7.2007

Dhaka muss heranreifen

Der Stadt fehlen eine Gute Regierungsführung und Visionen
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bpb: Dhaka gehört zu den Städten der Welt, die am schnellsten wachsen. Die Stadt wird als chaotisch, dicht bevölkert und arm betrachtet. Wie sehen Sie Dhaka?

Ghafur: Was wir "betrachten", wenn wir Dhaka als chaotische, dicht bevölkerte und arme Stadt "sehen", sollte vielleicht zum Versuch werden, Dhaka zu begreifen. Diese einzelnen als auch umfassenden Beobachtungen zeigen das Ergebnis fehlender Guter Regierungsführung auf nationaler und auf Stadtebene. Der Zuwachs der Stadtbevölkerung ohne Förderung der Beschäftigung, der Infrastruktur und anderer urbaner Vorzüge schreitet fort, ohne dass es eine ausreichende Kapazität zur Bewältigung urbaner Komplexitäten gäbe. Gute Regierungsführung ist nicht nur unterentwickelt, sondern gar nicht vorhanden. Kritische Beobachter gehen davon aus, dass ihr Fehlen die Lebensumstände und die städtische Produktivität der armen Stadtbevölkerung stärker belastet als andere Faktoren.


bpb: Jeden Tag zieht es Menschen aus den ländlichen Regionen nach Dhaka, in der Hoffnung etwas Geld zu verdienen. Was bedeutet dies für das Stadtleben, ist es großstädtisch oder ländlich geprägt?

Ghafur: Die Ankunft notleidender Migranten, die in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben nach Dhaka kommen, ist ein alltägliches Bild, das sich in allen Entwicklungsländern bietet. Die Migration wurde unter anderem aufgrund der Lohngefälle zwischen Stadt und Land noch befördert. In Dhaka werden Migranten ausnahmslos in den informellen Sektor aufgenommen und leben in informellen Siedlungen. Leider wird sich dieser informelle Charakter ihrer Arbeits- und Lebensumstände wohl kaum ändern, solange die Weltwirtschaft nicht neu strukturiert wird. Ob Neuankömmlinge oder Eingesessene, den Migranten dienen ihre ländlichen Verbindungen und Erfahrungen dazu, ein soziales Netzwerk aufzubauen und aufrecht zu erhalten, das einen Teil ihrer Überlebensstrategie darstellt. Die ländlichen Gewohnheiten, Bräuche und Sitten kommen im urbanen Leben der meisten Migranten zum Ausdruck. Die kulturelle Zugehörigkeit kann als ein weiterer entscheidender Faktor angesehen werden. Anonymität nach Georg Simmel, die wohl eher ein Schlüsselmerkmal des westlichen Großstadtlebens darstellt, wird nur sehr selten gewählt.

Andererseits unterliegen einige Aspekte im Leben der Migranten auch dem Wandel: Sie trinken Cola, schauen Kabelfernsehen, nutzen Handys und verwenden zunehmend Artikel aus der (multinationalen) Massenproduktion, wie Zahnpasta, Shampoo, etc. Das Stadtleben in Dhaka ist jedoch nicht homogen; die sozialen Schichten mit ihren einhergehenden Lebenspräferenzen bringen eine hohe Diversität ins urbane Leben. Dieses nur binär zu sehen, also entweder als großstädtisch oder ländlich, ist vielleicht nicht der beste Ansatz, um das Stadtleben und die urbane Lebensweise in Dhaka tatsächlich verstehen zu können.

bpb: Mehr als 6 Millionen Einwohner von Dhaka leben in Slums, rund 44 Prozent der Haushalte sind arm. Welche praktischen Ansätze gibt es für die Armutsbekämpfung in der Stadt?

Ghafur: Stadtforscher in Dhaka werden diese Zahlen wahrscheinlich für etwas überzogen halten. Trotzdem bleibt ein Kontext für die Reduktion der urbanen Armut. Wir brauchen ein Begriffsmodell, das die urbane Armut als vielschichtigen Mangel begreift, und nicht nur als Mangel an Einkommen. Politiken und Maßnahmen, die auf diesem Modell beruhen, sollten arme, urbane Haushalte nicht als homogen und geschlechterneutral verstehen. Anzuerkennen, wie schwierig, wenn nicht gar unmöglich es ist, praktische Ansätze zur Reduktion der urbanen Armut in Dhaka basierend auf den umfassenden Aspekten zu entwickeln, wäre eine wertvolle Einsicht.

Im schicken Stadtteil Gulshan, arm und reich dicht gedrängt (© Darko Penjalov)

Zunächst muss für arme Menschen in der Stadt ein Zugang zum Gesundheitswesen, zur Bildung und zu Einkommen gewährleistet werden, was sich wiederum positiv auf die Entwicklung der Menschen auswirken würde. Die Ergebnisse solcher Maßnahmen sollten den Armen, vor allem den Frauen, dabei helfen, eine Kapitalgrundlage zu schaffen, die sie bei unvorhergesehenen Krisen weniger anfällig macht. Wichtige Überlegungen sind auch die Vergabe von Krediten für einkommensschaffende Tätigkeiten, die Vermittlung von Fähigkeiten und Wissen sowie die Unterstützung bei der sozialen und politischen Organisation. Weiterhin sollten bezahlbare Dienstleistungen ausgeweitet und die Beschäftigungsverhältnisse gesichert werden, damit sich diese Menschen als rechtmäßige Bürger der Stadt fühlen können. Schließlich sollten nützliche Verknüpfungen zwischen dem formellen und informellen Sektor untersucht werden, um die Existenzgrundlage der Menschen nachhaltig zu verbessern und zu sichern. Bei all diesen Maßnahmen müssen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen sowie gemeindebasierte Organisationen zusammenarbeiten.

bpb: Sie haben sich mit der Obdachlosigkeit in Städten in Bangladesh beschäftigt. Welche Forschungsergebnisse haben Sie für Dhaka erzielt?

