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23.12.2011

Ergebnisse international vergleichender Forschung

Empirische Daten, die den Entwicklungsstand eines Landes kennzeichnen, belegen einen gegenläufigen Zusammenhang zwischen Lebensstandard und Geburtenrate. Entwicklungsländer mit wachstumsbedingten und Industrieländer mit schrumpfungsbedingten Bevölkerungsproblemen haben eins gemeinsam: die Herausforderung durch die demografische Alterung.

Ob, wie hier, in Deutschland oder in Entwicklungsländern: Weltweit werden die Staaten von der demografischen Alterung herausgefordert. (© AP)


Einleitung

In den 1960er Jahren war das reale Pro-Kopf-Einkommen in der früheren Bundesrepublik weniger als halb so hoch wie am Ende des 20. Jahrhunderts, aber die Geburtenrate hatte dennoch im statistischen Durchschnitt mit 2,5 Lebendgeborenen pro Frau ein doppelt so hohes Niveau wie heute. In den anderen hochentwickelten Industrieländern verlief die Entwicklung ähnlich. So sank zum Beispiel die Geburtenzahl pro Frau in den USA vom Zeitraum 1960-1965 bis zum Zeitraum 2005-2010 von 3,3 auf 2,1 Lebendgeborene pro Frau, in Japan von 2,0 auf 1,3 und in Westeuropa von 2,7 auf 1,6.

Die demografische Alterung auf den Kontinenten.

Diese Zahlen verweisen auf einen wichtigen Sachverhalt: Ob ein Einkommen zur Erfüllung von Kinderwünschen oder zur Erreichung irgendwelcher anderen Ziele als zu niedrig oder als ausreichend betrachtet wird, hängt im Urteil der Menschen offenbar nicht in erster Linie von dessen absoluter Höhe ab, sondern von der Differenz zum angestrebten Einkommen und vom Abstand zum Einkommen anderer Menschen, mit denen sie sich vergleichen.

Ein einprägsames Beispiel für die Relativität von Urteilen wie "viel" und "wenig", das für die Interpretation des Rückgangs der Geburtenraten wichtig ist, bietet der Begriff "Armut". Die international gebräuchliche Definition lautet: Arm ist, wer über die Hälfte oder weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens verfügt. Diese Definition hat zur Folge, dass in einem reichen Land, in dem das Durchschnittseinkommen in überspitzter Annahme beispielsweise zwei Millionen Euro betrüge, alle Menschen mit einem Einkommen von einer Million Euro arm wären. Wer von Jahr zu Jahr mehr verdient, läuft dadurch Gefahr, am Ende zu den Armen zu gehören, falls seine Einkünfte geringer ansteigen als die Verdienste aller. Dieses Phänomen ist unabhängig von der absoluten Höhe seines Einkommens.

Kinder – eine lebenslange Bindung

Deutschen wünschen sich Familie, tatsächlich bleibt fast jede dritte Frau zwischen sechzehn und fünfundsiebzig Jahren kinderlos. Zu diesem Ergebnis kam der Mikrozenzus des Statistischen Bundesamts 2008.


Demografisch-ökonomisches Paradoxon

Dieses vergleichende und relativierende Bewerten unabhängig vom erreichten absoluten Lebensniveau ist nicht nur in Deutschland verbreitet. Dabei könnte wichtig sein, dass im Zuge der Wohlstandssteigerungen die Sorge um ihren Verlust mitwächst. So kam es zu einer paradoxen, weltweit beobachtbaren Erscheinung: dem gegenläufigen Zusammenhang zwischen dem materiellen Lebensniveau eines Landes, das sich zum Beispiel mit der Lebenserwartung oder mit dem Pro-Kopf-Einkommen messen lässt, und dem Niveau seiner Geburtenrate. Dieses Phänomen lässt sich mit dem Begriff "demografisch-ökonomisches Paradoxon" fassen: Je rascher die sozioökonomische Entwicklung eines Landes voranschritt und je höher der Lebensstandard stieg, desto niedriger war die Geburtenrate, gemessen durch die Zahl der Lebendgeborenen pro Frau.

Das Entwicklungsniveau der meisten Länder erhöht sich tendenziell auch in der Zukunft immer weiter, deshalb ist es wahrscheinlich, dass die gegenläufige Beziehung zwischen der Geburtenrate und dem Entwicklungsniveau zur weltweiten Abnahme der Geburtenrate führt. In der Wissenschaft gibt es Versuche, die paradoxe Gegenläufigkeit des demografisch-ökonomischen Zusammenhangs verständlich zu machen und durch rationale Erklärungen aufzulösen.

