zurück 
9.5.2014

Epilog

2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Anlass für die bpb, mit Jugendlichen aus ganz Europa über die Lehren aus diesem Krieg zu diskutieren (© Daniel Horowitz)

Am 1. Januar 2008 starb Erich Kästner in Pulheim bei Köln. Der Oberlandesgerichtsrat im Ruhestand wurde 107 Jahre alt und war der letzte deutsche Veteran des Ersten Weltkrieges. Von den 18 Millionen deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges lebten 2012 vielleicht noch 400 000. 85 Prozent der Deutschen haben das "Dritte Reich" nicht mehr erlebt. Das Zeitalter der Weltkriege gehört also nicht mehr zur Zeitgeschichte, zur Epoche der "Mitlebenden", wie eine der klassischen Definitionen lautet. Und dies hat Folgen. In den 1960er-Jahren wurde auch deshalb so heftig über die Julikrise 1914 gestritten, weil etliche der Protagonisten noch selbst in der kaiserlichen Armee gekämpft hatten, wie etwa der Freiburger Historiker Gerhard Ritter. Und die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht in den 1990er-Jahren schlug so hohe Wellen, weil sie von den Veteranen heftig angegriffen wurde. Mittlerweile sind die Debatten ruhiger, die Diskussionen sachlicher geworden. Für die heutigen Schülerinnen und Schüler gibt es wohl kaum noch einen emotionalen Bezug zum Zweiten Weltkrieg, zumal er auch aus dem unmittelbaren Familiengedächtnis nach und nach verschwindet. Das Leben der Urgroßväter berührt persönlich nur noch wenig.

Der zeitliche Abstand ist eine große Chance. Jene, die in den 1990er-Jahren geboren wurden, können abgeklärter und souveräner denn je über diese historische Epoche urteilen. Und wir alle sollten 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten und 75 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges erkennen, dass Geschichte sehr komplex ist. "Die Grundfarben der Geschichte sind nicht Schwarz und Weiß, ihr Grundmuster nicht der Kontrast eines Schachbretts; die Grundfarbe der Geschichte ist grau, in unendlichen Schattierungen." Diese Erkenntnis des Historikers Thomas Nipperdey sollten wir ernst nehmen, denn die Distanz zum Zeitalter der Weltkriege birgt auch das Risiko vorschneller und einfacher Urteile, weil uns das, was in den Jahren 1914 bis 1945 geschah, allzu rätselhaft erscheint. Rekonstruieren wir also, wie die Zeitgenossen ihre Welt wahrnahmen, versuchen wir zu begreifen, warum Menschen damals so handelten, wie sie handelten. Und erkennen wir, dass Geschichte immer auch ein Konstrukt der Gegenwart ist. Dann kann es uns gelingen, auch Schlussfolgerungen für unser eigenes Leben zu ziehen.

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel ist Professor für International History an der London School of Economics and Political Science (LSE). Er studierte in Mainz Geschichte, Publizistik und Politikwissenschaft, wurde dort 1994 promoviert und 1998 habilitiert. Anschließend lehrte er an den Universitäten Mainz, Karlsruhe, Bern und Saarbrücken, bevor er 2011 auf den Lehrstuhl für Modern History an der University of Glasgow berufen wurde. Seit September 2012 lehrt und forscht er an der LSE.
Einem breiteren Publikum wurde er durch sein Buch "Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft, 1942-1945" bekannt, das 2005 erschien.
Seine Forschungsschwerpunkte sind Militärgeschichte und die Geschichte der Internationalen Beziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Kontakt: s.neitzel@lse.ac.uk


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln