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7.9.2018

Gesellschaft im Umbruch

Privilegierte städtische Eliten und Wanderarbeiter, eine anspruchsvolle Jugend und unbezahlbarer Wohnraum in den Städten, weniger Armut, aber mangelhafte Sicherungssysteme, unterdrückte Minderheiten und Protestbewegungen: Die Gesellschaft Chinas lässt sich aus vielen Perspektiven beschreiben. Derweil scheint ein ausgefeiltes Sozialkreditsystem Individualität immer weiter einzuschränken.

Straßenszene in Shenzhen 2015 - In den vergangenen Jahren hat sich besonders in Chinas Städten eine selbstbewusste Mittelschicht herausgebildet, die sich schrittweise Freiräume im Privat- und Gesellschaftsleben erobert hat. (© fotofinders /Xinhua)


Zwischen Freiräumen und staatlicher Kontrolle

Nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 hatte die kommunistische Führung unter Mao Zedong mit der Gleichschaltung der Gesellschaft begonnen und insbesondere seit Ende der 1950er-Jahre Menschen als "Klassenfeinde" oder "Konterrevolutionäre" isolieren, verfolgen und töten lassen.

Nach der Kulturrevolution Ende der 1970er-Jahre ließ die politische Kontrolle der in Machtkämpfe verstrickten chinesischen Führung nach. Auf dem Land und in den Städten eroberten sich die Menschen schrittweise Freiräume im Privat- und Gesellschaftsleben: Unterschiede in der Klassenzugehörigkeit – sei es zur Arbeiterschaft, zur Großgrundbesitzerschicht oder zur Gruppe der Intellektuellen – waren kein politischer Hinderungsgrund mehr für eine Heirat. Die kollektiven Volkskommunen auf dem Land wurden aufgelöst und Familien genossen wieder eine vertraute Privatsphäre rund um ihre eigene kleine Landparzelle. Die strenge Einheitskleidung im Mao-Stil wich bunterer Kleidung, das Warenangebot wurde reichhaltiger, es entwickelten sich unterschiedliche Lebensformen und Wertvorstellungen.

Ethnische Minderheiten, die aktuell rund acht Prozent der Bevölkerung ausmachen, erhielten gewisse sozio-ökonomische Sonderrechte wie Ausnahmeregelungen von der Ein-Kind-Politik und Extrapunkte bei der Hochschulaufnahmeprüfung. Diese Sonderrechte wurden allerdings nicht auf politische Rechte ausgedehnt und verstärkten teilweise noch die Diskriminierung.

Mehr und mehr städtische Gebiete und größere Metropolen entwickelten sich: Jugendliche und Intellektuelle, die während der Kulturrevolution aufs Land geschickt worden waren, kehrten in die Städte zurück, Beschränkungen für private Märkte und Dienstleistungen wurden schrittweise aufgehoben und die Universitäten öffneten erneut ihre Pforten.

Aufrufe zu mehr demokratischer Mitbestimmung im Winter 1978 unterdrückte die Führung in Peking jedoch und zeigte ihre "rote Linie" auf: Duldung privater Freiräume bei deutlicher Absage an selbstorganisierte politische Beteiligung. Diese Linie ist bis heute gültig.

Gegenwärtig bieten neue Technologien und soziale Medien Möglichkeiten, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, auch jenseits der parteistaatlichen Medien gibt es Kanäle, mit denen sich Informationen prüfen und verbreiten lassen. Allerdings hat die kommunistische Führung unter dem amtierenden Partei- und Staatschef Xi Jinping die Räume für pluralistische Debatten zu aktuellen Themen zunehmend eingeschränkt. Sie nutzt die neue Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) auch zur Überwachung im Internet und an öffentlichen Plätzen und mischt sich wieder stärker in Fragen der öffentlichen Moral ein. 2017 verbot eine zunehmend länger werdende Tabu-Liste unter anderem Darstellungen von Homosexualität, Reinkarnation oder Luxus in TV-Serien und Online-Videos.

Zu den Mechanismen gesellschaftlicher Kontrolle zählen: Das Ringen zwischen Gesellschaft und Parteistaat um Freiräume und Einflussnahme hält an. Zu dieser Grundspannung kommt der latente Widerspruch zwischen dem umfassenden Herrschaftsanspruch der Kommunistischen Partei einerseits und einer pluralistischen Gesellschaft andererseits. Einen der radikalsten staatlichen Kontrollmechanismen hat die chinesische Regierung allerdings 2015 aufgegeben: die Ein-Kind-Politik.

Pluspunkte für Wohlverhalten – die digitale Sozialkontrolle

Die Testläufe für das chinesische "Sozialkreditsystem" kommen gut voran. Ab 2020 sollen alle Bürger, Firmen und Behörden der Volksrepublik ein digital und zentral erfasstes Punktekonto haben, das ihre finanzielle, moralische, politische, mit einem Wort: gesellschaftliche Vertrauenswürdigkeit ausweist. Welche Bereiche des Lebens genau den Punktestand beeinflussen sollen, wird zurzeit noch erprobt; klar ist nur, dass alle rechtlich relevanten Informationen eine Rolle spielen werden, von Steuerhinterziehung über die Vernachlässigung der alten Eltern bis zum Überqueren der Kreuzung bei Rot. Durch gute Taten soll man seinen Punktestand verbessern können, sei es durch eine besondere berufliche Leistung oder ein als wertvoll, also "stabilitätsfördernd" eingestuftes soziales Engagement.



Zwei-Kind-Politik gegen eine alternde Gesellschaft

Die Ende der 1970er-Jahre eingeführte und auch in China umstrittene Politik strenger Geburtenkontrolle wurde schrittweise gelockert: Die politische Führung erkannte, dass die zunehmende Alterung der Gesellschaft die Sozialkassen belastet. Gleichzeitig sah sie, dass das anhaltende Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern die soziale Stabilität bedroht: In manchen Jahren wurden auf 100 Mädchen bis zu 118 Jungen geboren – mit der Folge, dass junge Männer aus ärmeren Verhältnissen inzwischen nur schwer eine Frau finden.

2015 hob die Zentralregierung die Ein-Kind-Politik ganz auf und erlaubt seitdem jedem Paar, ein zweites (allerdings kein drittes) Kind zu bekommen.