Ein solcher Erklärungsansatz ist die von der Bevölkerungsökonomie entwickelte Theorie der Opportunitätskosten von Kindern, wobei mit Opportunitätskosten nicht die realen Ausgaben für Kinder gemeint sind, sondern die vorgestellten entgangenen Einkommen, auf die die Eltern bei einer Entscheidung für ein Kind verzichten müssten. Widmet sich ein Elternteil, und in den allermeisten Fällen ist dies immer noch die Frau, beispielsweise 20 Jahre der Erziehung von Kindern, dann entgeht ihr bei einem angenommenen Jahresverdienst von 30 000 Euro ein Lebenseinkommen von 600 000 Euro. Bei einer Frau mit einer hohen beruflichen Qualifikation und einem Jahreseinkommen von zum Beispiel 50 000 Euro betragen die entgangenen Lebenseinkünfte bzw. die Opportunitätskosten eine Million Euro.

Ökonomische Weltkarte aus dem Jahr 2009: Die Flächen der Staaten nach ihrem Bruttoinlandsprodukt.


Das Argument lautet: Wenn eine Frau auf Grund gesellschaftlicher Umstände wie mangelnder Betreuungseinrichtungen für Kinder gezwungen ist, zwischen der Aufnahme einer Erwerbsarbeit oder der Erziehung von Kindern zu wählen, dann entgeht ihr bei einer Entscheidung zugunsten der Kindererziehung ein Erwerbseinkommen, das umso höher ausfällt, je höher das erzielbare Pro-Kopf-Einkommen ihres Landes ist.

Demografische Weltkarte aus dem Jahr 2010: Die Flächen der Staaten nach ihrer Geburtenzahl.


In der Annahme, dass der emotionale und der ideelle Wert von Kindern mit der Zeit nicht abgenommen hat sondern fortbesteht, wird er bei dieser Betrachtung konstant gesetzt. Aus dieser Sicht werden Kinder in wirtschaftlich erfolgreichen Ländern, gemessen auf der Skala der entgangenen Einkünfte, um so unerschwinglicher, je weiter die Einkommensentwicklung voranschreitet. Es ist dann nicht paradox, sondern einleuchtend, dass die Geburtenrate mit steigendem Verdienst abnimmt. Mit dem Erklärungsansatz der Opportunitätskosten lässt sich also das Problem des paradoxen gegenläufigen Zusammenhangs auf den ersten Blick auflösen. Trotzdem kann das Ergebnis nicht befriedigen.

Der Opportunitätskostenansatz zur Erklärung der Geburtenrate wurde in erster Linie für die Industrieländer mit funktionsfähigen Arbeitsmärkten und mit Wirtschaftszweigen entwickelt, die qualifizierte Arbeitsplätze für Frauen anbieten, zum Beispiel in bestimmten Industriezweigen oder im Dienstleistungssektor. In den Entwicklungsländern, besonders in den am wenigsten entwickelten Ländern und Regionen, gibt es kaum funktionierende Arbeitsmärkte und keine ausreichenden Möglichkeiten für Frauen, außerhalb des Hauses erwerbstätig zu sein. Das Opportunitätskostenproblem als Wahlproblem der Frauen stellt sich dort daher in geringerer Schärfe. Aber wo es auftritt, zum Beispiel im Billiglohnsektor bei Akkordarbeit, eröffnet sich den Frauen eine, wenn auch bescheidene, ökonomische Unabhängigkeit, so dass die Geburtenzahl pro Frau in der Regel sinkt.

Der gegenläufige Zusammenhang zwischen dem Entwicklungsstand eines Landes und der Geburtenrate ist weltweit zu beobachten, und zwar auch bei einem internationalen Vergleich unter Einbeziehung der Entwicklungsländer. Dies beruht auf einer Reihe weiterer Faktoren. Dazu gehört vor allem der weltweite Prozess der Verstädterung, verbunden mit gesellschaftlichen Veränderungen, die die Stellung der Frau betreffen: ein erleichterter Zugang zu Bildung und Ausbildung, Fortschritte bei der rechtlichen und materiellen Gleichstellung der Frau und die Zurückdrängung der traditionellen, häufig von der Religion gestützten Geschlechterrollen. Selbst wenn diese Faktoren in den einzelnen Ländern unterschiedlich wirken, hatten sie dennoch zur Folge, dass die Geburtenzahl pro Frau vom Zeitraum 1960-1965 bis zum Zeitraum 2005-2010 weltweit abnahm: in den Industrieländern von 2,7 auf 1,7, in den Entwicklungsländern von 6,0 auf 2,7 und in der Welt als Ganzes von 4,9 auf 2,5.

