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19.1.2018

Gesellschaftliche Strukturen

Ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt prägen die indische Gesellschaft und verhindern, dass sich lokale Konflikte landesweit ausbreiten. Der Anteil der absolut Armen sinkt. Das Kastenwesen, Defizite in Gesundheit und Bildung sowie die Diskriminierung von Frauen und Minderheiten verursachen allerdings soziale Probleme.

Gegensätze, hier nur durch eine Bahnlinie getrennt: Mumbai, die Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra ist mit 12,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Indiens und ein wichtiges Wirtschafts- und Finanzzentrum mit luxuriösen Hotels, Theatern und Galerien. Gleichzeitig leben dort Millionen Menschen am Rande des Existenzminimums. (© AP Photo/ Rajanish Kakade)


Bevölkerung und gesellschaftliche Pluralität

Indien weist mit knapp 1,3 Milliarden Einwohnern (Stand: 2016) die höchste Einwohnerzahl weltweit nach China auf, wird Letzteres aber binnen Kurzem ein- und überholen; es verfügt über eine enorme, vergleichsweise junge und damit beschäftigungsfähige Bevölkerung. Diese potenzielle demografische Dividende (also der hohe Anteil Arbeitsfähiger an der Bevölkerung) ist gleichzeitig Segen und Fluch. Segen, weil der Reichtum an vergleichsweise billigen und jungen Arbeitskräften Indien Konkurrenzvorteile auf dem Weltmarkt verschafft und die Lasten für die Älteren tragbar macht, Fluch, weil jährlich mehr als zwölf Millionen zusätzliche Arbeitskräfte in Lohn und Brot gebracht werden sowie zuvor ausgebildet und gesundheitlich versorgt werden müssen.

Dazu kommen noch diejenigen Arbeitskräfte, die zwangsläufig die überbesetzte Landwirtschaft verlassen werden. Letztere diente lange Zeit als Auffangbecken, was sich an der vergleichsweise geringen Verstädterungsrate des Landes (nach der letzten Volkszählung 2011 nur 31 Prozent) und der mäßigen Land-Stadt-Wanderung zeigt, sie kann diese Funktion bei abnehmenden Betriebsgrößen aber kaum noch erfüllen. Die Schaffung ausreichender Arbeitsplätze ist daher zwangsläufig zu einem Kernanliegen indischer Politik geworden. Dass dies gelingt, ist nicht sichergestellt und wird durch den bislang recht geringen Umfang des warenproduzierenden Gewerbes am Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die geringe Beschäftigungsintensität der wirtschaftlichen Wachstumsbranchen nicht erleichtert.

Faktoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Indien wird nicht zu Unrecht als Staat immenser gesellschaftlicher Pluralität betrachtet. Mit Blick auf andere, auseinandergebrochene Vielvölkerstaaten stellt sich die Frage, wie diese enorme Vielfalt gebändigt oder zusammengehalten werden konnte. Erklären lässt sich dies durch das auch vor den wirtschaftlichen Reformen bestehende Wirtschaftswachstum, aber auch durch die traditionell eher geringe Einkommenskonzentration (die sich in der vergangenen Dekade allerdings deutlich erhöht hat).
Stabilisierend wirkten aber vor allem die demokratische Ordnung und die föderalen Strukturen. Man kann mit Recht sagen, dass ein Land mit der ethnischen, religiösen und sprachlichen Vielfalt sowie den vorhandenen sozialen Zerklüftungen auf Dauer nur in einem demokratischen Gemeinwesen mit gewisser Autonomie der homogeneren Teilstaaten und garantierter Rechte der Minderheiten zusammengehalten werden kann.

Zudem ist diese Vielfalt auch an sich stabilisierend: In Indien verfügt keine Ethnie, keine sprachliche oder religiöse Gruppe und auch keine Kastengruppe über landesweit dominanten Einfluss: Der Hinduismus, der Glaube von mehr als 80 Prozent der Bevölkerung, ist kein einheitliches Glaubenssystem mit festen Dogmen etwa im christlichen Sinn. Er kennt eine enorme Vielzahl, aber keine für alle verbindlichen Gottheiten. Er ist mehr eine Lebensform und dient als solche auch der Begründung und Rechtfertigung des Kastensystems. Gerade aber wegen der Spaltung der Hindus in Kasten und dem recht hohen Bevölkerungsanteil der sogenannten Kastenlosen (besser: Dalits), der Adivasi und der Muslime konnte der Hinduismus lange Zeit keine politisch einheitsstiftende Kraft entfalten. Überdies gibt es auch kein Indien übergreifendes, einheitliches Kastensystem, zudem ist die soziale Lage der Angehörigen gleicher Kasten und Kastengruppen recht unterschiedlich. Eine gesamtindische politische Mobilisierungsstrategie entlang der Kastengrenzen würde daher an enge Grenzen stoßen, was allerdings heftige, zumeist lokal ausgetragene Kastenkonflikte nicht verhindert hat.

Auch sprachliche Zerklüftungen eignen sich kaum noch als Konfliktvehikel. Jeder Unionsstaat weist zwar eine dominante enthnolinguistische Gruppe auf, diese unterscheiden sich aber nach Religion, Sekten, Kasten und einer Vielzahl sozio-ökonomischer Merkmale. Seit von Mitte der 1950er-Jahre an Unionsstaaten nach sprachlichen Grenzen neu zugeschnitten wurden, seitdem der Versuch, Englisch durch Hindi als alleinige Amtssprache zu ersetzen, faktisch aufgegeben wurde und die Examinierung der Bewerber für den Staatsdienst in den anerkannten Regionalsprachen erfolgt, hat sich die frühere Aufregung deutlich gelegt.
Heftige Klassenkonflikte wie im Europa des 19. Jahrhunderts gibt es in Indien nicht. Dies hat zu tun mit dem lange Zeit dominanten staatlichen Einfluss auf den modernen Wirtschaftssektor und der Privilegierung der staatlich beschäftigten Arbeitskräfte, der Zersplitterung der Gewerkschaften und Unternehmerverbände (nach Parteianbindung bzw. Unternehmenscharakter) und – nicht zuletzt – mit dem recht geringen Bevölkerungsanteil der Industriearbeiter.
Die dominante Berufsgruppe sind bis heute die Bauern, die sich zwar zu teils militanten Verbänden, zeitweise auch zu Protestbewegungen zusammenschlossen. Wegen ihres wahlpolitischen Gewichts konnten ihre Interessen aber von keiner Partei vernachlässigt werden. So wurden ihnen vergleichsweise attraktive staatliche Ankaufpreise für ihre Produkte und Schutz vor ausländischer Konkurrenz gewährt. Freilich konnten die Landlosen und marginalisierten Bauern für einige Zeit flächendeckend von militanten "Naxaliten" bzw. deren politischer Führung mobilisiert werden und stellten eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität dar. Diese Gefahr konnte durch ein neues Landrecht, Mittelzuweisungen an die betroffenen Landesteile und Unterdrückung der Rebellen einigermaßen gebannt werden.
In politischer Hinsicht ging von der starken gesellschaftlichen Zerklüftung Indiens und den sich überlappenden sozialen Gruppenzugehörigkeiten ein starker Zwang zum Kompromiss aus, zur Politik des föderalen und sozialen Ausgleichs und zum Schutz der Minderheiten. Genau diese Politik haben – mit Abstrichen – die lange Zeit dominante Kongresspartei und später selbst die heute regierende hindu-nationalistische BJP verfolgt.

