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20.10.2015

Editorial

Christine Hesse (© bpb)

Die Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 bot für die Menschen in Deutschland Anlass zum Feiern: Am 3. Oktober 1990 trat die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland bei. Damit endeten über vier Jahrzehnte deutscher Zweistaatlichkeit mit jeweils eigenständigen Entwicklungswegen – ein Ende, das vor allem dem Mut der Menschen in der DDR zu verdanken war, die mit ihrer friedlichen Revolution im Herbst 1989 zunächst die bis dahin unumschränkte Herrschaft der SED zu Fall brachten und sich nach dem Fall der Mauer entschlossen auf den Weg in die deutsche Einheit machten.

Einem großen Teil der ehemaligen DDR-Bürgerinnen und -Bürger brachte der Umbruch Freiheit von Zwang und Beschränkung. Die Welt stand offen. Für andere Teile der Bevölkerung bedeutete er den Verlust vertrauter Gewissheiten, private und berufliche Erschütterungen, Einbußen oder enttäuschte Erwartungen. Die Welt brach in ein bisher geschlossenes Gemeinwesen ein und sorgte für nachhaltige Veränderungen.

Spätestens angesichts der Schwierigkeiten der tiefgreifenden Transformation in Ostdeutschland, die auf die Wiedervereinigung folgte, wich der Gefühlsüberschwang einer nüchterneren Betrachtung. Es bedurfte eines längeren Prozesses, um die Entfremdung zwischen Ost und West zu mindern.

Auch heute noch flackern periodisch Ost-West-Debatten auf, haben aber an Schärfe verloren. Überalterung und Abwanderung sind Probleme, die zwar weiterhin besonders in vielen Regionen Ostdeutschlands anzutreffen sind. Aber dennoch lässt sich feststellen, dass die Konfliktlinien in Deutschland heute nicht mehr primär entlang der alten geographisch-politischen Grenzen verlaufen.

Die Herausforderungen betreffen nicht nur den Prozess der inneren Einigung. Ost- und Westdeutsche mussten feststellen, dass auf sie und den neuen, in Freiheit geeinten, ausschließlich von Freunden umgebenen, souveränen deutschen Staat eine neue Verantwortung zugekommen ist.

Deutschland ist in der Mitte Europas eng in die Europäische Union eingebunden. Zugleich nötigen die globalen Konflikte, die nach Ende des Ost-West-Konflikts zutage traten, Deutschland zur schrittweisen Aufgabe seiner außenpolitischen Zurückhaltung in der internationalen Militär- und Sicherheitspolitik.

Die Auswirkungen der Globalisierung und die wirtschaftlichen Asymmetrien im Euroraum, die seit der Wirtschaftskrise ab 2008 Probleme aufwerfen, brachten das wohlhabende Deutschland in eine Rolle, die im Ausland wieder mit Argwohn betrachtet wurde. Von einigen Seiten wurde gar eine "neue deutsche Frage" aufgeworfen.

Dem Auftrag des Grundgesetzes, ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat zu sein, in dem die Menschenrechte geachtet sowie Sicherheit vor staatlicher Repression gewährt werden, konnte das wiedervereinigte Deutschland in den vergangenen 25 Jahren entsprechen.

Die fundamentalen neuen Herausforderungen, die sich aus der Rolle und Situation Deutschlands, aber auch aus den Migrationsprozessen des globalisierten 21. Jahrhunderts ergeben, betreffen Ost und West gemeinsam.

Christine Hesse
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