zurück 
4.8.2009

Stellung in der modernen Gesellschaft

Der seit 1919 gehegte, aber in der Weimarer Republik nie verwirklichte Plan zur Bildung einer evangelischen Nationalkirche wurde 1933 völlig diskreditiert, als die Nationalsozialisten die Wahlen zu einer ersten Nationalsynode nutzten, um die Landeskirchen weitgehend gleichzuschalten.

Eine Pastorin bereitet mit einem Helfer das Abendmahl für rund 80.000 Besucher des Abschlussgottesdientes des Evangelischen Kirchentages 2007 in Köln vor. (© ddp/AP)


Institutionelle Grundlagen

Evangelische Landeskirchen: Der seit 1919 gehegte, aber in der Weimarer Republik nie verwirklichte Plan zur Bildung einer evangelischen Nationalkirche wurde 1933 völlig diskreditiert, als die Nationalsozialisten die Wahlen zu einer ersten Nationalsynode nutzten, um die Landeskirchen weitgehend gleichzuschalten. Der Plan wurde danach nicht wieder aufgenommen. Stattdessen knüpfte man nach 1945 wieder an das alte landeskirchliche System an, das nunmehr durch einen Zusammenschluss auf nationaler Ebene, die "Evangelische Kirche in Deutschland" (EKD) überwölbt wurde, der in seinem Selbstverständnis bis heute nicht endgültig geklärt ist. Die EKD wird von einem Rat unter einem Ratspräsidenten (derzeit, bis Oktober 2009, Prof. Dr. Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) im Zusammenwirken mit einer einmal jährlich tagenden Synode geleitet. Damit wurde die konfessionelle und territoriale Zersplitterung der derzeit 22 evangelischen Landeskirchen nicht überwunden.

Die Evangelische Kirche in Deutschland - EKD

Die staatskirchenrechtlichen Entwicklungen in der DDR hatten 1969 unter dem Druck der Verhältnisse zur Gründung des "Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR" (BEK) und somit zur faktischen Abspaltung der Kirchen auf dem Territorium der DDR von der EKD geführt. Nach der Wiedervereinigung löste sich der BEK 1991 auf, und die alten Verhältnisse wurden wiederhergestellt. Freilich hatten die Bemühungen um Entkirchlichung im real existierenden Sozialismus in der Bevölkerung der DDR tiefe Spuren hinterlassen, die immer noch nachwirken.

In neuerer Zeit sind in den evangelischen Kirchen zunehmende Anzeichen dafür zu entdecken, dass man sich auf theologischer wie auf administrativer Ebene auf Gemeinsamkeiten besinnt. Schon seit den 1960er Jahren hatte es Bemühungen gegeben, in Lehrfragen zwischen den evangelischen Kirchen lutherischer und reformierter Tradition Übereinstimmung zu erzielen (etwa in der so genannten Arnoldshainer Konferenz). Parallel dazu verpflichtete sich eine große Zahl insbesondere lutherischer und reformierter Kirchen aus ganz Europa im Jahr 1973 in Leuenberg bei Basel zur gegenseitigen Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft (so genannte Leuenberger Konkordie). Daraus entstand die "Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa" mit derzeit 105 Kirchen. Die lehrmäßigen Differenzen zwischen den Kirchen der Reformation dürfen seither als weitgehend überwunden gelten.

Diese Rückbesinnung auf die reformatorischen Grundlagen bei gleichzeitiger theologischer Weiterarbeit, aber auch zunehmende finanzielle Probleme und andere Gründe haben schließlich im Jahr 2003 zur Entstehung der "Union evangelischer Kirchen" (UEK) innerhalb der EKD geführt. Ihre Grundordnung basiert auf einem gemeinsamen Verständnis des Evangeliums und der Sakramente von Taufe und Abendmahl, weshalb sich die UEK - unbeschadet der fortdauernden kirchlichen Selbstständigkeit ihrer Mitglieder - als Kirche versteht und eine weitergehende Einheit der EKD anstrebt.

