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27.12.2002

Kultur im Wiederaufbau (Teil 1)

Tendenzen des westdeutschen Kulturbetriebs

Das kulturelle Image der fünfziger Jahre ist für viele Beobachter eher negativ. In der Fixiertheit auf den materiellen Wiederaufbau sei für Kultur kein Platz gewesen. Bestenfalls werden von ihnen die kulturellen Insignien jener Zeit - von den Heimatfilmen bis zum Nierentisch - mitleidig als unfreiwillig komisch belächelt.

Erste Ausgabe der Bravo vom 26. August 1956 mit Marilyn Monroe (o.l), einem Bericht über den Film "Nina", in dem Karlheinz Böhm (u.l.) eine Hauptrolle spielte und mit Richard Widmark (u.r.), abgebildet in seiner Rolle im Western "Backlash". (© AP)


Einleitung

Das kulturelle Image der fünfziger Jahre ist für viele Beobachter eher negativ. In der Fixiertheit auf den materiellen Wiederaufbau sei für Kultur kein Platz übrig gewesen. Bestenfalls werden von ihnen die kulturellen Insignien jener Zeit - von den Heimatfilmen bis zum Nierentisch - mitleidig als unfreiwillig komisch belächelt. Aber insgesamt gelten die fünfziger Jahre kulturell als langweilig und "restaurativ". Eine historische Würdigung sollte dagegen zunächst folgendes berücksichtigen:

  • Das allgemeine Ziel im Wiederaufbau, sich wieder einzurichten, ein "normales" Leben wie vor der Zeit der Katastrophen zu führen, legte auch kulturell im weitesten Sinne ein "Zurücktasten zum Vertrauten" (Anselm Doering-Manteuffel) nahe. Dies galt sowohl für den breiten Publikumsgeschmack wie für die Kunst.
  • Zu dieser Tradition gehörte eine pessimistische Zivilisationsbetrachtung, die Kritik der Technik als Zerstörung der Kultur, das Beklagen der fortschreitenden Verweltlichung und Rationalisierung, die Warnung vor der Masse und dem Kollektiv als Zerstörung individueller Freiheit und Persönlichkeit, der Ruf nach echter Elite und der "Stolz auf echtes Außenseitertum" (Jost Hermand). In der Autonomie der Kunst wurde ein Fluchtpunkt oder eine Möglichkeit der Verweigerung gegenüber den zivilisatorischen Zumutungen erblickt.
  • Damit wurde angeknüpft an die Entwicklung bis 1933. Ausgeklammert blieb hingegen das Dritte Reich, das als kulturlose Diktatur des Kleinbürgertums bewertet wurde - eine elitäre Sichtweise, die der allgemeinen Tendenz entsprach, sich der NS-Vergangenheit politisch nicht zu stellen. Überdeckt wurde damit auch, daß sich in allen Bereichen der Kultur und Kunst durchaus Kontinuitätslinien durch die dreißiger und vierziger bis in die fünfziger Jahre hindurchzogen.
  • Mit der politischen und wirtschaftlichen Integration in die westliche Welt lassen sich in vielen Bereichen der Kultur - mit unterschiedlichen Gewichtungen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten - Übergänge vom Vertrauten zum zeitgenössisch Modernen registrieren, etwa die Durchsetzung der Abstraktion in der Bildenden Kunst oder - ein besonders spektakuläres und langfristig umwälzendes massenkulturelles Ereignis - der beginnende Siegeszug des Rock ´n´ Roll.
  • Schon in den fünfziger Jahren wurde der traditionelle deutsche Zivilisationspessimismus allmählich "unmodern". Nicht mehr allein die Klage über die kultur- und seelenlose Gegenwart, sondern zunehmend die Einsicht, daß man sich auf die moderne Gesellschaft einzulassen und sie gegebenenfalls konkret zu kritisieren habe, bestimmte die publizistische Diskussion.

    Der Kulturbetrieb der fünfziger Jahre wurde weitgehend von den traditionellen Eliten der Zwischenkriegszeit bestimmt. In seinen Institutionen, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, den öffentlich-rechtlichen Gremien der Rundfunkanstalten, den Feuilletons der großen Zeitungen, den Akademien, den neu begründeten Literaturpreisen (Büchner-Preis, Goethe-Preis), Künstlerverbänden und -vereinigungen dominierte die Generation der um die Jahrhundertwende Geborenen. Größere personelle Umbrüche traten erst in den sechziger Jahren ein. Auch die Lehrpläne in den Schulen griffen inhaltlich vornehmlich auf die Zeit vor 1933, auf die Zeit vor der völkischen Überformung humanistischer Kultur durch das Dritte Reich zurück. Werkimmanente "Schau", so lautete die Formel für die Überwindung nationalsozialistischer Indienstnahme der Kultur.

    In einem charakteristischen Punkt allerdings unterschieden sich die fünfziger Jahre von den zwanziger Jahren. Die Weimarer Kultur war geprägt gewesen von scharfen weltanschaulichen Gräben und klar getrennten politisch-kulturellen Lagern. In den fünfziger Jahren hingegen gab es vielfältige Gesprächsforen, in denen (vornehmlich von bildungsbürgerlichen Schichten) grundsätzliche Fragen der Gesellschaft und Kultur über Parteigrenzen hinweg gemeinsam erörtert wurden. Man diskutierte in den kulturellen Sendungen des Hörfunks, in den evangelischen und katholischen Akademien, in den Amerikahäusern, auf zahllosen kulturpolitischen Veranstaltungen und in der gehobenen Publizistik.

    Die Diskussionsfreudigkeit wurde gefördert durch eine Verbreiterung des kulturell-literarischen Marktes und durch das engere Zusammenwachsen von Literaturproduktion und Medienindustrie. Am Anfang der fünfziger Jahre kamen die ersten Taschenbücher auf den Markt. 1959 wurde mit dem Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) der erste große "seriöse" Verlag ausschließlich für diese Buchform gegründet. Das anfänglich naserümpfend angesehene Billigbuch sicherte sich einen wachsenden Marktanteil.

    Von enormer Bedeutung war der Rundfunk für die Verbreitung von Literatur. Das Hörspiel hatte in den fünfziger Jahren seine größte Zeit. Vor allem die legendären Hörspiele von Günter Eich - man sprach resptektvoll vom "Eich-Maß" - sind in die Literaturgeschichte eingegangen.

    Die "Schönen Künste"

    Mehrere inhaltliche Tendenzen standen nebeneinander und prägten die Szene der anerkannten Literatur:

