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9.5.2014

Völkermord

Kriege senken die Hemmschwelle für Gewaltaktionen gegen missliebige oder als feindlich eingestufte Bevölkerungs- gruppen und ebnen den Weg zu "ethnischen Säuberungen". Der Zweite Weltkrieg ist eine wichtige Voraussetzung für die Radikalisierung der NS-Führung, die sehr bald dazu entschlossen ist, alle europäischen Juden zu ermorden.

Mit Beginn des Krieges münden die Bestrebungen, "die Judenfrage zu lösen", in Deportationen in die von den Deutschen besetzten Gebiete im Osten. Hanauer Bürger, die zur Kennzeichnung auf ihrer Kleidung den "Judenstern" tragen müssen, besteigen 1942 unter polizeilicher Bewachung einen Zug nach Theresienstadt. (© akg-images)


Ein Jahrhundert der Gewalt, so wird das 20. gemeinhin bezeichnet. Zu dieser Zuschreibung kam es nicht nur aufgrund des Sterbens auf den Schlachtfeldern, sondern vor allem wegen der Völkermorde: dem Genozid an den Juden, aber auch dem Völkermord im Osmanischen Reich 1915/16, in Kambodscha 1975-1978 und in Ruanda 1994, um hier nur die bekanntesten zu nennen.

Massenmorde sind gewiss keine Besonderheit des 20. Jahrhunderts, man denke nur an die Ausrottungsfeldzüge der Assyrer (im 9. und 7. Jahrhundert v. Christus im heutigen Nahen Osten) oder die Massenmorde der Kreuzfahrer im Mittelalter. In der Moderne veränderten sich gleichwohl der Charakter und der Rahmen der Gewalt grundlegend. Einerseits führten neue Technologien, bürokratische Rationalität, massenmediale Propaganda und radikale Ideologien zu komplexen Planungs- und Organisationsprozessen, die es zuvor nicht gegeben hatte. Völkermorde – nun meist staatliche Verbrechen – erreichten auch deshalb eine neue quantitative Dimension. Andererseits gab es seit dem 19. Jahrhundert den Versuch, Massengewalt durch verbindliche Rechtsnormen einzugrenzen. Über den Erfolg kann man streiten, gleichwohl veränderte sich dadurch zumindest die Bewertung von Verbrechen. Massenmorde galten nunmehr als elementare Verstöße gegen die internationale Rechtsordnung.

Um den neuen Charakter der Massengewalt zu beschreiben, prägte der Jurist und Friedensforscher Raphael Lemkin 1944 den Begriff "Genozid", den er aus dem griechischen Wort génos (griech. für "Geschlecht") und dem lateinischen caedere (töten) zusammensetzte. Er bezog sich dabei vor allem auf die Ermordung der europäischen Juden. Allerdings konnte sich die Forschung bislang nicht darauf einigen, was unter einem "Genozid" genau zu verstehen ist. Auch die UN-Konvention von 1948 "on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide" lieferte keinen brauchbaren analytischen Begriff, da es sich bei der ihr zugrundeliegenden Definition um einen politisch motivierten Kompromiss der Großmächte handelte, der etwa bestimmte Formen kolonialer Gewalt oder die Massenmorde in der Sowjetunion bewusst ausklammerte. Die Exzesse der Gewalt sind selbst im 20. Jahrhundert so unterschiedlich, dass es wenig sinnvoll erscheint, sie unter einem Begriff zu subsumieren. Man denke etwa an die Niederschlagung des Herero-Aufstandes 1904/05 im damaligen Deutsch-Südwestafrika, die Kollektivierung der ukrainischen Bauern 1929-33, die Massenexekutionen von Republikanern durch die Anhänger General Francos im spanischen Bürgerkrieg (1936-39), die "killing fields" der Roten Khmer in Kambodscha (1975-78) oder die Ermordung von 800 000 Menschen, überwiegend Tutsi, in Ruanda 1994. Jenseits der Fragen um Begriffe und Vergleiche geht es im Folgenden um die Analyse von zwei Phänomenen der Massengewalt, denen im Zeitalter der Weltkriege eine besondere Bedeutung zukommt.

Die Vertreibung und Ermordung der Armenier



Bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es im Osmanischen Reich zu gewaltsamen Spannungen zwischen den muslimischen Türken und den christlichen Armeniern, die vor allem in Ostanatolien an der Grenze zu Russland und Persien siedelten. Seit dem Berliner Kongress 1878 war die "Armenische Frage" ein Thema auch auf der Bühne der internationalen Politik. Nachdem 1894/96 und 1909 rund 200 000 Armenier in Pogromen ermordet worden waren, erzwangen die Großmächte unter Führung Russlands schließlich ein Reformprogramm, das den Armeniern eine begrenzte Autonomie im Osten des Osmanischen Reiches gewähren sollte.

Der Erste Weltkrieg stoppte diese Pläne und führte dann zur entscheidenden Radikalisierung der türkischen Armenierpolitik. Sie wurde bestimmt von den Jungtürken, einer nationalistisch-reformistischen Gruppierung, die zwischen 1908 und 1918 die führende politische Kraft im Osmanischen Staat war. Das nationalistische Motiv, die Vorherrschaft der Türken in dem osmanischen Vielvölkerstaat mit allen Mitteln durchzusetzen, verband sich mit der aus der Kriegssituation geborenen Auffassung, dass die an der Grenze zu Russland siedelnden Armenier ein Sicherheitsrisiko seien. Dies war insofern nicht ganz falsch, als diese nach mehr Autonomie strebten, im Zuge der türkisch-russischen Grenzkämpfe 1914/15 in der Tat mit dem Zarenreich sympathisierten und in wenigen Fällen auch die Truppen des Zaren unterstützt hatten. In Konstantinopel wurden bereits kurz nach dem Eintritt des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg am 5. November 1914 die armenischen Staatsbediensteten entlassen. Nachdem die türkischen Offensiven unter hohen Verlusten abgewehrt waren und russische Einheiten ihrerseits in den äußersten Osten des Osmanischen Reiches vordrangen, rebellierten armenische Deserteure, deren Widerstand brutal niedergeschlagen wurde.

Dies war ein willkommener Vorwand, um die in der jungtürkischen Führung lange Zeit vorgedachte ethnische Säuberung Ostanatoliens umzusetzen. In der Nacht vom 24./25. April 1915 begann eine Verhaftungswelle, die zunächst armenische Intellektuelle in Konstantinopel betraf. Einen Monat später wurde die Deportation der Armenier aus ihren seit Jahrhunderten angestammten Siedlungsgebieten in die syrische Wüste angeordnet. Hunderttausende starben entweder auf den Märschen oder aber in gezielten Massakern vor Ort, denen vor allem die Männer zum Opfer fielen.

Die wichtigsten Kollaborateure des jungtürkischen Regimes, das von 1913 bis 1918 diktatorisch herrschte, waren die örtlichen kurdischen Stämme. Religiöse Motive standen dabei wohl nicht im Vordergrund, sondern eine Mischung aus Befehlen, Aussicht auf Beute und Straffreiheit bei der Ausübung von jedweden Grausamkeiten. Die Intention Konstantinopels war es, die Armenier zu dezimieren, aber wohl nicht, sie vollständig auszulöschen, so wie es Hitler mit den europäischen Juden vorhatte. Von offizieller türkischer Seite wird der Genozid bis heute bestritten. Die Deportationen werden mit der militärischen Notwendigkeit begründet, eine staatsfeindliche Bevölkerungsgruppe aus dem Frontgebiet zu evakuieren. Die Opferzahl wird mit 150 000 angegeben. Schätzungen westlicher Wissenschaftler gehen von bis zu 1,5 Millionen Toten aus.

Ein Brief und eine Reaktion

Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Wolff-Metternich) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)



Holocaust



Als Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte, war der Antisemitismus in Deutschland weit verbreitet. Gleichwohl lag für die allermeisten Deutschen "Auschwitz" außerhalb des Vorstellbaren. Doch wie konnte es trotzdem zum Judenmord kommen? Von entscheidender Bedeutung ist, dass dem Genozid ein mehrjähriger Diskriminierungsprozess vorausging, der sich immer mehr radikalisierte, bevor er im zweiten Kriegsjahr in den Massenmord mündete. Die Ausgrenzung der jüdischen Deutschen aus der Gesellschaft, ihr Ausschluss aus der nationalsozialistisch definierten "Volksgemeinschaft", stieß zweifellos auf die Zustimmung einer großen Mehrheit der nicht jüdischen Deutschen. Verfolgung und Ausgrenzung mündeten in eine neue Normalität der Diskriminierung, die gelegentlich zwar auch kritisiert wurde, aber doch nicht zu einer aktiven Auflehnung führte.

