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20.11.2018

Die "Anderen" in den Metropolen

Durch die Dekolonisierung wurden die westeuropäischen Gesellschaften durcheinandergewirbelt. Hunderttausende von Migrantinnen und Migranten aus den Kolonien gelangten nach Europa, manchmal gefördert, weil sie als Arbeitskräfte willkommen waren; manchmal aber auch gegen Widerstände und Abwehr. Damit waren unterschiedliche Rechte, Integrations-, aber auch Ausgrenzungs-, ja Gewalterfahrungen verbunden.

Im Ersten Weltkrieg kommen vermehrt Soldaten und Arbeitskräfte aus den Kolonien in die europäischen Mutterländer. Trotz staatlicher Hindernisse und gesellschaftlicher Diskriminierung lassen sich viele dort dauerhaft nieder. Indischer Bonbon-Verkäufer in London 1930. (© Imago / United Archives International)


Aktivisten, Arbeiter, Künstler: frühe Migrationen nach Europa

Seit die Europäer Kolonien erworben hatten, waren diese ein Auswanderungsziel von Menschen gewesen, die in Übersee ihr Glück suchten, als Abenteurer, Arbeiter, Siedler, Händler oder Plantagenbesitzer; manche freilich auch in Diensten der Kolonialverwaltung oder einer Missionsgesellschaft. Vor allem die Amerikas waren und blieben bis weit ins 20. Jahrhundert das Hauptziel europäischer Auswanderung. Nach deren Unabhängigkeit zogen insbesondere die Kapkolonie (im heutigen Südafrika), Algerien, Kenia, Mosambik und Angola sowie Deutsch-Südwestafrika europäische Siedler an, wenngleich Siedlerkolonien eher den Sonder- als den Normalfall des europäischen Kolonialismus darstellten.
In umgekehrter Richtung waren zunächst nur vereinzelte Wanderungsbewegungen zu beobachten. Im 19. Jahrhundert nahmen sie, wie der Historiker Jochen Oltmer festgestellt hat, vielfach die Form von "Bildungsmigration" an, denn die meisten der nach Europa kommenden Asiaten und Afrikaner wollten sich an den – vor allem französischen und britischen – Universitäten für den Verwaltungsdienst und andere höhere Positionen in ihren Heimatländern qualifizieren. Unter ihnen war beispielsweise der junge Inder Mahatma Gandhi, der von 1888 bis 1891 in London Jura studierte. Hinzu kamen seit der Wende zum 20. Jahrhundert Seeleute, die für die Handelsmarinen arbeiteten und sich, wenn sie nicht auf den Weltmeeren unterwegs waren, in den europäischen Hafenstädten niederließen. Liverpool und Cardiff, Hamburg und Rotterdam boten schon vor dem Ersten Weltkrieg ein lebendiges multikulturelles Bild.

Rassendiskriminierung statt staatsbürgerlicher Gleichheit
Der Erste Weltkrieg dynamisierte die interkontinentale Migration. Erstmals wurden Soldaten aus den Kolonien auf europäischen Kriegsschauplätzen eingesetzt. Auch Arbeitskräfte wurden von dort rekrutiert, von denen viele nach Kriegsende in Europa blieben. Dadurch gewann die Frage nach rechtlicher Anerkennung, Zugehörigkeit und staatsbürgerlicher Gleichstellung erheblich an Bedeutung.

Im britischen Empire wurde zunächst jede Person, die dort geboren wurde, als "British subject" und damit in einem besonderen Treue- und Schutzverhältnis gegenüber der Krone stehend angesehen. Dies symbolisierte die Einheit des Empire. Gleiche politische Rechte waren damit allerdings nicht verbunden, der Status des britischen citizen mit politischen Rechten war abhängig davon, im Vereinigten Königreich geboren zu sein oder in den Dominions der Weißen Bevölkerungsgruppe anzugehören. Die mit dem Subject-Status verbundene Freizügigkeit, also das Recht, sich im gesamten Empire frei zu bewegen und auch niederzulassen, grenzten nicht nur die Dominions bereits vor dem Ersten Weltkrieg entlang rassistischer Kriterien ein, die vor allem gegen Inder gerichtet waren. In Anbetracht eines angespannten Arbeitsmarktes in den frühen 1920er-Jahren verschärfte auch die Regierung im Vereinigten Königreich die Gesetzeslage, um weitere Zuwanderung zu erschweren. Einige dieser Gesetze wie die "Special Restriction (Coloured Alien Seamen) Order" von 1925 waren ganz offen rassistisch und deuteten bereits an, dass "race" die entscheidende Trennlinie innerhalb der britischen Einwanderungsgesellschaft würde.