  • Der programmatische Bezug auf die Klassiker, vor allem auf Goethe, schien vielen Intellektuellen nach dem Zweiten Weltkrieg den einzigen Weg aus den Trümmern der vom Dritten Reich hinterlassenen Barbarei zu weisen. Hier suchten viele Bildungsbürger humane Wertmaßstäbe zurückzugewinnen.
  • Viel gelesen wurden die prominenten deutschen Romanciers der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Alfred Döblin, Franz Kafka, Hermann Hesse, Heinrich Mann und vor allem aber dessen Bruder Thomas Mann. Auch hier erfolgte eine Rückbesinnung auf vertraute literarische Muster.
  • Hoch im Kurs - nicht zuletzt in den Schullesebüchern - standen Dichter, die sich - einige von ihnen nach anfänglicher Begeisterung für den Nationalsozialismus - im "Dritten Reich" in die "innere Emigration" (das heißt in eine Position geistiger Distanz) begeben hatten: Ernst Jünger, Rudolf Alexander Schröder, Hans Carossa, Ina Seidel, Gertrud von Le Fort und Werner Bergengruen. Gerade Bergengruens abendländisch-konservative Innerlichkeit paßte besonders gut zur gesellschaftlichen Gestimmtheit der frühen fünfziger Jahre.
  • Einen Sonderfall stellte der gefeierte Dichter Gottfried Benn dar, der die Form - im "absoluten Gedicht" - zum höchsten, der Gesellschaft und der Zeit enthobenen Inhalt stilisierte. Die reine sprachliche Artistik als radikales und angeblich unideologisches Programm galt vielen als zeitgemäß.
  • Typisch war auch für die jüngeren Gegenwartsschriftsteller ein "literarischer Eskapismus" (Hermann Glaser), eine Flucht vor der politisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dies gilt zum Teil sogar für jenen lockeren Kreis, der sich später den Ruf einer literarisch-gesellschaftskritischen Instanz erwarb: die "Gruppe ´47", zu der die meisten jungen Schriftstellerinnen und Schriftsteller kamen, die sich bald einen bekannten Namen machten.
  • Von der "Kahlschlag"- oder "Trümmerliteratur" der frühen Nachkriegsjahre, in der durch die schonungslose Reinigung der Inhalte und der Sprache ein Neuanfang gesucht wurde, waren die tonangebenden Angehörigen dieses Kreises zu einem Stil des "magischen Realismus" übergegangen, in dem sich die konkrete Vergangenheit und Gegenwart in die Beschreibung zeitloser Nöte der menschlichen Existenz verwandelte; die besten jener Texte präsentierten sich in sprachlich brillianter Form, etwa bei Günter Eich, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Karl Krolow.
  • Einer der bedeutendsten Vertreter der "Gruppe ´47", Heinrich Böll, plädierte allerdings schon bald für eine Besinnung auf realistisches Schreiben. Seine zahlreichen Romane, vor allem die "Ansichten eines Clowns" (1963), thematisierten die sozialen und geistigen Mißstände der westdeutschen Gesellschaft. Martin Walser, der 1955 den seit 1950 jährlich verliehenen Preis der Gruppe 47 erhielt, beschrieb in seinen erfolgreichen Romanen "Ehen in Philippsburg" (1957) und "Halbzeit" (1960) das aus seiner Sicht beklemmende Innenleben der kleinbürgerlichen Familie.
  • Das politische Leben der Bundesrepublik stand nur selten im Zentrum der Gegenwartsliteratur. Das heute als meisterhafter Schlüsselroman über die Bonner politische Szene geltende "Treibhaus" (1953) von Wolfgang Koeppen (Teil einer Roman-Trilogie) bildete eine der raren Ausnahmen.
  • Als Anschluß an die Weltliteratur wurde der Erstlingsroman "Die Blechtrommel" (1959) des jungen Günter Grass (Jahrgang 1927) gerühmt, in dessen Zentrum die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit stand. Um 1960 waren Anzeichen einer zunehmenden Politisierung der literarischen Avantgarde bemerkbar, etwa in der Hinwendung zu einer "Literatur der Arbeitswelt" in der "Gruppe 61", einer Zunahme dokumentarischer Texte oder der Intervention von Schriftstellern in den Bundestagswahlkampf.