Die Kongresspartei war zur Sicherung ihrer Herrschaft auf die Loyalität der Minderheiten angewiesen; diese wiederum bedurften in einer vergleichsweise feindlichen Umwelt der Unterstützung und Hilfe durch lokale Kongresspolitiker. Dieser wechselseitigen Abhängigkeit verdanken sich (nicht immer sonderlich erfolgreiche) Bemühungen zum Schutz der Adivasi vor Landverlust, die Reservierungsquoten für diese, die Dalits und später auch die Angehörigen niedriger Kasten sowie die Beibehaltung der familienrechtlichen Regelungen für die Muslime. Wie bereits erwähnt, beugte sich auch die hindu-nationalistische BJP diesem Zwang zum Kompromiss, die in der Regierung ab 1998 (und auch seit 2014) unerwartet rasch ihre umstrittenen Zielsetzungen (z. B. Abschaffung der relativen Autonomie Kaschmirs, Einführung eines einheitlichen Zivilrechts) aufgab, den Föderalismus stärkte sowie die Reservierungsquoten und die Sozialprogramme für die Minderprivilegierten nicht antastete. Militante Hindu-Nationalisten toben sich daher vor allem im kulturellen Bereich aus.
Man übertriebe sicher, würde man Indien als Insel des Friedens und absoluter gesellschaftlicher Stabilität kennzeichnen, dafür ist das Ausmaß lokaler Konflikte zwischen konkurrierenden Parteien, Hoch- und Niedrigkastigen, Religionsgruppen, ethnischen Gruppen, die Gewalt gegen Frauen, Unterprivilegierte und Minderheiten einfach zu virulent. Entscheidend ist aber, dass sich lokale Gewalt bislang nie in einen das ganze Land erschütternden gesellschaftlichen Konflikt umgesetzt hat, so unerfreulich auch zahlreiche Einzelprobleme waren bzw. sind.

Das muss nicht für alle Zeit so bleiben; langfristig gefährlich ist vermutlich nicht die gesellschaftliche Vielfalt als solche, sondern ihre modernisierungsbedingte Zuspitzung in Richtung weniger, aber leicht zu mobilisierender Konfliktlinien (etwa zwischen Hindus und Muslimen). Dies lässt sich bereits unter der jetzigen Regierung beobachten: Sie betreibt zum einen eine stramme Hinduisierung des Bildungswesens, indem sie Curricula umschreibt und wichtige Positionen mit hindunationalistischen Anhängern besetzt. Zum anderen setzt sie hinduistische Reinheitsvorstellungen (etwa das Verbot der Kuhschlachtung) in jenen Unionsstaaten durch, die von ihr beherrscht werden. Die Ausgrenzung der Muslime, immerhin 14 Prozent der Bevölkerung, wird dabei bewusst in Kauf genommen.


Armut und Einkommensverteilung

Bislang gängige Vorstellungen zur krassen, gleichbleibenden Armut in Indien und staatlichem Desinteresse an einer Änderung dieser Situation bedürfen deutlicher Revision. Zwar leben gegenwärtig noch ca. 200 Millionen Menschen in absoluter Armut – das heißt, sie hatten ein Pro-Kopf-Einkommen von 1,25 US-Dollar oder weniger pro Tag zur Verfügung –, jedoch ist ihr Anteil an der Bevölkerung, der 1972/73 noch 51,5 Prozent betrug, bis 2011 auf 21,9 Prozent gesunken. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird dieser Anteil bis 2030 auf unter drei Prozent sinken. Das ist ohne Zweifel ein großer Fortschritt, auch wenn man argumentieren kann, dass die indische Armutslinie etwas niedrig angesetzt ist. Auch hätte es mit der Armutsminderung durchaus schneller gehen können, wenn das Wirtschaftswachstum früher die besonders armen Bundesstaaten erreicht hätte (die aber nun zum Teil schnellere Fortschritte machen), wenn dies wiederum mit einer rascheren Schaffung neuer Arbeitsplätze und einem stärkeren Einbezug der Landwirtschaft in den wirtschaftlichen Aufschwung verbunden gewesen wäre und nicht zu einer leichten Verschlechterung der Einkommensverteilung geführt hätte.

Absolute Armut konzentriert sich auf die Bundesstaaten im Zentrum und im Osten, geht dort aber seit Kurzem schneller zurück als im indischen Durchschnitt; kaum von Armut betroffen sind Goa, Kerala und Himachal Pradesh. Die Kluft zwischen den reichen und armen Unionsstaaten hatte sich nach 1991 zunächst geweitet. Letztere wiesen ein niedrigeres Wachstum auf und konnten es auch schlechter in Armutsreduktion umsetzen. Begründen lässt sich dies unter anderem damit, dass die reichen Staaten zu Beginn der Liberalisierung bessere Startvoraussetzungen mitbrachten. Private Investitionen aus dem In- und Ausland flossen in jene Staaten, die über eine angemessene Infrastruktur, einen akzeptablen Bildungsstand und eine stabile Regierungsführung verfügten sowie Recht und Ordnung einigermaßen gewährleisteten – die also Eigenschaften aufwiesen, die durchaus veränderungsfähig sind.

Arme Bevölkerungsgruppen leben noch zu 70 Prozent auf dem Land und setzen sich dort aus Landarbeitern sowie Kleinbauern mit sehr geringen Betriebsgrößen zusammen. Landlosigkeit und Kleinstbetriebe haben seit den 1960er-Jahren wegen des Bevölkerungswachstums und einer verbreiteten Tendenz zur Realteilung ererbten Besitzes deutlich zugenommen, lange Zeit auch mangels Beschäftigungsalternativen auf dem Land. Das hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert; beigetragen dazu haben die rege Bautätigkeit in Indien, das neue ländliche Beschäftigungsprogramm, Bildungsfortschritte auf dem Land und Überweisungen der im Wesentlichen in den Golfstaaten beschäftigten Migranten an die zu Hause Gebliebenen. Absolute Armut gibt es natürlich auch in der Stadt, vor allem bei den "Selbstständigen" im Dienstleistungsgewerbe (Typus: Kleinverkäufer), die auch keinerlei staatliche soziale Absicherung genießen.