Ob diese gelingen wird ist derzeit noch offen, nicht zuletzt deshalb, weil die verwirrende Zahl von Zusammenschlüssen auf unterschiedlichen Ebenen eine Kirchenbürokratie hervorgebracht hat, die ein erhebliches Beharrungsvermögen aufweist. Der vom Rat der EKD im Sommer 2006 durch das Impulspapier "Kirche der Freiheit" angestoßene Reformprozess "Kirche im Aufbruch" könnte zunächst zu einer Konzentration der Zahl der Landeskirchen führen. So fordert das Impulspapier, es solle im Jahr 2030 statt derzeit 22 Landeskirchen nur noch acht bis zwölf geben, "die an den Grenzen der großen Bundesländer orientiert sind und jeweils nicht weniger als eine Million Kirchenmitglieder haben".

Katholische Kirche: Auf katholischer Seite steht der Fülle der evangelischen Kirchen ein weitgehend zentralistisches System gegenüber: Die 27 deutschen Bistümer sind in sieben Kirchenprovinzen gegliedert mit den Erzdiözesen Bamberg, Berlin, Freiburg, Hamburg, Köln, München und Freising sowie Paderborn. Ihre Struktur ist durch den weltweit gültigen Codex Iuris Canonici (CIC) von 1983 geordnet.

Die Katholische Kirche in Deutschland

Als nationales Gremium fungiert die Deutsche Bischofskonferenz, die laut Statut "zum Studium und zur Förderung gemeinsamer pastoraler Aufgaben, zu gegenseitiger Beratung, zur notwendigen Koordinierung der kirchlichen Arbeit und zum gemeinsamen Erlass von Entscheidungen sowie zur Pflege der Verbindung zu anderen Bischofskonferenzen" dient. Sie wird durch einen Vorsitzenden (derzeit Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Freiburg) geleitet.

Da die ostdeutschen Bischöfe nach dem Mauerbau nicht mehr an der Bischofskonferenz teilnehmen konnten, gab es in der DDR zeitweise eine separate "Berliner Ordinarienkonferenz" (seit 1976 "Berliner Bischofskonferenz"). 1990 vereinigten sich beide Gremien wieder.

Die Spannungen zwischen nationalkirchlichen und ultramontanen (das heißt nach Rom ausgerichteten) Tendenzen innerhalb des deutschen Katholizismus, die vor allem im 19. Jahrhundert die Beziehungen zu den deutschen Staaten erheblich belasteten, sind zwar nicht völlig verschwunden, aber doch deutlich abgeklungen. Gleichwohl muss man sich klar machen, dass die katholische Kirche seit jeher in viel stärkerem Maße global denkt als der Protestantismus und insofern die Lage im deutschen Katholizismus oft durch Entwicklungen beeinflusst wird, die außerhalb der Landesgrenze ihren Ursprung haben. So wächst der Katholizismus in anderen Weltteilen, während er in Europa zurückgeht. Dies kann nicht ohne Auswirkungen auf die Politik der Kurie bleiben. Die Diskussionen über die Möglichkeit der Wahl eines afrikanischen Papstes beim letzten Konklave sind hierfür ein Beispiel.

Auch das II. Vatikanische Konzil (1962-1965) reagierte auf globale Entwicklungen. Seine Einsichten und Ergebnisse hatten Auswirkungen auf die gesamte katholische Christenheit und sorgen seither auch unter den Katholiken Deutschlands für Diskussionsstoff. In den Beschlüssen dieses Konzils wurde eine deutliche, so bisher nicht dagewesene Öffnung der katholischen Kirche zur Welt und zu den Chancen und Herausforderungen der modernen Zeit vollzogen. Diese Aufbruchstimmung wurde indessen noch während der Amtszeit Papst Pauls VI. (1963-1978) durch weithin als konservativ empfundene Maßnahmen gedämpft, ein Trend, der sich unter Pauls Nachfolgern Johannes Paul II. (1978-2005) und Benedikt XVI. (seit 2005) noch verstärkte.

