zurück 
22.1.2021

Europa als Thema in Bildungs- und Lehrplänen

Europa wird in vielen Curricula berücksichtigt. Ziel ist primär und langfristig, europäische Kompetenz zu vermitteln.

Planspiele sollen Schülerinnen und Schülern die Arbeitsprozesse in der EU näherbringen. Im Januar 2020 beteiligen sich Schulklassen aus allen damaligen 28 Mitgliedstaaten an der Euroscola im Plenarsaal des Europäischen Parlaments. Die Jugendlichen debattieren über aktuelle Themen und besuchen Abstimmungen des Parlaments. (© picture-alliance, Hauke-Christian Dittrich)


Die Allgegenwart in gesellschaftlichem Alltag und politischer Öffentlichkeit legitimiert auch das Gewicht, das dem Thema "Europa" in der Schule eingeräumt wird. Die Curricula nicht nur der Kernfächer der politischen Bildung in den 16 Bundesländern spiegeln Stellenwert und Zielrichtung wider, die die Bildungspolitik dem Thema zuordnet.

Vor allem die Lehrpläne der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer für die Sekundarstufen I und II an allgemeinbildenden Schulen enthalten explizit europäische Themen:

Kompetenzen und Lernziele

Welche Bedeutung Europa im Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen haben wird, unterliegt aber nur begrenzt dem Gestaltungswillen von Lehrplan und Lehrkräften. Das Ausprägen einer spezifischen europäischen Identität sollte also nicht das oberste Lernziel sein. Das analytische Niveau, mit dem Europa begriffen wird, die Zusammenhänge, in denen Europa verankert wird, sowie die Bereitschaft, Europa in die eigene Lebensplanung einzubeziehen und aktiv mitzugestalten, können jedoch von der Schule wirksam gefördert werden. Erreichbar ist dies durch die Vermittlung solider Kenntnisse und die Förderung einer zustimmenden Grundhaltung, die auf rationalen Argumenten beruht.

Traditioneller Schwerpunkt schulischer Bildung ist die Weitergabe des europäischen Kulturerbes. Staatliche Institutionen und Rechtsnormen repräsentieren europäische Vergangenheit und helfen, die Gegenwart zu verstehen. Inspiriert durch die Aufklärung entwickelten sich trotz aller Rückschläge in Europa pluralistische Gesellschaften, die auf einem von Akzeptanz und Humanismus geprägten Menschenbild gründen, was zu dauerhaftem Frieden führen soll. Die Diskussionen um die EU-Menschenrechtscharta und eine europäische Verfassung hatten die beschriebenen Traditionen erkennbar aufgenommen. Die am 22. Januar 2020 von der EU-Kommission vorgestellte "Konferenz zur Zukunft Europas" trägt diesen Gedanken weiter.

Trotz der sprachlichen Vielfalt bildet die Literatur – ebenso wie die Musik, Kunst und Architektur – mit ihren Kunstformen und Stilrichtungen ein gemeinsames Band zwischen den Völkern Europas. Die Vermittlung dieses europäischen Erbes ist vorrangige Aufgabe der Schule und wird vor allem im Sprach- und Literaturunterricht, in gesellschaftswissenschaftlichen und in den künstlerischen Fächern geleistet.

Die primäre und langfristig wirksamste Vermittlung "europäischer Kompetenz" erfolgt im modernen Fremdsprachenunterricht. Hier findet neben der Kulturbegegnung der Erwerb von Sprachkompetenz statt. Die Förderung des bilingualen und muttersprachlichen Unterrichts sowie die Einführung von fremdsprachlichen Elementen in Grundschulen und im Vorschulbereich unterstützen diese Ziele nachdrücklich und helfen beim Aufbau interkultureller Kompetenz.

Dimensionen einer interkulturellen Europa-Kompetenz:

Fächerübergreifende Projekte und Handlungsorientierung

Europa bietet zahlreiche Anlässe zu fachübergreifendem, handlungsorientiertem Unterricht, wie etwa in Kooperation mit außerschulischen Partnerinnen und Partnern. Für methodische Großformen wie Simulationen oder Rollenspiele und kooperative Lernformen bietet es sich an, die Schule für einen oder mehrere Tage zu verlassen und eine politische Bildungsstätte oder eine Jugendherberge zu nutzen. Außerschulische Ansprechpartnerinnen und -partner sowie Institutionen wie Europa-Union, Europa-Häuser und politische Akademien stellen organisatorische und fachliche Hilfen bereit. Unterrichtsmaterialien und Recherchemöglichkeiten bieten Schulbuchverlage, die Bundeszentrale sowie die Landeszentralen für politische Bildung, aber auch die europäischen Institutionen an – etwa über den dezentralen Informationsdienst Europe Direct mit deutschlandweit 47 Informationsstellen.

Europaweite Wettbewerbe oder das Bewerben um den Titel "Europaschule" geben einzelnen Klassen oder ganzen Schulen Anstöße, "europäische Akzente" zu setzen. Erkundungen europäischer Institutionen oder Gespräche mit den zuständigen Europaabgeordneten bieten sich besonders an.

Europäische Institutionen unterstützen die Schulen mit speziellen Programmen: So fördert das Bildungsprogramm "ERASMUS+" den Auslandsaustausch von Studierenden sowie Kindern und Jugendlichen in allen Schulstufen, unterstützt insbesondere multinationale Unterrichtsprojekte, fördert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der beruflichen Aus- und Weiterbildung und koordiniert im Bildungsbereich angesiedelte Programme.

Auch durch die Programme binationaler Organisationen wie dem Deutsch-Polnischen oder dem Deutsch-Französischen Jugendwerk werden zusätzliche Ressourcen für europäische schulische Projekte bereitgestellt.

Im Mai jeden Jahres wird in ganz Deutschland die Europawoche begangen. In diesem Rahmen oder auch zu anderen Gelegenheiten ist es möglich, Europathemen in Form des Projektunterrichts zu behandeln.

Das Planen und Durchführen eines "Projekttags Europa" bietet in der Vorbereitung und Durchführung die Möglichkeit, "europäische Kompetenz" praktisch zu erproben und auch zu präsentieren. So kann zum Beispiel eine Zeitung erstellt werden, die europäische Themen aus allen Jahrhunderten, Regionen und Kulturen aufgreift. Denkbar sind auch Wandausstellungen in Schulfluren bis hin zu Projektwochen zur EU, deren Ergebnisse im Rahmen einer größeren Schulveranstaltung – etwa einem "Europafest" – präsentiert werden können. Nicht selten bietet es sich an, Europaabgeordnete oder Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der europäischen Entwicklung einzubeziehen oder in die Schule einzuladen.

Einige Organisationen helfen auch beim Ausrichten und Durchführen eines halb- bis zweitägigen Planspiels: Dabei wird beispielsweise die Aufnahme eines europäischen Landes in die EU perspektivisch diskutiert und letztlich von den mit Kindern und Jugendlichen in Rollen besetzten Gremien entschieden und nach außen hin vertreten. Stattfinden kann so ein Plan-spiel auch an einem außerschulischen Lernort – etwa in Kombination mit der Besichtigung einer europäischen Institution oder Sehenswürdigkeit. (Fundstelle für Simulationen ist z. B. die Datenbank der bpb.)

Etappen der europäischen Einigung (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 714 005)


Rainer Kohlhaas, Ingo Kreußer

Rainer Kohlhaas

Rainer Kohlhaas war Gymnasiallehrer für Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde und von 1993 bis 2008 Fachleiter für Sozialkunde im Studienseminar für Gymnasien, Bad Kreuznach. Außerdem ist er seit 1977 als Schulbuchautor für Sozialkunde tätig und war von 1988 bis 2008 Referent im Pädagogischen Zentrum des Landes Rheinland-Pfalz (jetzt PL) für gesellschaftswissenschaftliche Fächer. Seit 1995 ist er Lehrbeauftragter für "Didaktik der Sozialkunde" an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. r.kohlhaas@t-online.de


Ingo Kreußer

Ingo Kreußer ist Gymnasiallehrer für Sozialkunde, Gesellschaftslehre und Deutsch und unterrichtet seit 2001 an der Georg-Forster-Gesamtschule im rheinhessischen Wörrstadt. Außerdem war er als Schulbuchautor für Sozialkunde tätig. Seit 2002 arbeitet er als Referent für gesellschaftswissenschaftliche Fächer im Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz in Bad Kreuznach. ingo.kreusser@pl.rlp.de


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln