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5.4.2002

Land und Leute

Japan ist als Land weder harmonisch noch homogen. Schroffe, unbewohnte Berggebiete, zersplitterte Küsten und zerstörerische Naturkräfte, aber auch endlose Stadtwüsten brechen das Bild von einem "lieblichen" Inselreich. Es gibt große regionale Unterschiede zwischen Stadt und Land hinsichtlich Klima, Besiedlung, Industrialisierung und Lebensqualität.

Ein Vater posiert mit seinem Kind vor einem blühenden Kirschbaum. (© picture-alliance/AP)


Einleitung

Japan ist als Land weder harmonisch noch homogen. Schroffe, unbewohnte Berggebiete, zersplitterte Küsten und zerstörerische Naturkräfte, aber auch endlose Stadtwüsten brechen das Bild von einem "lieblichen" Inselreich. Es gibt große regionale Unterschiede zwischen den einzelnen Präfekturen (Gebietskörperschaften), Ost- und Westküste sowie zwischen Stadt und Land hinsichtlich Klima - bedingt durch die 2400 Kilometer lange Nord-Südausdehnung und durch die längs verlaufenden hohen Gebirgsketten -, Besiedlung, Industrialisierung und Lebensqualität.

Naturgegebenheiten

Der bogenförmig verlaufende japanische Archipel besteht aus etwa 7000 Inseln und umfaßt ein Staatsgebiet von 372706 Quadratkilometern (einschließlich der von Rußland besetzten Süd-Kurilen-Inseln 377727 Quadratkilometer), die sich fast völlig auf die vier Hauptinseln (von Nord nach Süd) Hokkaido, Honshu, Shikoku und Kyushu verteilen. Rund 60 Prozent der Fläche sind gebirgig und bewaldet, so daß für Landwirtschaft nur 13,7 Prozent, für Wohngebiete sogar nur 4,5 Prozent genutzt werden (1994). Japan ist in 47 Präfekturen untergliedert, die zwar über einige Kompetenzen verfügen, im wesentlichen aber von der Zentralregierung in Tokyo abhängig sind, nicht zuletzt deshalb, weil sie nur über geringe eigene Steuereinnahmen verfügen. Aber auch die rechtliche Position der japanischen Präfekturen ist viel schwächer als etwa die der deutschen Bundesländer (siehe dazu auch "Aufbau des politischen Systems").

Fuji-san ist der höchste Berg (3776 m) und zugleich das Wahrzeichen Japans. Der Vulkan genießt religiöse Verehrung. Alljährlich wird er von zahllosen Besuchern bestiegen. (© Japan Photo-Archiv)

Die Naturgegebenheiten, unter und mit denen ein Volk lebt, sind sicher auch an der Ausprägung eines kollektiven Bewußtseins seiner Menschen mitbeteiligt. Dies trifft umso mehr zu, wenn das Volk relativ isoliert von anderen Völkern in einem abgeschlossenen Raum lebt, wie dies bei der Inselnation Japan der Fall ist. Betrachtet man nun die natürlichen Bedingungen, die den japanischen Archipel kennzeichnen, könnte man zu dem Schluß kommen, daß das japanische Volk entweder sehr leidensfähig oder aber sehr beharrlich und anpassungsfähig sein muß, denn es wird regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht und hat sich dennoch behaupten können. Hinzu kommt, daß es auf den Inseln praktisch keine Rohstoffvorkommen gibt und zwei Drittel der Fläche gebirgig und extrem schwierig zu besiedeln oder zu bewirtschaften ist. Japan ist sowohl bei Nahrungsmitteln als auch bei Rohstoffen für Industrie und Energie von Importlieferungen abhängig. Der industrielle Erfolg, der hohe allgemeine Lebensstandard sowie kaum vorhandene soziale Spannungen zeigen, daß die japanische Bevölkerung es verstanden hat, sich mit den widrigen Naturumständen zu arrangieren. Sie haben sogar ihren höchsten Berg - den Vulkan Fuji (3776 Meter) - zum Symbol ihres Landes erkoren. Der Fuji ist einer von etwa 170 japanischen Vulkanen, von denen rund 60 als "aktive" (historisch belegte) Vulkane eingestuft werden. Trotz moderner Vorhersagetechnik gab es etwa beim Ausbruch des Vulkans Unzen auf der südlichen Insel Kyushu im Frühsommer 1991 43 Tote und Vermißte, 13000 Personen mußten evakuiert werden.

Verheerender als die Vulkane sind jedoch Erdbeben, die in Japan regelmäßig zu spüren sind: Die Ursache hierfür ist, daß unter dem japanischen Archipel gleich drei Erdplatten zusammenstoßen: die Eurasische, die Philippinische und die Pazifische Platte. Die Verschiebungen der Platten bauen ständig Spannungen auf, die sich früher oder später entladen. Von den 7500 Beben, die die Seismographen pro Jahr in Japan registrieren, sind etwa 1500 auch für Menschen fühlbar.

Erdbebengefahren

Die Bauweise ist seit jeher auf die ständige Bebengefahr eingestellt: Die traditionellen Holzhäuser sollen bei einem Erdstoß die Schwingungen flexibler abfangen als starre Steingebäude. Außerdem haben die meisten Häuser nur ein oder zwei Stockwerke, was zwar angesichts der knappen Wohnflächen keine sehr effiziente Nutzung ist, dafür aber sicherer, weil es das Risiko eines Einsturzes verringert oder zumindest die dabei entstehenden potentiellen Schäden mindert. Inzwischen wurden Sicherungstechniken entwickelt und in Bauvorschriften festgeschrieben, die durch Stahlrahmenkonstruktionen und -verankerungen auch Hochhäuser gegen Erdbeben resistent machen sollen. Ebenso schlimm wie die Erschütterungen selbst wirken auf Mensch und Gebäude die Feuersbrünste, die nach einem Beben entstehen. Gas- und Stromleitungen bersten und führen an zahlreichen Stellen zugleich zu Bränden, die in dem Durcheinander der vom Beben zerstörten Region nur schwer unter Kontrolle gebracht werden können.

Eine Katastrophe trat ein, als am 17. Januar 1995 um 5 Uhr und 46 Minuten ein Erdbeben der Stärke 7,2 auf der nach oben offenen Richterskala die Kansai-Region (Osaka/Kyoto/Kobe) erschütterte. Das Epizentrum lag 20 Kilometer vor der Küste Honshus auf der Höhe der 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt Kobe, unter der Südspitze der kleinen Insel Awajishima. Das Hauptbeben dauerte nur 20 Sekunden, doch 500 kleinere Nachbeben folgten, so daß die Angst vor einem weiteren, stärkeren Beben noch einige Tage anhielt. Es handelte sich bei dem Kansai-Erdbeben um eine sogenannte "Seitenverschiebung" - eine außerordentlich seltene Art von Beben. Durch eine verhängnisvolle Kombination aus horizontalen und vertikalen Bodenbewegungen übertraf die Zerstörung das Ausmaß, das bei einem Beben vergleichbarer Stärke zu erwarten gewesen wäre. Bei dem Erdbeben kamen in der gesamten Kansai-Region 5502 Menschen ums Leben, weitere 36929 Personen wurden verletzt. Insgesamt wurden 208150 Gebäude zerstört, 314169 Menschen mußten in Notunterkünften untergebracht werden.

Das Erdbeben zeigte, daß man technisch weder in der Lage ist, Erdbeben zuverlässig vorherzusagen, noch die Auswirkungen annähernd auszuschalten. Es machte auch deutlich, daß man in Japan längst nicht so vorbildlich auf den Katastrophenfall vorbereitet ist, wie angenommen worden war. Beide Erkenntnisse führten - neben den Personen- und materiellen Schäden - zu Erschütterungen der Technikgläubigkeit und des Vertrauens in die Kompetenz der Behörden.

Außerdem belebte das Erdbeben von Kobe erneut den Alptraum eines "Megabebens" in Tokyo. Ein starkes Beben in diesem Ballungszentrum, in dem fast 30 Millionen Menschen leben, würde nicht nur schätzungsweise mindestens 150000 Menschenleben kosten, sondern die gesamte japanische Wirtschaft und Regierung lahmlegen.

Die unausgewogene Bevölkerungsverteilung in Japan und die extreme Konzentration auf wenige Zentren, unter denen Tokyo mit Abstand das bedeutendste ist, erhöhen ein derartiges Risiko ins Unermeßliche. Die Bevölkerungsdichte ist mit 331 Personen pro Quadratkilometer um die Hälfte höher als in Deutschland (227), wobei dieser Durchschnittswert die tatsächliche Ballung noch nicht wiedergibt, denn in der Realität drängen sich die 125 Millionen Einwohner (1996) auf nur einem Fünftel der Landesfläche zusammen. In den Metropolen Kanto (Tokyo, Yokohama) und Kansai (Osaka, Kyoto, Kobe) leben daher auf einem Quadratkilometer mehr als 2000 Menschen.

Unterschiede zwischen Stadt und Land

Statt eine gleichmäßigere Besiedlung anzustreben, arrangieren sich die Menschen mit den schwierigen Bedingungen in den Ballungszentren. Die Nachteile der Enge werden offensichtlich angesichts der Vorteile, die die Städte etwa bei Beschäftigungsmöglichkeiten sowie Bildungs- und Konsumangeboten bieten, in Kauf genommen. Dort sind Grund und Boden knapp und die Preise entsprechend hoch, so daß Wohnhäuser klein sind und dicht aneinander gebaut werden. Pro Kopf stehen in Japan 30,6 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung (1991), im Vergleich dazu sind es in Deutschland 39 Quadratmeter (1987) und in den USA 50 Quadratmeter (1991). Obendrein kostet ein Eigenheim in Tokyo 12,9 Jahreseinkommen (1994), in New York nur 2,9. Die sehr begrenzte Grundfläche wird im Inneren der Häuser durch multifunktionale Räume relativ "vergrößert".

In diesem Kontext der künstlichen Vergrößerung der Fläche ist auch die gezielte Landgewinnung durch Aufschüttung zu erwähnen, die vor allem in den seichten Buchten (darunter die Bucht von Tokyo) durchgeführt wird. Dieses künstliche Land ist inzwischen auf fast 1000 Quadratkilometer angewachsen und ein wichtiger Bestandteil der Stadtentwicklungspolitik. Allerdings bestehen unterschiedliche Ansichten darüber, ob das Aufschüttungsland erdbebenresistent ist. Der neue internationale Flughafen von Osaka/Kobe überstand das Kobe-Beben ohne größere Schäden.

Die starke Urbanisierung konzentriert sich fast ausschließlich auf die naturbegünstigte pazifische "Vorderseite", die dem chinesischen Festland zugewandte westliche "Rückseite" mit ihrem härteren Klima ist nur dünn mit kleineren Städten und Dörfern bebaut. Diese in Japan üblichen Bezeichnungen kennzeichnen die unterschiedliche Charakterisierung der Küstenstreifen. Der große Mittelteil des Landes ist wegen seiner Gebirge nahezu unbewohnt. Die westlichen Küstenstreifen sind von terrassenförmig angelegten Reisfeldern geprägt.

Der Reisanbau hat das japanische Volk ebenso entscheidend geprägt wie die tektonischen Merkmale. Seit 2000 Jahren wird in Japan Reis angebaut, der durch ausreichend Wasser und passende klimatische Bedingungen in weiten Teilen des Landes begünstigt wird. Auch wenn in Japan immer weniger Reis konsumiert wird, die einheimische Landwirtschaft nur noch eine geringe Rolle in der Volkswirtschaft spielt und seit langem die Versorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleisten kann, so hat Reis doch kaum etwas von seinem Symbolwert als Inbegriff sowohl der japanischen Ernährung als auch der Landwirtschaft verloren. Nicht zuletzt deshalb wehrte sich Japan lange gegen Reisimporte, die es seit 1995 im Rahmen des GATT-Abkommens (GATT: General Agreement on Tariffs and Trade, Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) jedoch akzeptieren muß.

Der Reisanbau gilt als Wurzel der japanischen Gruppenorientierung, die wiederum eng mit dem Begriff Dorf und Dorfgemeinschaft verbunden ist. Für die Bewässerung der Terrassenfelder war eine ständige Absprache mit den Feldnachbarn notwendig. Die Dorfgemeinschaften waren Schicksalsgemeinschaften, die darauf angewiesen waren, in Katastrophenfällen - etwa bei Unwetter oder Erdbeben - zusammenzuhalten. Die Notwendigkeit zur Kooperation ging jedoch über die naturbedingten gegenseitigen Abhängigkeiten hinaus: Die Dorfgemeinschaften waren als Einheit steuerpflichtig und wurden auch kollektiv für die Vergehen einzelner Mitglieder haftbar gemacht. Es waren daher ständig Absprachen notwendig, um zu gemeinsamen Entscheidungen zu kommen, deren Umsetzung von jedem Kompromißbereitschaft und Rücksichtnahme erforderte. Das Wohlergehen des Einzelnen hing also letztlich vom Wohl der Gruppe ab, und eben diese Einsicht findet sich grundsätzlich noch heute in anderen Gemeinschaften, sei es in der Familie, Nachbarschaft oder Firma. Auch die in der Stadt lebenden Japanerinnen und Japaner fühlen sich mit ihrem ursprünglichen Herkunftsort eng verbunden und kehren an Festtagen regelmäßig in diese Heimat zurück.

Friederike Bosse

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