    Theater

  • Die Theaterspielpläne der fünfziger Jahre zeigten ähnliche Tendenzen wie der literarische Buchmarkt. Auf der staatlich subventionierten Kunstbühne standen Klassiker, allen voran Schiller und Shakespeare, an der Spitze der meistgespielten Autoren. Beklagt wurde der Mangel an neuen Stücken. Lediglich die beiden Schweizer Autoren Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch wurden immer wieder aufgeführt.
  • In großer Zahl, wenn auch weit weniger häufig als die Klassiker, kamen Stücke der westlichen Moderne zur Aufführung. Die Arbeiten des französischen Existenzialisten Jean-Paul Sartre galten als provokativ; großer Beliebtheit erfreuten sich die religiös-metaphysischen Botschaften von T.S. Eliot und das sogenannte "Absurde Theater" von Eugène Ionesco. Um 1960 wurden auch im Theater Tendenzen einer Politisierung bemerkbar. Der in der DDR arbeitende Bertolt Brecht (er starb 1956) wurde nun, obwohl politisch angefeindet, öfter gespielt; einige jüngere Autoren, Peter Weiss, Heinar Kipphardt und Rolf Hochhuth, beschäftigten sich mit politisch-historischen Dokumentationsstücken.
  • In der Musik - auch hier spielte der Rundfunk eine enorme Rolle - kam nach dem Zweiten Weltkrieg die Zeit der Wiedergutmachung an den zuvor verfemten Vertretern der klassischen Moderne der Zwischenkriegszeit; häufig gespielt wurden zur Untermalung kultureller Wortsendungen Stücke von Paul Hindemith oder Igor Strawinsky; auch in den Konzerthäusern kamen sie und zuweilen auch jüngere Komponisten wie Arnold Schönberg oder Hans Werner Henze zu Gehör. Aber tonangebend war auch in der "E-Musik" die Klassik - und beliebt die noch vertrauten Interpreten dieser Musik, allen voran der Dirigent Wilhelm Furtwängler. Über den Weg der zeitgenössischen Malerei kam es um 1950 zu einer erbitterten Kontroverse zwischen dem österreichischen Kunsthistoriker Hans Sedlmayr und dem deutschen Maler Willi Baumeister. Während Sedlmayr von "christlich-abendländischem" Standpunkt her die Abstraktion in der Bildenden Kunst nur als Ausdruck eines Abfalls von Gott und "Verlust der Mitte" bewerten mochte, sah Baumeister die nichtgegenständliche Malerei als allein ehrliche und zeitgemäße Auseinandersetzung mit einer chaotisch entgleisten Welt.
  • Abstrakte Kunst - wie sie auf den imponierenden Ausstellungen der Kasseler Documenta 1955 und 1959 gezeigt wurde -, schien mit westlicher Freiheit verbunden, gegenständliche Malerei hingegen wurde nun vielfach verdächtigt, gleichermaßen in der Tradition des völkisch-heroischen Stils der Nationalsozialisten und in der Nachbarschaft des "Sozialistischen Realismus" zu stehen.

    Das breite Publikum war von der Diskussion um die moderne Kunst ziemlich unberührt. Soweit überhaupt bekannt, stand Picasso für die Mehrheit als Symbol schrägen Geschmacks. Wenn man die kulturellen Vorlieben des breiten Publikums ermitteln will, muß man den Boden der Kunstbühnen, Bestsellerlisten und Konzerthäuser verlassen.

    Kultur für die "Massen"

    Nur etwa ein Drittel der westdeutschen Bevölkerung gehörte in den fünfziger Jahren zu denjenigen, die gelegentlich oder öfter ein Buch lasen. Mehr als ein Drittel der Haushalte besaß Mitte des Jahrzehnts überhaupt keine Bücher.

  • Die belletristischen Bedürfnisse wurden zu einem guten Teil von privaten Leihbüchereien mit eigens dafür produzierter Trivialliteratur und durch eine Unmenge von Heftchenromanen mit Landser-, Heimat-, Arzt-, Liebes-, Kriminal-, Wildwest- oder Science-Fiction-Thematik befriedigt. Schließlich lasen viele Bezieher von Illustrierten und Zeitungen den dort erscheinenden Fortsetzungsroman. Gegen Ende der fünfziger Jahre begann der Siegeszug von Buchgemeinschaften, denen bald jeder fünfte Haushalt angehörte.
  • Eine ganze Reihe von Wochenzeitungen erschien in den fünfziger Jahren. Immer mehr am Bonner Geschehen Interessierte kauften das neue Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Der gesamte Markt der Zeitschriften und Illustrierten expandierte, aber besonders markant war der Vormarsch der Rundfunk- und Fernsehillustrierten, welche die Ausweitung der elektronischen Medien begleiteten.
  • Auch auf dem Markt der Tageszeitungen, die regelmäßig mehr als zwei Drittel der Bevölkerung lasen, konnte in den fünfziger Jahren eine Modernisierung beobachtet werden. Zwar bildete - wie in der Zwischenkriegszeit - vor allem das Lokalblatt die Lektüre und darin wiederum an erster Stelle die lokalen Nachrichten, aber immer mehr Menschen griffen auf der Fahrt zur Arbeit zum billigen und reißerisch aufgemachten Boulevardblatt. Die Auflage der Mitte 1952 erstmals erschienenen "Bild-Zeitung" überschritt 1956 die Dreimillionen- und 1962 die Viermillionen-Grenze.
  • Zentrum der Massenkultur der fünfziger Jahre war der Rundfunk und um 1960 bereits in einem Viertel der Haushalte das Fernsehen. Die elektronischen Medien vermittelten eine Fülle von Programmen. Das Radio ersetzte die Romanlektüre durch heitere oder Kriminalhörspiele, den Besuch des Konzerts durch viele Stunden Musik, das Fernsehen ließ das Theater in der Wohnstube auftreten. Für viele Menschen aber war es gar kein Ersatz für andere kulturelle Aktivitäten, weil die elektronischen Massenmedien zum ersten Mal überhaupt mit diesen kulturellen Angeboten bekannt machten, zumal auf dem Lande.
  • In den Filmen der fünfziger Jahre - besetzt mit den vertrauten Ufa-Stars der Zeit vor 1945 und gedreht von deren Regisseuren - spiegelte sich die nach den Katastrophen besonders ausgeprägte Sehnsucht nach einer heilen und von materiellen Sorgen freien Welt. Etwa ein Viertel aller westdeutschen Uraufführungen - gehäuft am Anfang des Jahrzehnts - entfiel auf das Genre "Heimatfilm", den typischen Tagtraum des Wiederaufbaus.

    Auch in anderen Filmstoffen, besonders über den privaten Alltag populärer Monarchen - legendär die "Sissi"-Filme - wurden vorzugsweise politikferne, harmonistische und autoritäre Verhaltensmuster transportiert. Gegenüber dem "Typ Förster und Fürsten" (Hans Schwab-Felisch) hatten die wenigen "Problem"-Filme, die sich kritisch mit der Gegenwart befaßten, weit weniger Erfolg beim Publikum. Seit der Mitte der fünfziger Jahre kam auch eine ganze Reihe von Kriegsfilmen in die Kinos, die - in Maßen realistisch - das hohe Lied der Wehrmachtskameradschaft sangen.

    Anders als in den dreißiger Jahren, als zwei Drittel der gezeigten Filme aus deutscher Produktion stammten, wurden in den fünfziger Jahren etwa 40 Prozent aus Hollywood importiert, vornehmlich Kriminalfilme und Western. Nur ein Fünftel stammte aus der Bundesrepublik - darunter allerdings viele besonders kassenstarke Streifen.

  • Die kulturelle Gemengelage von Kontinuität und Modernisierung kam besonders deutlich in der Unterhaltungsmusik (U-Musik) zum Ausdruck. Alle westdeutschen Rundfunkstationen brachten in den fünfziger Jahren etwa 60 Prozent Musik- gegenüber 40 Prozent Wortanteilen. Die Musik wiederum bestand zu mehr als vier Fünfteln aus U-Musik. Hinzu kam - wie in den dreißiger Jahren - eine ganze Welle von beschwingten Schlagerfilmen und die Schallplattenindustrie, deren Verkaufszahlen 1953 wieder den Stand von 1939 erreicht hatten und dann rasch weiter stiegen. 1960 wurden mehr als 60 Millionen Schallplatten verkauft, davon 80 Prozent mit Schlagermusik.

    Auch deren Texte spiegelten - wie der Kinofilm - die Sehnsüchte der Wiederaufbaujahre: Liebe, Sehnsucht nach der Heimat, Treue und die Suche nach einer heilen Welt hinterm Horizont der Ferne. Musikalisch wurde angeknüpft an die Schlager der dreißiger und vierziger Jahre.

    Ein tiefer Bruch zwischen den Generationen tat sich seit der Mitte der fünfziger Jahre auf, als der Rock ´n´ Roll aus den USA auch nach Westdeutschland kam. An dieser Musik von Bill Haley, Elvis Presley und anderen Größen - für die Älteren bedrohlicher Lärm oder sogar Untergang des Abendlandes, für die Jüngeren Ausdruck eines neuen freiheitlichen westlichen Lebensgefühls - schieden sich die Geister und Gemüter. Die Verantwortlichen der Rundfunkstationen versuchten die neue Musik anfangs zu ignorieren. Aber die Jugendlichen verfügten über genügend Geld, um sich Schallplattenaufnahmen ihrer Stars zu kaufen.

