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20.11.2018

Krisen und Niedergang der europäischen Imperien

Im Ersten Weltkrieg werden Arbeitskräfte und Soldaten aus den Kolonien rekrutiert, der Krieg wird nicht nur in Europa, sondern auch in Übersee geführt. Während das besiegte Deutschland seinen Kolonialbesitz verliert, sehen sich die westlichen Siegermächte mit Forderungen aus den Kolonien nach Mitsprache und Unabhängigkeit konfrontiert.

Um internationale Bedeutung und Wirtschaftskraft zu bewahren, suchen die europäischen Staaten ihren Status als Kolonialmächte zu erhalten. Besuch des belgischen Königspaars in Léopoldville, Belgisch-Kongo, heute Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, 1928. (© akg-images)


Der Erste Weltkrieg sorgte für eine weitere Verdichtung des imperialen Raums. Denn der Krieg war nicht auf Europa beschränkt, sondern mobilisierte auch in Außereuropa Menschen und Ressourcen in zuvor ungekanntem Maße. Rasch war absehbar, dass damit auch die Frage nach Zugehörigkeiten und Rechten an Dringlichkeit gewinnen würde. Doch die neue Weltordnung nach 1919 ließ das Machtgefälle zwischen Europa und den europäisch beherrschten Gebieten in Außereuropa zunächst unangetastet. In den westeuropäischen Gesellschaften selbst nahm die Bedeutung des Kolonialismus sogar zu: Im besiegten Deutschen Reich, das seinen Kolonialbesitz mit dem Versailler Friedensvertrag aufgeben musste, mehrten sich propagandistische Rückgabeforderungen, während Großbritannien oder Frankreich sich ihrerseits auf eine empathische Inszenierung und "Inwertsetzung" ihrer Imperien verlegten. Doch der Bedeutungsgewinn des Kolonialismus zeigte sich auch im Widerstand gegen diese Herrschaftspraxis, der nun in den europäischen Metropolen selbst artikuliert wurde.

Mobilisierung im Ersten Weltkrieg


Als im August 1914 der Krieg zwischen den europäischen Mächten ausbrach, wurde er rasch zum "Weltkrieg", und dies in mehrfacher Hinsicht: Die Kämpfe wurden auch in den Kolonien ausgetragen. Besonders Ostafrika hatte darunter zu leiden, da dort die Kriegshandlungen am längsten andauerten. Während in Europa am 11. November 1918 ein Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten auf der einen, und den Westmächten, allen voran Großbritannien und Frankreich, auf der anderen Seite die Kämpfe beendete, kapitulierten die deutschen Truppen in Ostafrika erst am 25. November 1918.

Die europäischen Kolonialmächte suchten Gebietsgewinne auch in den außereuropäischen Räumen zu erlangen und die Herrschaft der jeweils anderen zu destabilisieren; und schließlich wurden in den jeweiligen Kolonien Ressourcen für den Krieg in Europa mobilisiert. Dazu zählten vor allem Rohstoffe und finanzielle Mittel, aber auch Arbeitskräfte und Soldaten wurden vor allem in den britischen und französischen Kolonien zu Hunderttausenden für den Krieg in Europa rekrutiert.

Auf britischer Seite kämpften 1914/15 zunächst indische Einheiten, ehe Truppen aus den Weißen Dominions nach Europa verlegt wurden, darunter eine halbe Million Kanadier und 300.000 Australier. Frankreich setzte rund eine halbe Million Soldaten aus West- und Nordafrika sowie aus Indochina und Madagaskar an den europäischen Fronten ein. Dass hier erstmals Soldaten zum Einsatz kamen, die von den Europäern der Zeit als "farbig" bezeichnet wurden, prangerte die deutsche Führung als "völkerrechtswidrig" an und stellte es als besonders entwürdigend dar.

Die bereits vor dem Krieg verbreitete Ansicht, dass es besonders "kriegerische Rassen" unter den Kolonisierten gebe, hatte für die Angehörigen bestimmter Völker nun fatale Folgen. Denn die etwa den Männern aus Westafrika zugeschriebenen Eigenschaften wie Unerschrockenheit und Nervenstärke führten dazu, dass sie in besonders gefährlichen Missionen zum Einsatz kamen, und entsprechend lag ihr Risiko, im Krieg zu fallen, um 20 Prozent höher als dasjenige der französischen Soldaten.

Als Kriegsgefangene waren die Soldaten aus den Kolonien häufig politischen Instrumentalisierungs- und Indoktrinationsversuchen ausgesetzt. In deutschen Kriegsgefangenenlagern suchte man Männer aus Irland oder aus dem arabischen Raum gegen die britische Kolonialherrschaft aufzuwiegeln, und die Muslime unter ihnen wurden zum "Dschihad", zum "heiligen Krieg" gegen die Briten aufgerufen. Vergleichbar verfuhr die deutsche Kriegspropaganda in den britisch kontrollierten Gebieten des Mittleren Ostens.

Zur Mobilisierung im Ersten Weltkrieg zählte auch der Einsatz von Arbeitskräften aus den Kolonien. Zum einen wurden sie in ihrer Heimat selbst (zwangs-)rekrutiert, um dort die Kriegsproduktion für die Europäer zu steigern. Zum anderen wurden rund eine halbe Million Menschen nach Europa – vor allem nach Großbritannien und Frankreich – gebracht, um dort Hilfsdienste an der Front zu verrichten oder in den Fabriken bzw. im Bergbau zu arbeiten. Auf britischer Seite zählte man rund 300.000 Arbeitskräfte aus den Kolonien, zu denen etwa 100.000 Chinesen hinzukamen; in Frankreich wurden während des Krieges um die 200.000 Männer aus Asien und Afrika beschäftigt.

Je länger der Krieg andauerte und je tiefer die Kriegsmoral in den europäischen Gesellschaften sank, desto häufiger wurden diese Arbeiter aus den Kolonien Opfer rassistisch motivierter, gewalttätiger Übergriffe. In Frankreich verloren allein 1917 durch solche Gewalttaten 20 meist aus Nordafrika stammende Menschen ihr Leben, während es in Großbritannien vor allem in der Nachkriegskrise von 1919 zu "Rassenunruhen", speziell in den Hafenstädten, kam. Abermals ist bemerkenswert, wie eindeutig die Idee der "Rasse" das Ideal der Solidarität in der europäischen Arbeiterbewegung unterlief. Darüber hinaus zeigte sich, dass die "Zugehörigkeit", wie sie die Europäer in diesem Krieg gegenüber ihren kolonialen Soldaten beschworen hatten, lediglich eine Fiktion gewesen war. Substanzielle Zugeständnisse im Hinblick auf politische Teilhabe oder eine Verbesserung ihrer sozialen Umstände wurden nirgends gemacht.

Kolonialrevisionismus und "Lebensraum"-Politik

Der Erste Weltkrieg endete 1918 mit der Niederlage der Deutschen und ihrer Verbündeten. Mit dem verlorenen Krieg ging auch die Monarchie unter. Der Kaiser dankte ab und schon die Waffenstillstandsvereinbarung und den darauf folgenden Friedensvertrag von Versailles 1919 mussten die Vertreter des neuen Staates, der Weimarer Republik, unterzeichnen. Der Vertrag verpflichtete Deutschland zu hohen Reparationsleistungen, zu Gebietsabtretungen im Osten und Westen des Reiches, zu weitgehender Demilitarisierung und zur Aufgabe seiner Kolonien. All dies wurde der Republik von ihren Kritikern angelastet, was umso schwerer wog, als die alten militärischen Eliten und die rechtskonservativen bzw. rechtsextremen Politiker die Legende in Umlauf brachten, "im Felde" sei "Deutschland unbesiegt" geblieben, aber oppositionelle Kräfte im Inland hätten das Heer durch ihr Handeln hinterrücks "erdolcht" ("Dolchstoßlegende").

Ende des deutschen Kolonialreiches

[…] In Togo […] ist der Weltkrieg nach drei Wochen zu Ende – so schnell wie nirgends sonst.
Die Forderung an Deutschland, seinen Kolonialbesitz aufzugeben, begründeten die Siegermächte damit, dass sie Deutschland schlicht die Fähigkeit absprachen, kolonisatorisch im Sinne der europäischen "Zivilisierungsmission" tätig zu sein. Besonderen Zorn erregte in der deutschen Öffentlichkeit ein britisches Blaubuch, das die deutsche Kolonialmacht als extrem gewalttätig darstellte und dies mit bedrückenden Schilderungen aus dem Krieg gegen die Herero und die Nama untermauerte.

Aufrechterhaltung deutscher Kolonialforderungen (Kolonialrevisionismus)
In der Folge formierte sich in Deutschland Widerstand nicht nur gegen den Versailler Vertrag im Allgemeinen, sondern auch gegen seine kolonialen Bestimmungen im Besonderen. Die Vorwürfe der Siegermächte wurden als "Kolonialschuldlüge" zurückgewiesen. Die im Kaiserreich gegründeten Kolonialverbände schlossen sich 1922 zur Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft zusammen, die das Land mit Propaganda überzog. Ihr Ziel war es, den Friedensvertrag zu revidieren und die Kolonien zurückzuerhalten (Kolonialrevisionismus) oder wenigstens Völkerbundmandate über die ehemaligen deutschen Kolonien zu übernehmen. Die Deutsche Kolonialgesellschaft stellte Bilderschauen für den Schulunterricht zur Verfügung, die Reichsregierung unterstützte Veröffentlichungen kolonialrevisionistischer Literatur.

Zur Zielscheibe dieser Propaganda wurden auch die aus Afrika stammenden Besatzungssoldaten, die Frankreich zeitweilig im Rheinland stationierte. Die Kampagne gegen die "schwarze Schmach am Rhein" mobilisierte Zuspruch weit über die Region hinaus. Auch im Reichstag waren die Kolonialrevisionisten vertreten, wobei Heinrich Schnee, der letzte Gouverneur von Deutsch-Ostafrika und maßgebliche Stichwortgeber der "Kolonialschuldlüge", die zentrale Rolle spielte. Er saß für die rechtsliberale Deutsche Volkspartei von 1924 bis 1932 im Reichstag, ab 1933 für die NSDAP.

Eine weitere Leitfigur der Kolonialrevisionisten war Paul von Lettow-Vorbeck, der vor allem die Jugend in seinen Bann zog. Er hatte während des Krieges das Kommando über die deutsche "Schutztruppe" in Ostafrika innegehabt und dort gemeinsam mit einheimischen Soldaten (vor allem "Askari") den Krieg über den Abschluss des Waffenstillstands im November 1918 hinaus fortgesetzt. Anfang Januar 1919 wurde er mit Teilen seiner Truppen, darunter auch einigen afrikanischen Soldaten, am Brandenburger Tor wie ein Kriegsheld empfangen. Als unermüdlicher Redner und Buchautor sowie in seiner Eigenschaft als Reichstagsabgeordneter der rechten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) von 1928 bis 1930 befeuerte von Lettow-Vorbeck die Kolonialpropaganda in der Weimarer Republik. Besonders sein Jugendbuch "Heia Safari", das die deutsche Gewaltherrschaft in Ostafrika verherrlichte, verkaufte sich in 281.000 Exemplaren und erschien in mehreren Auflagen – die neunte und letzte 1952.

Auf ihn geht auch maßgeblich der Mythos der "treuen Askari" zurück, der zumeist aus der Region des heutigen Sudan rekrutierten Krieger, die angeblich besonders kampfbereit gewesen und selbst bei Bedrohung des eigenen Lebens nicht von der Seite ihrer Weißen, deutschen Kolonialherren gewichen seien. Bis weit in die NS-Zeit hinein wurde dieser Mythos anlässlich von Kolonialausstellungen und anderen propagandistischen Aktivitäten wach gehalten, auch wenn gelegentlich in Ermangelung "echter Askari" deutsche Darsteller mit schwarzer Schminke im Gesicht Afrikaner darstellten.

"Lebensraum im Osten"
Zu einem Verkaufsschlager und mehr noch zu einem Stichwortgeber für die Politik wurde der ebenfalls vor kolonialem Hintergrund spielende Roman: "Volk ohne Raum", den der bis dahin wenig bekannte Schriftsteller Hans Grimm 1926 veröffentlichte. Die junge NSDAP machte sich den Titel des Buches rasch zu eigen und leitete daraus ein Programm ab, das allerdings weniger auf den Rückerwerb der überseeischen Kolonien zielte als auf die "Eroberung von Lebensraum im Osten".

Tatsächlich hat die jüngere historische Forschung mit guten Gründen darauf hingewiesen, dass der Kolonialrevisionismus der Weimarer Republik sich weit weniger darauf gerichtet habe, ein überseeisches Kolonialreich wieder zu erlangen, sondern vielmehr ein kontinentales Imperium im Osten Europas angestrebt habe. Schon während des Ersten Weltkriegs hatte im Besatzungsgebiet des Oberbefehlshabers Ost ("Ober Ost") unter Paul von Hindenburg dazu eine Art Probelauf stattgefunden: In einem Gebiet, das sich 1917 vom heutigen Lettland über Litauen bis in die westlichen Gebiete Polens bzw. Weißrusslands erstreckte, wurden massenhafte Umsiedlungen der ansässigen Bevölkerung und deutsche Ansiedlungen geplant, Zwangsarbeiter rekrutiert und "Kulturarbeit" zur "Zivilisierung" der dortigen Bevölkerung geleistet.

Als die NSDAP 1933 an die Macht gelangte, hatte die Gewinnung von "Lebensraum im Osten" für sie klare politische Priorität, der Erwerb überseeischer Kolonien war demgegenüber nachrangig. Zunächst aber gingen die Nationalsozialisten ab 1933 systematisch daran, die Bestimmungen des Versailler Vertrages zu unterhöhlen. Zur geplanten Revision des ihnen so verhassten Vertrages gehörte es auch, das Erbe der aus Afrika stammenden französischen Besatzungssoldaten zu beseitigen: So wurden die Kinder, die in den frühen 1920er-Jahren aus Beziehungen zwischen diesen Soldaten und deutschen Frauen hervorgegangen waren, ab 1935 als "Rheinlandbastarde" systematisch zwangssterilisiert.

Völkerbund, Selbstbestimmungsrecht und Mandatssystem

Während die Weimarer Republik die Folgen der Kriegsniederlage zu verarbeiten hatte, erreichten die Imperien der Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich nach 1919 ihre historisch größte Ausdehnung. Denn die von Deutschland aufzugebenden Kolonien wurden nicht selbstständig und unabhängig, sondern unter die Mandatsherrschaft des 1919 neu gegründeten Völkerbundes gestellt. Zwar hatte der Initiator des Völkerbunds, US-Präsident Woodrow Wilson, mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker eine neue wirkmächtige Leitidee in die internationale Politik eingebracht. Doch zum einen traten die USA dem Völkerbund nicht bei und konnten entsprechend diese Entwicklung nicht weiter vorantreiben; zum anderen entpuppte sich das Versprechen der Selbstbestimmung nach 1919 für die kolonialen Gesellschaften als Enttäuschung. Statt sie in ihrem Streben nach Unabhängigkeit zu unterstützen, übertrug der Völkerbund Mandate, gestaffelt je nach politischer "Reife" der betroffenen Völker in A-, B- und C-Mandate, auf die europäischen Kolonialmächte, allen voran Großbritannien und Frankreich. In gewissem Sinne wurde auf diese Weise die "Zivilisierungsmission" der Europäer ungebrochen fortgeführt.

Doch so gewinnbringend die Übernahme eines Mandats für die europäischen Staaten auf den ersten Blick erscheinen mochte, so ernüchternd war die Realität. Nirgends ließ sich die Mandatsherrschaft etablieren, ohne auf die politische Opposition oder gar den offenen Widerstand der lokalen Gesellschaften zu stoßen. Die Mandatsherrschaft blieb stets gefährdet, brachte den europäischen Staaten ein ums andere Mal erhebliche Legitimationsprobleme ein und untergrub auf mittlere Sicht das Ansehen und den Status der Europäer als Kolonialmächte. Um ihre Herrschaftsansprüche durchzusetzen, griffen die europäischen Mächte auch in anderen Regionen außerhalb der Mandatsgebiete zu Mitteln, die das Kriegsvölkerrecht ausdrücklich verbot und die humanitäre Katastrophen nach sich zogen. Ein Beispiel ist der Einsatz von Chemiewaffen durch Spanien im Krieg gegen den marokkanischen Berberstamm der Rifkabylen (Rif-Krieg 1921–1926) sowie durch Italien in Abessinien/Äthiopien 1935/1936. Frankreich wiederum griff 1925 im syrischen Damaskus gezielt die Zivilbevölkerung an und Großbritannien führte 1923 im Irak ebenfalls Luftangriffe auf die Zivilbevölkerung durch. Wie zuvor die Kolonien blieben damit auch die Mandatsgebiete Gewalträume, in denen eigene Regeln galten.

Das Schwinden kolonialer Macht am Beispiel Irlands
Nicht nur in den neuen Mandatsgebieten, sondern auch in den Kolonien war die europäische Herrschaft nun gefährdeter denn je. Ein Beispiel dafür ist – wenn es auch an dieser Stelle überraschen mag – der irische Unabhängigkeitskrieg (1919–1921), der zu den Dekolonisationskonflikten hinzugezählt werden kann. Zwar war Irland seit dem Act of Union von 1800, der das Königreich Großbritannien und das Königreich Irland zum "Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland" vereinigte, formal keine Kolonie mehr, doch sowohl Briten als auch Iren dachten über ihr Verhältnis in kolonialen Kategorien. Großbritannien führte drei Jahre lang einen erbitterten Krieg um den Verbleib Irlands im Vereinigten Königreich: ein Kampf, der umso brutaler geführt wurde, als die Briten fürchteten, andere Kolonien, vor allem Indien, könnten dem irischen Beispiel folgen. 1922 kam es zu einem Kompromiss, der allerdings niemanden vollends zufriedenstellte: Im Süden der Insel entstand der irische Freistaat. Er erhielt den Status einer Dominion und proklamierte sich 1937 als Republik Irland. Diese trat 1949 aus dem Commonwealth aus und 1973 den Europäischen Gemeinschaften (EG) bei. Die Provinzen in Nordirland gehören dagegen bis heute zum Vereinigten Königreich. Über die Frage einer Wiedervereinigung beider Landesteile und ihr Verhältnis zu Großbritannien gab es Jahrzehnte lang gewaltvolle Auseinandersetzungen. Diese konnten zwar durch das "Karfreitagsabkommen" von 1998 vorläufig befriedet werden, doch die Folgen des mit dem Referendum vom 23. Juni 2016 beschlossenen britischen Austritts aus der EU ("Brexit") könnten künftig zum Wiederaufleben des Konflikts beitragen.

Zwischen Gewalt und Hilfe: der Umgang mit Souveränitätsbestrebungen
Forderungen aus den Kolonien nach mehr Mitsprache beantworteten die Europäer teils mit Gewalt – so wie die Briten 1919 im indischen Amritsar –, teils mit nicht allzu weit reichenden Zugeständnissen. Vor allem aber waren sie bestrebt, im eigenen Mutterland den Rückhalt für ihre Kolonialherrschaft zu stärken. Daher erlebten alle westeuropäischen Gesellschaften in der Zwischenkriegszeit, dass sich die kolonialistische Propaganda deutlich intensivierte. Die großen Kolonialausstellungen wie etwa die britische "Empire Exhibition" in Wembley 1924/25 und die "Exposition coloniale internationale" in Paris 1931 waren beispielgebend, doch auch in den anderen europäischen Metropolen fanden vergleichbare Ausstellungen statt. Mancherorts, etwa in Belgien und Italien, wurden eigene "Kolonialtage" oder "Kolonialwochen" eingeführt, an denen Militärparaden und Ansprachen die Präsenz der Kolonien wach zu halten suchten und an denen besonders die Schulen aktiv beteiligt waren.