Bislang erzielte diese Entscheidung jedoch noch nicht die von der Regierung erhoffte Wirkung: Die Behörden rechneten mit rund drei Millionen Neugeborenen im Jahr 2016, tatsächlich kamen jedoch nur 1,31 Millionen Babys zur Welt. Laut Umfragen der staatlichen Kommission für Familienplanung zögern rund 75 Prozent der befragten Familien mit der Entscheidung für ein zweites Kind. Als Gründe nennen sie zum einen die hohen Bildungskosten, zum anderen verweisen sie auf unzureichende Betreuungsmöglichkeiten.

Wie viele westliche Länder steht auch die chinesische Gesellschaft vor der Aufgabe, die Folgen der Überalterung durch neue Versorgungssysteme in den Bereichen Pflege und Altersversorgung zu meistern. Die Altersgruppe 60+ ist in den 2010er-Jahren vier Mal so schnell gewachsen wie die Durchschnittsbevölkerung. Bis 2050 werden Schätzungen zufolge rund 30 Prozent der Bevölkerung in diesem Alter sein.

Wie sind Chinesen versichert? (© mohrss.gov.cn / statista.com / ceicdata.com)

Grundlegend, doch nicht wirklich gesichert

Ein Großteil der chinesischen Bevölkerung ist Anfang des 21. Jahrhunderts ansatzweise über staatliche Sozialversicherungsprogramme abgesichert, insbesondere in den Bereichen Gesundheit und Altersversorgung. Chinas Beschäftigte können sich jedoch bei einem Unfall oder einem plötzlichen Jobverlust nicht vollständig auf staatliche Unterstützung verlassen: Nur ein geringer Teil der rund 776 Millionen Erwerbstätigen ist gegen solche Risiken versichert.
Das soziale Sicherungssystem steht vor drei zentralen Herausforderungen:

Weniger arm, aber auch weniger gleich

Dank hoher Wirtschaftswachstumsraten konnte die chinesische Regierung nicht nur einen Ausbau der sozialen Sicherungssysteme finanzieren, sondern auch mittels gezielter Programme den Anteil der in Armut lebenden Bevölkerung reduzieren. Unterstützt wurde sie dabei zum Teil durch internationale Organisationen. Betrug ihre Zahl nach Aussagen der Weltbank im Jahr 1978 noch rund 770 Millionen Menschen, waren es 2017 laut Angaben Pekings nur noch 30,46 Millionen, wobei sich letztere Angaben auf Menschen in ländlichen Regionen mit nachholender Entwicklung beziehen. Die chinesische Regierung will diese Zahl bis 2020 auf Null reduzieren. Wie hoch "neue" Armut in den Städten ist – zum Beispiel durch hohe Kosten für medizinische Behandlungen – lässt sich derzeit nicht ermitteln.

Chinas Armutsbekämpfung gilt international – auch im Vergleich mit seinem unmittelbaren Nachbarn Indien – als ein beachtlicher humanitärer Erfolg. Allerdings bleibt eine Schattenseite – die wachsende soziale Ungleichheit. "Früher waren wir zwar alle arm, aber wenigstens gleich", ist eine weitverbreitete Aussage gerade unter ehemaligen Arbeitskräften von Staatsbetrieben.

Die ungleiche Verteilung der Wohlstandsgewinne liegt zum Teil daran, dass Partei- und Staatskader sowie Direktoren von Staatsunternehmen sogenannte graue Einkommen beziehen konnten, indem sie sich etwa bei der Vergabe von Lizenzen, Zertifikaten oder Dokumenten bestechen ließen.

Jährliches Einkommen und Konsum in ausgewählten Regionen in China (© www. xiaze.org)

Gleichzeitig wurde die ländliche Bevölkerung gezielt benachteiligt: Die Menschen in den Städten erhielten aufgrund ihrer strategischen Bedeutung für das chinesische Wachstumsmodell und auch aufgrund ihres größeren Unruhepotenzials privilegierten Zugang zu Wohnraum, Nahrungsmitteln sowie Bildung und Gesundheit. Deshalb sind städtische Durchschnittseinkommen in der Regel drei- bis viermal so hoch wie auf dem Land.

Seit 2006 ist die Schere zwischen Stadt und Land jedoch nicht mehr größer geworden. Mögliche Erklärungen dafür liegen in positiven Auswirkungen einer unter Xi Jinpings Vorgänger Hu Jintao vorangetriebenen Entwicklung der ländlichen Regionen. Auch stiegen in manchen Branchen und Bereichen die Löhne ländlicher Wanderarbeitskräfte, weil dem Rückgang der arbeitsfähigen Bevölkerung Rechnung getragen werden musste.

Mit ihrem Verdienst stützen diese Wanderarbeitskräfte oft ihre auf dem Land oder in kleineren Städten verbliebenen Familien. Gleichzeitig wären das rapide Wirtschaftswachstum und die Wohlstandsgewinne der städtischen Eliten ohne diese besondere Gruppe nicht möglich gewesen, die meist zu Niedriglöhnen auf den großstädtischen Baustellen, an den Fließbändern der Industriebetriebe, im Gastgewerbe oder als Betreuung für die Kinder wohlhabender Städter arbeiten.

2018 bezifferte das chinesische National Bureau of Statistics (NBS) ihre Zahl auf 286,52 Millionen, davon hatten 64,9 Prozent keinen offiziellen Arbeitsvertrag. Laut NBS waren sie typischerweise im Bausektor, in der Logistik (Kurierdienste, Lageristik) sowie im Bereich der Haushaltsdienstleistungen tätig und verfügten über ein durchschnittliches Monatseinkommen von 3485 Renminbi (RMB) oder umgerechnet ca. 450 Euro. Dafür arbeiteten sie durchschnittlich 25,2 Tage im Monat bzw. 8,7 Stunden pro Tag.

In der Mitte der chinesischen Gesellschaft finden sich Menschen aus sehr unterschiedlichen Berufsgruppen. Sie arbeiten im Management staatlicher Betriebe, in Architektur- oder Anwaltsbüros sowie in IT-Unternehmen, sind alle relativ gut gebildet, haben ein stabiles Einkommen und können finanzielle Rücklagen bilden. Auf Basis eines Jahreseinkommens zwischen 10.000 und 100.000 US-Dollar gehören rund 300 Millionen Menschen zu dieser "Mittelschicht".

