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12.2.2003

Einleitung

In der Forschung zur politischen Natur des Islam hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Nicht mehr das ideale islamische Gemeinwesen, sondern die politischen Verhältnisse in der Realität stehen im Mittelpunkt.

Eine Frau mit Kopftuch im Bundestag in Berlin (© AP)


Die These, wonach der Islam eine zutiefst politische Religion sei, die eine Säkularisierung nach europäischem Muster bislang nicht zulasse, ist in der Öffentlichkeit zwar weit verbreitet, in der Wissenschaft ist sie jedoch umstritten. Die klassische Islamwissenschaft, die ihre Forschung überwiegend auf das Studium mittelalterlicher Quellen beschränkte, unterstützte die These von der Besonderheit der islamischen Welt. Weil Mohammed gleichermaßen als Prophet und als Staatsmann gewirkt habe, sei die Theokratie, also die Gottesherrschaft, von Beginn an die ideale islamische Staatsform gewesen. An diesem Ideal hätten sich die nachfolgenden Generationen messen lassen müssen. Und weil sie diesem Anspruch nie genügen konnten, sei das islamische Reich irgendwann in sich selbst zusammengefallen.

Paradigmenwechsel in der Forschung

Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat in der Forschung zur politischen Natur des Islam ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Vor allem Sozialwissenschaftler gehen von einer neuen Fragestellung aus. Sie versuchen nicht nachzuweisen, wie das ideale islamische Gemeinwesen wohl auszusehen habe, sondern untersuchen, wie sich die politischen Verhältnisse in der Realität entwickelten. Sie betrachten nicht das Ideal, sondern die Wirklichkeit und analysieren den Zustand der islamischen Gesellschaften in ihrer jeweiligen Ausprägung, ohne zu urteilen, ob diese sich nun "islamisch" verhalten oder nicht. "Nicht die Religion ist der Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft ist der Schlüssel zum Verständnis der Religion", wie es der libanesische Soziologe Halim Barakat ausdrückte. Dass die islamische Herrschaft zwangsläufig auf eine Theokratie hinauslaufe, ist demnach ein von Menschen formulierter Anspruch, der mithin keine universelle Gültigkeit beanspruchen könne.

Die beiden unterschiedlichen Ansätze wirken sich auch auf die Beurteilung der gegenwärtigen Lage in der islamischen Welt aus. Die Anhängerschaft der klassischen Variante sieht den Westen und den Islam zwangsläufig auf Konfrontationskurs, da ihre Wertesysteme nicht zusammenpassten und beide Seiten den Rest der Welt von ihrer jeweiligen Überlegenheit überzeugen wollten. Der "Krieg gegen den Terrorismus", den die USA nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center und auf das Pentagon in Washington am 11. September 2001 ausriefen, wird von den Vertretern der klassischen Variante als Teil dieses globalen Konflikts eingeordnet.

Der bekannteste Vertreter der klassischen Variante auf westlicher Seite ist heute der amerikanische Politologe Samuel Huntington von der Harvard Universität. Sein Buch vom "Clash of Civilizations" ("Kampf der Kulturen") avancierte 1996 zum Weltbestseller und füllte nach dem 11. September erneut die Regale der Buchläden. Laut Huntington sind Islam und Demokratie unvereinbar, weil Muslime eine Trennung von Religion und Politik nicht akzeptieren könnten. Außerdem seien Muslime nicht in der Lage, anderen Religionen Toleranz entgegenzubringen; die Grundlagen des islamischen Glaubens verlangten von seinen Angehörigen, Andersgläubige notfalls mit Gewalt unter die Herrschaft des Islam zu zwingen.

Damit vertreten Wissenschaftler wie Huntington den gleichen Standpunkt wie diejenigen, die sie als die Feinde des Westens bezeichnen: die Islamisten, die Vertreter eines puristischen, konsequent politischen Verständnisses des Islam. Auch sie glauben genau definieren zu können, was islamisch ist und was nicht; auch sie halten den Islam für ein allumfassendes System, das unabhängig von Zeit und Raum Gültigkeit hat. Der zum Dogma erhobene Grundsatz, Religion und Politik gehörten im Islam zwangsläufig zusammen, stammt ebenfalls von ihnen. Die Islamisten haben es geschafft, im Westen als die eigentlichen Vertreter des Islam angesehen zu werden – obwohl sie nur eine bestimmte politische Ideologie vertreten, die zudem weniger als ein Jahrhundert alt ist.

Wie aber ist dann "der Islam" zu verstehen, wenn nicht so, wie ihn die Islamisten oder Wissenschaftler wie Huntington definieren? Bei einem Blick auf die konkrete Lebenswelt von Muslimen lässt sich feststellen, dass es den einheitlichen Islam, wie ihn die Islamisten propagieren, in der Realität nicht gibt. Vielmehr passen sich Muslime bislang meist den jeweiligen Bedingungen an, die sie vorfinden. So leben in Europa mehrere Millionen Muslime. Sie sind gegenüber den Nichtmuslimen deutlich in der Minderheit, und die staatlichen Systeme, in denen sie leben, sind keine islamischen Staaten. Muslime als Minderheit sind im klassischen islamischen Recht aber gar nicht vorgesehen. Sie sollten in einem solchen Fall entweder auf die Islamisierung der Mehrheitsgesellschaft hinarbeiten, oder, wenn sie daran scheitern, in das Dar al-Islam, das Haus des Islam, zurückkehren. Die überwiegende Mehrheit der europäischen Muslime arrangiert sich aber mit ihrer Minderheitensituation. Viele von ihnen nehmen sogar aktiv am demokratischen Leben der jeweiligen Länder teil und fühlen sich dennoch als ebenso gute Muslime wie ihre Glaubensbrüder und -schwestern in einem islamischen Land. Zwar gibt es in Europa extremistische Organisationen, die von der Weltherrschaft des Islam träumen mögen. Ihre Anhängerschaft ist aber vergleichsweise gering. Laut einer Umfrage des Zentrums für Türkeistudien in Essen fühlen sich jedenfalls 70 Prozent der türkischen Muslime in Deutschland zuhause.

Die Welt des Islam

Der Islam ist, so die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer, "überspitzt ausgedrückt, weitgehend das, was Muslime an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit als islamisch definieren und praktizieren". Es gibt aber dennoch im Islam allgemeingültige Regelungen, die die Muslime weltweit verbinden. Doch diese beziehen sich meist auf grundlegende kultische Handlungen wie das Fasten, Beten oder die Pilgerfahrt nach Mekka. Dass der Islam dennoch als eine zutiefst politische Religion betrachtet wird, in der es keine Trennung zwischen Weltlichem und Religiösem geben könne, hat etwas mit der Entstehungsgeschichte dieser Religion zu tun.

Fünf Säulen des Islam

Die grundlegenden religiösen Pflichten der Muslime sind als die Fünf Säulen bekannt.
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