Holpriger Weg - die Verbesserung des katholisch-jüdischen Verhältnisses

Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Holocaust leitete die Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil [...] ab 1962 grundlegende Reformen ein, die das christlich-jüdische Verhältnis neu definierten [...]. Innerhalb dieses Konzils wurde im Oktober 1965 auch die Erklärung "Nostra Aetate" ("In unserer Zeit") verabschiedet, die das Verhältnis der Kirche zu den nicht christlichen Religionen in einer "fast totalen Kehrtwendung" - so umschrieb es später Kardinal Karl Lehmann - neu fasste. So sprach die Erklärung die Juden vom Vorwurf des Jesusmordes frei, insofern als es hieß, "obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen". Dieser Vorwurf - für Jesu Tod verantwortlich zu sein - war oft der Grund und die Rechtfertigung für jahrhundertelange, auch durch die Kirche induzierte Judenverfolgung, Inquisition und Pogrome gewesen. Auch dürfe "man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern". Schließlich heißt es: "Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben." [...]
Im ökumenischen Dialog mit dem Luthertum hatte es im Jahre 1999 - trotz erheblicher Proteste vor allem von Seiten evangelischer Theologieprofessoren - durch die Unterzeichnung der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung" zwischen Lutherischem Weltbund und katholischer Kirche einen wichtigen Schritt zur Überwindung der seit der Reformation strittigen dogmatischen Fragen gegeben. Seither sind aber die offiziellen ökumenischen Kontakte zwischen den Protestanten und Rom deutlich abgekühlt, nicht zuletzt auch deshalb, weil die katholische Seite auf ihrer Auffassung beharrt, die Kirchen der Reformation könnten nicht "Kirchen" genannt werden, da sie "die apostolische Sukzession im Weihesakrament" nicht besäßen und ihnen deshalb "ein wesentliches konstitutives Element des Kircheseins" fehle (so in dem Schreiben der Glaubenskongregation "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche" vom 29. Juni 2007). Die Lehre von der apostolischen Sukzession in ihrer römischen Form, das heißt unter Anerkennung der Vorrangstellung des Papstes als Nachfolger des Apostels Simon Petrus, aufgrund derer der Papst die höchste Lehrautorität in dogmatischen Fragen beansprucht, ist den Protestanten schlechterdings unannehmbar.

Diese Vorbehalte aus Rom konnten auf nationaler Ebene durch die guten Kontakte zwischen EKD und Bischofskonferenz teilweise abgemildert werden, belasten aber die ökumenischen Beziehungen bis hinunter auf Gemeindeebene schwer.

Sonstige Kirchen: Die nicht landeskirchlich organisierten Gemeinschaften fasst man häufig unter dem (irreführenden) Begriff der "Freikirchen" zusammen. Zu ihnen zählen diejenigen Kirchen, die direkt oder indirekt aus dem so genannten linken Flügel der Reformation hervorgegangen sind, indem sie über die ethischen und kirchlichen Forderungen der Lutheraner und Calvinisten hinausgingen (zum Beispiel Mennoniten, Baptisten), ferner die Abspaltungen von Rom wie die Alt-Katholische Kirche oder von den Landeskirchen wie die Selbstständige Evangelisch-Lutherische Kirche und schließlich die Pfingstkirchen.

Die im Einzelnen sehr unterschiedlichen Freikirchen sind oft durch eine Haltung gekennzeichnet, die die Bibel im Wortsinn als unbezweifelbar ansieht und der historisch-kritischen Bibelforschung, wie sie an theologischen Fakultäten betrieben wird, distanziert gegenübersteht. Einige Kirchen wie etwa die Mennoniten sind einem strengen Pazifismus verpflichtet und lehnen zum Beispiel den Dienst an der Waffe ab; viele praktizieren eine Erwachsenentaufe. In Gruppen wie den Pfingstkirchen wird eine ausgeprägte Jesusfrömmigkeit gepflegt, die charismatische Züge trägt. So kann sich etwa in der öffentlichen Gebetsansprache eines Gemeindemitglieds die Gegenwart des Heiligen Geistes offenbaren (Zungenreden). Einige Gruppierungen lehnen die Evolutionslehre zugunsten des biblischen Schöpfungsberichts ab und pflegen ein konservatives Ehe- und Familienbild (Enthaltsamkeit vor der Ehe; Ablehnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften). Es gibt dabei zahlreiche Überschneidungen zu evangelikalen Gruppierungen innerhalb der Landeskirchen wie etwa dem Liebenzeller Gemeinschaftsverband. Die evangelikalen Christen sind im Verband der Deutschen Evangelischen Allianz organisiert.

Insgesamt spielen die Freikirchen in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle. Dies ist insbesondere für die aus den USA stammenden Pfingstkirchen bemerkenswert, die sich in anderen Regionen wie Lateinamerika, aber auch in Teilen Asiens und Afrikas derzeit teilweise explosionsartig entwickeln.

Rechtliche Rahmenbedingungen: Dass dies in Deutschland anders ist, dürfte auch mit der geordneten Beziehung von Staat und Kirche zu tun haben, von der beide Seiten profitieren. Dieses Verhältnis wurde und wird durch das Staatskirchenrecht geregelt. Dazu zählen zum einen das Grundgesetz und zum anderen die Staatskirchenverträge.

Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte das Grundgesetz unmittelbar an die Weimarer Verfassung an. Es garantiert in Art. 4 die Glaubens- und Gewissensfreiheit und eine ungestörte Religionsausübung. Dementsprechend darf niemand wegen seines Glaubens oder seiner religiösen Anschauungen benachteiligt, aber auch nicht bevorzugt werden (Art. 3 [1]; Art. 33 [3]). Die bereits erwähnten Bestimmungen der Art. 136-139 und 141 der Weimarer Verfassung wurden wörtlich in Art. 140 des Grundgesetzes übernommen. Art. 7 bestimmt den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen und räumt den Eltern das Recht ein, über die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen. Der Unterricht ist "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften" zu erteilen. Art. 7 [4] ermöglicht auch die Einrichtung von kirchlichen Schulen, freilich unter der Aufsicht des Staates.

Daneben gibt es für jedes einzelne Bundesland Verträge zwischen dem Staat und den Kirchen, die meist den Bestand der theologischen Fakultäten und die Religionslehrerausbildung an staatlichen Schulen regeln.

Einfluss gesellschaftlicher Entwicklungen

Charakteristische Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus

Entkirchlichung: Während die rechtlichen Rahmenbedingungen derzeit (noch) relativ stabil sind, hat sich in den Kirchen in den letzten Jahrzehnten fast unbemerkt ein erheblicher Wandel vollzogen.

So sind die Kirchen durch den kontinuierlichen Mitgliederschwund in den letzten Jahrzehnten weiter geschwächt worden. Dieser Prozess der Entkirchlichung, dessen Wurzeln weit zurückreichen (siehe S. 6 f.), wurde durch die Wiedervereinigung erheblich beschleunigt. So gibt es ein massives Gefälle in der Kirchenzugehörigkeit zwischen West- und Ostdeutschland. Abgesehen von diesen regionalen Unterschieden ist die traditionelle Kirchlichkeit in ländlichen Gegenden stabiler als in den sich schneller wandelnden urbanen Ballungszentren. Schließlich gibt es ein Altersgefälle: Die kirchliche Bindung ist bei älteren Menschen deutlich höher als bei Jugendlichen.

Doch auch abgesehen von dem formalen Merkmal der Kirchenzugehörigkeit vollzieht sich innerhalb der Kirchen ein massiver Wandel. So zeigen religionssoziologische Untersuchungen, dass die Zugehörigkeit zu einer Kirche keineswegs mit einer entsprechenden Glaubenspraxis konform geht. Der Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann-Stiftung etwa hat ermittelt, dass nur 18 bzw. 32 Prozent der Bevölkerung in den alten Bundesländern ihren Glauben öffentlich bzw. privat in hohem Maße praktizieren. In den neuen Bundesländern pflegt sogar nur jeder Zehnte ein intensives religiöses Leben.

Dem entspricht der in den letzten Jahrzehnten stetig gesunkene Gottesdienstbesuch. Er liegt in der katholischen Kirche derzeit bei 13,7 Prozent. Bei den Protestanten ist die Kirchenbindung noch schwächer ausgeprägt: Hier nehmen nur noch 3,7 Prozent der Kirchenmitglieder an einem durchschnittlichen Sonntagsgottesdienst teil. (Das sind Sonntag für Sonntag in beiden Großkirchen allerdings immer noch 4,5 Millionen Menschen.)