NRIs – Auslandsinder

Heute sind die USA weltweit das Land mit der größten Zahl von Auslandsindern (Non-Resident Indians oder kurz NRIs) und indischstämmigen US-Bürgern. Diese 3,1 Millionen Indian Americans (nicht zu verwechseln mit der Urbevölkerung der American Indians) bilden die ethnische Gruppe mit dem höchsten jährlichen Pro-Kopf-Einkommen (rund 100.000 Dollar), höher als das der traditionellen Elite der angelsächsischen Weißen und der chinesischen Diaspora. Sie weisen eine überdurchschnittliche Zahl von Anwälten, Richtern, Ärzten, Professoren, Managern und Unternehmern auf. Schon tauchen die ersten Politiker indischer Herkunft im amerikanischen Kongress auf, und in der Fernsehserie The Simpsons gibt es eine indische Figur namens Apu Nahasapeemapetilon. […]
Falsch ist die lange Zeit auch in Indien gehörte Behauptung, die wirtschaftliche Liberalisierung nach 1991 hätte zu stagnierender Armutsreduktion, dem Zurückbleiben der Unterprivilegierten und einer dramatischen Verschlechterung der Einkommensverteilung geführt. Die Armut ging im Gegenteil rascher als vorher zurück, alle Schichten und religiösen Gruppen haben davon nahezu gleichermaßen profitiert (am wenigsten jedoch die Adivasi). Wohlhabender sind meist immer noch die Angehörigen der religiösen Minderheiten (mit Ausnahme der Muslime), also zum Beispiel Christen, Jains, Sikhs und Buddhisten, ärmer vor allem neben den Muslimen die Dalits und insbesondere die Adivasi. Die genannten wohlhabenderen religiösen Minderheiten kommen nur auf einen sehr kleinen Bevölkerungsanteil (jeweils 1–2 Prozent) und eignen sich daher nur begrenzt für eine Neiddebatte. Problematischer ist das relative Zurückbleiben der Muslime in Bezug auf Einkommen und Bildungsstand, hier könnten sich für die Zukunft aus politischer und wirtschaftlicher Diskriminierung Zündstoff ansammeln.

Die Einkommensverteilung hat sich in Indien seit den Reformen tatsächlich verschlechtert; die Werte sind, gemessen am Konsum, jedoch immer noch im grünen Bereich, nähern sich aber beim Einkommen und vor allem beim Vermögen langsam lateinamerikanischen Werten. Der Gini-Index (Maß zur Darstellung von Ungleichheiten) beträgt beim Konsum auf dem Land etwa gleichbleibend 0,31, ist im städtischen Bereich aber mittlerweile auf 0,41 gestiegen; beim Vermögen liegt der geschätzte Index bei über 0,5. Ursächlich für die wachsende Lohnspreizung ist, dass das indische Wirtschaftswachstum vornehmlich in kapitalintensiven Branchen generiert wird und überwiegend nur qualifizierte Arbeitskräfte nachgefragt werden. Enorm ist das gar nicht leicht zu erfassende Vermögen der Superreichen gestiegen (es gibt zahlreiche indische Dollarmilliardäre), was sich vor allem an der steigenden Anzahl von Luxusimmobilien und teuren Importautos zeigt.
Unzutreffend wäre auch die Unterstellung, der indische Staat habe zur Beseitigung der Armut nichts getan und die aus dem Ausland einströmenden Mittel zur Armutsbekämpfung gänzlich zweckentfremdet. Das wäre schon am demokratischen Charakter des Staates gescheitert, also am Stimmgewicht der Armen. Bereits der Unabhängigkeitskampf war eine Massenbewegung, die Ideologie der lange Zeit dominierenden Kongresspartei war egalitär ausgerichtet, sie und andere Parteien maßen der Armutsbekämpfung hohe Priorität zu, auch wenn bei der konkreten Umsetzung der zahlreichen Programme erhebliche Defizite sichtbar wurden und diese daher nur einen insgesamt bescheidenen Beitrag zur Armutslinderung brachten. Wirtschaftlicher Fortschritt und begrenzte staatliche Umverteilung haben aber zweifelsohne zur Dämpfung gesellschaftlicher Konflikte beigetragen.

Es muss allerdings auch erwähnt werden, dass die Verringerung der absoluten Armut nicht bedeutet, alle anderen lebten nun im Wohlstand. Über ein Einkommen von zehn US-Dollar und mehr pro Tag verfügen ca. fünf Prozent der Bevölkerung; damit hält sich auch der Anteil der viel zitierten "riesigen" indischen Mittelschicht durchaus noch im Rahmen. Zu ihr werden derzeit ca. 24 Millionen Menschen gerechnet, also etwa drei Prozent der Bevölkerung. Diese Gruppe, einschließlich der Reichen, verfügt aber über 62 Prozent des privaten Gesamtvermögens und wächst rasch.

Opfer des Menschenhandels – Schicksale verschwundener Kinder

Es ist eine unfassbare Zahl: 14.671 Kinder sind zuletzt innerhalb eines Jahres verschwunden – allein im ostindischen Bundesstaat Westbengalen. Auf dem ganzen Subkontinent soll die Zahl bei fast 63.000 im Jahr 2015 gelegen haben, schätzt die Hilfsorganisation "Child Rights and You" auf Grundlage von Daten des Innenministeriums. Damit verschwinden Tag für Tag 173 Kinder in Indien. Hinter jedem einzelnen verbirgt sich ein trauriges Schicksal. Gestern noch hatten die Kinder ein Zuhause und eine Familie, heute fehlt von ihnen jede Spur, oft weil sie in die Fänge skrupelloser Menschenhändler geraten sind. Die haben nur ein Ziel: mit den geraubten Existenzen gutes Geld verdienen. […]
Mit dem steigenden Wohlstand in Indien war auch eine Verbesserung der Sozialindikatoren verbunden. Die Kindersterblichkeit ist deutlich gesunken (in Teilen Indiens auf osteuropäische Werte), die durchschnittliche Lebenserwartung auf immerhin 68 Jahre gestiegen, die Einschulungsraten liegen bei etwa 97 Prozent, dabei haben sich auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern fast eingeebnet. Ein wesentlicher Schwachpunkt der Entwicklung ist die massenhafte Unterernährung von Kindern und Frauen, bei der Indien das Schlusslicht in Südasien bleibt. Auch bei der Müttersterblichkeit erreicht Indien noch sehr hohe Werte.

Gesellschaftliche Konfliktbereiche

Das Kastenwesen

Das Kastenwesen in Indien

Bis heute ist das gesellschaftliche Leben in Indien durch das Kastenwesen geprägt. Dessen Grundlagen entstanden vor Jahrtausenden, in einer Zeit, als Nomadenvölker aus Zentralasien, die sich selbst Aryas ("Edle") nannten, in Nordindien einwanderten und dort ab etwa 1000 v. Chr. sesshaft wurden. Ihre herrschende Priesterklasse entwarf damals jene Kategorien, die heute mit dem Begriff der "Kaste" bezeichnet werden.

Das Kastensystem (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 874.581, Stand: 10/16)

Das indische Kastenwesen wird vielfach als entscheidende Entwicklungsbremse angesehen. Dem widerspricht jedoch schon die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamik Indiens während der vergangenen Jahrzehnte. Diese Dynamik, die zunehmende Verstädterung, der relative Bedeutungsverlust der Landwirtschaft, die Bildungsfortschritte auch ärmerer Bevölkerungsgruppen und ihr Gewicht bei Wahlen haben die gesamtgesellschaftliche Relevanz der Kastenordnung deutlich geschwächt. Sie beruht nicht in erster Linie auf den vier Kastengruppen (ind.: Varnas) der Priester, Krieger, Händler und Bauern, die gar keine gemeinsamen Organisationen kennen, sondern auf Tausenden von Jatis (Geburtsgruppen) mit ursprünglich gemeinsamer Zugehörigkeit durch Geburt, strikte Berufsbezogenheit, Vorschriften zur Reinerhaltung der Kaste und insbesondere Beschränkung der Partnerwahl auf Kastenzugehörige.

Diese Beschränkungen haben sich vor allem in der Stadt und im modernen Wirtschaftssektor deutlich gelockert, die Vorstellung, man könne einem niedrigkastigen Vorgesetzten in Indien den nötigen Respekt versagen, wäre völlig absurd. Dominante Kasten, selbst die Kastenhierarchie, unterscheiden sich überdies nach indischen Regionen und Bundesstaaten teilweise erheblich, sodass eine gesamtindische politische Mobilisierung nach Kastenkriterien schwer vorstellbar ist. Das heißt nun freilich nicht, dass die Angehörigen höherer Kasten im Durchschnitt nicht über höhere Bildungsabschlüsse, Landbesitz, Einkommen, Vermögen und vor allem kulturell-soziales Prestige verfügten. Das ist mit leicht abnehmender Tendenz immer noch so.

Unrichtig ist auch die Vorstellung, das Kastenwesen unterbinde jegliche gesellschaftliche Mobilität. Schon seit Langem gibt es immer wieder erfolgreiche kollektive Versuche einzelner Kasten, etwa durch den Erwerb von politischen Ämtern oder Landerwerb, die soziale Leiter emporzusteigen und die rituellen Vorschriften der Oberkastigen zu übernehmen – sich, wie es heißt, zu sanskritisieren. Die individuelle Mobilität ist durch höhere Bildung und Ausbrechen aus den tradierten Berufen der Kastengruppen deutlich gestiegen, verbleibende Benachteiligungen sind eher einkommensbezogen.
Allerdings gibt es nach wie vor kastenbezogene Diskriminierung, selbst etwa bei Einstellungen und Beförderungen in der Privatwirtschaft. Rituelle Reinheitsgebote werden heute weniger strikt beachtet, getrennte Sitzordnungen nach Kasten (etwa bei Festessen auf dem Dorf) werden seltener, Heiraten über Kastengrenzen hinweg sind noch relativ selten, nehmen aber in den wohlhabenden und gebildeten Schichten zu.
Sozial ist das Kastenwesen zwar geschwächt worden, seine politische Relevanz hat im demokratischen Prozess aber eher zugenommen. Bedeutsam hierfür waren die Reservierungen von Ausbildungsplätzen in den Hochschulen und von Stellen im öffentlichen Dienst zugunsten der Unterkastigen (scheduled castes) und der Adivasi (scheduled tribes), später der übrigen niederen Kasten (other backward castes).

Um die Bedeutung dieser Maßnahmen zu ermessen, muss man wissen, dass Arbeitsplätze im formellen Wirtschaftssektor in Indien rar und privilegiert sind, die Hälfte davon auf den staatlichen Bereich entfallen, Reservierungen also bedeutsame Startvorteile für bessere Lebenschancen verschaffen. Ein nachteiliger Effekt der als Überbrückungsmaßnahme gedachten (jedoch ständig verlängerten) Reservierungen ist bis heute, dass viele potenziell Begünstigte gar nicht über die Qualifikationen verfügen, um diese Stellen zu besetzen, vor allem nicht in den höheren Rängen. Sie haben aber einer Elite innerhalb der niederen Kasten nicht gekannte Aufstiegschancen verschafft. Im Jahr 1990 wurde unter heftigen Protesten der oberen Kasten eine Reservierung von 27,5 Prozent der Stellen im öffentlichen Dienst und der Ausbildungsplätze an den Hochschulen für die übrigen niederen Kasten angekündigt. Diese Quote wurde durch ein Urteil des Obersten Gerichts bestätigt – die Reservierungen aber auf insgesamt die Hälfte der zur Verfügung stehenden Stellen begrenzt.
Diese Reservierungspolitik ist zu einem mächtigen Mittel der Umverteilung von Lebenschancen geworden. Konsequenterweise kämpfen neuerdings einige traditionell eher nicht niedrig stehende Kasten um den Einbezug in die Liste. Die Reservierung ist in einigen Unionsstaaten mittlerweile auf die Muslime ausgedehnt worden und wird informell auch von privaten Bildungsinstitutionen und größeren Privatunternehmen praktiziert, sodass sie also fast flächendeckenden Charakter angenommen hat.

Ein zweiter Grund für die politisch eher steigende Bedeutung der Kasten ist, dass die politischen Parteien Kandidaten für die Volksvertretungen oder Führungspositionen besonders auch nach Kastenkriterien auswählen. Das hat damit zu tun, dass die Kastenzugehörigkeit ein leichtes Erkennungsmerkmal (meist schon anhand des Nachnamens) und politisches Mobilisierungsinstrument darstellt und sich nach der Wahl zur Verteilung gruppenbezogener Vorteile anbietet. Daher achten alle Parteien auf eine ausgewogene Repräsentanz nach Kasten, wenn sie nicht schlicht simple Kastenallianzen sind.
Die am stärksten unterprivilegierte Minderheit in Indien bilden die "Unberührbaren", heute üblicherweise Dalits (die "Unterdrückten") genannt, bei uns oft unsinnigerweise "Kastenlose" (unsinnig deshalb, weil man als Hindu gar nicht aus dem Kastensystem herausfallen kann). Nach dem Zensus von 2011 entfielen 16,6 Prozent der Bevölkerung auf die sogenannten scheduled castes, die sich in zahlreiche (über 1000) Unterkasten gliedern und sich deshalb nicht zwangsläufig miteinander solidarisch fühlen.

Dalits waren und sind typischerweise in der Landwirtschaft beschäftigt (als Landarbeiter, auch als Kleinbauern), wobei ihr Anteil am Landbesitz und noch mehr am Besitz von bewässertem Land unterproportional ist. Andere typische Dalit-Berufe auf dem Land und in der Stadt sind die Reinigung von Straßen, Gebäuden und Latrinen (wobei ihre Beschäftigung bei Letzterem eigentlich untersagt ist, das Verbot aber nicht umfassend durchgesetzt wird), die Ledergerbung und die Schuhmacherei. Es gibt aber auch eine größer werdende Schicht von Wohlhabenden unter den Dalits. Ihre eigene Handelskammer weist bereits über 3000 Mitgliedsmillionäre auf, der Anteil der Dalits mit Stein- statt Lehmhäusern ist beachtlich gestiegen, ihr Anteil an denjenigen, die unter der Armutsschwelle leben, ist deutlich gesunken. Dazu haben die wirtschaftlichen Reformen und die Liberalisierung, die zunehmende Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft sowie steigende Überweisungen von Dalit-Arbeitsmigranten an ihre Familien beigetragen. Die zahlreichen staatlichen Programme zu ihrer Besserstellung hatten allerdings nur begrenzte Wirkung.

Artikel 17 der indischen Verfassung erklärt die Unberührbarkeit für abgeschafft, gewaltsame Übergriffe gegenüber Dalits wurden strafrechtlicher Verfolgung unterworfen. Das milde gefasste Ausführungsgesetz ließ allerdings fünf Jahre auf sich warten und musste schon 1976 nachgebessert werden. Doch bis heute führen die Prozesse gegen gewalttätige Übergriffe auf Dalits (über 20.000 pro Jahr) in den meisten Fällen zum Freispruch der Angeklagten. Zuletzt wurde wenigstens die Anzahl mobiler Gerichte erhöht, um diese Verstöße schneller zu ahnden. Umgekehrt ist die hohe Anzahl dieser Vorfälle auch ein Zeichen dafür, dass sich Dalits nicht mehr alles gefallen lassen, worauf Oberkastige dann mit Gewalt reagieren.

Eine jahrhundertelang währende Diskriminierung einer zahlenmäßig doch recht bedeutenden Minderheit müsste unter demokratischen Vorzeichen eigentlich deren politische Mobilisierung fördern. Tatsächlich trat 1972 mit den Dalit Panthers erstmals eine militante politische Partei als Vertreterin dieser Gruppe auf, die allerdings unstrukturiert blieb, sich im Wesentlichen auf Mumbai und Umgebung beschränkte und sich nach zwei Jahren auflöste. Zwölf Jahre später wurde sie durch die wesentlich erfolgreichere Bahujan Samaj Party (BSP) abgelöst. Diese war ab 1993 mehrmals an der Landesregierung von Uttar Pradesh beteiligt und konnte nach ihrem Wahlsieg 2007 erstmals allein die Regierung bilden, wurde aber 2012 wegen schwacher Leistung abgestraft. Die erwähnten Erfolge konnte sie nur durch Aufstellung auch oberkastiger Kandidaten und durch Koalitionsbildung mit der hindu-nationalistischen BJP erringen. Entsprechend durchwachsen war ihre Regierungsführung.
Kastendenken wird in Indien mit Sicherheit nicht über Nacht verschwinden; dazu ist es kulturell zu stark verwurzelt. Es wird durch die faktische Endogamie bei der Verehelichung (also die Wahl der Partner aus der gleichen oder nahestehenden Kaste) auf Dauer gestellt. Befördert wird es auch durch die staatlich verordneten Reservierungen, die die Konkurrenz zwischen den Kasten anheizen und entsprechende politische Strategien der Parteien fördern. Reservierungen sind ein vergleichsweise preiswertes Mittel, um den Anschein sozialer Gerechtigkeit zu erzeugen; sinnvoller, aber auch kostspieliger wäre eine inklusive Sozial- und Wirtschaftspolitik. Gesellschaftlich würde eine Überwindung eine deutliche Zunahme kastenübergreifender Ehen erfordern; Anzeichen dafür sind schon zu erkennen.

Adivasi

Indien ist das Land mit der weltweit größten indigenen Bevölkerung (ca. 8,2 %). Die Adivasi (Selbstbezeichnung, dt.: erste Siedler, in Indien offiziell mit dem englischen Begriff scheduled tribes bezeichnet) bilden ca. 600 verschiedene Gruppierungen, die ihre Zugehörigkeit jeweils auf gemeinsame familiäre Abstammung zurückführen. Sie sind vermutlich die Reste der Urbevölkerung, die sich bei der indoarischen Einwanderung in die unwegsamen Berg- und Waldregionen zurückzogen. Dort konzentrieren sie sich auch heute noch hauptsächlich auf die nordöstliche Himalaya-Region und das zentralindische Berg- und Waldland. Sie besiedelten dort die Hänge, betrieben neben Sammeln und Jagen in den Wäldern Brandrodung, kannten meist kein individuelles Landeigentum und waren egalitär organisiert. Viele Stämme haben mit der Zeit ihre Muttersprache verloren, den hinduistischen oder christlichen Glauben angenommen und sich sozial differenziert. In Mischgebieten haben sie auch die gängigen landwirtschaftlichen Anbaupraktiken übernommen. Heute verdingt sich der größere Teil als Landarbeiter oder Kleinbauern.
Schon zur Kolonialzeit wurde ein großer Teil ihres Landes von Fremden in Beschlag genommen. Auf diese Praxis reagierte die Kolonialregierung viel zu spät mit speziellen Schutzgesetzen, die die Gebiete der Adivasi aus der allgemein geltenden Rechtsprechung ausnahmen und Landverkäufe verboten. Diese Regelungen wurden vielfach umgangen und im unabhängigen Indien ohne große Begeisterung übernommen.
Die zugunsten der Adivasi praktizierte positive Diskriminierung und spezielle Maßnahmen zum Schutz ihrer kulturellen Identität hatten gemischte Ergebnisse. Die Ausbildung fand entgegen den Bestimmungen häufig in der Regionalsprache statt, die den Adivasi fremd war, die Rekrutierung von Lehrern für die entlegenen Gebiete erwies sich als Problem. Die Adivasi blieben am Ende der Bildungs- und Wohlstandsskala und – am wichtigsten – die Einführung privaten Landrechts statt Gemeinschaftsbesitz führte dazu, dass Adivasi-Land in andere Hände kam.

Eine weitere wesentliche Quelle des Landverlustes ist bis heute die staatliche Entwicklungs- und Industrialisierungspolitik. In Adivasi-Gebieten wurden schwerindustrielle Komplexe angesiedelt (unter anderem das mit deutscher Hilfe erstellte Stahlwerk Rourkela), riesige Staudämme (Narmada) gebaut, Erz geschürft oder auch nur schlicht Wald zum Holz- und Bambuseinschlag verpachtet. Dies unterminierte die traditionellen Lebensgrundlagen der Stämme, deren Angehörige überdies zu Hunderttausenden im Gefolge dieser Projekte umgesiedelt wurden. Besonders verbitterte sie die staatliche Forstpolitik, die die Brandrodung und den individuellen Holzeinschlag untersagte, gleichzeitig aber Papiermühlen die preiswerte Holzverwertung gestattete.
Kein Wunder, dass diese Entwicklungen Teile der Adivasi radikalisierten; im Nordosten des Landes verstärkten sie den Zulauf zu sezessionistischen Gruppen, im Rest des Landes zusammen mit landlosen Unterkastigen den Zulauf zu den Naxaliten, gewaltbereiten Landbesetzern, die von der radikalen Communist Party of India (Marxist Leninist) organisiert wurden. Die Naxaliten liefern sich immer noch blutige Auseinandersetzungen mit privaten Armeen von Grundbesitzern sowie den Sicherheitskräften, haben aber zuletzt deutliche Rückschläge erlitten.

Guerillakampf nach Vorbild Maos – die Naxaliten

Im ländlichen Indien kann es passieren, dass Begleiter vor Rebellen warnen, die in den umliegenden Bergen und Wäldern ihr Unwesen treiben sollen. Bei diesen Rebellen handelt es sich um sogenannte Naxaliten, maoistische Aufständische.
Sehr spät hat der indische Staat auf diese Entwicklungen auch auf nicht militärischem Wege reagiert und 2006 ein neues Forstgesetz, eine neue Adivasi- und Rehabilitierungspolitik verabschiedet. Ziele dieser Initiativen waren die Rückerstattung von Land an die Adivasi durch spezielle Gerichte, die Beschränkung von Umsiedlungen und die Anerkennung ihrer traditionellen Rechte an den Produkten des Waldes. In jüngster Zeit wurden auch illegale Kohle- und Erzminen im Adivasi-Gebiet geschlossen, ebenso wurde ein von der Regierung genehmigtes, großes privates Minenprojekt einer britischen Firma nach Protesten der Adivasi gestoppt.

