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30.3.2015

Thema im Unterricht

Die Begegnung der Jugendlichen mit Europa beginnt nicht in der Schule und findet auch nicht hauptsächlich im Unterricht statt. Die Schule hilft vielmehr, das Erlebte und Erfahrene zu hinterfragen, es sich systematisch anzueignen und eine eigene Urteilsfähigkeit und Handlungskompetenz gegenüber europäischen Themen zu entwickeln.

Europa als Alltagserfahrung

Europa gehört zur Alltagserfahrung seiner Bürgerinnen und Bürger. Dabei wird Europa eher unbewusst erlebt als tiefgründig reflektiert und diskutiert. Anknüpfungspunkte ergeben sich in unterschiedlichen Situationen und auf verschiedenen Ebenen. Dazu gehören beispielsweise: Privatleute, gesellschaftliche Organisationen, Gewerkschaften, Unternehmen sowie politische Institutionen aller Ebenen knüpfen konkrete Erwartungen an das Zusammenwachsen Europas: Diesen Erwartungen an Europa stehen im öffentlichen Diskurs immer wieder auch Ressentiments und Ängste gegenüber. Auch Politikverdrossenheit hat eine starke europäische Komponente. In den Augen vieler Bürgerinnen und Bürger steht Europa für Bürokratie, Bevormundung und Bürgerferne.
Erwartungen und Befürchtungen sind in den Köpfen von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern präsent und fordern die Schule heraus.
An die Alltagserfahrungen von Jugendlichen lässt sich in der Schule jedoch erfolgreich anknüpfen, zumal diese Europa als Idee und Perspektive trotz der häufig beklagten Bürokratie und Bürgerferne weiterhin befürworten. Gleichwohl hat die Attraktivität Europas inzwischen etwas nachgelassen (16. Shell-Jugendstudie, Bonn 2010).

Was leistet die Schule für Europa?

"Europa braucht Europäer! Damit sind Menschen gemeint, denen die Einbindung ihres Landes und ihres Lebens in die Europäische Union bewusst ist, die diese im Prinzip – bei aller Kritik an konkreten Politiken – bejahen und die bereit sind, europäische Partizipationschancen wahrzunehmen und auszubauen. Nur wenn es diese Europäer gibt, bleibt die Möglichkeit bestehen, die europäische Integration und die Chancen, die sich durch sie eröffnen, zur Gestaltung unserer Zukunft zu nutzen." (Europäische Akademie Berlin (Hg.): Die Europäische Dimension in den Lehrplänen der deutschen Bundesländer. Vergleichende Studie im Auftrag der Europäischen Kommission-Vertretung in Deutschland, Berlin 2007, Seite 12.)

Schulalltag

Europa ist nicht nur Alltag außerhalb der Schule, sondern gehört auch zum Schulalltag. Nicht selten wird bereits nach wenigen Schritten im Schulfoyer oder der Schulaula sichtbar, dass die Schule verschiedenartige Kontakte ins europäische Ausland pflegt und mit diesen werbend Besucher der Schule begrüßt. Das Zertifikat "Europaschule" wird mittlerweile in fast allen Bundesländern an besonders engagierte Schulen verliehen.
Für die Schülerinnen und Schüler erscheint Europa aber vor allem im Fachunterricht. Unmittelbare Begegnungen schaffen lebenslange Bindungen: Input und Output

Schule verarbeitet Realität und vermittelt Handlungskompetenz (Input-Output): Schulprofil/Profilschulen

Die in vielen Bundesländern geförderte Erweiterung von Schulprogrammen verschafft dem Thema Europa vermehrte Aufmerksamkeit. "Europa" eignet sich gut, zum Mittelpunkt eines umfassenden Schulprofils mit regelmäßigen Projekttagen zu werden. In diesem Rahmen empfiehlt sich die Teilnahme an europäischen Wettbewerben und an bi- oder multinationalen Projekten.
In der Sekundarstufe II eignet sich "Europa" als Rahmen, um Fächer zu neuen Schwerpunkten (Profilen) zu verbinden, wie zum Beispiel "Kultur" (L, G, BK, E/F, Mu) oder "Handlungsfeld Europa", (Ek, Sk, E/F).
Auch strukturelle Veränderungen im Schulwesen, wie der Ausbau der Ganztagsschulen, eröffnen für Schulen erweiterte Möglichkeiten: Europa-Arbeitsgemeinschaften können das Nachmittagsangebot in neuen Ganztagsschulen unterstützen.
Das Label "Europaschule" wird als Krönung einer europaorientierten Schulkultur verliehen und wirkt als dauernder pädagogischer Auftrag.