Chinas Superreiche werden seit 2012 von einer Mediengruppe in Shanghai in einer Rangliste erfasst und veröffentlicht. Zu Beginn des Jahres 2018 enthielt diese sogenannte HurunListe 819 Dollar-Milliardäre, mehr als die 571 Personen, die in den USA in diese Kategorie fallen. Auf diese Superreichen schauen viele mit zwiespältigen Gefühlen: Einerseits ist Reichtum in China das einzige gesamtgesellschaftlich akzeptierte Symbol für Erfolg. Andererseits mehren sich Stimmen innerhalb der chinesischen Gesellschaft, die von den Wohlhabenden fordern, der Gemeinschaft in Form von Spenden oder gemeinnützigem Engagement etwas zurückzugeben. Offene Feindseligkeiten gegen Millionäre hat es jedenfalls bislang kaum gegeben, wozu die generellen Zuzugsbeschränkungen für ländliche, also ärmere Menschen ebenso beitragen wie die zunehmend exklusiveren und gut gesicherten Wohnanlagen der Reichen.

Luxusgut Wohnraum

Nie Yunfei [...] [e]in schmaler Junge mit Brille hockt in seinem Wohnzimmer. 28 Jahre ist der Softwareentwickler. Angestellt bei der Suchmaschine Baidu, Chinas Gegenstück zu Google, wohnt er in Schanghai, einer der teuersten Städte der Welt. [...]

Kein Platz für Wanderarbeiter?

Sie wühlen sich durch den Schutt, auf der Suche nach Sachen, die sie noch brauchen können. "Hier", sagt Yang Hongwei und stützt sich auf seine Schaufel, "stand das Haus, wo wir gewohnt haben ." [...]


Anspruchsvoll und ambivalent – Chinas Jugend

Das Internet und insbesondere das Smartphone haben auch in China das Leben der jungen Generation – in der Volksrepublik ebenfalls als Millennials oder Post-80er/90er bezeichnet – radikal verändert. Diese Bevölkerungsgruppe, die rund 300 bis 400 Millionen der chinesischen Bevölkerung umfasst, konsumiert, unterhält und informiert sich größtenteils online. Ihre Vertreter sind in Chinas Boom-Jahren aufgewachsen und haben als Einzelkinder die volle Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung ihrer Familie genossen. Sie stehen dadurch aber auch unter einem riesigen Erwartungsdruck. Sie sollen erfolgreich sein, heiraten, Enkelkinder zeugen und sich aufopfernd um ihre Eltern kümmern.

Laut einer Studie der Peking Universität von 2015 beschreiben sich Chinas "Post-1990er" selbst mit folgenden fünf Attributen: 1. Stubenhocker (zhai 宅, 30,5 Prozent), 2. unabhängig (25,6 %), 3. auf der Suche nach Lebenssinn (24,2 %), fleißig (19 %) und flexibel (18,7 %). (Quelle: http://uk.businessinsider.com/)

Anspruchsvolle Konsumenten
Dass junge Leute in China – außer wenn sie reisen – nur selten ihre Wohnung verlassen, hat verschiedene Gründe: In vielen Städten ist die Luft schlecht, öffentliche Verkehrsmittel und Straßen sind überfüllt, die Parks werden meist von Älteren und Familien aufgesucht, kostenlos zugängliche öffentliche Plätze gibt es wenige. Zudem kann aus Sicht von Chinas Jugend nahezu jeder Lebensbereich online versorgt werden.

Essen – und vor allem gut essen – ist für junge Chinesen mindestens genauso wichtig wie für ihre Eltern – und wesentlich wichtiger als für viele Gleichaltrige in anderen Ländern. Die Ansprüche haben sich allerdings geändert: Chinas Millennials bestellen sich ihr Essen am liebsten direkt aus einem Restaurant nach Hause. Laut der chinesischen Firma Daxue Consulting sind rund 70 Prozent derjenigen, die Online-Essenslieferdienste nutzen, unter 30 Jahre alt. Drei große Firmen, Baidu Delivery, Ele.me ("Bist du hungrig?"; gehört zum Unternehmen Alibaba) oder Meituan Delivery, beherrschen mittlerweile den Markt. Neben Preis und ansprechenden Rabattaktionen schauen die jungen Konsumentinnen und Konsumenten vermehrt auf den Service: Das Essen soll auf die Minute pünktlich sein und ansprechend aussehen.

Zwischen Weltoffenheit und Nationalstolz
Beim Essen ist Chinas junge Generation meist heimatverbunden oder zumindest in Asien verwurzelt – allerdings gehören Kaffee und auch Wein zunehmend zum modernen Lifestyle. Neben der koreanischen und japanischen Jugendkultur wachsen chinesische Jugendliche vielfach mit US-amerikanischen Serien und Filmen auf – auch wenn diese wegen einer Quotenbeschränkung meist nicht in den staatlichen Fernsehsendern und in Kinos laufen, sondern über Videoplattformen online gestreamt werden.

Ein (Teil-)Studium in den USA ist für viele ein Traum. Die jungen Leute erhoffen sich davon bessere Karrierechancen. Darüber hinaus begeistern sich viele junge Chinesinnen und Chinesen für die in der US-amerikanischen Unterhaltungskultur vermittelten Werte. Einerseits schätzen sie demokratische Institutionen und die Verlässlichkeit eines Rechtsstaats, andererseits verwahren sie sich gegen die Vorstellung, ein liberales demokratisches System 1:1 auf die Volksrepublik zu übertragen.

In dieser Hinsicht sind viele von ihnen empfänglich für die unter dem jetzigen Partei- und Staatschef Xi Jinping forcierte "patriotische Erziehung". Besonders wenn sie ins Ausland reist, wünscht sich Chinas junge Generation, mit Respekt behandelt zu werden. Kritik an der chinesischen Regierung nehmen die jungen Leute oft persönlich, weil sie dahinter eine westliche Überheblichkeit vermuten. Sie möchten stolz sein dürfen auf die Leistungen ihres Landes und ihr Verständnis der chinesischen Tradition. Allerdings endet ihr Patriotismus dort, wo die chinesische Führung diesen zu einer bedingungslosen Loyalität gegenüber der Kommunistischen Partei ummünzen will. "Das Land lieben, heißt nicht die Partei lieben" ist ein weit verbreiteter Slogan im chinesischen Internet. Solange Chinas politische Elite die junge Generation nicht zu irgendeiner Form von konformen, kollektiven Loyalitätsbekundungen zwingt und damit ihre freie Lifestyle-Gestaltung einschränkt, hat Peking vermutlich wenig politische Opposition zu befürchten.