Die abnehmende Kirchenbindung zeigt sich auch bei der Frage nach der Häufigkeit des Kirchenbesuchs: 61 Prozent der Bundesbürgerinnen und -bürger nehmen nie oder selten am Gottesdienst teil.

Erkennbar wird dies schließlich an der schwindenden Bedeutung der großen Laientreffen in den beiden Kirchen, dem Deutschen Evangelischen Kirchentag und dem Katholikentag (jeweils alle zwei Jahre im Wechsel). Die hohen Teilnehmerzahlen der 1980er Jahre (noch ohne Besucher aus der ehemaligen DDR, wo es notgedrungen eigene Versammlungen gab) wurden in den letzten Jahren nicht mehr erreicht.

Neue religiöse Alternativen: Die Gründe hierfür sind vielfältig und können hier nur angedeutet werden:

Neuere religionssoziologische Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die Frömmigkeits- und Glaubenspraxis der Deutschen stark individualisiert hat. Dementsprechend sind die Erwartungen an die Kirchen außerordentlich verschiedenartig. Die Fachwelt spricht mittlerweile - unter Übernahme von Erkenntnissen aus der sozialwissenschaftlichen Forschung - von unterschiedlichen, meist sechs bis zehn religiösen Milieus oder Lebensstiltypen, die unter anderem vom Alter, Geschlecht, dem Bildungsstand, dem Freizeitverhalten, der Wert- und Normorientierung sowie weiteren Parametern abhängen.

Das Gefälle in der Kirchenzugehörigkeit zwischen alten und neuen Bundesländern ist eine Folge der systematischen Agitation des SED-Regimes gegen jede Form von Religion, die sich als erstaunlich effektiv erwiesen hat.

Religiöse Alternativangebote haben erheblich an Anziehungskraft gewonnen: Alle diese Entwicklungen haben zur Folge, dass den Kirchen eine massive religiöse Konkurrenz entstanden ist, mit der umzugehen sie sich mitunter schwer tun. Eine Zeitlang glaubten sie, von dem Trend zur wachsenden Präsenz des Religiösen im öffentlichen Raum profitieren zu können. Vor allem im Gefolge der letzten Papstwahl und des katholischen Weltjugendtages in Köln im Jahr 2005 sprachen auch evangelische Kirchenführer von einer "Wiederkehr der Religion" oder - noch unschärfer - "des Religiösen", die auch den Kirchen zugute kommen werde. Selbst die alternative "tageszeitung" (TAZ) titelte am 19. August 2005 in ironischer Begeisterung: "Wenn Gott das noch erlebt hätte" und fragte in der Unterzeile: "Ist der Wohlstands- und Gleichgültigkeits-Atheismus in Deutschland bedroht?".

Mittlerweile ist die Euphorie der Erkenntnis gewichen, dass die Kirchen als Institutionen von dieser Renaissance kaum profitieren können. Denn dieses "neue" Interesse an der Religion kümmert sich wenig um organisierte Formen von Frömmigkeit und die gedankliche Durchdringung von Glaubensinhalten, sondern ist überwiegend individualistisch und unintellektuell ausgerichtet. Man könnte von einer diffundierenden Religiosität sprechen, die in der Forschung gerne als "Patchwork-Religion" bezeichnet wird. In welchem Maße sie gesellschaftlich und politisch wirksam wird, ist außerordentlich schwer zu sagen und auch noch nicht hinreichend erforscht.

Die Veränderungen lassen sich an der neuen Konjunktur des Begriffs Religion und der damit verbundenen Disziplin der Religionswissenschaft ablesen. Während bis in die 1980er Jahre hinein "Religion" in der öffentlichen Diskussion eher ein Randdasein führte, ist er mittlerweile zum Leitbegriff in der Beschreibung der Begegnung des Menschen mit dem Göttlichen avanciert.

Dementsprechend hat die Disziplin der Religionswissenschaft an den Universitäten eine neue Konjunktur. Ursprünglich eine Unterdisziplin der (evangelischen) Theologie hat sie sich von dieser nahezu allerorten auch institutionell emanzipiert und wird kaum noch an den theologischen Fakultäten, sondern überwiegend an den philosophischen, kultur- oder gesellschaftswissenschaftlichen Fakultäten oder Fachbereichen betrieben.