Wortbedeutung

Ursprünglich ist "holocaust" ein religiöser Begriff und bedeutet "Brandopfer". In den griechischen bzw. lateinischen Texten wurde für ein solches Brandopfer das Wort "holocau(s)tos" bzw. "holocaustum" verwendet. Bei den Übertragungen ins Englische hieß es dann "holocaust". Daneben findet sich bereits in der frühen Neuzeit in der englischen Literatur eine gewandelte Bedeutung von "holocaust", und zwar im Sinne der Vernichtung einer Vielzahl von Menschen oder großer Sachwerte durch Feuer. "Holocaust" war im Englischen also lange vor den Mordtaten des NS-Regimes ein Begriff, mit dem eine Massenvernichtung menschlichen Lebens begrifflich gefasst wurde, beispielsweise im Zusammenhang mit kriegerischen Handlungen oder als Synonym für "Massaker".

Diskriminierung und Auswanderungsdruck

Der NS-Staat verfolgte mit seiner Politik zunächst das Ziel, die Juden zur Auswanderung zu bewegen. Insbesondere nach der Pogromnacht vom 9. November 1938, in der 276 Synagogen niedergebrannt, 7500 Geschäfte verwüstet und mindestens 91 Juden ermordet wurden, verließen Zehntausende Deutschland, bis Kriegsausbruch etwa 250 000. Nach der Ausschaltung der Oppositionsparteien und ihrer Untergrundorganisationen nahmen die Juden schließlich den prominentesten Platz unter den vom NS-Regime angefeindeten Gruppen ein. Zudem: Ein Kommunist oder Sozialdemokrat hatte die Chance, bei politischem Wohlverhalten seinen Platz in der NS-Volksgemeinschaft zu finden. Ein jüdischer Deutscher hatte diese Möglichkeit nicht. Als Angehöriger einer vermeintlich "jüdischen Rasse" wurde er unabhängig von seinem persönlichen Verhalten als "Volksfeind" angesehen. So musste auch der Versuch einzelner national gesinnter Juden scheitern, sich den neuen Verhältnissen anzupassen.

Verfolgung

Die Radikalisierung der antisemitischen Politik bedeutete indes zunächst noch nicht, dass die Juden insgesamt umgebracht werden sollten. Bis September 1939 waren im Deutschen Reich 2000 bis 3000 Juden ermordet worden – neben etwa 5000 anderen Gegnern des Regimes, vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten. In den Konzentrationslagern saßen bei Kriegsbeginn 21 400 Häftlinge ein, unter ihnen 1500 Juden (Zahlen nach der Historikerin Kim Wünschmann, Mitglied der Martin Buber Gesellschaft Jerusalem). Deutschland hatte 1939 im europäischen Vergleich die schärfste antijüdische Politik. Gesellschaftliche Diskriminierungen gab es zwar auch anderswo, vor allem in Italien, Rumänien und Ungarn. Nirgendwo wurden die Juden aber so umfassend entrechtet und massenhaft zur Auswanderung gezwungen wie in Deutschland.

Deportation und Mordaktionen

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs öffnete ein neues Kapitel in der Judenverfolgung. Polen hatte die weltweit größte jüdische Gemeinde. In dem von Deutschland besetzten Teil lebten allein 1,8 Millionen. Die "Lösung" der "Judenfrage" wurde aus Sicht des NS-Regimes nun umso dringender, weil die Auswanderung im Krieg kaum mehr möglich war. Bereits in den ersten Tagen des deutschen Angriffs auf Polen fielen Juden Mordaktionen der neu gebildeten SS-Einsatzgruppen und der Wehrmacht zum Opfer. Bis Ende des Jahres wurden rund 7000 jüdische Polen ermordet.

Rastlos begannen nun Planungen innerhalb der SS, wie unter den neuen Rahmenbedingungen "die Judenfrage gelöst" werden könnte. In Polen wurden von den deutschen Besatzern in einigen Städten Gettos errichtet und Menschen auf engstem Raum und unter erbärmlichen Bedingungen zusammengepfercht. Dies hatte einerseits den Sinn, die jüdische von der nicht jüdischen Bevölkerung zu trennen. Andererseits wollte man so die Ausnutzung ihrer Arbeitskraft erleichtern und möglichst wenige Ressourcen zur Ernährung für die polnischen Juden aufbringen. Die Ideen, ein Reservat in Zentralpolen oder auf Madagaskar einzurichten, scheiterten bereits im Ansatz. Der Tod eines Großteils der Deportierten war in diesen Überlegungen einkalkuliert. Obgleich die Stufe zum Massenmord also noch nicht überschritten war, markieren die Gettoisierung und die Reservatspläne im Vergleich zur Vorkriegszeit doch eine erhebliche Radikalisierung. Der Genozid wurde nun immer häufiger als eine der Möglichkeiten zur "Endlösung" genannt.

Gespräche deutscher Soldaten über den Holocaust

CSDIC (UK), GRGG 221
Organisierter Massenmord

Mit dem Angriff auf die Sowjetunion vollzog die Führungsspitze des "Dritten Reiches" schließlich die Wendung hin zur Ermordung der Juden im eigenen Machtbereich. Wann der Entschluss zur systematischen Ermordung aller Juden konkret gefasst wurde, ist in der Forschung nach wie vor umstritten. Die Interpretationen beziehen sich auf einen Zeitraum von Juli 1941 bis Frühjahr 1942. Unstrittig und vielfach beschrieben ist hingegen der prozesshafte Charakter von den ersten Massakern an jüdischen Bewohnern Litauens und Weißrusslands, über die Ermordung jüdischer Männer bis hin zur Tötung von Frauen und Kindern. Opfer der Mordaktionen wurden ab Oktober 1941 auch die noch in Deutschland verbliebenen Juden.

Die Auswanderung von Juden wurde am 23. Oktober 1941 für die Dauer des Krieges verboten. Der Entschluss zur vollständigen Ermordung der europäischen Juden war damit wohl endgültig gefallen. Jetzt ging es um Fragen der praktischen Durchführung, weshalb Reinhard Heydrich auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 die Staatssekretäre der Reichsministerien über die angelaufene "Endlösung" informierte. Im Frühjahr 1942 war ein Netz von Vernichtungslagern aufgebaut worden, in denen die Insassen mit Kohlenmonoxid und Zyklon B getötet wurden. Bis dahin hatten die Einsatzgruppen mit Massenerschießungen rund 900 000 Juden in der Sowjetunion ermordet – unter Mithilfe lettischer, litauischer und ukrainischer Milizen. Insgesamt wurden 5,6 bis 6,3 Millionen Juden umgebracht – die genaue Zahl lässt sich nicht feststellen. Drei Millionen stammten davon aus Polen, eine Million aus der Sowjetunion, 165 000 aus Deutschland.

Abgehörtes Gespräch zweier deutscher Offiziere in einem US-Gefangenenlager, 29. Dezember 1944

Oberstleutnant Helmut Richter (Jahrgang 1898):

Haltung der deutschen Bevölkerungsmehrheit

Nach dem Krieg ist der Holocaust – der Begriff wurde in Deutschland durch die gleichnamige US-Fernsehserie aus dem Jahr 1979 eingeführt – von der deutschen Bevölkerung verdrängt worden. Das Wissen um dieses unfassbare Verbrechen wurde immer wieder geleugnet. Die Entrechtung der jüdischen Deutschen vor 1939 fand gleichwohl in aller Öffentlichkeit statt, ihr Ausschluss aus der "Volksgemeinschaft" wurde zweifellos von einer großen Mehrheit der Deutschen gebilligt. Zudem nutzten Hunderttausende die Möglichkeit, sich an dem zurückgelassenen Hab und Gut zu bereichern, billig Grund und Boden von jüdischen Auswanderern zu erwerben oder auch deren Arbeitsstellen zu übernehmen.

Auch die Deportationen nach Polen und in die Sowjetunion blieben nicht verborgen, da sie teilweise bei hellichtem Tage stattfanden. Und selbst jene, die keine Augenzeugen waren, mussten bemerken, dass ihre jüdischen Nachbarn nach und nach verschwanden. Bald war es kein Geheimnis mehr, was mit den Juden im Osten geschah. Die Massenerschießungen entwickelten sich teilweise zu regelrechten Attraktionen für deutsche Soldaten, Verwaltungsbeamte und Männer des Reichsarbeitsdienstes, sodass die SS auf Geheimhaltung drängte, um den "Erschießungstourismus" zu beenden. Erfolgreich waren diese Maßnahmen freilich nicht. Zehntausende waren Augenzeugen von Massakern an Juden, und Berichte darüber verbreiteten sich in Windeseile nicht nur in der Wehrmacht, sondern über die Feldpostbriefe und die Urlauber auch im Reich. Selbst Soldaten, die nie an der Ostfront gewesen waren, erfuhren von Klassenkameraden oder Verwandten bald von dem grauenhaften Geschehen. Wenn es auch oft an detaillierten Kenntnissen mangelte, verdichteten sich diese schauerlichen Nachrichten zu einem eindeutigen Bild: Die Juden wurden in den Osten deportiert und dort umgebracht.

Gleichwohl hielten viele die Massaker wohl nur für Einzelfälle oder wollten Gerüchten keinen Glauben schenken. Über die Existenz der NS-Vernichtungslager in Auschwitz, Chełmno, Bełz˙ec, Majdanek, Treblinka und Sobibór wussten nur wenige Deutsche Bescheid. Das NS-Regime versuchte die Existenz der außerhalb des Reiches in den besetzten Gebieten gelegenen Todeslager strikt geheim zu halten und war damit weit erfolgreicher als mit der Verschleierung der Massenerschießungen.

"Ob die Mehrheit der Deutschen über den unterschiedslosen Massenmord informiert war oder nur eine zahlenmäßig große Minderheit, lässt sich rückblickend nicht mehr mit Sicherheit sagen", bilanziert Alexander Brakel die Forschung zu diesem Thema. Aber was sagt dies über die Haltung der Bevölkerung zur Vernichtungspolitik aus? Die Deutschen befürworteten und unterstützten aktiv die Ausgrenzung der Juden aus der Gesellschaft, sie wussten um den Massenmord. Sie taten, von ganz wenigen abgesehen, nichts, um ihn zu verhindern, auch wenn sie ihn vielfach nicht unbedingt billigten. So könnte man das komplexe Geflecht von Wissen, Akzeptanz und Passivität pointiert zusammenfassen.

"Davon habe ich nichts gewusst"

[...] ZEIT: Inwieweit machte das NS-Regime seine Mordtaten bekannt, inwieweit hielt es sie geheim?

Erinnerung und Wertung

Aus heutiger Sicht ist der Holocaust das zentrale Ereignis des Zweiten Weltkrieges. Er fand in beinahe allen kontinentaleuropäischen Ländern statt und wäre ohne die Kollaboration in den besetzten Gebieten so nicht möglich gewesen. Jenseits der deutschen Täterschaft sind die europäischen Gesellschaften also in einem komplexen Beziehungsgeflecht mit der Geschichte des Holocaust verbunden. Er nimmt damit auch einen zentralen Ort in der europäischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ein. 1995 beschloss das EU-Parlament die Einführung eines Holocaust-Gedenktages am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Er wird mittlerweile von 34 Regierungen weltweit begangen, in Deutschland als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

In der Forschung wird zuweilen das Beharren auf der Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit des Holocaust und die Forderung, dass der Begriff Genozid einzig für den Mord an den europäischen Juden verwendet werden dürfe, kritisiert. Die Shoah wird vielmehr von Wissenschaftlern wie der Hamburger Historikerin Birthe Kundrus als Genozid unter anderen gedeutet, der aber in Planung, Organisation, der Totalität des Vernichtungswillens und der Opferzahlen extreme Besonderheiten aufweise. Das spezifisch Deutsche an diesem Völkermord war vor allem die Verzahnung von radikalem Antisemitismus, totalem Krieg, Besatzungs- und Ernährungspolitik sowie großräumigen Umsiedlungsplänen mit der industriellen Tötung.

Der Genozid an den Armeniern fand abseits des geografischen Zentrums des Krieges statt und blieb auf das Osmanische Reich beschränkt. Er hat daher die Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges kaum geprägt, ganz anders als der Holocaust den Zweiten. Allerdings stand die Shoah für viele Zeitgenossen nicht im Mittelpunkt der Wahrnehmung. Den Rahmen für die kollektive Identität der Deutschen beispielsweise bildete vielmehr lange Zeit die Gewalterfahrung an der Front und in der Heimat – etwa im Bombenkrieg.

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel ist Professor für International History an der London School of Economics and Political Science (LSE). Er studierte in Mainz Geschichte, Publizistik und Politikwissenschaft, wurde dort 1994 promoviert und 1998 habilitiert. Anschließend lehrte er an den Universitäten Mainz, Karlsruhe, Bern und Saarbrücken, bevor er 2011 auf den Lehrstuhl für Modern History an der University of Glasgow berufen wurde. Seit September 2012 lehrt und forscht er an der LSE.
Einem breiteren Publikum wurde er durch sein Buch "Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft, 1942-1945" bekannt, das 2005 erschien.
Seine Forschungsschwerpunkte sind Militärgeschichte und die Geschichte der Internationalen Beziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Kontakt: s.neitzel@lse.ac.uk


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