Demografisch bedingte Problemketten

Die Weltbevölkerung ist kein einheitlicher Block, sie setzt sich aus mehr als 190 größeren, staatlich organisierten Landesbevölkerungen zusammen, von denen die meisten entweder wachsen oder schrumpfen. Auf Grund der gegenläufigen Entwicklung zwischen dem Entwicklungsniveau und der Geburtenrate steht das demografische Gewicht der Länder, gemessen durch die Geburtenzahl, im Kontrast zu ihrem wirtschaftlichen, gemessen durch das Bruttoinlandsprodukt.

Der Fall einer auf Dauer konstanten Bevölkerung lässt sich heute in der Realität aufgrund der beschriebenen Entwicklungen nicht wiederfinden, sie ist aktuell nur noch als Durchgangsstadium bis zum Übergang in die Bevölkerungsschrumpfung anzutreffen. Der umgekehrte Fall des Übergangs aus der Phase der Bevölkerungsschrumpfung in die des Bevölkerungswachstums mit einer konstanten Zwischenphase ist noch seltener, ihn gibt es gegenwärtig in keinem einzigen größeren Land.

Nicht nur die Weltbevölkerung ist ein gedankliches Konstrukt, das gleiche gilt auch für das Weltbevölkerungsproblem, das in der Realität ebenfalls nur im Plural existiert. Nach der Art ihrer demografisch bedingten Herausforderung können die Länder in zwei große Gruppen mit je eigenen Bevölkerungsproblemen gegliedert werden: Entwicklungsländer mit wachstumsbedingten Bevölkerungsproblemen stehen neben Industrieländern mit schrumpfungsbedingten Problemen, wobei die demografische Alterung als wichtigste Herausforderung beiden gemeinsam ist. Die Auswirkungen des Bevölkerungswachstums und der Bevölkerungsschrumpfung ergänzen sich auf globaler Ebene leider nicht zu einem problemlosen Ganzen, ebenso wenig wie sich ein angenehmes, durchschnittliches Gefühl ergibt, wenn der rechte Fuß in eiskaltes und der linke in kochend heißes Wasser getaucht wird.

Migration

Eine besondere Gruppe bilden die migrationsbedingten Bevölkerungsherausforderungen. Die Vorteile der Zielländer aus der Migration sind für die Herkunftsländer in der Regel Nachteile. Nur im Ausnahmefall profitiert sowohl das Ziel- als auch das Herkunftsland von dem gleichen Migrationsstrom. Obwohl dieser Fall in der Realität – wenn überhaupt – selten vorkommt, ist die Meinung verbreitet, die internationale Wanderungsbewegung trage sowohl zur Lösung der wachstumsbedingten Bevölkerungsprobleme der Entwicklungsländer als auch zur Milderung der schrumpfungs- und alterungsbedingten Schwierigkeiten der Industrieländer bei, weil sie in einem Fall der unerwünschten Bevölkerungsschrumpfung, im anderen Fall dem Bevölkerungswachstum entgegenwirke.

Schon der Größenunterschied der verglichenen Länder zeigt, dass diese Art von Kompensationsrechnung nicht aufgeht. Die absolute Zahl des Bevölkerungszuwachses eines einzigen Entwicklungslandes wie Indien (knapp 16 Millionen) ist in einem einzigen Jahr etwa ebenso groß wie alle Geburtendefizite Deutschlands in den Jahren von 2000 bis 2040 zusammengenommen.

Ein weiteres Beispiel: Die Vereinten Nationen prognostizieren für den jährlichen Geburtenüberschuss der Entwicklungsländer im Zeitraum 2045 bis 2050 eine Zahl von 38 Millionen. Das ist das Fünfundzwanzigfache des Geburtendefizits der entwickelten Länder im gleichen Zeitraum.

Die Zu- und Abwanderung in Deutschland zwischen 1950 und 2010.