Auch im Falle Frankreichs höhlten rassistische Unterscheidungen den eigentlich universalistischen Anspruch der französischen Staatsbürgerschaft aus. So wurde in den französischen Kolonien zwischen "citoyens", also Vollbürgern, und "sujets indigènes" ohne politische Rechte unterschieden.
Neben "rassischem Anderssein" erzeugten auch religiöse Differenzen Spannungen zwischen den Gesellschaften der Metropole und Zuwandernden aus den Kolonien. Gerade die französische Gesellschaft zeigte sich zunehmend sensibel gegenüber einer wachsenden muslimischen Präsenz in ihrer Mitte. Die Eröffnung der Großen Moschee in Paris, die 1926 in Anwesenheit des Staatspräsidenten stattfand, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass muslimische Migrantinnen und Migranten in der französischen Gesellschaft bereits in den 1920er-Jahren weitgehend an den Rand gedrängt und mit Einrichtungen wie etwa einem eigenen Krankenhaus in Paris separiert wurden. Ein rechtliches Gefälle zwischen den Europäern und den Kolonisierten blieb in der Zwischenkriegszeit bestehen. Es war dabei unerheblich, ob es sich um Migrantinnen und Migranten handelte, die sich in den europäischen Metropolen niederließen, oder um Menschen in den europäischen Kolonien in Afrika und Asien.

Bemerkenswerte Karrierewege
Bei allen bestehenden Asymmetrien zwischen den europäischen Gesellschaften und ihren Zuwandernden gelang es in der Zwischenkriegszeit einer kleinen Gruppe von Menschen aus den Kolonien dennoch, die Aufmerksamkeit des europäischen Publikums auf sich zu ziehen. Denn die großen westeuropäischen Städte waren in den 1920er-Jahren Zentren einer echten Unterhaltungsindustrie, in der auch Menschen gerade aus Afrika ihren Platz fanden. Zwar speiste sich das Interesse auch in diesem Fall oft vornehmlich aus der Vorstellung von Schwarzen als den exotisch Anderen. Aber einigen Schwarzen Künstlern gelang es, auf dieser Basis eine beachtliche Karriere zu machen. Ein Beispiel dafür bietet der aus Kamerun stammende Schauspieler Ludwig M’bebe Mpessa, der unter seinem amerikanisierten Künstlernamen Louis Brody bis in die NS-Zeit hinein in einer Vielzahl von deutschen Spielfilmen mitwirkte.

Von Kamerun nach Babelsberg: Die Geschichte des Schauspielers Louis Brody

Ludwig M’bebe Mpessa, der sich später Louis Brody nannte, wurde am 15. Februar 1892 in Duala/Kamerun geboren. Wie er nach Deutschland kam, ist unbekannt. Mit 23 Jahren bekam er seine erste Rolle […]. Immer wieder trat er in Abenteuerfilmen als bedrohlich-exotischer "schwarzer Mann" auf. […]
Der unumstrittene Star der Schwarzen Kulturszene dieser Zeit war allerdings Josephine Baker. Mit ihrer Revue Nègre schlug sie besonders das Pariser Publikum in ihren Bann, doch auch anderswo jubelten die Weißen Zuschauer der Tänzerin zu. Indem sie koloniale Stereotype aufgriff und künstlerisch umsetzte – etwa in ihrem berühmten "Bananentanz" –, wendete sie den Rassismus der Weißen subversiv gegen diese. Der – in den Augen des Weißen Publikums – Primitivismus und die unverstellte Sexualität, die in den Schwarzen Aufführungen zum Ausdruck kamen, verband sich mit der Jazz-Musik und den Einflüssen der afroamerikanischen Harlem Renaissance, einer Bewegung afroamerikanischer Künstler und Schriftsteller der 1920er-Jahre, zu einer wirkmächtigen Gegenkultur. Auch sie trug, zusammen mit dem wachsenden politischen Aktivismus Schwarzer Menschen, dazu bei, die Selbstverständlichkeiten europäischer Kolonialherrschaft zu hinterfragen.

"Repatriierte" und (Dekolonisations-) Migration nach 1945

Die Wanderungsbewegungen in das Europa der Zwischenkriegszeit nehmen sich freilich gering aus im Vergleich zur massenhaften Migration nach 1945. Sie veränderte einige der westeuropäischen Gesellschaften von Grund auf.

Nach wissenschaftlichen Schätzungen kamen zwischen 1950 und 1980 zwischen fünf und acht Millionen Menschen in Folge von Dekolonisationsprozessen nach Europa. Dies bettet sich ein in ein dramatisches globales Wanderungsgeschehen, war doch fast die gesamte Welt nach dem Zweiten Weltkrieg in Bewegung geraten. Millionen von Menschen verließen ihre Heimat, weil sie flüchten mussten oder vertrieben wurden:
  1. wie beispielsweise jene Deutschen, die sich östlich von Oder und Neiße angesiedelt hatten. Ganz aktuell beginnt die Geschichtswissenschaft über die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten auch unter dem Vorzeichen postkolonialer Migration zu diskutieren;
  2. wie Millionen von Hindus sowie Muslimen und Muslimas, die im Zuge der indischen Unabhängigkeit zwischen Indien und dem neuen Staat Pakistan umsiedeln mussten;
  3. oder wie aus Europa stammende Siedler, Verwaltungsbeamte, Lehrkräfte, Militärs oder Missionare, die nach der Dekolonisation Länder in Afrika oder Asien verlassen mussten oder wollten.
  4. Nicht vergessen werden dürfen auch die zahlreichen kolonialen Hilfstruppen und Personen, die vor Ort die jeweilige Kolonialmacht unterstützt hatten und sich dort nun massiven Anfeindungen ausgesetzt sahen.
  5. Und schließlich wanderte eine große Zahl von Menschen aus den vormaligen Kolonien nach Europa, um dort Arbeit zu finden oder weil Familienangehörige bereits in Europa lebten.
Die Heterogenität postkolonialer Migration
Wie heterogen die Gruppen der postkolonialen Zuwanderung waren, zeigte sich am Beispiel der Niederlande. Dorthin wanderten zwischen 1945 und 1963 rund 300.000 Menschen aus dem unabhängig werdenden Indonesien, darunter auch 12.000 Südmolukker (Ambonesen) als Angehörige der kolonialen Hilfstruppen.