Situation der Frauen

Diskriminiert sind immer noch die indischen Frauen. Sie sind entgegen der biologischen Norm eine Minderheit im Lande. Nach dem Zensus von 2011 kamen auf 1000 indische Männer 943 Frauen, zehn mehr als zehn Jahre zuvor. Bei den Kindern (0–6 Jahre) hat sich das Verhältnis weiter verschlechtert (auf 1000 zu 919). Traurige Spitzenreiter beim Männerüberschuss sind die agrarisch und patriarchal geprägten Bundesstaaten im Zentrum und im Norden Indiens, wo ca. 850 Mädchen auf 1000 Jungen kommen, deutlich besser sieht es im Süden und bei den religiösen Minderheiten aus.

Was dies für die Zukunft bedeutet, kann man sich ausmalen. Es gibt schon Berichte von Raubzügen junger, nordindischer Männer zur Beschaffung von Ehefrauen. Der Männerüberschuss ist in erster Linie Folge der Tötung weiblicher Föten nach vorgeburtlicher Geschlechtsbestimmung per Ultraschall. Diese ist seit 1994 in ganz Indien untersagt bzw. nur noch in medizinischen Notfällen erlaubt, wird aber von den meisten indischen Ärzten weiterhin praktiziert. Zu Anklagen oder gar Verurteilungen kommt es selten. Gründe für die höhere Sterberate von Mädchen und Frauen sind mangelnde Ernährung und unzureichende gesundheitliche Fürsorge sowie die nach wie vor hohe Müttersterblichkeit, die wiederum auf ein sehr frühes Heiratsalter (das durchschnittliches Heiratsalter bei Frauen beträgt 19,3 Jahre und liegt bei ärmeren Schichten noch deutlich darunter), zu rasch aufeinanderfolgende Geburten und Untergewicht der Gebärenden zurückzuführen ist.

Die Diskriminierung von Frauen ist schon – wie bei etlichen anderen Religionen auch – in den geheiligten hinduistischen Schriften angelegt, wird aber durch die Praxis immer wieder bekräftigt. Indien ist noch eine von Männern dominierte Gesellschaft, in der Frauen ein untergeordneter Status zugewiesen ist. Dabei ist die physische Gewalt gegenüber Frauen, die kürzlich in spektakulären Vergewaltigungsfällen gipfelte, nur die Spitze des Eisberges. Die praktizierte Diskriminierung findet in der indischen Verfassung und in späteren Ausführungsgesetzen keine Entsprechung. Diese sehen die völlige Gleichstellung von Mann und Frau vor. Ein prominentes Ausführungsgesetz, der sogenannte Hindu Code, modernisierte das überkommene Familienrecht in Bezug auf Verehelichung, Scheidung, Adoption und Erbrecht mit dem Ziel völliger Gleichstellung. Einschlägige Institutionen zur Frauenförderung entstanden gleichzeitig. Bis zur Publizierung eines äußerst kritischen Berichts ("Towards Equality", 1974) änderte sich an der Selbstgefälligkeit über das Erreichte wenig.
Die aufsehenerregende Vergewaltigung eines Mädchens in Haft Ende der 1960er-Jahre führte zur Verschärfung der entsprechenden strafrechtlichen Bestimmungen, später zu Gesetzen, die sexuelle Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz unterbinden sollten. Im Jahr 1990 wurde zudem die Nationale Frauenkommission (NCW), der auch Anzeigen gegen Gewalt übermittelt werden können, ins Leben gerufen. Beobachter sind der Meinung, dass es sich dabei um ein schwaches, personell unterausgestattetes und nicht wirklich autonomes Organ handelt, dessen Mitglieder von der Regierung ernannt und nicht gewählt werden.
Die Wirksamkeit der erlassenen Gesetze scheitert oft an der Umsetzung auf staatlicher Ebene (so wurde das Erbrecht von 1956 nur von den südindischen Staaten durchgesetzt) oder an seiner Umgehung (etwa durch "Schenkung" des Erbes an die Brüder). Die gesetzliche Anhebung des Heiratsalters für Mädchen auf 18 Jahre und das Mitgiftverbot, das schon 1961 erlassen wurde, bleiben praktisch unbeachtet. Ein von der Regierung 2010 eingebrachtes neues Scheidungsrecht, das die Möglichkeit der Trennung von Paaren wegen Zerrüttung und die Teilung des gemeinsam erworbenen Eigentums vorsieht, wurde nach Protesten auf die lange Bank geschoben und ist immer noch nicht verabschiedet.

Die prominente Beteiligung von indischen Frauen in der Politik wird oftmals als Beweis für die fehlende Benachteiligung angeführt. Dabei wird unterschlagen, dass weibliche Abgeordnete im Parlament auch heute noch eine winzige Minderheit darstellen (unter zehn Prozent), ebenso wie Frauen in höheren Rängen der Ministerialbürokratie, die sich überdies nicht unbedingt der Frauenförderung verpflichtet fühlen. Besserungen brachten Verfassungsänderungen (1993/94) zur Dezentralisierung, die eine Frauenquote von einem Drittel für die lokalen Körperschaften festlegten. Die Ausdehnung dieser Quotierung auf das Unterhaus und die legislativen Versammlungen der Bundesstaaten wird seit Jahren von den (ländlich orientierten) Regionalparteien hintertrieben mit dem Argument, die Quotierung helfe nur den ohnedies schon privilegierten Frauen.
Die Reservierungen auf lokaler Ebene, ursprünglich oft spöttisch kommentiert, haben das Leben von Tausenden von Frauen verändert. Die gewählten weiblichen Vertreter wurden zwar anfangs oft von ihren Männern zur Kandidatur bewegt und später im Amt "ferngesteuert". Einmal im Amt, wirkte sich aber die Teilhabe von Frauen deutlich auf die Bereitstellung lokaler Dienste, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Bildung, aus sowie auf das Selbstbewusstsein der Gewählten und ihren Willen, ihren Töchtern bessere Bildung zukommen zu lassen.

Die Beteiligung am Arbeitsmarkt von Frauen in Indien
© Weltbank, India Development Update May 2017, Grafik 85, S. 56 (li.) und Grafik 97, S. 61 (re.). Datenquelle (li.:) World Development Indicators, (WDI).; Datenquellen (re.:) National Sample Survey, NSS, und Berechnungen der Weltbank. Gesamt-PDF unter http://documents.worldbank.org/curated/en/107761495798437741/pdf/115297-WP-P146674-PUBLIC.pdf


Hinsichtlich der Bildungschancen von Frauen hat sich in Indien viel geändert. Bei der Einschulung, im Primarbereich und bis Klasse 9 sowie beim Hochschulzugang gibt es keine Diskriminierung mehr. Allerdings sind die Abbrecherquoten von Mädchen ab Klasse 9 immer noch höher, zudem studieren Frauen seltener oder lassen sich – wie andernorts auch – seltener in Richtung gut bezahlter Berufe ausbilden.
Bedauerlicherweise schlägt sich der deutlich gestiegene Bildungsstand der Frauen nicht in einer höheren Beteiligung am Arbeitsmarkt nieder. Indien belegt hierbei einen der letzten Ränge weltweit. Nur 27 Prozent der Frauen gehen einer geregelten Erwerbstätigkeit außerhalb des Hauses nach – eine Quote, die in den letzten Dekaden quer durch alle Schichten (mit Ausnahme der Adivasi) gefallen ist. Auch hierbei gibt es eine beträchtliche regionale Varianz. Höher ist die Partizipation von Frauen am Arbeitsmarkt besonders im weniger patriarchalisch geprägten Süden und Osten des Landes und bei besonders armen Familien (bei Letzteren aus purer Notwendigkeit), besonders gering bei den Muslimen und den oberkastigen Hindus sowie in den Städten. Mit höherem Bildungsgrad sinkt die Beteiligung zunächst und steigt erst wieder mit dem Hochschulabschluss an. Dieser etwas paradoxe Befund erklärt sich durch den Bedeutungsgewinn traditioneller Normen bei zunehmendem Wohlstand. Die bezahlte Beschäftigung von Frauen in Indien ist sozial stigmatisiert, vor allem, wenn sie wenig vorzeigbare Tätigkeiten betrifft. Gute und damit angesehene (Büro-)Arbeitsplätze zum Beispiel nehmen in Indien aber langsamer zu als die Anzahl der Kandidatinnen hierfür.

Wesentliche Ursachen für die Benachteiligung von Mädchen (einschließlich der Abtreibung weiblicher Föten) sind, dass Frauen nach der Verheiratung in die Familie ihres Mannes wechseln, für die Versorgung ihrer eigenen Eltern im Alter also nicht mehr zur Verfügung stehen, und für die Familie des Mädchens wegen steigender Mitgift (dowry) hohe Kosten bei der Verheiratung entstehen. Diese Praxis geht auf eine Zeit zurück, als in Indien Privateigentum entstand und das Patriarchat gleichzeitig die Beschäftigung der Frauen aus höheren Kasten außerhalb des eigenen Haushalts verbot.
Die Mitgift diente früher der materiellen Absicherung der Frau nach dem Eheschluss, hat sich aber von diesen Ursprüngen weit entfernt. Sie ist zu einer wirtschaftlichen Transaktion zwischen zwei Familien geworden, bei der sich die Brautfamilie einen passenden, möglichst gut ausgebildeten und aus einer höheren Kaste stammenden Bräutigam durch Geschenke an diesen und seine Familie einkauft. Die Verheiratung einer Tochter kann in Indien eine teure Angelegenheit werden; mehrere heiratsfähige Töchter können den sicheren finanziellen Ruin einer Familie bedeuten. Fällt die Mitgift zu dürftig aus, werden Bräute mitunter Opfer inszenierter häuslicher Unfälle in der Familie des Bräutigams, die auf die nächste Mitgift spekuliert. Dieser skandalösen Praxis fallen pro Jahr nach offiziellen Angaben mehr als 8000 junge Bräute zum Opfer.

Unter Druck von Ehemann und Schwiegermutter

[…] Nichts fürchten viele indische Frauen mehr als ihre Schwiegermutter. Überall in der Welt werden Witze über Schwiegermütter gerissen, meist von Männern. Doch nur selten spielen Schwiegermütter eine so zentrale Rolle dabei, patriarchalische Strukturen zu zementieren und junge Frauen zu kontrollieren, wie im mehrheitlich hinduistischen Indien.
Auch sonst ist Gewalt gegen Frauen in der Familie und andernorts ein alltägliches Phänomen. Indien gehört zu den Ländern mit der höchsten Vergewaltigungsrate weltweit und zeichnet sich durch mäßigen Erfolg bei der Verurteilung von Tätern aus. Das Land zog deswegen besonders nach einem brutalen Vorfall in Delhi Ende 2012 (Gruppenvergewaltigung, in deren Folge das Opfer schwere innere Verletzungen erlitt und starb) die internationale Aufmerksamkeit auf sich. Die Regierung reagierte mit einer Verschärfung des Sexualstrafrechts (inklusive der Todesstrafe) und der Einrichtung von Schnellgerichten. In der Folge wurden Vergewaltigungen häufiger angezeigt, ein positives Anzeichen dafür, dass das Stigma vergewaltigter Frauen sinkt.

Gewalt gegen Frauen in der Familie geht meist vom Ehepartner aus. 37 Prozent der Männer gaben laut einer Untersuchung an, ihre Frauen regelmäßig zu schlagen. Besser ausgebildete Frauen mit eigenem Einkommen sind deutlich seltener Opfer von physischer und sexueller Gewalt in der Familie. Bezeichnend ist, dass die Mehrzahl der befragten Frauen der Aussage zustimmt, Gewalt gegen sie sei unter bestimmten Umständen gerechtfertigt. Dies zeigt, wie tief patriarchalische Wertvorstellungen verankert sind.
Gerechterweise muss man sagen, dass sich in urbanen und intellektuellen Mittelschichten die traditionelle Unterordnung der Frauen deutlich abgeschwächt hat. Hier ist auch die Scheidungswilligkeit von Frauen gestiegen. Im Übrigen nimmt auch der Anteil von "Liebesheiraten" statt arrangierter Verbindungen zu, sodass man zumindest einen zaghaften Wandel konstatieren kann.
Ein beträchtlicher Teil der vorsichtigen Emanzipation indischer Frauen geht auf das Konto der Frauenbewegungen im Land, die in den späten 1970er-Jahren entstanden. Ihre Kritik richtete sich zunächst generell gegen traditionelle hinduistische Praktiken, später gegen sexuelle Gewalt und den Fortbestand frauendiskriminierenden Zivilrechts in Indien. Diese Kampagnen brachten die Politik unter Zugzwang: Neben der Bestätigung des Verbots von Witwenverbrennungen wurden 1984/86 auch die Strafen für Mitgiftmorde deutlich heraufgesetzt.

Nicht nur städtische, sondern auch unterprivilegierte Frauen sind stärker mobilisiert worden; eine der bekanntesten Organisationen ist SEWA (Self Employed Women’s Association), die ursprünglich als demokratisch organisierte Gewerkschaft armer, selbstständiger Frauen im informellen Sektor (d. h. dem Teil der Volkswirtschaft, der nicht durch formalisierte Beschäftigungsverhältnisse geprägt ist) gegründet wurde. Später dehnte sie ihre Aktivitäten auf den Zugang von Frauen zu Beschäftigung, Wohnraum, Krediten, Umschulungsprogrammen und Märkten, zum Beispiel für kunsthandwerkliche Produkte, aus.

Kampf für Geschlechtergerechtigkeit

"Ich hasse es, wie die Männer hier starren. Als wäre ich kein Mensch. Ich hatte Angst und meine Eltern wollten mich abends nicht vor die Tür lassen", erzählt Rachel Bali über ihre Erfahrungen in Neu-Delhi. "Ich gehe trotzdem raus. [...] Aber natürlich habe ich die Angst verinnerlicht und gehe ungern raus." Die 24-Jährige hat genug von diesem Gefühl und der Machtlosigkeit.


Staatliche Sozialpolitik

Nicht nur das Einkommen, auch die Lebensqualität der indischen Bevölkerung hat sich weiter verbessert, allerdings in etwas geringerem Maß, als es das rasche wirtschaftliche Wachstum erlaubt hätte. Bei den üblichen Sozialindikatoren (Kinder- und Müttersterblichkeit, Lebenserwartung, Alphabetisierung, Dauer des Schulbesuchs) schneidet Indien nicht besser ab als ärmere Staaten in Südasien, nach dem Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, HDI) rangiert es auf Platz 135 (von 185). Die Indikatoren streuen auch nach wie vor beachtlich nach Geschlecht, Regionen, sozioökonomischen und religiösen Gruppen. Diese sehr durchwachsene Bilanz erklärt sich auch durch die für eine Demokratie bescheidenen staatlichen Sozialleistungen, mehr aber noch durch deren oft dürftige Qualität.

Bildung

In Bezug auf Bildung wurde nahezu vollständige Einschulung erreicht, die geschlechterspezifischen Unterschiede sind bis zu Klasse 9 geschwunden, machen sich aber danach noch bemerkbar. Die Zahl und Ausstattung der Schulen hat sich durch das 2000/01 aufgelegte nationale Bildungsprogramm "Bildung für alle" (Sarva Shiksha Abhiyan, SSA), verstärkt durch das 2010 gesetzlich verankerte Recht auf kostenfreie Bildung von sechs bis 14 Jahren, deutlich verbessert, die Klassengrößen sind gesunken, Ausbildungserfordernisse für Lehrer wurden erhöht.
Allerdings ging damit keine Steigerung der Lernerfolge einher. Das hat einmal mit der höheren Einschulungsrate zu tun, die auch Kinder bildungsferner Schichten erreicht, mehr aber noch mit der häufigen Abwesenheit der Lehrer und Kinder vom Unterricht, bedingt durch Mitarbeit der Kinder im Haushalt/Familienbetrieb bzw. anderweitiger Aktivitäten des Lehrpersonals. Es hat auch mit veralteten Lehrmethoden (Frontalunterricht) zu tun, mäßigem Kenntnisstand und Engagement der Lehrer – vor allem wegen schwacher Schulaufsicht, nicht aber mit deren zu geringer Bezahlung. Private Schulen erzielen bei deutlich geringeren Lehrergehältern bessere Ergebnisse, weil dort Lehrer leichter vom Dienst suspendiert werden können.

Konsequenterweise hat in Indien eine massive Privatisierung des Schulwesens eingesetzt. Diese schließt auch die Hochschulen ein; hier sind vor allem Ausbildungsstätten für marktnahe Berufe aus dem Boden geschossen, mit teilweise eher mittelmäßiger Qualität. Überhaupt rangieren indische Hochschulen in internationalen Rankings auf den hinteren Plätzen, eine Folge der starken Trennung von Forschung (die in eigenen Instituten stattfindet) und Lehre, finanzieller Unterausstattung und politisch motivierter Stellenbesetzung, die unter der neuen Regierung Modi wieder Fahrt aufgenommen hat.

Was zieht indische Studierende nach Deutschland

[…] Die Liberalisierung der indischen Wirtschaft und die sich daraus ergebenden neuen Chancen für Beschäftigung und Mobilität haben zur Entstehung einer neuen Mittelschicht geführt, die mit dem wachsenden indischen BIP stetig breiter wird.
Im auffallenden Missverhältnis zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes und zum beabsichtigten Ausbau der Industrie steckt der Zustand des Berufsschulwesens. Weniger als zehn Prozent der Arbeitskräfte in der Industrie haben eine Ausbildung, insgesamt gibt es nur 11.000 Berufsschulen in Indien (in China sind es 500.000). Seit 2009 existiert nun ein neues Programm, das neue Trainingszentren finanziert und dabei Verbindung zu den Betrieben hält.

Gesundheit

Ähnliche Defizite wie die Bildung weist der Gesundheitsbereich auf: Indiens Ranking-Werte sind auch hier nicht besser als diejenigen benachbarter ärmerer Staaten. Auch hier liegen die Ursachen in mangelnder Finanzausstattung des staatlichen Gesundheitswesens, mäßigem Engagement des dort beschäftigten Personals (zugunsten ihrer privaten Praxis nach Dienstschluss) und fehlender Medikamente. So suchen selbst arme Patienten lieber private Anbieter auf.
Der private Gesundheitsbereich wird allerdings nur begrenzt überwacht, die Qualität der Dienste weist große Unterschiede auf. Vor allem sind diese Dienste mangels ausreichender Abdeckung durch Versicherungen bar zu bezahlen. Das stellt in Indien nach wie vor ein hohes Verarmungsrisiko dar.

Immerhin wurde mit einem neuen Programm (Rashtriya Swasthya Bima Yojana, RSBY, seit 2008) ein Anfang mit der Versicherung armer Familien für die stationäre Behandlung definierter Krankheiten gemacht. Mittlerweile sollen 150 Millionen Menschen in Indien davon erfasst sein. Auch wurde die Ausstattung der staatlichen Krankenhäuser auf dem Land durch ein weiteres Programm (National Rural Health Mission, NRHM, seit 2005) deutlich verbessert, vor allem im Bereich der Geburtshilfe. Dieses Programm wurde unlängst auf die Städte ausgedehnt. Angesichts der sogenannten epidemiologischen Transition in Indien – also des vermehrten Auftretens nicht übertragbarer Krankheiten wie Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen und Diabetes – bei gleichzeitig noch massenhaftem Vorherrschen übertragbarer Krankheiten dürften die neuen staatlichen Anstrengungen bei Weitem nicht ausreichen.

Armutsbekämpfung

Neue Wege bei der Armutsbekämpfung werden mit einem 2005 aufgelegten Beschäftigungsprogramm (Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act, MGNREGA) beschritten. Im Gegensatz zu seinen Vorläufern enthält es einen Rechtsanspruch auf Beschäftigung für 100 Tage pro Jahr für jeweils eine Person aus unterbeschäftigten Landarbeiterfamilien, die mit dem jeweils geltenden Mindestlohn vergütet wird. Das Programm finanziert Gemeinschaftsvorhaben, die von den lokalen Dorf- und Distrikträten ausgewählt werden. Es hat zwar die Zielmarke von 100 Tagen garantierter Arbeit nicht erreicht (der Durchschnitt lag zuletzt bei 33 Tagen pro Familie), den Konsum und die Sparfähigkeit der Begünstigten aber erheblich verbessert, im Übrigen wohl auch zu einem allgemeinen Anstieg der Landarbeiterlöhne beigetragen.

Das traditionelle System der Nahrungsmittelsubventionen über staatliche Ankäufe und Abgabe über fair price shops zu vergünstigten Preisen (public distribution system, PDS), das wegen hoher Streuverluste, Korruption und Unterschlagung schon lange in der Kritik steht, erhielt durch eine Direktive des Obersten Gerichts zur Ernährungssicherheit neuen Schub: Der National Food Security Act von 2013 verspricht immerhin zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung den Bezug vergünstigter Nahrungsmittel. Ohne Verringerung der bisherigen Streuverluste wird das teuer, weshalb staatlicherseits Überlegungen angestellt werden, das ganze System zu digitalisieren oder besser gleich auf Barüberweisungen für die Nutznießer umzusteigen.

Joachim Betz

Joachim Betz

Professor Dr. rer. soc. Joachim Betz, Jahrgang 1946, war Leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Asien-Studien des GIGA (German Institute of Global and Area Studies / Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien) und ist Prof. emeritus für Politische Wissenschaft an der Universität Hamburg.
Seine fachlichen Schwerpunkte sind Politik und Wirtschaft Südasiens, Verschuldung, Rohstoffpolitik, Globalisierung und Entwicklungsfinanzierung.


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