Ghafur: Im Rahmen eines umfassenden internationalen Forschungsprojekts, das von CARDO [Centre for Architectural Research and Development Overseas] der Newcastle University upon Tyne in Großbritannien geleitet wurde, habe ich versucht, das Wesen, die Gründe sowie die Folgen der Obdachlosigkeit in Dhaka zu erforschen. Obdachlosigkeit führt beim Individuum oder in einer sozialen Gruppe zu Wohnungslosigkeit, Entwurzelung und zum Fehlen von Ressourcen. Eine dreifache Typologie der Obdachlosigkeit ist dabei die wichtigste Erkenntnis. Es gibt nichtsesshafte Obdachlose (Bürgersteigbewohner), sesshafte Obdachlose (Hausbesetzer) und potenzielle Obdachlose (gefährdete Menschen auf dem Land und in der Stadt, besonders Frauen). Systemische Gründe für Obdachlosigkeit sind tiefgreifende Armut, der soziale Hintergrund, Naturkatastrophen, politischer Ausschluss sowie Räumungen ohne Entschädigungsleistungen.

bpb: Wie in ganz Bangladesch, so sind auch in Dhaka islamistisch-fundamentalistische Parteien und Gruppen auf dem Vormarsch. Angesichts der zunehmenden Korruption und Armut stellen sie sich als "moralische Alternative" dar. Würden Sie sagen, dass in Dhaka mit einer Radikalisierung gerechnet werden muss, die das politische, soziale und religiöse Leben verändert?

Ghafur: Die vermeintlichen "Islamischen Fundamentalisten" sind, gelinde gesagt, ein bedauerliches Ergebnis der dysfunktionalen, von zwei Parteien getragenen Politik in Bangladesch. Der Durchschnittsbürger Bangladeschs ist kein Anhänger irgendwelcher Extreme. Die Menschen sind gottesfürchtig, betreiben jedoch keine Politik im Namen Gottes. Der radikale Islam ist wie in wahrscheinlich jeder anderen demokratischen Gesellschaft vertreten, diesen jedoch als Motor einer Änderung zu sehen, wäre überzogen. Kritisch beobachtet ließe sich sagen, dass diese Menschen von einem politischen Vakuum profitieren, da echte Politik gänzlich fehlt oder gescheitert ist.

bpb: Dhaka ist das Wirtschafts- und Finanzzentrum des Landes. Seit 2005 gibt es beispielsweise die Bashundhara City, ein riesiges Geschäftszentrum mit einem der größten Einkaufs- und Freizeitzentren in Südostasien, heißt es in der Werbung. Gibt es heute zwei Städte, ein extrem armes Dhaka und ein progressives, florierendes Dhaka?

Ghafur: Zur Information: Der Sponsor von Bashundhara City und seine Söhne laufen zwar noch frei herum, es wird jedoch seitens der aktuellen provisorischen Regierung in verschiedenen Strafsachen gegen sie ermittelt. Dhaka weist sehr viele Indikatoren einer dualen Stadt auf. Das soziale Gefälle ist eine Tatsache. Der bedeutende lokale Wirtschaftsexperte Rehman Sobhan geht davon aus, dass es in Dhaka zwei Gesellschaften und zwei Wirtschaftssysteme gibt: Eines ist lokal und indigen, das andere an die Weltwirtschaft gebunden. Das letztere wird ganz richtig als progressiv und florierend betrachtet, während das andere das Gegenteil darstellt. Dieser Trend im allgemeinen städtischen Umfeld wird im steigenden Ginikoeffizienten [Maß zur Darstellung von Ungleichheiten] zunehmend deutlich. Die Reichen häufen und konzentrieren einen größeren Anteil am Reichtum als die Armen.

bpb: Dr. Ghafur, was gefällt Ihnen an Dhaka am Besten?

Ghafur: Dhaka hält das menschliche Überleben in Extremsituationen hoch, obwohl die Stadt von den Behörden und Politikern stets im Stich gelassen wird. Es gibt wohl kaum eine zweite Stadt, die so viele Menschen aufnimmt wie Dhaka und ihnen eine Lebensgrundlage und Unterkunft bietet, wenn auch nur sehr dürftig – und das ohne Konflikte und religiös motivierte Gewalt. Dhaka ist im Moment noch wie ein Heranwachsender, der in einer Übergangsphase feststeckt. Mit der nötigen Fürsorge und ausreichend Zeit, mit Guter Regierungsführung, einer guten Leitung und Vision hätte Dhaka jedoch die Chance, zu einem ganz eigenen Erwachsenen heranzureifen.

Das Interview führte Sonja Ernst
Übersetzung aus dem Englischen Mia Rimac

Shayer Ghafur

Shayer Ghafur Zur Person

Shayer Ghafur

Shayer Ghafur, geb. 1965, ist Architekt und Sozialwissenschaftler. Er studierte in Dhaka (bis 1989) und promovierte an der Oxford Brookes University (1997). Seit 2002 unterrichtet er am Fachbereich Architektur der Bangladesh University of Engineering and Technology (BEUT) in Dhaka. Zurzeit koordiniert er das Graduiertenprogramm am Fachbereich. Ghafur arbeitet zu Themen wie Obdachlosigkeit, städtische Verdichtung und soziale Ausgrenzung, zu Urbanität und Wohnungswesen sowie zur Gegenwartsarchitektur.


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