In Großbritannien begann die postkoloniale Zuwanderung Ende der 1940er-Jahre, als vor allem Menschen aus der Karibik eintrafen. Zum Symbol wurde die Ankunft des Schiffes Empire Windrush, das 1948 eigentlich Soldaten von Jamaika nach Großbritannien befördern sollte, bei seiner Ankunft indes auch knapp 500 Jamaikaner an Bord hatte. Sie beriefen sich auf den British Nationality Act von 1948, auf dessen Basis alle Bürger des Commonwealth auch Bürger Großbritanniens waren. Ab Mitte der 1950er-Jahre gewann dann die Einwanderung vom indischen Subkontinent an Gewicht. 1966/67 wurde die Millionengrenze der zeitgenössisch und offiziell als "farbig" ("coloured") beschriebenen Zuwanderung nach Großbritannien überschritten.

Zur selben Zeit erlebte auch Frankreich einen steigenden Zuzug aus seinen Kolonien. Hatte das Land schon seit den 1920er-, verstärkt seit den 1950er-Jahren Arbeitskräfte aus Nordafrika aufgenommen, so kamen nun weitere Zuwanderer im Kontext des Krieges um Algerien und dessen anschließende Unabhängigkeit. In den frühen 1960er-Jahren wanderten allein rund eine Million Algerienfranzosen aus dem nordafrikanischen Land nach Frankreich ein. Fast zwei Drittel von ihnen siedelten sich zu Beginn in Marseille an, was die Stadt rasch an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit brachte.

Zusätzlich kamen noch rund 91.000 Harkis, die als ehemalige koloniale Hilfstruppen während des Algerienkrieges nunmehr in ihrer Heimat Vergeltungsakte gewärtigen mussten und in ihrer Existenz bedroht waren. Allein in den acht Wochen nach Abschluss der Abkommen von Evian im März 1962, die den Algerienkrieg beendeten und die Unabhängigkeit Algeriens besiegelten, waren 10.000 von ihnen ermordet worden oder auf andere Weise verschwunden. Die wachsende Zuwanderung stellte den französischen Staat vor Probleme, die für die unterschiedlichen Gruppen der Neuankömmlinge unterschiedlich gelöst wurden.

Eine ähnlich gedrängte und intensive Form der Zuwanderung erlebte von den westeuropäischen Ländern ansonsten nur Portugal. Dorthin gelangten 1973/74 rund eine halbe Million Menschen aus Angola, Mosambik und den übrigen nunmehr selbstständigen portugiesischen Kolonien. Diese sogenannten "retornados" machten dem Historiker Jochen Oltmer zufolge Mitte der 1970er-Jahre gut sechs Prozent der portugiesischen Bevölkerung aus. Deutlich geringer blieb der Anteil von Kongolesen in Belgien, einer Gruppe, die von der belgischen Politik wie von der sozialwissenschaftlichen Forschung lange Zeit weitgehend ignoriert wurde. Schätzungsweise 60.000 Menschen aus dem Kongo leben heute in Belgien.

Begrenzung postkolonialer Zuwanderung
Was die Zahlen hier nicht wiedergeben können, sind die bisweilen dramatischen Umstände, unter denen die Menschen aus den unabhängig werdenden Kolonien nach Europa gelangten. Gerade diejenigen, die in den vormaligen Siedlerkolonien gelebt hatten, erlebten häufig Traumatisches. Da die koloniale Herrschaft dort am längsten und nachdrücklichsten verteidigt wurde, erfolgte die Auswanderung bzw. Flucht am Ende häufig überstürzt. Und in den europäischen Aufnahmegesellschaften waren allzu oft nicht hinreichend Vorkehrungen getroffen worden, um die große Zahl der postkolonialen Ankömmlinge zügig aufnehmen zu können. Soziale Probleme waren die Folge, die sich insbesondere in unzulänglichen Wohnbedingungen und Bildungsangeboten niederschlugen.