    Ästhetik im Alltag

    Auch in den städteplanerischen Konzepten, in der Architektur, in den Möbeln und im Design der Elektrogeräte spiegelte sich das Festhalten der westdeutschen Gesellschaft an den ästhetischen Mustern der Zwischenkriegszeit, die sich dann aber zunehmend mit neuen Formen und Stilen mischten.

  • In der Stadtplanung beherrschte weiterhin die "gegliederte und aufgelockerte Stadt" die Ideenwelt der Planer, die ästhetisch mit dem Erlebnis der Stadtlandschaft verknüpft sein sollte. Die Abkehr vom Dritten Reich äußerte sich vor allem darin, daß die Planungen starrer Achsen und Aufmarschplätze in geschwungene Straßenführungen aufgelöst wurden.
  • In den fünfziger Jahren setzte sich im Massenwohnungsbau eine Art gemäßigte Moderne mit leichten regionalen Modifikationen durch: zwei- bis dreistöckige Wohnzeilen mit flachen oder giebeligen Dächern, am Ende des Jahrzehnts in neuen Stadtvierteln auch die Mischung verschiedener Geschoßhöhen mit einem Punkthochhaus als reizvoller Dominante. Damit sollte Anschluß an die internationale Moderne gewonnen werden. In den neuen Eigenheimsiedlungen ließ sich immer häufiger beobachten, daß die traditionellen Spitzgiebel dem verspielten Bungalow wichen. Repräsentative Bauten im öffentlichen Raum drückten die neugefundene "organische Moderne" mit leichten Konstruktionen unter Verwendung von viel Glas und Stahl aus. Diese auch der anfänglichen Sparsamkeit geschuldete karge Ästhetik wich im beginnenden Wohlstand zum Teil massigeren Konstruktionen unter Verwendung von viel Zement.
  • Ihre Wohnungen richteten sich die Westdeutschen am liebsten so ein, wie sie es noch von früher gewohnt waren. Das Allensbacher Institut für Demoskopie legte Mitte der fünfziger Jahre einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung die Abbildungen von vier Wohnzimmern mit unterschiedlichem Einrichtungsstil zur Auswahl vor. Das Ergebnis war eindeutig: Mehr als die Hälfte bevorzugte dasjenige mit einem wuchtigen Wohnzimmerschrank, dem Eßtisch in der Mitte, den Stühlen mit geschwungener Lehne und einem klobigen Polstersessel. Nur eine kleine Minderheit schätzte dagegen am meisten das Wohnzimmer mit den im Rückblick als typisch geltenden Insignien der fünfziger Jahre wie Nierentisch, Schalensessel und flexibler Stehlampe.

    Den stärksten Anteil an der Durchsetzung moderner Formen hatten die vielen neuen Geräte zur Rationalisierung der Hausarbeit, Staubsauger, Toaster, elektrische Mixer, ebenso wie die Kofferradios und die tragbaren Schallplattenspieler, deren Gehäuse aus "Plastik" bestanden. Die offenkundige Nützlichkeit des leichten Materials erhöhte die Akzeptanz für das moderne Design.

    Am Ende der fünfziger Jahre begann das Adjektiv "modern" zum Inbegriff für den Abschied von der Fixierung auf die "guten alten Zeiten" zu werden. Die neuen Zeiten selbst gaben nun zu immer mehr Optimismus Anlaß. "Das Moderne ist westlich", hieß es unmißverständlich in einem 1959 erstmals erscheinenden Kulturmagazin mit dem - damals modisch kleingeschriebenen - Titel "magnum. zeitschrift für das moderne leben". Politische und wirtschaftliche Westoptionen und westliche Moderne verbanden sich besonders für den jüngeren Teil der Bevölkerung am Ende der fünfziger Jahre zu einem Lebensgefühl, das mit Begriffen wie Freiheit, Lockerheit und Zivilität umschrieben werden kann.

    Axel Schildt

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