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8.10.2021

Ausblick

Die Vielfalt der Jüdinnen und Juden Gemeinden in Deutschland zeigt sich auch am Christopher Street Day 2019 in Berlin. Anhänger der Keshet Deutschland, der jüdischen LGBTQI*-Community in Deutschland, nehmen an der Parade unter dem Motto "Stonewall 50 - Every riot starts with your voice" teil. (© picture-alliance/dpa, Revierfoto)


Heute ist jüdisches Leben in Deutschland so vielfältig und bunt wie nie seit dem Holocaust – neben den offiziellen Gemeinden und Institutionen besteht eine große Bandbreite an religiösen, gesellschaftlichen und politischen Organisationen und Einrichtungen. So gibt es etwa ein streng-orthodoxes Rabbinerseminar in Berlin, Verbände mit gesellschaftlich-progressiver Agenda wie die jüdische LGBTIQ*-Organisation "Keshet Deutschland", liberal-religiöse Gemeinschaften außerhalb der offiziellen Gemeindestrukturen, das von in Deutschland lebenden Israelis betriebene hebräische Magazin SPITZ, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Hinzu tritt eine zunehmende globale Vernetzung, die Einflüsse und Impulse aus den großen Zentren jüdischen Lebens in Israel und den USA nach Deutschland bringt. Auch auf europäischer Ebene kommt es vermehrt zu Austausch und Zusammenarbeit mit Jüdinnen und Juden etwa aus London, Paris oder Warschau. 1945 hätte wohl kaum jemand mit solchen Entwicklungen gerechnet.

Dennoch bleibt jüdisches Leben hierzulande weiterhin fragil und bedroht. Wie virulent Antisemitismus in der Bevölkerung Deutschlands ist, hat sich nicht zuletzt im Zuge der Coronavirus-Pandemie gezeigt, in der es neben kruden Holocaustrelativierungen auch zu einer erhöhten Verbreitung von Verschwörungstheorien kam, die nicht selten Jüdinnen und Juden für Ausbruch und Verbreitung des Virus verantwortlich machen. Gleichzeitig steigt mit jeder Eskalation der Gewalt in Nahost auch die Gefahr antisemitischer Diffamierungen und Übergriffe in Europa. Auffallend ist es in beiden Fällen, dass es hier nicht nur um Extremisten oder Randgruppen geht, sondern sich eine weite gesellschaftliche Bandbreite hinter antisemitischen Bannern versammeln lässt.

"So bewegt sich der Alltag jüdischer Deutscher im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zwischen einer Renaissance jüdischen Lebens einerseits und einer spürbar zunehmenden Bedrohung andererseits," wie Michael Brenner in diesem Heft resümiert. Wie die jüdische Gemeinschaft, so entwickelt sich die deutsche Gesellschaft insgesamt beständig fort. Deren fortschreitende Pluralisierung führt immer wieder zu Spannungen und neuen Herausforderungen, aber bringt auch neue Chancen der Annäherung und Zusammenarbeit. Wie sich jüdisches Leben in Deutschland in Zukunft entwickeln wird, hängt stark davon ab, wie wir alle mit diesen Veränderungen umgehen.

Fasst euch ein Herz

Heute kam die bestellte Druckerpatrone nicht an. Der Paketdienst konnte sie nicht zustellen, weil ich schon wieder vergessen hatte, bei der Bestellung dazuzuschreiben, dass ein anderer Name auf meinem Klingelschild steht. Meinen Namen habe ich entfernt, als die Drohungen aus rechtsradikalen Kreisen zunahmen, als sie persönlicher, deutlicher und auch antisemitischer wurden und nachdem in München eine Journalistin, zu deren Alltag solche Drohungen ebenfalls gehörten, in ihrem Zuhause zusammengeschlagen worden war. [...]

Daniel Mahla

Daniel Mahla

Dr. Daniel Mahla ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) München und Koordinator des Zentrums für Israel-Studien. Er beschäftigt sich mit der modernen jüdischen Geschichte in Zentraleuropa und Palästina/Israel. Seine Monografie "Orthodox Judaism and the Politics of Religion: From Prewar Europe to the State of Israel” ist 2020 erschienen.
Dr. Daniel Mahla hat die Koordination für diese Themenausgabe übernommen.


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