Doch auch in politischer Hinsicht zeitigte die postkoloniale Zuwanderung nachhaltige Effekte. Denn aus der Auseinandersetzung mit ihr erwuchsen neue Regeln, die darüber entschieden, wer als zugehörig und wer als "fremd" galt, wer staatsbürgerliche Rechte beanspruchen durfte oder allenfalls das Gastrecht in Anspruch nehmen konnte. Hier lohnt ein Blick auf Großbritannien: Ganz unverstellt tritt der Rassismus der britischen Regierung und weiter Teile des Parlaments vor Augen, wenn man die zeitgenössischen Debatten über den 1962 verabschiedeten Commonwealth Immigrants Act verfolgt. Auf seiner Grundlage wurde die Zuwanderung aus den Kolonien bewusst beschränkt und erschwert. Was pro forma für alle postkolonialen Zuwanderer galt, traf de facto besonders diejenigen aus Indien, Pakistan und der Karibik. Weitere Gesetze in den Folgejahren verschärften die Bedingungen für Zuwanderung und für die Inanspruchnahme der britischen Staatsbürgerschaft weiter. Mit dem British Nationality Act zog die Regierung Thatcher 1981 schließlich einen Schlussstrich unter eine jahrhundertalte Praxis und begründete eine eigene, spezifisch britische (und nicht mehr Commonwealth-)Staatsangehörigkeit.

Auch Frankreich verengte die Zuzugsmöglichkeiten seiner vormaligen kolonialen "Untertanen". Hatte die IV. Republik nach 1946 noch die Fiktion einer zusammenhängenden Union Française mit Freizügigkeit – auch nach Frankreich – aufrechterhalten, so wurde 1973 Menschen aus Afrika die Sicherheit des Zuzugsrechts gesetzlich aufgekündigt. In den Niederlanden wiederum wurden zwar die Weißen Zuwanderer aus Indonesien rechtlich gleichgestellt, doch die Molukker blieben bis in die 1980er-Jahre staatenlos und erhielten erst spät die Chance, die niederländische Staatsangehörigkeit überhaupt zu beantragen.

Soziale Konflikte: die Grenzen der Integration
Ob und wie die Neuankömmlinge in den europäischen Gesellschaften Fuß fassen und sich ein neues Leben aufbauen konnten, hing zuallererst davon ab, wann sie dorthin gelangten. Was zunächst banal erscheinen mag, erweist sich bei näherer Betrachtung tatsächlich als einer der wesentlichen Faktoren im Prozess der sozialen Integration. Am leichtesten taten sich jene, die in den 1950er-Jahren zuwanderten. Denn bis dahin hatten die europäischen Gesellschaften die akuten ökonomischen und sozialen Nachkriegskrisen überwunden, das wirtschaftliche Wachstum nahm zu und mit ihm stieg die Beschäftigtenquote. Arbeitskräfte waren bald stark nachgefragt – so sehr, dass die westeuropäischen Unternehmen Arbeitskräfte in Süd-, dann auch in Südosteuropa gezielt anwarben.

Wer in den Zeiten des Nachkriegsbooms aus einer Kolonie nach Westeuropa zuwanderte, hatte demnach gute Chancen, rasch in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Allerdings teilten die postkolonial Zugewanderten auf dem Arbeitsmarkt häufig das Schicksal der Arbeitskräfte aus Süd- und Südosteuropa, indem für sie allzu oft nur die körperlich schweren, schmutzigen und gefährlichen Arbeiten blieben, welche die Weißen Arbeiter angesichts besserer Angebote nicht mehr übernehmen wollten. Und sowohl postkoloniale wie süd(ost)-europäische Arbeitskräfte waren in besonderem Maße betroffen, als sich die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt ab den frühen 1970er-Jahren verschlechterten und die Konkurrenz um schwindende Jobs zunahm.

Die "Farbigen" in der britischen Gesellschaft
In Großbritannien erwies sich die Hautfarbe als entscheidender Faktor, der über die Integrationschancen entschied. Den zugewanderten, als "Farbige" ("coloured") Bezeichneten blieb zunächst nichts anderes übrig, als sich in den heruntergekommenen innerstädtischen Vierteln anzusiedeln, aus denen die Weiße Bevölkerung sobald als möglich weggezogen war. Dort trafen sie nicht nur auf schlechte Wohnbedingungen, sondern auch auf schlechte Bildungschancen, schlechte Sozialdienste und eine schlechte medizinische Versorgung.

Dennoch konnten sich viele Zugewanderte vor allem aus Südasien im Laufe der 1960er-Jahre, als Familien den zunächst allein eingewanderten Männern nachzogen, bescheidene selbstständige Existenzen aufbauen. Aus dem britischen Alltag sind die indisch- oder pakistanischstämmigen Familien, die Zeitungsgeschäfte, Imbissrestaurants, Reinigungen oder Kleiderläden betreiben, seither nicht mehr wegzudenken. Ganz nach dem Wunsch liberaler Kreise in der Weißen britischen Gesellschaft assimilierten sich oft vor allem die aus Indien Zugewanderten und passten ihr familiäres wie soziales Leben an das der Durchschnittsbriten an. Freilich eigneten sie sich auch deren Rechte an, und so ist es kaum überraschend, dass sich die abhängig Beschäftigten aus Südasien bald auch gewerkschaftlich organisierten. 1964/65 fanden erste Arbeitskämpfe mit indischer und pakistanischer Beteiligung statt.