Das Geburtendefizit in Deutschland besteht schon seit 1972, es wird vor allem durch Einwanderungen aus außereuropäischen Ländern kompensiert. In den letzten zwei Jahrzehnten sind pro Jahr zwischen 700 000 und einer Million Menschen nach Deutschland zugewandert, also ebenso viele oder noch mehr als hier pro Jahr geboren wurden. Gleichzeitig emigrierten im Mittel pro Jahr etwa 670 000 Menschen ins Ausland. Die Differenz aus Zu- und Abwanderungen – der sogenannte Wanderungssaldo – schwankte zwischen 100 000 und 300 000 pro Jahr, nur im Ausnahmefall war er negativ.

Wesentlich geeigneter für die Beurteilung der wanderungsbedingten Bevölkerungsprobleme als der Wanderungssaldo sind die Brutto-Ströme – die Zu- und Fortzüge selbst, aus denen sich der Wanderungssaldo als Differenz ergibt. Denn der Bedarf an Integrationsleistungen für die zugewanderte Bevölkerung hängt nicht von der Größe des Wanderungssaldos ab, sonst wäre der Integrationsbedarf bei einem ausgeglichenen Saldo gleich Null, sondern von der absoluten Zahl der Zuwanderungen, die in den letzten Jahrzehnten stets zwischen einer halben und einer Million Personen pro Jahr betrug, sowie von der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer der Zuwanderer, die etwa zehn Jahre beträgt.

Die jährliche Zahl der Zuwanderinnen und Zuwanderer, für die jedes Jahr ein zusätzlicher Integrationsbedarf entsteht, lässt sich auf rund 500 000 Personen schätzen. In zehn Jahren entspricht dies einem Integrationsbedarf für eine Bevölkerung von der Größe eines mittleren Bundeslandes. Diese Menschen zu inte-grieren, ist eine Aufgabe, der sich alle modernen Industrieländer stellen (bzw. stellen müßten), mit Ausnahme Japans, das seine niedrige Geburtenzahl nicht durch Zuwanderungen kompensiert und sich dem Zuzug aus dem Ausland generell verschließt.

Demografische Alterung

So unterschiedlich die Industrie- und Entwicklungsländer sind, so ist ihnen doch ein wichtiges Charakteristikum der demografischen Entwicklung gemeinsam – der weltweite Prozess der demografischen Alterung. Der Begriff "demografische Alterung" bedeutet eine Zunahme des Durchschnittsalters der Bevölkerung, gemessen durch das sogenannte Medianalter (Alter, das die Hälfte der Bevölkerung über- bzw. unterschreitet) oder durch den sogenannten Altenquotienten (die Zahl der über 65-Jährigen in Prozent der 15- bis 65-Jährigen – alternativ: über 60-Jährige in Prozent der 20- bis 60-Jährigen).

Die demografische Alterung beruht in erster Linie auf den in allen Ländern abnehmenden Kinderzahlen pro Frau (die absolute Zahl der Kinder und Jugendlichen wächst in den Entwicklungsländern trotz abnehmender Geburtenraten immer noch weiter, in den Industrieländern hat der Rückgang schon begonnen) – und erst in zweiter Linie auf der weltweiten Zunahme der Lebenserwartung. Dadurch verlangsamt sich das Wachstum der Jahrgangsstärken an der Basis der Bevölkerungspyramide (Entwicklungsländer), oder die Basis wird ständig schmaler (Industrieländer wie Deutschland), sodass die Gestalt der Bevölkerungspyramide beständig kopflastiger wird. Die Intensität der demografischen Alterung ist in den Industrieländern bedeutend größer als in den Entwicklungsländern. So entfällt in den Industriestaaten auf 100 Menschen in der Altersgruppe von 15 bis 65 eine Zahl von 24 Menschen im Alter über 65 ("Altenquotient"), in den Entwicklungsländern sind es nur neun. Aber in beiden Ländergruppen nimmt der Altenquotient nach den Vorausberechnungen der Bevölkerungsabteilung der UN bis 2050 stetig auf das Zwei- bis Dreifache zu: In den Entwicklungsländern wächst er im Zeitraum 2010 bis 2050 von neun auf 23, in den Industrieländern von 24 auf 45.

Die sozio-ökonomische Entwicklung in der Zukunft hängt in beiden Ländergruppen nicht nur von den bereits bekannten Bedingungen ab, sondern auch von den Fähigkeiten und Möglichkeiten der verschiedenen Staaten, sich auf die neuen, zunehmend demografisch bedingten Entwicklungschancen und -probleme einzustellen.

