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20.11.2018

Einleitung

Der europäische Kolonialismus hat über Jahrhunderte hinweg große Teile der Erde geprägt, seinen Höhepunkt erreichte er in der Epoche des Hochimperialismus zu Ende des 19. Jahrhunderts. Die Bewertung der europäischen Expansion und Machtausübung ist umstritten. Sicher dagegen ist, dass sie nicht nur die betroffenen Erdregionen, sondern auch die europäischen Gesellschaften nachhaltig veränderte.

Beginn einer Ära: Ein Bronzerelief in einem Fort von Maputo, der Hauptstadt Mosambiks, zeigt dessen Eroberung und Inbesitznahme durch die Portugiesen … (© picture-alliance, Okapia KG, Germany)


1978 veröffentlichte Edward Said, ein US-amerikanischer Literaturtheoretiker palästinensischer Herkunft, eine Schrift, mit der er die Welt von Kolonialismus und Dekolonisierung intellektuell aus den Angeln hob.

Nur wenige Jahre zuvor war mit dem Rückzug der Portugiesen aus Angola, Mosambik und Guinea-Bissau eine Epoche zu Ende gegangen, die mit der Entdeckung Amerikas 1492 eingesetzt und der globalen Entwicklung über die Jahrhunderte ihren Stempel aufgedrückt hatte. Wie keines der antiken Reiche zuvor – und auch keines der neuen "Imperien" danach – hatten es die Europäer vermocht, weite Teile der Welt direkt oder indirekt zu beherrschen. Es gelang ihnen, dort ihre Interessen durchzusetzen, lokale Wirtschaftsweisen und Lebensstile, Regierungsformen und Leitvorstellungen mit zu prägen und Wirkungen zu erzielen, die weit über ihre tatsächliche Präsenz hinausreichten. Vor diesem Hintergrund lässt sich tatsächlich von der "Unterwerfung der Welt" durch die Europäer sprechen, wie es der Historiker Wolfgang Reinhard getan hat.

Vieles hatte zur erfolgreichen Expansion Europas beigetragen: Entdeckerlust und wissenschaftliche Neugier, gepaart mit militärischer Überlegenheit; bald – seit dem 18. Jahrhundert spätestens – auch kapitalistischer Ehrgeiz und ein missionarischer Antrieb, Zivilisation und Rechtgläubigkeit über die Welt zu verbreiten. Den Nutzen davon hatten vor allem die europäischen Gesellschaften selbst.

Aber viele Historiker haben auch auf Errungenschaften wie moderne Infrastrukturen, das Schulwesen und wissenschaftliche Einrichtungen verwiesen, die durch die europäische Expansion in andere Erdteile gekommen seien. Und selbst die Nationalbewegungen in Asien und Afrika, die sich im 20. Jahrhundert gegen die europäische Herrschaft zur Wehr setzten, schienen dem europäischen Vorbild zu folgen und nach jeweils eigener Nationalstaatlichkeit zu streben.

Diese eher positive Sicht auf den europäischen Kolonialismus wurde jedoch bereits in den westlichen Öffentlichkeiten und Subkulturen der 1950er- und 1960er-Jahre in Frage gestellt. Kritische Stimmen wiesen auf die Kosten, die wirtschaftliche Ausbeutung sowie die sozialen und politischen Verwerfungen hin, die mit der europäischen Herrschaft einhergegangen waren. Doch auch diejenigen, die diese kritische Sicht vertraten, dachten die Welt in Kategorien von "hier Europa, dort Außereuropa" und interpretierten sie als zwei Sphären, von denen die eine die andere unrechtmäßig beeinflusst und unterworfen hätte.

Und dann kam Said. Mit seiner Studie "Orientalismus" präsentierte er einen neuen Blick auf die koloniale Vergangenheit. Den Orient (bei Said der Nahe Osten und die arabische Welt), den die Europäer vermeintlich zivilisiert (oder aus kritischer Sicht: unterworfen und ausgebeutet) hatten, gab es ihm zufolge gar nicht, er sei nicht mehr als eine Konstruktion westlicher Wissenschaften und Literaturen. Mit dem Orient hätten, so Said, die europäischen Orient- und Islamwissenschaften das Bild eines Raums entworfen, den sie systematisch als "anders", als verschieden von Europa dargestellt hätten. Diesem Raum ließ sich auf diese Weise alles zuschreiben, was "Europa" nicht sein sollte: irrational und unbeherrscht, exotisch und mysteriös, fanatisch religiös. Aus der Konstruktion solcher "Alterität" – einer als grundlegend aufgefassten Andersartigkeit – hätten die Menschen Europas eine eigene Identität gewonnen und sich in der Begegnung mit dem Anderen selbst immer wieder bestätigen und bestärken können.

Mit dieser These, die durchaus auf Widerspruch traf, rüttelte Said nicht nur an der lieb gewordenen Überzeugung, die Europäer hätten in Außereuropa eine "Zivilisierungsmission" erfüllt, sondern er löste darüber hinaus die Grenzen zwischen Europa und den Kolonien auf. Denn aus seiner Sicht fanden Imperialismus und Kolonialismus in Europa und in Außereuropa gleichzeitig statt.