Bemerkenswert ist, dass die aus den Kolonien zugewanderten Menschen häufig erst in Europa ein spezifisches ethnisches Selbstbewusstsein ausprägten. Besonders deutlich wird dies an den Zuwanderern aus der Karibik, die sich in ihren Heimatländern etwa als Einwohner von Jamaika oder Trinidad, in der neuen britischen Umgebung aber bald als "Afro-Caribbeans" verstanden.

Integrationsprobleme in Frankreich
In Frankreich verlief die soziale Trennlinie ebenfalls entlang rassistischer Zuschreibungen, in die sich koloniale Repräsentationen, also hierarchische Verhältnisse aus der Kolonialzeit, mischten. Wer etwa aus Algerien nach Frankreich kam, traf auf höchst unterschiedliche Chancen. Eine Sonderstellung hatten die "Repatriierten" aus Algerien, die auch als "pieds-noirs" bezeichnet wurden. Zu diesen zählten nicht nur Weiße Siedler oder Angehörige der Kolonialverwaltung, sondern auch jene Français musulmans d’Algérie, die Funktionen in der Kolonialverwaltung innegehabt hatten. Ethnische oder religiöse Differenzen traten in den Hintergrund, sie wurden wie die Weißen behandelt. Die Weißen unter ihnen stammten im Übrigen keineswegs alle aus Frankreich. Manche waren ursprünglich in Italien, Spanien oder auf Malta beheimatet gewesen und hatten sich anschließend im kolonialen Algerien niedergelassen.

Nun, in Frankreich, suchten sich die Repatriierten vor allem im Süden des Landes eine neue Heimat aufzubauen. Dabei unterstützte sie der französische Staat, der bis 1965 rund 114.000 Sozialwohnungen für diese Zuwanderungsgruppe errichtete. Dennoch blieben zunächst Tausende auf Behelfsunterkünfte angewiesen, die auf die Schnelle in Ferienanlagen, Hotels oder Herbergen aller Art eingerichtet worden waren.
Um die Repatriierten zu integrieren, gewährte der Staat ihnen günstige Kredite, half bei der Arbeitsvermittlung, und in der Tat gelang es vielen von ihnen, sich eine gute Existenz zu sichern. Ihre Massenpolitisierung, die sich die politische Rechte erhofft hatte, blieb aus.

Andere Probleme der Integration sah der französische Staat bei den vornehmlich muslimischen Arbeitsmigranten, die schon in den 1950er-Jahren nach Frankreich gekommen waren und dort wesentlich zum wirtschaftlichen Wiederaufbau und Aufschwung des Landes beigetragen hatten. Laut der US-amerikanischen Historikerin Amelia Lyons waren diese Migranten willkommen, weil ihre Arbeitskraft gebraucht wurde. Sie belegte zudem, dass auch der Nachzug von deren Frauen und Familien unterstützt wurde, weil die französischen Behörden überzeugt waren, dies diene der Integration der arbeitenden Männer in die französische Gesellschaft. Flankiert wurde dies durch eine Reihe sozialer Maßnahmen, darunter der Einsatz von Sozialarbeitern und Managern von Wohnanlagen, die die Assimilierung der neu Zugezogenen erleichtern sollten. Lyons argumentiert, Unterstützung, Disziplinierung und soziale Kontrolle seien in diesem Fall Hand in Hand gegangen, worin sie auch eine Übertragung kolonialer Herrschaftstechniken nach Frankreich selbst sieht.

Andere Historikerinnen und Historiker haben darauf verwiesen, dass aus Algerien stammende Arbeitskräfte von der französischen Regierung in dem Moment als Problem wahrgenommen wurden, als die FLN begann, unter den algerischen Arbeitern zu agitieren und sie für den Unabhängigkeitskampf zu mobilisieren. Daher sei ihre wachsende Kontrolle nicht nur durch soziale und kulturelle Differenz, sondern auch durch politische Sorgen auf französischer Seite motiviert gewesen.

In völlig anderer Situation befanden sich die algerischen Muslime, die als koloniale Hilfstruppen die französische Herrschaft unterstützt hatten. Die sogenannten Harkis waren nach der Unabhängigkeit Algeriens vielfach brutalen Vergeltungsmaßnahmen seitens ihrer Landsleute ausgesetzt gewesen. Sie sind die Verlierer der französischen Dekolonisation. Viele von ihnen verließen ihr Heimatland 1962 vollkommen überstürzt, ohne dass ihnen von der französischen Regierung Hilfe zugesichert worden war. Im Gegenteil, Paris wollte ihren Zuzug möglichst verhindern. Gleichwohl fanden rund 91.000 Harkis einschließlich ihrer Familien Zuflucht in Frankreich. Sie wurden zunächst in Lagern untergebracht, wo oft schlechte hygienische und soziale Bedingungen herrschten, darunter das Lager Rivesaltes in den Pyrenäen, das auch schon zur Unterbringung von Juden sowie Sinti und Roma während der deutschen Besatzung im Krieg gedient hatte.