Lebenserwartung international

[...] Zwischen der Lebenserwartung und dem Wohlstand einer Nation besteht eine positive Korrelation, aber sie ist nicht gleich hundert. Die Vereinigten Staaten von Amerika geben etwa 13 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die medizinische Versorgung aus; sie können aber keine überragend hohe Lebenserwartung vorweisen, was sich vor allem durch die sozialen Unterschiede erklären lässt. Schwarze, die in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im New Yorker Stadtteil Harlem lebten, hatten eine geringere Aussicht, 65 Jahre alt zu werden als Männer in Bangladesch. In einigen weniger hoch entwickelten Ländern wie Zypern oder Griechenland ist die Lebenserwartung seit 1990 höher als in den Vereinigten Staaten. Und in einigen Drittweltländern wie Jamaika und Belize ist sie mit etwa 75 Jahren fast so hoch wie dort, obwohl das Bruttosozialprodukt pro Kopf in den Vereinigten Staaten zehnmal höher liegt.


Erweitertes Problemverständnis

Werden die Folgen und Auswirkungen des Bevölkerungswachstums, der Bevölkerungsschrumpfung oder der demografischen Alterung auf die verschiedenen Politikbereiche in den Vordergrund der Betrachtung gerückt, erweitert sich der Umfang des Begriffs "Bevölkerungsproblem" außerordentlich.

Seit den Anfängen der Bevölkerungswissenschaft, Mitte des 18. Jahrhunderts, dominierte zunächst die Sorge, das Nahrungsmittelangebot könne mit einer wachsenden Weltbevölkerung nicht Schritt halten. Heute gilt die Ernährung nicht mehr als daswichtigste Tragfähigkeitsproblem, denn bei optimaler Organisation und Verteilung der Nahrungsmittelproduktion ließe sich eine wesentlich größere Menschenzahl als die heutige Erdbevölkerung von 7,0 Milliarden Menschen ernähren. Die Wachstumsrate der in der Welt produzierten Lebensmittel ist seit Jahrhunderten größer als die Wachstumsrate der Weltbevölkerung, die pro Kopf erzeugte Nahrungsmittelmenge wächst seitdem beständig. Das Ernährungsproblem ist derzeit also in erster Linie als Frage gerechter Verteilung ein politisches Problem.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückte das Ressourcenproblem zum wichtigsten "Bevölkerungsproblem" auf. Hierzu trug vor allem der Club of Rome bei, dessen Bericht "Die Grenzen des Wachstums" von 1972 auf die angeblich bevorstehende Erschöpfung der fossilen Energieträger, vor allem des Erdöls, aufmerksam machte. Durch die intensive Suche nach neuen Lagerstätten, insbesondere in größeren Meerestiefen, ist jedoch die Menge an bekannten fossilen Brennstoffen trotz wachsenden Verbrauchs bislang nicht gesunken.

Auch globale Umweltprobleme wie Klimaveränderungen und der Rückgang der Artenvielfalt, die seit den 1970er und 1980er Jahren intensiv diskutiert werden, sind nicht primär ein Problem der Zahl der Menschen, sondern deren Konsumverhaltens und der Art der volkswirtschaftlichen Produktionsweisen, die für die Belastung der Umwelt entscheidend sind. Inzwischen kommen zunehmend soziale Probleme wie die demografisch bedingte Massenarbeitslosigkeit vor allem der jüngeren Generationen in den Entwicklungsländern hinzu.

Herausforderung Welternährung

[...] Seit 2007 ist die Zahl der Menschen, die nicht genug zu essen haben, [...] um weitere 200 Millionen angestiegen: auf 1,02 Milliarden. [...] Auch wenn sich die globale Situation im Jahr 2010 wieder leicht verbessert hat, bleiben die Zahlund der Anteil der weltweit Hungernden mit 925 Millionen (etwa 16 Prozent) auf einem inakzeptabel hohen Niveau. [...]

Herwig Birg

Zur Person

Herwig Birg

Prof. Dr. rer. pol. habil. Herwig Birg war von 1981 bis 2004 Leiter des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik (IBS) der Universität Bielefeld. Seine Hauptforschungsgebiete sind Bevölkerungstheorie, Fertilitätstheorie, Migrationstheorie, Mortalitätsanalyse und Lebenserwartung, Bevölkerungsprognose- und Simulationsmodelle sowie Bevölkerungsprojektionen. Kontakt: »herwig.birg@uni-bielefeld.de« Homepage:»www.herwig-birg.de«


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