Die Jugend im Profil

Rund ein Drittel, "über 90 Millionen von 318 Millionen*", haben einen Universitätsabschluss;


Bildung: Hoffnung auf sozialen Aufstieg und internationaler Austausch

Matthias Stepan

Der Konkurrenzkampf um Studienplätze und Arbeitsstellen im gegenwärtigen China ist hart. Mehr denn je gilt daher die alte Weisheit, dass Bildung der Schlüssel für ein besseres Leben ist. Ein Hochschulabschluss hat sich im städtischen China als eine Grundvoraussetzung etabliert, um eine gut bezahlte und gesellschaftlich angesehene Arbeitsstelle zu finden. Dies hat zu einem Ansturm auf Bildungseinrichtungen geführt: 2003 machten erstmalig mehr als zwei Millionen Studierende einen Abschluss an einer chinesischen Hochschule. Seither hat sich die Zahl der Absolventinnen und Absolventen beinahe vervierfacht. 2017 waren es bereits 7,95 Millionen. Auch der private Bildungsmarkt profitiert von dieser Entwicklung. Landesweit gab es 2015 mehr als 110.000 registrierte private Bildungsanbieter.

Für all diejenigen, die es bis ganz nach oben schaffen wollen, reicht die erfolgreiche Beendigung des Studiums als solches jedoch nicht aus. Für eine Spitzenposition in der Wirtschaft oder Verwaltung müssen die Kandidierenden den Abschluss von einer der renommiertesten Universitäten des Landes oder von einer internationalen Top-Universität vorweisen.

Am Bedarf vorbei: Chinas Bildungssystem produziert Fachkräftemangel und hemmt Innovationsfähigkeit (© MERICS)

Für die meisten chinesischen Jugendlichen ist somit die Hochschulzulassungsprüfung (Gaokao) der Dreh- und Angelpunkt im Leben. Wer sehr gut abschneidet, hat gute Chancen, an einer führenden Universität angenommen zu werden. Wem dies nicht gelingt, der findet sich möglicherweise bald an einer unbekannten Hochschule in einem Studienfach wieder, das nicht den eigenen Neigungen entspricht.

Eine praktische Ausbildung in technischen und handwerklichen Berufen gilt in der chinesischen Gesellschaft wegen des niedrigen Sozialprestiges als wenig erstrebenswert, obwohl die beruflichen und gehaltsbezogenen Entwicklungschancen für gelernte Facharbeitskräfte sehr gut sind.

Der harte Weg zur Gaokao
Seit ihrer Wiedereinführung 1977 entscheidet das Ergebnis der Hochschulzugangsprüfung über Erfolg und Misserfolg im Wettbewerb um die begehrten Studienplätze. 2017 nahmen 9,4 Millionen Schülerinnen und Schüler an der Gaokao teil. Sie stellt den Höhepunkt einer Schulausbildung dar, die sich auf harte Leistungsanforderungen und Auswendiglernen stützt. Der Drill hat seinen Preis, denn oft wird von Lehrkräften die Förderung von eigenverantwortlichem Arbeiten vernachlässigt. In Chinas Schulsystem sind Serien von standardisierten Tests als Hürden eingebaut, um alle Schülerinnen und Schüler nach Leistungsstärke in Klassen- und Schul-"Rankings" eingruppieren zu können.

Voraussetzung für die Teilnahme an der Gaokao ist das erfolgreiche Bestehen der Mittelschulzugangsprüfung, die nach der neunjährigen Schulpflicht ansetzt. Für rund ein Drittel der Kinder in China endet die schulische Ausbildung spätestens an dieser Stelle. Für alle anderen beginnt nun die Vorbereitung für die Prüfung aller Prüfungen. Häufig büffeln die Kinder bereits Jahre im Voraus bis spät in die Nacht, um bei diesem Examen besser als ihre Klassenkameradinnen und -kameraden abzuschneiden.

Der Wettbewerbs- und Erwartungsdruck, der auf den Schülerinnen und Schülern lastet, ist enorm und ist nicht nur der staatlichen Bildungspolitik, sondern auch der beinharten alltäglichen Konkurrenz innerhalb der chinesischen Gesellschaft und zwischen Familien geschuldet. Aufgrund der staatlichen Familienpolitik, die bis 2014 eine Ein-Kind-Familienplanung verordnete, konzentrierten Eltern, Großeltern und weitere Verwandte ihre ganze Aufmerksamkeit und auch ihr Geld auf einzelne Kinder. Neun von zehn Mittelklasse-Familien bezahlen für außerschulische Aktivitäten. Diese reichen von anspruchsvollen Mathematikkursen bis hin zu spätabendlichem Einzelunterricht in Fremdsprachen.

Bildung ist zu einem der größten Ausgabeposten städtischer Familien geworden. Berichte in chinesischen Medien über Privathaushalte, die sich für die Finanzierung teurer außerschulischer Aktivitäten verschulden, sind keine Seltenheit. Die öffentliche Zurschaustellung von Spitzenleistungen befeuert den Wettbewerb: Notenlisten werden in den Gängen jeder Schule öffentlich ausgehängt. Die Eltern können auf diese Weise die Leistung ihrer Kinder vergleichen, und verständlicherweise möchten sie den Namen ihres Kindes oben auf der Liste stehen sehen. Fälle, in denen der enorme Druck, der auf den Schülerinnen und Schülern lastet, zu psychologischen Problemen führt, werden dahingegen eher selten publik gemacht.

Chinesische Schulkinder schneiden insbesondere in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) in internationalen Vergleichsstudien sehr gut ab. Industrie und Forschung werden dadurch mit einer Fülle qualifizierter Kräfte versorgt. Gleichzeitig wünschen sich aber viele Eltern für ihre Kinder eine weniger von Prüfungsstress dominierte Jugendzeit mit mehr Freiräumen für persönliche Kreativität und Entwicklung. Die größte Sorge aber gilt den Chancen des Kindes auf dem Arbeitsmarkt und im beruflichen Aufstieg. Die Gaokao wird deshalb als notwendiges Übel betrachtet.