Manche Harkis mussten mangels Alternativen für 10 bis 15 Jahre in diesen Lagern ausharren. Andere zogen in die Städte, um Arbeit zu finden. Dort wohnten sie, gemeinsam mit anderen Zugewanderten aus dem Maghreb, vielfach unter erbärmlichen Bedingungen in Wellblechhütten und anderen Behelfsunterkünften in den sogenannten BidonvillesSlum-ähnlichen Ansiedlungen an den städtischen Randzonen. Ihre Integration gelang nur unter großen Schwierigkeiten, zumal sich die Ausgrenzung über Generationen weiter vererbte. Im Hinblick auf Ungleichheiten blieben in ihrem Leben die kolonial bestimmten Statuszuweisungen erhalten, in gewissem Sinne konnten sie den imperialen Raum nie verlassen.

Große Unterschiede: die Niederlande und Portugal im Vergleich
Ähnliche Probleme der Integration zeigten sich im Fall der Molukker in den Niederlanden. Auch sie verbrachten lange Jahre in Behelfslagern, darunter auch das ehemalige Konzentrationslager Westerbork, das unter neuem Namen bis Anfang der 1970er-Jahre genutzt wurde. Während die überwiegend eurasischen "Indische Nederlanders" aus Indonesien als kulturell gleich angesehen wurden und ihre Integration in die niederländische Gesellschaft gelang, blieben die Molukker ausgegrenzt; nennenswerte staatliche Integrationsbemühungen wurden nicht unternommen. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt waren schlecht, und es blieb ungeklärt, ob und wie sie als ehemalige Angehörige der niederländischen Kolonialtruppen weiter versorgt würden. Frustration und schließlich Gewaltbereitschaft machte sich gerade unter den Jüngeren breit.

Vor diesem Hintergrund mutet es überraschend an, wie gut es Portugal gelang, die vergleichsweise hohe Zahl von retornados zu integrieren. Freilich waren – und dies ist eine Besonderheit in der europäischen Migrationsgeschichte – die meisten von ihnen erst in den 1950er- und 1960er-Jahren überhaupt in die Kolonien ausgewandert, hatten ihre Verbindungen in die Heimat aufrechterhalten und kehrten nun, ein bis zwei Jahrzehnte nach ihrer Migration, dorthin zurück. Den häufig gut ausgebildeten jungen Männern, die das Gros der Migranten stellten, boten sich nach dem politischen Umbruch in Portugal Chancen in der Verwaltung, zumal sie sich auch nicht in einer Region ballten, sondern sich über das gesamte Land verteilten. Familiäre Verbindungen und, wie in Frankreich, umfangreiche staatliche Hilfsprogramme, erleichterten zusätzlich ihre Integration.

Politische Krisen und Gewalt

Die postkoloniale Zuwanderung, ja die Dekolonisierung selbst zog eine Welle der Gewalt auch in Europa nach sich, die dem friedlichen Selbstbild der europäischen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg entgegensteht. Ganz neu war das Phänomen nach 1945 nicht.

Denn rassistisch motivierte Gewalt trat bereits offen zutage, als im Ersten Weltkrieg erstmals Soldaten und Arbeiter aus den Kolonien nach Europa kamen. In Frankreich, wo vergleichsweise die meisten Hilfskräfte aus den Kolonien eingesetzt wurden, kam es seit 1917 immer wieder zu rassistischen Übergriffen. Zum einen galten die Arbeiter aus Indochina und Afrika als billige "Schmutzkonkurrenz" und zum anderen gingen Teile der Weißen Gesellschaft davon aus, dass der Einsatz der Kolonialarbeiter in der Kriegsindustrie französische Arbeiter für den Fronteinsatz freistellen würde – in einem Krieg, dessen die meisten Französinnen und Franzosen längst überdrüssig geworden waren. Die Kolonisierten wurden als Sündenböcke für das Versagen der politischen wie militärischen Führung angegriffen, und es ist eben kein Zufall, dass sich die Attacken auf sie 1917 häuften. Denn im gleichen Jahr gaben Streiks und Meutereien in der Armee der um sich greifenden Kriegsmüdigkeit der Franzosen Ausdruck.

Zur Zielscheibe rassistischer Angriffe wurden Arbeiter und Soldaten aus den Kolonien auch nach dem Krieg. In den britischen Hafenstädten, wo besonders viele von ihnen als Seeleute oder Hafenarbeiter tätig waren, kam es zu ersten "Rassenunruhen" (race riots), ein Begriff, der seit 1945 zum Grundvokabular der britischen Gesellschaftsgeschichte gehört.