Imperialismus, Kolonialismus, Dekolonisation, Dekolonisierung – eine Begriffserklärung

"Imperialismus" gehört zu den umstrittensten Begriffen in der politischen Sprache des 20. Jahrhunderts. Viele Ansätze zu seiner Definition beinhalten eine scharfe Kritik an ungleichen Machtverhältnissen. Vor allem die marxistischen oder marxistisch inspirierten Theorien haben den Aspekt der wirtschaftlichen Ausbeutung und politischen Unterdrückung hervorgehoben. Im allgemeinsten (und neutralsten) Sinne bezeichnet Imperialismus eine Machtbeziehung, in der eine Macht über ihre eigenen Grenzen hinaus Einfluss auf andere ausübt. Im Gegensatz zu üblichen Staatsbildungen folgt die Bildung von Imperien nicht ethnischen oder kulturellen Kriterien, sondern geoökonomischen und geopolitischen Interessen. Diese können durchgesetzt werden, indem direkt, häufig aber auch indirekt, Einfluss auf andere ausgeübt wird, also etwa durch militärische Unternehmungen oder Handelsbeziehungen.

"Kolonialismus" wiederum kann als eine Spielart von Imperialismus verstanden werden. Bei ihm steht die Herrschaft über fremde Territorien im Vordergrund. Diese Herrschaft muss nicht notwendigerweise mit unmittelbarer Besiedlung fremder Gebiete verbunden sein, sie kann auch auf informelle Weise erfolgen. Der Historiker Jürgen Osterhammel hat Kolonialismus definiert als "eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden".

Diese Definitionen spielen in der folgenden Darstellung eine Rolle, sie werden jedoch ergänzt durch eine weitere Perspektive, die sich aus den eingangs genannten Überlegungen Edward Saids ergibt: Kolonialismus soll nicht allein verstanden werden als eine europäische Machtprojektion nach außen, sondern auch als ein in die europäischen Gesellschaften selbst hineinwirkendes Phänomen. Der US-amerikanische Historiker Frederik Cooper hat passend von "imperialen Räumen" gesprochen, in denen über Zugehörigkeiten und Ausschlüsse, kulturelle Autonomie, soziale Rechte und politische Teilhabe verhandelt wurde. Demzufolge wurden dieselben Fragen, die seit der Französischen Revolution die europäischen Gesellschaften beschäftigten, auch in deren Kolonien gestellt. Die Kolonien waren damit Teil eines gemeinsamen politischen Raumes, in dem über diese Fragen, darunter etwa die Geltung der Menschenrechte, entschieden wurde.

Davon soll diese Darstellung handeln. Sie interessiert sich für Zusammenhänge und Wechselbeziehungen zwischen Europa und Außereuropa vor allem von den 1880er- bis zu den 1980er-Jahren, nimmt zugleich aber immer auch die Welt von heute in den Blick. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Westeuropa. Aus Gründen des Umfangs müssen die großen europäischen Kontinentalimperien Russland und die Habsburgermonarchie ebenso ausgeblendet bleiben wie die asiatischen Imperien und die USA. Ziel ist es, die Entwicklung der europäischen Gesellschaften aus ihrem Ausgreifen nach Außereuropa verständlich zu machen, und weniger, eine Geschichte globaler Ordnung durch Imperien zu erzählen.

Der Zeitraum, der hier betrachtet werden soll, beginnt mit dem Durchbruch des modernen Kolonialismus, sein Ende ergibt sich durch die Dekolonisation bzw. die anschließende Dekolonisierung. Gemäß einer Unterscheidung, welche die Historiker Christoph Kalter und Martin Rempe vorgeschlagen haben, bezeichnet im Folgenden "Dekolonisation" das formalrechtliche Ende kolonialer Herrschaft, also den Wechsel der Souveränität und die Unabhängigkeit neuer Staaten. "Dekolonisierung" dagegen bezeichnet einen längeren historischen Ablösungsprozess, der politische wie wirtschaftliche, soziale wie kulturelle Dimensionen einschließt und länger dauert als die Dekolonisation – wenn er überhaupt jemals abgeschlossen sein kann. Denn auch der Wandel von Erinnerungskulturen oder die Geltendmachung von Rechtsansprüchen wie Wiedergutmachung oder Rückgabe von "Raubkunst" aus der Kolonialzeit sind ein Teil davon.

Prof. Dr. Gabriele Metzler

Prof. Dr. Gabriele Metzler

ist Professorin für Geschichte Westeuropas und der transatlantischen Beziehungen am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktorin des An-Instituts Centre Marc Bloch.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Wandel von Staatlichkeit seit 1945; Staat und Terrorismus sowie Geschichte der westeuropäischen Gesellschaften in der Erfahrung der Dekolonisation.


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