Eltern und auch Lehrkräfte fordern nicht die Abschaffung, sondern Anpassungen der Prüfungsinhalte und Zugangsregeln zu Universitäten. Die Regierung hat Reformen eingeleitet, durch die größere Wahlmöglichkeiten in der Kombination von Prüfungsfächern eingeräumt werden. Solange die chinesische Politik und Wirtschaft keinen Handlungsbedarf sehen, Kreativität als Ausgangspunkt von Innovationen bereits im Schulsystem mehr Raum zu eröffnen, wird sich allerdings nur wenig an den Hauptpfeilern des Schulsystems ändern. Hierzu gehört die absolute Autorität der Lehrkraft, die das kritische Hinterfragen von Informationen – auf das beispielsweise im deutschen Schulsystem großer Wert gelegt wird – quasi unmöglich macht.

Für Kinder aus ärmeren Familien bietet das landesweite Prüfungs- und Zulassungssystem Chancen für einen sozialen Aufstieg. Doch insbesondere Schülerinnen und Schüler in ländlichen Gebieten, aus Wanderarbeiterfamilien oder sozial schwachen Familien in Städten sind strukturell benachteiligt. Denn die Unterschiede in der Qualität der Bildungsangebote zwischen Stadt und Land sind erheblich. Während Mittelklassefamilien in Großstädten ihren Kindern bereits mit privater Vorschulerziehung oder sogenannten WindelLehrplänen einen Vorteil gegenüber ihren zukünftigen Mitschülern und Konkurrenten um Studienplätze verschaffen, finden sich im ländlichen Raum nur wenige hochqualifizierte Lehrkräfte. E-Learning könnte künftig Abhilfe schaffen. Allerdings können sich viele ärmere ländliche Familien, deren Kinder so früh wie möglich Beiträge zum Familieneinkommen leisten müssen, nicht die Schulgebühren für drei weitere Jahre an öffentlichen Schulen nach dem Mittelschulabschluss bis zur Gaokao leisten, geschweige denn Nachhilfe oder Zusatzangebote, die in der städtischen Gesellschaft gang und gäbe sind.

Auslandsstudium: Prüfungsflucht, Wahlfreiheit oder Alleinstellungsmerkmal
Die Entscheidung chinesischer Eltern und Jugendlicher für ein Auslandsstudium kann verschiedene Gründe haben: Flucht aus der heimischen "Prüfungshölle", eigenständige Wahlmöglichkeit von Studienfächern oder das Prestige ausländischer Universitäten. Für all diejenigen, die dem chinesischen Bildungssystem nicht bereits vor der Gaokao den Rücken kehren, ist die Wahl des Studienfaches die Hauptmotivation, im Ausland nach Alternativen zu suchen. Durch den großen Ansturm auf chinesische Eliteuniversitäten, wie die Peking Universität, die Tsinghua Universität oder die Fudan Universität, müssen diejenigen, die ein Studium aufnehmen wollen, meist pragmatisch sein und nicht selten einen Studiengang beginnen, der nichts oder wenig mit ihren eigentlichen Interessen oder beruflichen Zielen gemein hat. Insbesondere, wer in der Gaokao nicht gut abgeschnitten hat, muss Kompromisse machen. Ein Auslandsaufenthalt oder gar ein ausländischer Studienabschluss bieten Prestige. Wie hoch dieses ausfällt, ist auch hier in erster Linie vom Namen der Hochschule und nicht von den Studieninhalten abhängig.

Die chinesische Regierung fördert ebenfalls den Gang ins Ausland. Verknüpft mit der Anforderung, neue Erkenntnisse von dort zurückzubringen, verteilt sie Stipendien an Studierende und Absolventen von Masterstudiengängen. Für die meisten der mehr als 500.000 Studierenden, die im Ausland eingeschrieben sind, führt der Weg früher oder später zurück nach China. Für Rückkehrwillige gibt es vielfältige Talentprogramme und materielle Anreize, um deren internationale Expertise für chinesische Unternehmen und Forschungsinstitute zu nutzen.

Fremdsprache als Teil des Lebensgefühls

Laut einer MERICS-Umfrage von 2015 unter 570 Sprachschülern und Studierenden sahen 58 Prozent der Befragten das Erlernen von Fremdsprachen nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern auch als Leidenschaft und Teil ihres Lebensgefühls. Koreanische oder englischsprachige Pop-Songs, Fernsehserien aus den USA, Japan und Korea oder gar einige wenige deutsche Formate haben große Fangemeinden unter den Jugendlichen.



Stiefkind berufliche Bildung
Chinas System der berufspraktischen Bildung ist bislang nicht leistungsfähig genug, um den rasch wachsenden Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften in technischen, handwerklichen und fachspezifischen Berufen zu decken. In Chinas Gesellschaft gelten nicht-akademische Ausbildungszweige als Auffangbecken für diejenigen, die in Prüfungen versagt haben, und als Bildungswege zweiter Klasse. Politisch und finanziell wurde die berufliche Bildung jahrelang zugunsten des Ausbaus der Universitäten vernachlässigt.

Solange China sich als "Werkbank der Welt" und Billiglohn-Standort behaupten konnte, waren unqualifizierte Arbeitskräfte für viele Tätigkeiten in den Fabriken ausreichend. Da Chinas Industrie sich nun aber in höherwertige Produktionsfelder mit hohen technischen Anforderungen und zunehmender Automatisierung und Robotisierung hineinbewegt, muss das Bildungssystem höhere technisch-praktische Qualifikationen anstreben als bisher. Die chinesische Regierung betreibt deshalb einen gezielten Um- und Ausbau der beruflichen Bildung.

Landesweit waren 2014 rund 29 Millionen Schülerinnen und Schüler in Berufs- und Technikerschulen verschiedenen Typs eingeschrieben. Bis 2020 soll diese Zahl auf 38 Millionen steigen. Gut ausgebildete Techniker und Facharbeiter werden von Chinas Industrieunternehmen umworben, während Universitätsabsolventen oft keine ihren Qualifikationen oder Erwartungen angemessene Stelle mehr finden.

Um das System der beruflichen Bildung zu modernisieren, steht die chinesische Regierung im Austausch mit internationalen Partnern. Deutschlands System der "dualen Ausbildung" (kombinierte Ausbildung in Betrieben und Berufsschulen) wird als wichtiges Orientierungsmodell herangezogen. Deutsche Firmen, Außenhandelskammern und Stiftungen sind in China seit Jahrzehnten in der beruflichen Ausbildung tätig und werden von der chinesischen Regierung und Industrie als wertvolle Partner geschätzt.

Dennoch bleiben Mängel in der beruflichen Bildung bestehen. Die meisten Berufsschulen legen den Unterrichtsschwerpunkt einseitig auf Theorie. Da es in Chinas Ausbildungssystem bisher nur selten eine funktionierende Verbindung zwischen Berufsschulen und betrieblicher Ausbildung gibt, sammeln die Schülerinnen und Schüler häufig erst am Ende ihrer Berufsschulzeit praktische Erfahrungen. In vier- bis sechsmonatigen Unternehmenspraktika führen sie oft nur die Aufgaben einer ungelernten Arbeitskraft aus und bekommen wenig Unterstützung und Anleitung seitens schulischer und betrieblicher Ausbilder. Um die Attraktivität berufspraktischer Ausbildungswege zu steigern, versuchen Regierungsstellen seit 2014, in Abstimmung mit Berufsschulen und Betrieben Pilotprojekte und Finanzierungsprogramme zu entwickeln, um Praxisbezug und Qualität der beruflichen Ausbildung zu verbessern.

Engagement oder Ausstieg?

Kristin Shi-Kupfer

Mit wachsendem Wohlstand ist innerhalb der Bevölkerung die Bereitschaft gestiegen, gemeinnützige Projekte zu initiieren oder zu unterstützen. Seit 2004 durften laut Gesetz auch Privatpersonen und Unternehmen Stiftungen gründen, deren Zahl sich seither fast verzehnfacht hat. Für das Jahr 2016 listete das China Foundation Center 5775 gemeinnützige Stiftungen auf. Seit 2016 dürfen als gemeinnützige Organisation registrierte Initiativen auch öffentlich Spenden sammeln. Dies hatte die chinesische Regierung bis dahin verboten, um eine direkte Konkurrenz zu den staatlichen Stiftungen zu vermeiden und zu verhindern, dass das Geld der Unterstützung von Arbeiterrechtlern oder anderen vermeintlich politisch motivierten Zielen zugutekommt.

Der rasante Anstieg der Privatstiftungen ist auch darauf zurückzuführen, dass staatliche Wohlfahrtsinstitutionen zusehends an Glaubwürdigkeit verlieren. Anlass hierzu gaben Vorfälle wie ein Skandal um das chinesische Rote Kreuz 2011: Damals hatte die bekannte Schauspielerin Guo Meimei auf der Twitter-ähnlichen Mikroblogplattform Weibo Bilder ihres luxuriösen Lebensstils gepostet und sich als "Botschafterin" des chinesischen Roten Kreuzes ausgegeben. Im Zuge öffentlicher Empörung förderten chinesische Netizens Beweise zutage, die den Missbrauch von Spenden an das chinesische Rote Kreuz im Zuge des schweren Erdbebens im Jahr 2008 belegten.

Spiritualität und religiöse Sinnsuche
Eine wachsende Zahl von Chinesen verbindet ihr gemeinnütziges Engagement mit einem religiösen Glaubensbekenntnis. Die Regierung toleriert die Unterstützung staatlich registrierter, religiöser Gemeinschaften für Aids-Kranke, Behinderte oder Waisen. Sobald Gläubige jedoch auf eigene Faust Suppenküchen oder Kleiderkammern für Wanderarbeiterinnen und -arbeiter organisieren, geht die Führung dagegen vor.

Der Wunsch, "mit sich selbst im Reinen zu sein", treibt Chinesinnen und Chinesen aller Altersklassen zu spirituellen Meistern. Diese präsentieren ihre "Atemarbeit" (wörtliche Übersetzung von Qigong, einer chinesischen Meditations-, Konzentrations- und Bewegungslehre, die Körper und Geist positiv beeinflussen will) dabei oft als traditionelle Kultur. Daoistische Tempel und einzelne Meister bieten für Chinas wohlhabende Mittel- und Oberschicht zunehmend Rückzugsorte und Entspannungsworkshops an.

China: Religiöse Gruppen in der Volksrepublik 1949-2014 (© China-Family-Panel-Studies 2014, Nationales Büro für religiöse Angelegenheiten 2014, China Zentrum St. Augustin)

Anhänger des Buddhismus wenden sich in steigender Zahl tibetischen Schulen zu, da ihnen Mönche aus der eigenen Volksgruppe der Han, der Mehrheitsbevölkerung Chinas, als zu korrupt und damit nicht rein genug erscheinen. Der Skandal um den Vorsteher des bekannten buddhistischen Shaolin-Klosters Shi Yongxin 2015 hat dieses Bild verstärkt, obwohl er 2017 nach einer Untersuchung des Staatlichen Religionsbüros und der Lokalregierung der Provinz Henan von allen Vorwürfen freigesprochen wurde. Unternehmer und auch Parteikader spenden großzügig an tibetische Klöster. Die Äbte fragen dabei nicht genau nach, woher dieses Geld stammt.
Neben übernatürlichem Beistand in konkreten Lebenssituationen ist die Sehnsucht nach ehrlicher Gemeinschaft ohne Vorbedingungen ein weiteres Motiv spirituell-religiöser Sinnsuche. Während mehrheitlich ältere Leute die staatlich registrierten (und damit finanziell gestützten, liturgisch konservativeren und legal sicheren) christlichen Gemeinden besuchen, zieht es die jüngere und gut gebildete Bevölkerung in lebendigere, nicht registrierte Gemeinden, die meist in Hotels oder Büroräumen zusammenkommen. Gemeinschaft, auch in kleineren Hauskreisen oder durch Gebetsunterstützung per Handy, ist für viele Chinesen der größte Anziehungspunkt des Christentums.

Im öffentlichen Raum existieren die unterschiedlichen Religionen meist friedlich nebeneinander. Die Regierung in Beijing betont allerdings zunehmend den Unterschied zwischen "einheimischen" (Daoismus, Buddhismus) und "ausländischen" (Christentum und Islam) Religionen. Christentum und Islam sollen sich "sinisieren", also sich der chinesischen Kultur anpassen, ihnen werden zunehmend administrative Hürden in den Weg gestellt und ihnen wird immer öfter der Austausch mit internationalen Vertretungen und Organisationen ihres Glaubens verboten. Auch stigmatisiert Beijing insbesondere Anhänger der muslimischen Minderheit der Uiguren häufig als potenzielle Terroristen. In Reaktion darauf sind vorwiegend jüngere Angehörige dieser Minderheit empfänglicher für radikalere Schulen des Islam geworden.

Buddhistische und daoistische Rückzugsorte

Ostasiatische Esoterik hat in Europa und Nordamerika Hochkonjunktur. Hunderte von Organisationen und Vereinen bieten für ein westliches Publikum Kurse in ostasiatischen Meditationstechniken an, aber auch in zumeist mit dem Daoismus assoziierten Atemübungen (Qigong), in Schattenboxen (Taiji quan) oder in Kampfkünsten (wushu), die sowohl im Daoismus als auch im chinesischen Buddhismus verankert sind. Seit den beiden Religionen während der letzten drei Jahrzehnte in China in zunehmendem Maße wirtschaftliche Freiheiten zugestanden wurden, haben Klöster, in denen traditionell solche Techniken gepflegt wurden, begonnen, sich auf dieses Betätigungsfeld zu spezialisieren.



Erscheinungsformen der Zivilgesellschaft

Shawn Shieh
aus dem Englischen übersetzt von Peter Beyer, Bonn


In einer soziologischen Definition wird Zivilgesellschaft als verbindender Zwischenraum zwischen dem Staat und anderen konstitutiven Bestandteilen der Gesellschaft, beispielsweise Individuen, Familien und Unternehmen, verstanden. Zivilgesellschaftliche Organisationen und Gruppen sind in diesem Konzept vom Staat getrennt, genießen ein gewisses Maß an Autonomie und werden auf freiwilliger Basis von Mitgliedern der Gesellschaft gebildet, die damit ihre Interessen oder Werte wahren beziehungsweise erweitern wollen.

Diese Definition der Zivilgesellschaft auf China anzuwenden, stellt eine Herausforderung dar. Manche vertreten die Auffassung, in der Volksrepublik unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei gebe es gar keine richtige Zivilgesellschaft. Historische Untersuchungen zeigen jedoch, dass es schon lange vor der Revolution von 1949 einen gemeinnützigen und verbindenden Zwischenraum in China gab.

Diejenigen, die die Existenz einer Zivilgesellschaft in China in Frage stellen, weisen darauf hin, dass die Staatspartei während der Phase des Maoismus (1949–1976) ein Monopol auf die Gesellschaft ausübte und damit das Aufkommen autonomer Ausdrucksformen von Zivilgesellschaft verhinderte. In der Reformperiode nach Maos Tod 1976 wuchs dann eine Zivilgesellschaft heran, die 1989 in Massenprotesten in Peking und anderen Provinzen gipfelte. Diese Demonstrationen, die gemeinhin als die Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens – dem Tiananmen-Platz – bezeichnet werden, wurden in der Nacht zum 4. Juni 1989 von Militär und Polizei gewaltsam niedergeschlagen.

Nach den Protesten von 1989 versuchte die kommunistische Partei Chinas (KPC) rigoros, das Aufkommen gesellschaftlicher Kräfte mit abweichenden Meinungen zu verhindern. In den 1990er-Jahren wurden Organisatoren einer unabhängigen Demokratischen Partei verhaftet, und es begann ein lang anhaltender Feldzug zur Unterdrückung der religiösen Falun Gong-Bewegung. 2008 unterzeichneten Hunderte von Chinesinnen und Chinesen die Charta 08, ein Manifest, das die KPC zu demokratischen Reformen aufrief. Diese ließ daraufhin Liu Xiaobo festnehmen, einen der Hauptverfasser der Charta. Er wurde zu elf Jahren Haft verurteilt. 2011, noch immer im Gefängnis, wurde Liu mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Am 13. Juli 2017 starb er an den Folgen von Leberkrebs.

Um die Vereinigungs- und die Versammlungsfreiheit, die in der chinesischen Verfassung garantiert sind, drastisch einzuschränken, setzt Beijing zudem subtilere Mittel ein. Zahlreiche Verbände in China, darunter viele, die sich selbst als nicht staatliche Organisationen (NGOs) bezeichnen, sind in Wirklichkeit staatlich organisierte NGOs bzw. GONGOs (Government-operated non-governmental organizations, etwa: staatliche Nichtregierungsorganisationen), die von der Regierung gegründet oder unterstützt werden. Dazu gehören von der Partei kontrollierte Massenorganisationen wie der chinesische Frauenverband, der Allchinesische Gewerkschaftsbund sowie der kommunistische Jugendverband. Die Versammlungsfreiheit unterliegt sogar noch stärkeren Einschränkungen; Proteste, Treffen von Aktivisten und sogar Veranstaltungen wie beispielsweise Independent Film-Festivals werden von der Polizei streng überwacht und behindert, insbesondere in den großen Städten und während sensibler Zeiträume wie dem Jahrestag des Blutbads vom 4. Juni.

Diejenigen, die die Existenz einer chinesischen Zivilgesellschaft in Frage stellen, weisen daher zu Recht auf die vielen Hindernisse hin, die sich dem Aufbau einer unabhängigen Zivilgesellschaft entgegenstellen. Doch dass Hindernisse vorhanden sind, heißt nicht, dass es keine Zivilgesellschaft gäbe. Tatsächlich gibt es seit etwa einem Jahrzehnt nach den Demonstrationen von 1989 Anzeichen für eine deutliche und nachhaltige Entwicklung einer unabhängigen Zivilgesellschaft. Angekurbelt wird sie durch Chinas zunehmende globale Integration, ein steigendes Bewusstsein für Menschenrechte sowie die begeisterte Nutzung von Internet und Sozialen Medien seitens der chinesischen Bürgerinnen und Bürger.

Diese Entwicklung zeigt sich in vielen Bereichen, etwa an den Tausenden an der Basis arbeitenden NGOs, an Gruppen, Bloggern und Netzwerken (sowohl real als auch virtuell), die sich für gesellschaftliche und soziale Fragen einsetzen, zudem an weit verbreiteten Arbeitsausständen, Umweltprotesten, Demonstrationen von Bauern für Landrechte, tausenden inoffiziellen Kirchen sowie an der raschen Zunahme privater Stiftungen, die seit 2004 gegründet wurden.

Minderheiten in China

Minderheiten in China: Verbreitung und Bevölkerungszahl (© NBS 2010; Das Politische System der Volksrepublik China, 2016 (Hg. Sebastian Heilmann))

In vielen Ländern der Welt unterscheidet man Menschen anhand ihrer Familiennamen voneinander. [...] Nicht so in China: Menschen chinesischer Herkunft heißen schlicht "die alten hundert Familiennamen" (lao baixing). [...] Millionen von Menschen tragen daher den Namen Wang, beinahe ebenso viele die Namen, Li, Liu oder Xu. Wie sind diese [...] nun auseinanderzuhalten? Mit Hilfe der Vornamen selbstverständlich. Bei der Erfindung von Vornamen sind die baixing äußerst kreativ [...] Vornamen lassen den Menschen zum Individuum werden. [...]



Gesellschaftliches Protestpotenzial

Kristin Shi-Kupfer

Derzeit ist keine nationale Protestbewegung in Sicht, die ähnlich wie die buddhistisch-inspirierte Falun Gong-Bewegung (wörtlich "Gesetzesrad-Praktik") 1999, die Herrschaft der KPC bedrohen könnte. Die Anhänger dieser Bewegung kamen aus fast allen Bevölkerungsschichten, auch KPC-Kader gehörten dazu. Viele praktizierten primär die Meditationsübungen, die der Gründer der Bewegung, Li Hongzhi, lehrte. Manche beschäftigten sich darüber hinaus intensiver mit dessen Lehre, welche die moralische Kultivierung des Individuums angesichts einer zunehmend verfallenden und dem Untergang geweihten Gesellschaft propagierte.

Als in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre Medien über negative Auswirkungen auf die Gesundheit einzelner Praktizierender berichteten, protestierten Anhänger der Bewegung öffentlich vor den Medienhäusern, aber auch in unmittelbarer Nähe des Regierungsviertels. Die kommunistische Führung untersuchte die Bewegung und stellte eine bis in ihre eigenen höchsten Reihen und auch ins Ausland reichende Organisationsstruktur fest. Daraufhin verbot sie Falun Gong und stellte ihr Praktizieren unter Strafe.

Gesellschaftliche Proteste in der Volksrepublik (© Das Politische System der Volksrepublik China, 2016 (Hg. Sebastian Heilmann))

Abgesehen von nationalen Protesten besitzen Arbeitskonflikte das größte Potenzial an Organisations- und Mobilisierungskraft. Immer wieder sind von einzelnen Arbeitervertretern Ansätze für die Bildung autonomer Vertretungen – jenseits des von staatlicher Seite organisierten Allchinesischen Gewerkschaftsverbandes – ausgegangen und sie haben die überregionale Koordinierung von Protestaktionen vorangetrieben. So wurde beispielsweise eine Serie von Streiks in Walmart-Läden im Juni 2016 über den chinesischen Chat-Dienst WeChat koordiniert. Peking konnte bislang mit einer Mischung aus politischen Zugeständnissen und dem entschiedenen Einsatz seines sehr effizienten Sicherheitsapparates aller Proteste Herr werden.

Aufgrund ihrer Unberechenbarkeit und der zunehmenden Gewaltbereitschaft stellen die Protestaktionen von muslimischen Uiguren ein weiteres großes Gefahrenpotenzial für die Herrschaft der KPC dar. Pekings Lösungsversuche beschränken sich seit Jahren auf eine Mischung aus Wirtschaftsförderung für die Region und rigoroser Beschränkung von uigurischen Freiheitsrechten. Insbesondere die Lage in der südwestlichen Region Xinjiang steckt in einem Kreislauf von offenen ethnischen Ressentiments seitens der lokalen Behörden und der han-chinesischen Bevölkerung gegen die einheimische Minderheit, welche diese mit wiederkehrenden, gewaltsamen Attacken beantwortet.

Eine Minderheit wird umerzogen?

Wo noch im vergangenen Jahr die Händler ihre Waren ausgerufen haben, wo Damen mit Kopftuch wählerisch von Stand zu Stand gezogen sind, um sich Seidenschals oder Mäntel aus Yakwolle auszusuchen, und wo die Wirte von Garküchen ihre Lammspieße auf dem offenen Grill gebraten haben, herrscht heute Grabesstille. Stattdessen patrouillieren Gruppen von Uniformierten durch die Altstadt von Kaschgar. "Sicherheitstruppe" steht auf den Armbinden der zumeist jungen Männer; ihre Abzeichen weisen sie als Mitglieder der Volkspolizei aus.

Ausblick: China auf dem Weg in eine offene Gesellschaft?

Die unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen innerhalb der chinesischen Gesellschaft machen deren Dynamik aus, erschweren es aber nach Ansicht zahlreicher Betroffener, eine verbindende und verbindliche Basis für ein Mit- und nicht nur Nebeneinander zu schaffen. Die chinesische Regierung will diesen Zusammenhalt fördern – allerdings von oben gesteuert, mit einer bevormundenden Ideologie und, falls aus Sicht Pekings nötig, mit einem hart zuschlagenden Sicherheitsapparat.
Wie sich die chinesische Gesellschaft – auch in ihrem Verhältnis zu ihrer Regierung – entwickeln wird, hängt von drei Dynamiken ab: Wichtig bleibt zu beobachten, inwieweit insbesondere die Jugend anfällig ist für eine von der chinesischen Regierung immer wieder latent geschürte anti-westliche Stimmung oder gar einen radikalen Nationalismus.

Felix Turbanisch sei für die Mitarbeit am Kapitel "Gesellschaft im Umbruch" herzlich gedankt.

Kristin Shi-Kupfer, Matthias Stepan, Shawn Shieh

Kristin Shi-Kupfer

Dr. Kristin Shi-Kupfer leitet den Forschungsbereich Politik, Gesellschaft und Medien des MERICS. Sie ist Expertin für digitale Transformationsprozesse, Zivilgesellschaft und Religionspolitik in China.


Matthias Stepan

Matthias Stepan leitet am MERICS das Programm Chinas Innenpolitik. Die Schwerpunkte seiner Forschung sind das Regieren in Mehrebenensystemen, die Rollenverteilung von Staat, Partei und Gesellschaft bei der Politikgestaltung in China sowie der Wandel von Systemen der sozialen Sicherheit.


Shawn Shieh

Prof. Dr. Shawn Shieh ist stellvertretender Direktor des China Labour Bulletin, einer Nichtregierungsorganisation für Arbeiterrechte in Hongkong. Zuvor arbeitete er von 2007 bis 2014 in Peking, wo er die englischsprachige Redaktion des von ihm gegründeten China Development Brief, einer zweisprachigen Medien- und Forschungsplattform zu Chinas Zivilgesellschaft, leitete. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Stärkung eines unabhängigen NGO-Sektors in China.


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