Unverhohlenem Rassismus begegneten schließlich auch die Schwarzen Besatzungssoldaten, die nach 1919 in französischen Diensten im Rheinland über die Demilitarisierung wachten. Ihnen wurde von deutscher Seite nicht nur eine ausgeprägte (insbesondere sexuell motivierte) Neigung zu Gewalt unterstellt, sondern sie wurden ein ums andere Mal auch selbst Opfer gewalttätiger Übergriffe.

In besonderer Weise stellte sich die Gewaltfrage jedoch nach 1945. Nicht nur verliefen viele der Dekolonisierungskonflikte außerordentlich gewaltsam, sondern der Kampf um die Dekolonisation wurde auch in die Metropolen selbst getragen. Vor allem aber machten postkoloniale Migrantinnen und Migranten auch in den europäischen Gesellschaften Gewalterfahrungen.

Alltägliche (Staats-)Gewalt in Großbritannien und Frankreich
Physische Gewalt gehörte überall in Europa zu den Alltagserfahrungen postkolonialer Migranten, doch in Großbritannien kam sie besonders zum Tragen. Ein erster Höhepunkt war erreicht, als 1958 Weiße Jugendliche im Londoner Stadtteil Notting Hill einen aus der Karibik stammenden Mann angriffen, den sie in Begleitung einer Weißen, aus Schweden stammenden Frau antrafen. Eine ganze Woche lang streiften männliche Weiße Jugendliche ("Teddy Boys") durch das Viertel und griffen immer wieder Farbige Menschen an, die ihrerseits mit Gewalt zurückschlugen. Die britische Öffentlichkeit nahm diese Zusammenstöße als "(Notting Hill) race riots" wahr. Die afrokaribische Community wiederum, die Polizeirazzien in ihren Restaurants und Läden durchaus gewohnt war, sah sich durch die Vorkommnisse ein weiteres Mal herausgefordert. Sie reagierte darauf, indem sie sich öffentlich sichtbar zu machen und ihren kulturellen Eigensinn zu formulieren und zu behaupten suchte. Der Notting Hill Carnival, heute ein touristisches Großereignis in der britischen Hauptstadt, hat hier seinen Ursprung.

Neben alltäglicher rassistisch motivierter Gewalt aus den Weißen Gesellschaften selbst heraus sahen sich migrantische Gemeinschaften auch immer wieder der Polizeigewalt ausgesetzt. So hatten die französischen Sicherheitsbehörden während des Algerienkrieges die in Frankreich ansässige algerische Bevölkerungsgruppe besonders in den Blick genommen. Sie wollten damit terroristische Gewaltakte verhindern, die von der FLN in großer Zahl verübt wurden, wandten dabei aber oft harte Methoden an, auch Folterungen bei Verhören sind bezeugt. Nach mehreren Mordanschlägen, die auch Polizisten gegolten hatten, war die Polizei in starkem Maße alarmiert.

Als am 17. Oktober 1961 algerische Migranten in Paris gegen eine Ausgangssperre und andere, als Schikane empfundene Polizeimaßnahmen protestierten und ihre Unterstützung für die FLN und deren Unabhängigkeitskrieg kundtaten, eskalierte die Situation. Dem Polizeieinsatz gegen die Demonstranten fielen offiziellen Berichten zufolge drei Algerier zum Opfer, während die britischen Historiker Jim House und Neil MacMaster in ihrer sorgsam abwägenden Untersuchung zum Schluss kommen, dass die Polizei mehr als 120 Demonstrierende tötete. Sie setzte brutal ihre Schlagstöcke ein, Zeitzeugen sahen Leichen in der Seine treiben, doch zu einer offiziellen Untersuchung kam es nicht. Erst 1998, als der damals verantwortliche Polizeipräfekt Maurice Papon wegen seiner Aktivitäten für das Vichy-Regime im Zweiten Weltkrieg als Angeklagter vor Gericht stand, wurden auch die Ereignisse vom Oktober 1961 öffentlich breiter thematisiert.

Maurice Papon ist in gewissem Sinne eine exemplarische Gestalt für den Kreislauf der Gewalt, der zwischen den westeuropäischen Gesellschaften und ihren Kolonien bestand. Als junger Mann war er während des Zweiten Weltkriegs für das Vichy-Regime tätig, die französische Regierung, die eng mit der deutschen Besatzungsmacht kooperierte. Von 1956 bis 1958, also während des Algerienkrieges, verfolgte er als Präfekt der algerischen Provinz Constantine einen harten Kurs, bis er nach Paris versetzt wurde.

Übertragungen der Gewalt von Indochina über Algerien nach Frankreich lassen sich im französischen Fall mehrfach belegen, im britischen Fall führten prominente Karrieren von der Aufstandsbekämpfung in Malaya über die Niederschlagung des "Mau-Mau-Aufstands" in Kenia bis zum Einsatz gegen die Gewalt der Irisch-Republikanischen Armee (Irish Republican Army, IRA) in Nordirland.