Veränderte öffentliche Wahrnehmung: Die Veränderung der Religiosität hin zur "Patchwork-Religion" hat nun auch eine deutliche Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung der Kirchen zur Folge. Es besteht seit jeher eine Spannung zwischen der Beteiligung der Kirchen an öffentlichen Gremien und Entscheidungsprozessen wie etwa innerhalb der Rundfunk- und Fernsehräte (siehe S. 16) - analog zu anderen Verbänden und Interessengruppen - und ihrer öffentlichen Wahrnehmung als Wegweiser in ethischen Fragen. Diese Spannung löst sich zunehmend zu Ersterem hin auf. Doch verliert die Kirche damit ein zentrales Alleinstellungsmerkmal: Im Konzert der Interessen wird sie als ein "Verein" neben anderen gesehen und dementsprechend wie andere Lobbyisten behandelt. Dies wird besonders deutlich an der mangelnden Rücksichtnahme auf die Erfordernisse des Kommunions- und Konfirmandenunterrichts sowie auf die sonntäglichen Gottesdienstzeiten: Es fällt den Kirchen immer schwerer, den hierfür notwendigen Freiraum gegenüber Schulen, Sportvereinen und Musikunterricht zu behaupten. Dies gelingt vor allem dort, wo der lokale Geistliche als Begleiter in Übergangs-, Grenz- und Krisensituationen von Menschen, aber auch als Stimme innerhalb des öffentlichen Lebens einer Stadt oder Gemeinde Ansehen genießt. Dem Beruf des Pfarrers bringt die Bevölkerung unverändert großen Respekt entgegen: Einer Umfrage des Allensbach-Instituts von 2008 zufolge belegen Geistliche unverändert Platz 2 der Berufe, die eine hohe gesellschaftliche Anerkennung genießen (allerdings mit deutlichem Abstand hinter den Ärzten und nur knapp vor den Hochschulprofessoren).

Die Kirchen als Institutionen können hingegen fast nur noch in Ausnahmefällen, vor allem in Krisenzeiten, moralische Autorität beanspruchen. In einer neuen Forsa-Umfrage für den "Stern" vom 5. Februar 2009 steht die katholische Kirche unter den Institutionen, denen die Deutschen "großes Vertrauen" entgegenbringen, nur auf Platz 13, während die evangelische Kirche hier überhaupt nicht erscheint.

Dessen ungeachtet versuchen die Kirchen weiterhin, durch öffentliche Stellungnahmen soziale und ökonomische Probleme anzusprechen, jedoch mit schwindender Akzeptanz: Während die EKD durch ihre Denkschriften und die Bischofskonferenz mit ihren Hirtenschreiben und Erklärungen früher gesellschaftliche Debatten anregen oder die Diskussion in schwierigen ethischen Fragen maßgeblich beeinflussen konnten, werden diese Texte, die ein konzentriertes und geduldiges Lesen und Mitdenken erfordern, heute allenfalls in den überregionalen Tages- und Wochenzeitungen noch ausführlicher gewürdigt.

Es gibt somit eine Diskrepanz zwischen der personalen Präsenz der Kirchen vor Ort durch den Pfarrer und der Wahrnehmung von Kirchenführern als Repräsentanten der Institution Kirche. Gerade bei jüngeren Menschen genießen die Kirchen wenig Ansehen: So ermittelte die Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2006, dass fast die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von zwölf bis 25 Jahren wenig Vertrauen zu den Kirchen hatte. 65 Prozent der Deutschen dieses Alters meinten gar, die Kirche habe keine Antworten auf die Fragen, die sie wirklich bewegen. Dem entsprach die Erkenntnis, dass etwa die Hälfte der jungen Deutschen dem Glauben an Gott wenig oder keine Wichtigkeit beimaß.

Immer seltener traut man den Kirchen also die Kompetenz zur ethischen Wegweisung zu. Immer häufiger hingegen werden sie samt ihren Repräsentanten als Kuriositäten eingepasst in die mediale Vermarktungsmaschinerie. So erschien Papst Benedikt XVI. im April 2007 auf dem Cover des Gesellschaftsmagazins "Vanity Fair" mit der Schlagzeile "Ein Popstar wird 80", und das Männermagazin "Esquire" wählte ihn wenig später seiner roten Schuhe wegen gar zum "Accessorizer of the Year", was den "Osservatore Romano" zu der Feststellung veranlasste: "Der Papst trägt nicht Prada, sondern Christus."