"Europa" in Bildungs- und Lehrplänen

Die Allgegenwart in gesellschaftlichem Alltag und politischer Öffentlichkeit legitimiert auch das Gewicht, das dem Thema Europa in der Schule (siehe Glossar) eingeräumt wird. Die Curricula der Kernfächer der politischen Bildung in den 16 Bundesländern spiegeln Stellenwert und Zielrichtung wider, die die Bildungspolitik dem Thema zuweist (genauer unter: Europäische Akademie Berlin (Hg.): Die Europäische Dimension in den Lehrplänen der deutschen Bundesländer, Berlin 2007).
Vor allem die Lehrpläne der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer für die Sekundarstufen I und II an allgemeinbildenden Schulen enthalten explizit europäische Themen: Kompetenzen und Lernziele

Welche Bedeutung Europa im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler haben wird, unterliegt nur begrenzt dem Gestaltungswillen von Lehrplan und Lehrkräften. Das Ausprägen einer spezifischen europäischen Identität sollte also nicht das oberste Lernziel sein. Das analytische Niveau, mit dem Europa begriffen wird, die Zusammenhänge, in denen Europa verankert wird, sowie die Bereitschaft, Europa in die eigene Lebensplanung einzubeziehen und Europa aktiv mitzugestalten, können jedoch von der Schule wirksam gefördert werden. Erreichbar ist dies durch die Vermittlung solider Kenntnisse und die Förderung einer zustimmenden Grundhaltung, die auf rationalen Argumenten beruht.

Traditioneller Schwerpunkt schulischer Bildung ist die Weitergabe des europäischen Kulturerbes. Staatliche Institutionen und Rechtsnormen repräsentieren europäische Vergangenheit und helfen die Gegenwart zu verstehen. Inspiriert durch die Aufklärung entwickelten sich trotz aller Rückschläge in Europa pluralistische Gesellschaften, die auf einem von Toleranz und Humanismus geprägten Menschenbild gründen. Die Diskussionen um eine Europäische Verfassung und die Charta der Grundrechte der Europäischen Union haben die beschriebenen Traditionen erkennbar aufgenommen.

Trotz der sprachlichen Differenzierung bildet die Literatur – ebenso wie die Musik, die Kunst und die Architektur – mit ihren Kunstformen und Stilrichtungen, aber auch der Sport, ein gemeinsames Band zwischen den Völkern Europas. Die Vermittlung dieses gemeinsamen Erbes ist vorrangige Aufgabe der Schule und wird vor allem im Sprach- und Literatur-, Politik- und Geschichtsunterricht sowie in den künstlerischen Fächern geleistet.
Die primäre und langfristig wirksamste Vermittlung "europäischer Kompetenz" erfolgt im modernen Fremdsprachenunterricht. Hier findet neben der Kulturbegegnung der Erwerb von Sprachkompetenz statt. Die Förderung des bilingualen Unterrichts sowie die Einführung von fremdsprachlichen Elementen in Grundschulen und im Vorschulbereich unterstützen diese Ziele nachdrücklich und helfen beim Aufbau "interkultureller Kompetenz".

Dimensionen einer interkulturellen Europa-Kompetenz: Umsetzung fächerübergreifender Projekte

Europa bietet Anlässe zu fachübergreifenden, handlungsorientierten Vermittlungsformen. Wegen der Akzeptanz des Themas bei Eltern und außerschulischen Partnern bieten sich auch reale Chancen, diese im Schulalltag umzusetzen.
Dies kann bei guter Absprache auch im Fachunterricht durchgeführt werden. Für methodische Großformen wie Simulationen oder Rollenspiele empfiehlt es sich jedoch, die Schule für einen oder mehrere Tage zu verlassen und eine politische Bildungsstätte oder eine Jugendherberge zu nutzen. Außerschulische Ansprechpartner und Institutionen wie Europa-Union, Europa-Häuser und Politische Akademien stellen organisatorische und fachliche Hilfen bereit. Unterrichtsmaterialien und Recherchemöglichkeiten bieten Schulbuchverlage, die Bundeszentrale sowie die Landeszentralen für politische Bildung, aber auch die europäischen Institutionen an, etwa über den zentralen Informationsdienst Europe Direct.

Europaweite Wettbewerbe geben einzelnen Klassen oder ganzen Schulen Anstöße "europäische Akzente" zu setzen. Erkundungen europäischer Institutionen oder Gespräche mit dem örtlichen Europaabgeordneten bieten sich besonders für den Sozialkundeunterricht an.

Europäische Institutionen unterstützen die Schulen mit speziellen Programmen: So fördert das Bildungsprogramm "Erasmus" den Auslandsaustausch von Studierenden, "Comenius" wendet sich an Schulen sowie an Schülerinnen und Schüler aller Stufen und unterstützt insbesondere multinationale Unterrichtsprojekte, "Leonardo" fördert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der beruflichen Aus- und Weiterbildung und "Das Programm für lebenslanges Lernen" koordiniert alle im Bildungsbereich angesiedelten Programme.
Auch durch die Programme binationaler Organisationen, wie dem Deutsch-Polnischen oder dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, werden zusätzliche Ressourcen für europäische schulische Projekte bereitgestellt.

"Projekttag Europa" und Europawoche

Im Mai jeden Jahres wird in ganz Deutschland die Europawoche begangen. In diesem Rahmen oder auch zu anderen Gelegenheiten bietet es sich an, Europathemen in Form des Projektunterrichts zu behandeln.

Das Planen und Durchführen eines "Projekttags Europa" bietet in der Vorbereitung und Durchführung die Möglichkeit, "europäische Kompetenz" praktisch zu erproben und auch zu präsentieren. So kann zum Beispiel eine Zeitung erstellt werden, die europäische Themen aus allen Jahrhunderten, Regionen und Kulturen aufgreift. Denkbar sind auch Wandausstellungen in Schulfluren bis hin zu Projektwochen zur EU, deren Ergebnisse im Rahmen einer größeren Schulveranstaltung – etwa einem "Europafest" – präsentiert werden können. Nicht selten bietet es sich an, Europaabgeordnete oder Zeitzeugen der Europäischen Entwicklung miteinzubeziehen oder in die Schule einzuladen.

Einige Organisationen helfen auch beim Ausrichten und Durchführen eines halb- bis zweitägigen Planspiels: Dabei wird beispielsweise die Aufnahme eines europäischen Landes in die EU spielerisch diskutiert und letztendlich von den mit Schülerinnen und Schülern in Rollen besetzten Gremien entschieden und nach außen hin vertreten. Stattfinden kann so ein Planspiel auch an einem außerschulischen Lernort – etwa in Kombination mit der Besichtigung einer europäischen Institution oder Sehenswürdigkeit. (Fundstellen für Simulationen über die Forschungsgruppe Jugend und Europa an der Universität München – www.fgje.de).

Rainer Kohlhaas, Ingo Kreußer

Rainer Kohlhaas

Rainer Kohlhaas war Gymnasiallehrer für Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde und von 1993 bis 2008 Fachleiter für Sozialkunde im Studienseminar für Gymnasien, Bad Kreuznach. Außerdem ist er seit 1977 als Schulbuchautor für Sozialkunde tätig und war von 1988 bis 2008 Referent im Pädagogischen Zentrum des Landes Rheinland-Pfalz (jetzt PL) für gesellschaftswissenschaftliche Fächer. Seit 1995 ist er Lehr- beauftragter für "Didaktik der Sozialkunde" an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
Kontakt: r.kohlhaas@t-online.de


Ingo Kreußer

Ingo Kreußer ist Gymnasiallehrer für Sozialkunde, Gesellschaftslehre und Deutsch und unterrichtet seit 2001 an der Georg-Forster-Gesamtschule im rheinhessischen Wörrstadt. Außerdem war er als Schulbuchautor für Sozialkunde tätig. Seit 2002 arbeitet er als Referent für gesellschaftswissenschaftliche Fächer im Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz in Bad Kreuznach.
Kontakt: ingo.kreusser@pl.rlp.de


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