Europa als Austragungsort des antikolonialen Befreiungskampfes
Es würde allerdings bei weitem zu kurz greifen, allein auf die von Europäern verübte Gewalt zu blicken. Drei Beispiele mögen genügen, um zu ermessen, wie der antikoloniale Befreiungskampf von den Kolonisierten auch nach Europa getragen wurde. Auch hier bietet Frankreich das markanteste Beispiel. Die algerische Befreiungsfront FLN führte ihren Kampf gegen die verhassten französischen Kolonialherren ab 1958 auch auf französischem Boden. Besonders in Paris, Lyon und Lille kam es mehrfach zu Anschlägen, allein zwischen Ende August und Anfang Oktober 1961 wurden in Paris elf französische Polizisten ermordet und eine Reihe weiterer verletzt.

Ein weiterer Schauplatz postkolonialer Gewalt waren die Niederlande. Hier politisierte und radikalisierte sich insbesondere die zweite Generation jener Molukker, die in den 1950er-Jahren nach Europa gekommen waren. Nachdem die niederländische Regierung dem 1950 ausgerufenen und 1955 von indonesischen Truppen eroberten autonomen Staat Ambon keine Unterstützung gewährte und sie selbst in den Niederlanden marginalisiert waren, griffen junge Molukker in den 1970er-Jahren zu politischer Gewalt. Schon 1970 wurde die Dienstwohnung des indonesischen Botschafters in den Niederlanden von Tätern aus ihren Kreisen überfallen, wobei es zu Toten und Verletzten kam. 1975 schließlich machten sie durch eine spektakuläre Zugentführung in der Provinz Drente und die Besetzung des indonesischen Konsulats in Amsterdam auf sich aufmerksam, zwei Jahre später nahmen sie in einer Grundschule Geiseln und entführten abermals einen Zug. Durch diese erneute Herausforderung sah sich die niederländische Regierung veranlasst, von ihrem bis dahin eher vermittelnden Kurs abzurücken und Härte zu zeigen. "Innere Sicherheit" etablierte sich in Reaktion darauf in den Niederlanden unumkehrbar als zentrales Politikfeld.

Schließlich ist im Kontext postkolonialer Gewalt auf ein Phänomen hinzuweisen, das in der europäischen Öffentlichkeit nur selten in diesem Zusammenhang gesehen wird: Auch die Gewaltaktionen der IRA, die seit den 1920er-Jahren immer wieder aufflackerten und sich nach 1969 und dann vor allem nach den "troubles" von 1972 vollends intensivierten, deutet die neuere historische Forschung zunehmend als postkoloniale Gewalt. Denn der IRA ging es zunächst um die Unabhängigkeit Irlands, dann um die Vereinigung der Republik Irland mit dem weiterhin zum Vereinigten Königreich gehörenden Nordirland. Und die nordirische wie die britischen Regierungen hielten gewaltvoll dagegen und brachten auch die britische Armee zum Einsatz. Allein nach 1971 kostete dieser Konflikt 3500 Menschen das Leben, mehr als die Hälfte davon waren Zivilisten.

Nicht ausgeblendet werden darf in diesen Zusammenhängen, dass sich Teile der Weißen Jugend Europas in den 1960er- und 1970er-Jahren von den gewaltvollen kolonialen Unabhängigkeitskämpfen angesprochen fühlten und sich die radikalen Positionen kolonialer Gruppen aneigneten. Die Schriften Mao Zedongs, vor allem aber Frantz Fanons übten hier einen markanten Einfluss aus.

Der aus Martinique stammende, dann in Algerien aktive Psychiater und Philosoph Frantz Fanon verfasste mit den "Verdammten dieser Erde" (Les damnés de la terre) 1961 eine Schrift, die, in 15 Sprachen übersetzt, bald zu einem zentralen Text für die oppositionellen Jugendbewegungen im Westeuropa der 1960er-Jahre wurde. In ihr argumentierte er, dass das koloniale Subjekt sich nur durch Gewalt seiner selbst bewusst werden und sich befreien könne. Damit mobilisierte er nicht nur politisch, sondern gab auch den postcolonial studies späterer Jahre erste Impulse. Nicht von ungefähr beriefen sich linke Terrorgruppen in Westeuropa auf die Schriften Fanons, wenn sie ihre Taten als antikolonialen Befreiungskampf in den Metropolen selbst deuteten oder sich im Sinne Maos auf der "äußersten Linie der Befreiungskämpfe" wähnten.

Frantz Fanon – eine Ikone des Antikolonialismus

Das Buch schlug ein wie eine Bombe: Im Dezember 1961 erschien auf Französisch im linken Pariser Verlag Maspéro "Die Verdammten dieser Erde".

Prof. Dr. Gabriele Metzler

Prof. Dr. Gabriele Metzler

ist Professorin für Geschichte Westeuropas und der transatlantischen Beziehungen am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktorin des An-Instituts Centre Marc Bloch.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Wandel von Staatlichkeit seit 1945; Staat und Terrorismus sowie Geschichte der westeuropäischen Gesellschaften in der Erfahrung der Dekolonisation.


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