Doch wäre es zu kurz gegriffen, würde man die Kirchen zum Auslaufmodell oder zur musealen Antiquität erklären. Solche Prognosen hat die Religionskritik seit der Aufklärung immer wieder abgegeben, und immer wieder haben sich die Kirchen in ihrer Geschichte institutionell als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen.

In der aktuellen Lage reagieren sie durch Ausweitung ihrer gesellschaftlichen Aktivitäten und ihres geistlichen Angebots. So gibt es politische, intellektuelle, kulturelle, soziale und - was oft übersehen wird - ökonomische Verflechtungen zwischen Kirche und Staat bzw. Gesellschaft, die es unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass die Kirchen so bald verschwinden werden. Diese Verflechtungen sollen im Folgenden knapp umrissen werden.

Innergesellschaftliche Aktionsfelder

Staat und Politik: Nach wie vor übt das Christentum einen erheblichen Einfluss auf Staat und Politik aus. Natürlich versuchen die Kirchen, den noch vorhandenen Einfluss zu sichern und zu mehren. Dies geschieht in Staat und Politik auf vielen Ebenen, durch öffentliche Stellungnahmen und Verlautbarungen ebenso wie durch stille Einflussnahme, etwa durch den "Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union" (derzeit: Prälat Dr. Bernhard Felmberg) oder durch den Leiter des "Katholischen Büros in Berlin" (derzeit: Prälat Karl Jüsten), die kirchlichen Lobbyisten im Bundestag.

Wirtschaft: Auch im Bereich der Ökonomie ist der Einfluss des Christentums erheblich. Über Deutschland hinaus sind die Kirchen mit ihren großen Hilfswerken wie "Brot für die Welt" und "Misereor" tätig, um weltweit Not zu lindern und es unterprivilegierten und benachteiligten Menschen zu ermöglichen, am Produktionsprozess teilzunehmen und ihren Lebensunterhalt auf diese Weise nachhaltig zu sichern.

Brot für die Welt

[...]. Die Debatte, wie politisch "Brot für die Welt" sein darf, hat die Arbeit des Hilfswerks von Anfang an begleitet. Und diesen Anfang markierte eine Zigarrenkiste. Ende der fünfziger Jahre wollten die Christen der Welt etwas von dem zurückgeben, was sie selbst nach dem Krieg so reichlich erhalten hatten: Hilfe in der Not. "Für die Hungernden" schrieb Lothar Kreyssig, Mitglied der Bekennenden Kirche und später Gründer von "Aktion Sühnezeichen", auf eine Zigarrenkiste, die er im kirchlichen Amt in Berlin aufstellte. Dort war man sich schnell einig - hier eine Initiative und da eine Aktion, das führt zu nichts. Als im April 1959 die katholische Bischofskonferenz unter dem Motto "Misereor" zu einem Fastenopfer gegen Armut, Hunger und Krankheit in der sogenannten Dritten Welt aufrief, drängte Christian Berg, damals Generalsekretär des Evangelischen Hilfswerks und Direktor der Ökumenischen Abteilung des Diakonischen Werkes, auf eine gleichgerichtete Aktion der Protestanten in der nächsten Adventszeit. Als Kampagnentitel wurden die abenteuerlichsten Namen durchdacht: "Lazarus vor Europas Tür" oder "Denn sie sollen satt werden". Eines Tages im Juli 1959 kam Berg [...] in sein Barackenbüro, rief die Mitarbeiter zusammen und fragte sie: "Was haltet ihr von Brot für die Welt?"
Bildungswesen: Kirchen unterhalten eigene Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen und nehmen dadurch einen erheblichen Einfluss auf die Bildung und Ausbildung.

