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20.11.2018

Editorial

Über Jahrhunderte haben Europäer die anderen Weltregionen erforscht, erobert, besiedelt, beherrscht, ausgebeutet und sie zugleich gemäß den eigenen Wertmaßstäben "zivilisiert".
Dabei warf die Begegnung mit den jeweils "Anderen" bei beiden – bei Europäern wie den Menschen in Außereuropa – Fragen nach der eigenen Identität auf. Seitens der Europäer wurde diese Frage meist aus der Hybris ihrer Höherwertigkeit und Überlegenheit beantwortet, die es fortan zu eigenem materiellen Nutzen unter Einsatz von Macht und Gewalt durchzusetzen sowie durch Wissenschaft, Religion, Recht und Politik zu untermauern galt.

Wenngleich sich das Engagement der Europäer auch da rauf erstreckte, Wissen, Technik und medizinische Versorgung in ihren außereuropäischen Einflusszonen zu verbreiten, sahen sich die Menschen dort in die Rolle der Unterlegenen gedrängt, denen Gleichrangigkeit und Menschenwürde abgesprochen wurde. Sie mussten Landnahmen, Gewalt und Ausbeutung erleben und sich gegen ihre Abwertung zur Wehr setzen – in einem schmerzhaften, oft gewaltvollen und opferreichen Selbstermächtigungsprozess, der bis heute andauert und sich nicht selten auch gegen die eigenen, selbsternannten Eliten richtet.

Die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Asymmetrien von in Jahrhunderten verfestigten Weichenstellungen dauern bis heute an, selbst wenn Europa inzwischen seine dominante Rolle im internationalen Gefüge verloren hat.
Bislang gab es in den europäischen Gesellschaften kaum Wissen und vor allem wenig differenziertes Bewusstsein für die Zeit vor der kolonialen Landnahme, für die koloniale Vergangenheit und die Prägungen, die sie der Gegenwart auferlegt hat.

In den vergangenen Jahren mehren sich allerdings Anzeichen für einen Bewusstseinswandel und für ein wachsendes öffentliches Interesse am Thema: Initiativen auf kommunaler Ebene beschäftigen sich mit der kolonialen Vergangenheit ihrer Städte, Wissenschaftsrichtungen wie Globalgeschichte, Postcolonial und Subaltern Studies erschüttern die eurozentrischen Perspektiven, Nichtregierungsorganisationen und Aktivisten fordern Sensibilität und eine spezifische Gedenkkultur.

Auch die Globalisierung, die weltweite Vernetzung und internationale Zusammenarbeit sowie nicht zuletzt die globalen Migrationsbewegungen und das Bemühen um gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen die Politik unter Handlungszwang. So findet sich im aktuellen Koalitionsvertrag erstmals ein Abschnitt, der die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte zum demokratischen Grundkonsens in Deutschland zählt.

Wie verlief die europäische Expansion und globale Machtaneignung?
Welche Folgewirkungen hat sie bis heute?
Wie lassen sich vor diesem Hintergrund die Problemlagen bearbeiten, die sie verursacht hat?
Wie lässt sich die Bereitschaft wecken, im jeweils anderen auch das Gemeinsame zu sehen und nicht allein das Trennende?

Diesen Fragen will die vorliegende Darstellung nachgehen und zur Reflexion über eigene Denk- und Verhaltensmuster anregen.

Anmerkung

Die Eigenschaftswörter 'Schwarz' und 'Weiß' werden, im Unterschied zum Standardgebrauch der deutschen Rechtschreibung, in diesem Text groß geschrieben. Ziel dieser ungewohnten Schreibweise ist es, darauf hinzuweisen, dass diese Begriffe keine 'Hautfarben', 'Rassen' oder andere angebliche 'biologische' Tatsachen bezeichnen. Sie verweisen vielmehr auf die komplexe kulturelle, soziale und politische Geschichte, in deren Verlauf diese Kategorien zur Bezeichnung von Gruppen und Einzelnen entstanden sind – als Produkte der kolonialen Geschichte.

Christine Hesse

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