All dies diente dazu, sich der etablierten Ordnung zwischen Kolonien und Metropolen zu vergewissern, zugleich aber auch neue Vorstellungen von "Fortschritt" umzusetzen: Gerade die beiden großen europäischen Kolonialmächte, Großbritannien und Frankreich, unternahmen nun gezielte Initiativen zur Modernisierung ihrer Kolonien. 1923 formulierte der französische Kolonialminister Albert Sarraut die Leitidee einer "Inwertsetzung" der Kolonien ("Mise en valeur"). Die Gewinne der Europäer, so die Überlegung dazu, ließen sich steigern und die Kosten für den Unterhalt der Kolonien senken, wenn dort in moderne Infrastrukturen investiert würde.

Hier scheint die europäische Selbstsicht als Taktgeber einer Modernität auf, die es nunmehr nicht allein in Europa, sondern auch in Außereuropa durchzusetzen galt. Nach Eisenbahnen wurde jetzt in den Ausbau von überregionalen Straßennetzen investiert, in Elektrizitätsnetze, in die Gesundheitsversorgung und in das Schulwesen. Mit dem Leitmotiv der "Modernisierung" setzte Sarraut einen wirkmächtigen Impuls für die spätere "Entwicklungspolitik". Seine Initiative entsprang sicherlich dem Wunsch, durch Modernisierung die Lebensbedingungen in den Kolonien zu verbessern. Doch gleichzeitig sprach aus ihr das Bewusstsein europäischer Überlegenheit und der aus ihr abgeleiteten "Zivilisierungsmission".

Andererseits ließ sich nicht mehr übersehen, wie abhängig die verbliebenen europäischen Kolonialmächte inzwischen von ihren Kolonien geworden waren: Dies betraf nicht allein das Prestige und den internationalen Einfluss, den sie aus dem Besitz der Kolonien und der Übernahme von Völkerbundmandaten gewannen, sondern es galt allzu bald, spätestens während der Weltwirtschaftskrise nach 1929, in ganz materieller Hinsicht.

Vor allem Großbritannien suchte während der Weltwirtschaftskrise Rückhalt im Empire. Ältere Ideen eines durch Präferenzzölle zusammengehaltenen (Handels-)Raumes wurden 1932 erneut aktuell. Allerdings hatten die Dominions durch das im Dezember 1931 vom britischen Parlament erlassene Westminster Statut faktisch volle politische Souveränität gewonnen. Kanada scherte aus dem wirtschaftlichen Bündnis mit Großbritannien bald aus und schloss 1935 einen Handelsvertrag mit den USA. Die (informelle) Sterlingzone mit dem britischen Pfund Sterling als Leitwährung verband zunächst Metropole, Dominions und Kolonien; bis Mitte der 1930er-Jahre traten ihr noch weitere Länder bei. Auf dieser Basis gelang es Großbritannien, seinen Status als Weltwährungsmacht sogar noch aufrechtzuerhalten, nachdem es 1930 die Golddeckung des Pfund Sterling hatte aufgeben müssen. Erst 1944, nach der Konferenz von Bretton Woods, die die internationale Währungsordnung neu regelte, löste der US-amerikanische Dollar als neue internationale Leitwährung das britische Pfund Sterling ab.

Der Beginn antikolonialen Widerstands in den Metropolen

In der Zwischenkriegszeit nahmen nicht nur in den Kolonien die Konflikte zu, sondern auch in den Metropolen wurden die Kämpfe nun verstärkt ausgetragen. Vor allem die nach der Russischen Revolution 1917 erstarkende Komintern, die 1919 gegründete internationale Vereinigung kommunistischer Parteien, spielten hierbei eine zentrale Rolle.

Im politischen Spektrum nach dem Ersten Weltkrieg waren die Kommunisten die einzigen, die die Befreiung von Kolonialherrschaft vorbehaltlos auf ihre Fahnen geschrieben hatten, und sie waren nun in den Kolonien wie in den europäischen Metropolen aktiv. Vor allem in Frankreich sammelten sich unter dem Dach der kommunistischen Partei PCF ganz unterschiedliche Initiativen und Akteure. Einer der führenden Köpfe war der aus dem Senegal stammende Lamine Senghor, der im Krieg als Soldat nach Europa gekommen war. Seine 1927 gegründete Zeitung La Race Nègre wurde zu einem einflussreichen Organ innerhalb wie außerhalb Europas. In Großbritannien war der in Trinidad geborene George Padmore die treibende Kraft hinter der Gründung von (kommunistisch geprägten) Gewerkschaften für Schwarze Arbeiter, während sich in Deutschland der Medienunternehmer Willi Münzenberg für diese Sache engagierte. Er gründete die Internationale Arbeiterhilfe (IAH), eine der KPD nahestehende Organisation, die in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren unter anderem Sozialleistungen für Arbeiter bereitstellte. Außerdem war er Mitinitiator der 1927 in Brüssel gegründeten "Liga gegen Imperialismus, gegen Kolonialherrschaft und für Nationale Unabhängigkeit", die in den zehn Jahren ihres Bestehens zu einem internationalen Netzwerk von Kolonialgegnern unter kommunistischen Vorzeichen wurde.

In Deutschland selbst hatten bereits 1919 Aktivisten aus den Kolonien auf sich aufmerksam gemacht. Unter Führung des Deutsch-Kameruners Martin Dibobe, der 1896 als Darsteller einer Völkerschau nach Deutschland gekommen war, richteten einige Afrodeutsche eine Petition an die Weimarer Nationalversammlung, in der sie sich zwar für die Fortführung deutscher Herrschaft in Afrika aussprachen, für diesen Fall jedoch das Zugeständnis gleicher Rechte einforderten. So sollte etwa das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) auch in den Kolonien gelten, die Gewalt gegen die Kolonisierten sollte enden und der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen allen offenstehen. Daraus wurde bekanntlich nichts, doch blieben die Autoren der Petition aktiv und fanden über den von ihnen gegründeten Afrikanischen Hilfsverein schließlich ebenfalls ins kommunistische Lager.

Doch nicht Berlin oder London, sondern Paris entwickelte sich in den 1920er-Jahren geradezu zur "Metropole des Anti-Imperialismus", so der Historiker Michael Goebel. In der französischen Hauptstadt wurde eine Vielzahl von Aktivisten aus den Kolonien politisiert, darunter einige, die später zu zentralen Figuren der Unabhängigkeitsbewegungen in ihren Heimatländern wurden.

Dazu zählten der junge Vietnamese Nguyen Ai Quoc, der spätere Ho Chi Minh, oder der senegalesische Student und Intellektuelle Léopold Sédar Senghor – nach 1960 der erste Staatspräsident des unabhängigen Senegal. Gemeinsam mit dem aus Martinique stammenden Aimé Césaire gab er die maßgeblichen Impulse für die intellektuell und kulturell geprägte Strömung der Négritude, die die kulturelle Eigenständigkeit und Gleichrangigkeit Schwarzer Kultur betonte. Sie legte zusammen mit der Harlem Renaissance, einer Bewegung afroamerikanischer Künstler und Schriftsteller, die ebenfalls in der Zwischenkriegszeit in den USA zu Einfluss gelangt war, den Grundstein für ein neues Schwarzes Selbstbewusstsein.

Maßgeblich von dem US-amerikanischen Bürgerrechtler W. E. B. DuBois organisiert war auch die panafrikanische, also gesamtafrikanische Bewegung, die von 1919 bis 1923 ihre Kongresse in Paris, London, Brüssel und Lissabon abhielt. In London florierten, vor allem in den 1930er-Jahren, studentische Vereinigungen, Literaturzirkel und Zeitschriften, die den Schwarzen internationalistischen Diskurs vorantrieben.

Prof. Dr. Gabriele Metzler

Prof. Dr. Gabriele Metzler

ist Professorin für Geschichte Westeuropas und der transatlantischen Beziehungen am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktorin des An-Instituts Centre Marc Bloch.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Wandel von Staatlichkeit seit 1945; Staat und Terrorismus sowie Geschichte der westeuropäischen Gesellschaften in der Erfahrung der Dekolonisation.


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