Auch hier eine Zahl: Die letzterhobene Statistik (Schuljahr 2002/03) weist für die Bundesrepublik 1164 katholische Schulen mit etwa 368 000 Schülerinnen und Schülern aus. Ihnen stehen derzeit 988 evangelische Schulen mit etwa 147 000 Schülerinnen und Schülern gegenüber. Dieses Schulangebot trifft vor allem in den neuen Bundesländern, in denen es durch den herrschenden Sozialismus zu einem starken Rückgang des Bildungsbürgertums kam, auf eine gesteigerte Nachfrage.

Dabei muss man sich allerdings bewusst bleiben, dass der Löwenanteil der Finanzierung nicht von den Kirchen, sondern vom Staat getragen wird. Der Trägeranteil der Kirchen bei den Kindergärten beträgt heute deutlich unter 20 Prozent. Dies wirft Fragen im Hinblick auf die Aufnahmeverfahren in diesen Einrichtungen auf: Ist es zulässig, dass in einen kirchlichen Kindergarten überwiegend oder bevorzugt Kinder der eigenen Konfession aufgenommen werden, wenn die Kosten ganz überwiegend von der Allgemeinheit getragen werden?

Demgegenüber haben die kirchlichen Akademien (15 evangelische, 24 katholische), die früher - ähnlich wie die Denkschriften und Hirtenbriefe - entscheidend zur Meinungsbildung beitrugen und öffentliche Debatten nicht selten vorantrieben, erheblich an Attraktivität verloren. Die deutlich zurückgegangene Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und deren gestiegener Altersdurchschnitt haben auf Seiten der Anbieter zu erheblicher Unsicherheit geführt. Zwar gibt es unverändert zahlreiche Veranstaltungen, in denen gesellschaftliche Strömungen oder Probleme thematisiert und theologisch bearbeitet und geistliche Hilfestellungen gegeben werden. Aber viele Einrichtungen reagieren auf die veränderten Rahmenbedingungen auch mit einer Tendenz zur "Entkirchlichung" und "Enttheologisierung" ihres Tagungsprogramms zugunsten von Esoterik- und Wellness-Kursen. Doch begeben sie sich damit nicht selten in einen Teufelskreis, da ihr Angebot sich nur noch graduell von dem der Volkshochschulen unterscheidet. Am Ende steht oftmals die Schließung von Einrichtungen.

Medien: Schließlich sind die Kirchen auch in den Medien präsent. Sie üben so einen erheblichen kulturellen und intellektuellen Einfluss aus, der sich teilweise indirekt vollzieht. Diese Präsenz manifestiert sich in unterschiedlicher Weise: Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Einfluss der Kirchen in der deutschen Gesellschaft immer noch erheblich ist, sich aber von Formen offener Einflussnahme zunehmend auf Formen indirekter Beeinflussung verlagert. Dies ist möglicherweise als Reflex auf die abnehmende Kirchenbindung und den Vertrauensverlust gegenüber den Kirchen als Institutionen zu deuten.

Konfliktthemen: Als Folge dieser komplexen Gemengelage im Miteinander von Kirche und Gesellschaft kommt es immer wieder auch zu teilweise heftig ausgetragenen Konflikten. Erstaunlicherweise kein zentraler Diskussionspunkt ist derzeit in der öffentlichen Debatte die Kirchensteuer, obwohl sie von explizit freigeistigen und atheistischen Kirchengegnern wie etwa den Mitgliedern und Unterstützern der "Humanistischen Union", des "Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten e.V.", oder des "Humanistischen Verbandes Deutschland" (HVD) unverändert als das deutlichste Zeichen einer fortdauernden Verflechtung von Staat und Kirche bekämpft wird. Von einer ähnlich säkularen Weltsicht inspiriert ist der jüngste Versuch der "Giordano Bruno Stiftung", über eine Petition an Bundesrat und Bundesländer zu erreichen, dass der Feiertag "Christi Himmelfahrt" in "Evolutionstag" umbenannt wird.

Größer als zwischen dem Staat und den Kirchen sind die Konfliktfelder in der bundesdeutschen Gesellschaft derzeit im Umgang mit dem Islam. Sie betreffen etwa die Stellung und die Rechte von Frauen, die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen, den Bau von Moscheen, den Gebrauch der deutschen Sprache in Moscheen und die Frage des Tragens eines Kopftuchs als religiöses Zeichen in Schulen.

Wolfram Kinzig

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln