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19.11.2010

Herausforderungen und Gestaltungsoptionen für private Haushalte

Globalisierung, technologische Entwicklungen und Wirtschaftswachstum bergen Chancen und Risiken, Wohlstandsgewinn und Wohlstandsgefährdung. Was und wieviel ist nötig für das individuelle Glück, und welche Rolle spielen Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit?

Die weltweite Öffnung der Märkte hat das Wirtschaftswachstum gefördert, aber auchh die Konkurrenz um Arbeitsplätze: In Callcentern in Indien werden US-amerikanische Kunden betreut. (© picture-alliance/AP)


Einleitung



Fluch und Segen internationaler Arbeitsteilung

Die Öffnung und Liberalisierung der Märkte sowie der Abbau von Regulierungen in den letzten 20 Jahren haben den Konsumenten ein ständig wachsendes Güterangebot zu günstigen Preisen beschert. Das regional und kulturell verhaftete Warenangebot wird dabei aber nicht selten von uniformer Massenware verdrängt. Gleichzeitig werden die Anbieter im Wettbewerb um die preisbewussten, aber auch wankelmütigen Konsumenten zum permanenten Kostenvergleich gezwungen. Produktionsverlagerungen können die Folge sein, wenn neben neuen Absatzmärkten geringere Arbeits- und Umweltschutzkosten locken. Dadurch werden auch die nationalen Lohnkosten, Schutz- und Sicherheitsstandards unter Druck gesetzt und den Erwerbstätigen ein erhebliches Maß an Flexibilität, Mobilität und ständiger Einsatzbereitschaft abverlangt. Vor allem Geringqualifizierte gehören zu den Globalisierungsverlierern.

Licht und Schatten technischer Entwicklung

Möglich gemacht hat diese Entwicklung der noch vor 100 Jahren unvorstellbare technische Fortschritt, der zunehmend die Produktionsprozesse bestimmt. Enorme Produktivitätssteigerungen bewirken, dass in der gleichen Zeit ein Vielfaches produziert werden kann. Technische Entwicklungen ermöglichen Mobilität ungekannten Ausmaßes. Technologien schaffen Zugang zu und Teilhabe an Information und Erkenntnissen. Sie erlauben Kommunikation in einem bislang nie dagewesenen Ausmaß. Zeit und Raum verlieren tendenziell an Bedeutung, so dass die ursprüngliche räumliche Funktionstrennung von Haushalten und Unternehmen wieder aufgelöst werden kann. Statt mechanisierter Arbeitsplatzgestaltung im Minutentakt können sich zunehmend Wissen und Kreativität entfalten. Unabhängig von Raum und Zeit kann über elektronische Kommunikationswege Arbeit angeboten und erledigt werden, können Informationen eingeholt, Produkte verglichen, Güter bestellt und verkauft werden. Die Konsumenten treten aus ihrer passiven Rolle heraus, holen über Verbraucherforen Beratung ein, bringen Missfallen wie Zustimmung zu Produkten weltweit zur Kenntnis und werden selbst zu Anbietern. Sie können sogar Kundenorientierung jenseits der Standardware einfordern. Auch die Anbieter profitieren, wenn Verbraucheraktivitäten ihre Spuren im Netz hinterlassen und ihnen erlauben, dem "gläsernen Kunden" gezielt Produkte anzubieten, die erkennbar zu seinem spezifischen Bedarf gehören.

Kaufberater Internet

[...] Wer den billigsten Stromlieferanten sucht, eine Kamera kaufen möchte oder wissen will, ob ein Hotel auch wirklich so gut ist, wie die Werbung verspricht, schaut heute meist im Internet nach. Obwohl nur knapp 10 Prozent der Werbebudgets ins Internet fließen, haben Suchmaschinen, Anbieterseiten, Kommentare anderer Nutzer, Produktvergleichsseiten und die Online-Werbung für deutsche Konsumenten inzwischen eine doppelt so hohe Relevanz für Kaufentscheidungen wie das zweitplazierte Medium Fernsehen, hat die Studie "Digital Influence Index Study" von Harris Interactive im Auftrag von Fleishman Hillard ergeben.


Allerdings ist es den Kunden kaum möglich, Güter im Onlinehandel vorab in Augenschein zu nehmen, und sie müssen für die neue Preisgünstigkeit nicht selten auf Service verzichten. Händler wie Kunden haben damit zu kämpfen, dass die Vertrauenswürdigkeit im Netz nur schwer erschlossen und Vertragsverletzungen schwierig geahndet werden können, da nationale Gesetze ihre Bedeutung verlieren. Und schließlich profitieren nicht alle von den modernen Technologien - ihre freie Nutzung ist nicht in allen Staaten möglich, und nicht alle können sich die notwendigen Geräte leisten.

Freiheit und Zwang zur selbstbestimmten Lebensgestaltung

Die Entwicklungen der Moderne sind dadurch gekennzeichnet, dass viele einengende Konventionen und Traditionen wegfallen und das eigene Leben zunehmend selbst gestaltet werden kann. Vielfältige soziologische Gegenwartsdiagnosen bauen auf der Erkenntnis dieser Entwicklungen auf. Für Peter Gross bietet die Multioptionsgesellschaft eine enorme Ausweitung der Wahlmöglichkeiten bei steigenden Unsicherheiten in allen Lebensbereichen. Für Gerhard Schulze sind diese Optionen die Vorbedingung für die Erlebnisgesellschaft, in der das nicht mehr von Traditionen eingeschränkte Individuum Sinn, Glück und seinen Platz im Leben sucht. Richard Sennett hingegen ist besorgt, dass für den "flexiblen Menschen" in der "Ellenbogengesellschaft" Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung zunehmen, während große Bevölkerungsschichten marginalisiert werden und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Für Günter Voß und Hans Pongratz gehen Individuen mit ihrer eigenen Arbeitskraft zunehmend wie Unternehmer um (Arbeitskraftunternehmer). Sie müssen sich selbst kontrollieren, ökonomisieren, rationalisieren und ihre gesamte Lebensführung verbetrieblichen, wobei die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben schwindet. Der Freiheit von der Fremdbestimmung steht der Zwang zur Selbstdisziplinierung gegenüber.

Alternative Konsumformen:

Renaissance der Flohmärkte


Zwischen materiellen Gütern und sozialer Geborgenheit



Lange Zeit ermöglichte das Wirtschaftswachstum der breiten Bevölkerung einen verbesserten Lebensstandard, unterstützt durch die marktwirtschaftliche Ordnung und die gesellschaftlichen Institutionen. Letztere gewährleisteten Funktionsfähigkeit und Rechtssicherheit und linderten durch Umverteilung Konflikte zwischen Arm und Reich.

Heute besteht die Gefahr, dass immer mehr Gruppen dauerhaft vom steigenden Wohlstand ausgeschlossen werden und dass nicht jede Form der Erwerbsarbeit Existenzsicherung gewährleistet. In der Diskussion sind zwei Strategien, die solche Probleme lindern sollen. Beide Strategien setzen weiterhin auf Wirtschaftswachstum, ohne dessen Notwendigkeit zu hinterfragen. Es erleichtert zwar die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen sowie die Einkommensumverteilung, ist aber nicht unumstritten. Während es aber in der Vergangenheit vor allem dazu diente, Konsumgüterknappheit zu beseitigen, fragen kritische Stimmen inzwischen häufiger danach, ob Wirtschaftswachstum angesichts des heutigen Versorgungsniveaus weiterhin notwendig ist, und weisen darauf hin, dass es seinerseits auf anderen Gebieten neue Knappheiten entstehen lässt.

So wird zunehmend bezweifelt, dass mit steigendem Lebensstandard die emotionale Zufriedenheit wächst. Der amerikanische Ökonom Richard Easterlin hatte schon in den 1970er Jahren festgestellt, dass wachsender materieller Wohlstand ab einem gewissen erreichten Niveau nicht gleichzeitig mit steigendem Wohlbefinden einhergeht. Nach dem Easterlin-Paradox können die Schattenseiten des ökonomischen Fortschritts sogar seinen positiven Beitrag zum Glück zunichte machen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman und sein Kollege Angus Deaton fanden in einer großangelegten Studie 2010 heraus, dass mit jedem Dollar höheren Einkommens zwar das emotionale Wohlbefinden wächst, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, während geringes Einkommen dafür sorgt, dass sich emotionaler Schmerz in persönlichen Krisen noch verschärft.

Viele Studien und Gesellschaftsanalysen verweisen hingegen auf den hohen Wert sozialer Beziehungen für das individuelle Glück. Diese Beziehungen werden aber heute immer brüchiger. Dem Sozialwissenschaftler Robert Putnam zufolge erhöhen soziale Netzwerke die individuelle und kollektive Produktivität, angesichts des nachlassenden gesellschaftlichen Engagements schwinde aber ihr Zusammenhalt. Auch der französische Soziologe Pierre Bourdieu beklagte den Verfall des sozialen Zusammenhalts in einer Gesellschaft als "Rezession des Sozialkapitals". Der britische Ökonom Richard Layard hat familiäre Beziehungen, die finanzielle Lage, Arbeit, Umgebung und Freunde, Gesundheit, persönliche Freiheit und Lebensphilosophie als Glücksfaktoren ausgemacht. Entscheidend für das Glück einer Gesellschaft sei es, ob Menschen sich um andere kümmern oder nicht. Positiv wirken sich Sicherheit und innere Ruhe aus, negative Folgen haben Arbeitslosigkeit, Krankheit und zerrüttete Familienverhältnisse. Der britische Sozialforscher Roger Wilkinson verweist auf enge Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit und den Problemen einer Gesellschaft. Wenn in einer Gesellschaft Kooperation wenig bedeute und das Selbstwertgefühl vor allem auf materiellem Erfolg beruhe, führe dies zu Statusangst, die sowohl die Werte als auch die Qualität der sozialen Beziehungen beeinflusse. Seine Daten verweisen darauf, dass vor allem in sehr ungleichen Gesellschaften weniger Vertrauen, weniger sozialer Zusammenhang und dafür mehr Gewalt existiert. Dabei benötigt eine arbeitsteilige Tauschgesellschaft auch schon aus ihrer Funktionslogik heraus Kooperation und Vertrauen.

Knapp wird auch die Zeit, die permanent flexible Menschen für die Pflege sozialer Beziehungen oder auch zur Muße aufbringen. Der Soziologe Hartmut Rosa hat das Gefühl des Gehetztseins als Dauerzustand der Beschleunigungsgesellschaft diagnostiziert, in der die Zeit zur Muße fehle, die als Voraussetzung für Kreativität, Gesundheit und soziale Beziehungen wertvoll sei, während selbst die Nichtarbeitszeit unter Erfolgsdruck gerate. Zeit ließe sich zwar tendenziell "kaufen", etwa wenn moderne Haushalte Dienstleistungen wie Behördengänge, Einkäufe, Wäsche, Gartenpflege, Reinigung oder die Organisation von Familienfeiern, des Urlaubs oder der Renovierung an Personal Assistance Services vergäben. Diese Dienstleister verkauften "Zeit", befriedigten aber nicht das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen.

Mit Odysseus gegen die Zeitknappheit

DIE ZEIT: Viele Menschen fühlen sich ständig gehetzt und haben das Gefühl, die Zeit sei knapp wie ein wertvoller Rohstoff. Bilden wir uns das nur ein - oder geht uns wirklich die Zeit aus?


Überlegungen jenseits von Markt und Staat



Die geschilderten Entwicklungen werfen bereits einigen Gestaltungsbedarf auf. Daneben haben sie weitere soziale und ökologische Folgen. Die enorme Steigerung des marktgehandelten Güterangebots verhindert beispielsweise nicht, dass neue Knappheiten entstehen. Diese betreffen früher durch Familien kostenlos bereitgestellte Güter und Leistungen, besonders in der Pflege von Angehörigen und der Erziehung. Die von der Natur bereitgestellten Ressourcen erschöpfen sich. Der Wettbewerb im Arbeitsleben lässt die Zeit für Muße, Kooperation und Solidarität schwinden.

Wer kauft, bestimmt

"Wir produzieren, was die Leute kaufen", entgegnen die Industrieunternehmen auf Kritik an Ausbeutung und Umweltzerstörung durch ihre Werke und Zulieferer. Deshalb entscheiden sich immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher für fair gehandelte Ware, für "grünen" Strom aus Wind- und Solarenergie und für möglichst naturbelassene Lebensmittel aus der Region. "Fair" und "bio" liegt im Trend. Viele sind allerdings misstrauisch. Ist alles fair, was so heißt, und alles "öko", wo bio draufsteht? Beim Bauern um die Ecke lässt es sich noch kontrollieren, ob er sich an die Spielregeln hält. Schwieriger wird es bei Produkten, die vielstufige, über die ganze Welt verteilte Produktionsketten hinter sich haben. Textilien aus Baumwolle zum Beispiel.


Können sich jenseits von Markt und Staat kooperative Formen des Wirtschaftens entwickeln, die den vielfältigen menschlichen Bedürfnissen Rechnung tragen und den Wachstumszwang entschärfen? Neue Formen des Einkommens, der Arbeit und der Güternutzung stehen zur Diskussion.

Grundeinkommen zur Entkopplung von Arbeit und Einkommen?

Ein bedingungsloses Grundeinkommen zu gewähren, würde bedeuten, dass jeder Mensch einen festen Geldbetrag erhält, der es ihm ermöglicht, alle Grundbedürfnisse des alltäglichen Daseins zu sichern. Die von vielen als diskriminierend empfundene Bedürftigkeitsprüfung, in der die Einzelnen ihr Unvermögen, für sich selbst ausreichend sorgen zu können, unter Beweis stellen müssen, entfiele. Ein solches Grundeinkommen würde die Bedeutung der Erwerbsarbeit als alleinige Institution der Einkommensverteilung verringern. Neben ihr könnten sich nützliche sinnstiftende Tätigkeiten und Entfaltungsmöglichkeiten im Rahmen von Haus- und Bürgerarbeit stärker entwickeln.

Das Grundeinkommen entkoppelt Arbeit und Einkommen und stellt nach Ansicht des Soziologen Ulrich Beck eine doppelte Befreiung dar: die Freiheit vom Arbeitszwang und zur sinnvollen Arbeit bzw. die "Befreiung von falscher Arbeit", wie es der heutige Chefredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Thomas Schmidt, schon in den 1980er Jahren forderte. Freie und selbstbestimmte Individuen müssen nicht mehr jedes Jobangebot annehmen, der ökologisch problematische Wachstumszwang wird gemindert, da ausreichend Arbeitplätze für alle bereitstehen und ein Minimum an Arbeit ausreichenden materiellen Wohlstand schafft.

Es existieren verschiedene Ideen, wie ein solcher Ansatz realisiert werden könnte. Konzipiert als bedingungsloses Grundeinkommen, solidarisches Bürgergeld, negative Einkommensteuer oder Grundeinkommensversicherung, unterscheiden sie sich vor allem durch die Höhe des Grundeinkommens, die Finanzierung und die künftige Ausgestaltung des Sozialstaates. Die Diskussion um das Grundeinkommen ist mit Sorgen und Hoffnungen verbunden: Während die einen schädliche Auswirkungen auf Arbeitsanreize befürchten und es für nicht finanzierbar halten, sehen andere die Löhne von ihrer Funktion entlastet, einen Beitrag zur Existenzsicherung zu leisten. Deshalb befürchten die einen eine weitere Spaltung der Gesellschaft mit einer massiven Senkung des Lebensstandards, während sich andere die befreiende Entmachtung eines Herrschafts- und Disziplinierungsinstruments erhoffen. Angesichts des grundlegenden Systemwandels, der mit dem Grundeinkommen für die Arbeitswelt und den Sozialstaat verbunden ist, erscheint es gegenwärtig noch als Utopie mit Chancen und Risiken. Konzeptionen zu seiner Ausgestaltung finden sich allerdings schon in allen politischen Lagern.

Sinnstiftende Tätigkeit jenseits der Erwerbsarbeit?

In einer Gesellschaft existieren vielfältige Tätigkeiten, deren Wert unterschätzt wird, weil sie nicht am Markt gehandelt werden - wie Haus-, Eigen- und Bürgerarbeit. Viele Menschen erbringen Bürgerarbeit in ehrenamtlichen Tätigkeiten, freiwillige Gemeinwohlarbeit im Bereich Umweltschutz, Bildung, Gesundheit, Behindertenhilfe, Kunst und Kultur oder Eigen- und Hausarbeit. Sie lösen sich aus der Marktabhängigkeit und -anonymität, indem sie beständige Werte und soziale Beziehungen herstellen. In Projekten mit Erwerbslosen hat der Philosoph Frithjof Bergmann Möglichkeiten sinnvoller Beschäftigung jenseits der Erwerbsarbeit entwickelt, ohne dabei auf die Errungenschaften der modernen Zivilisation zu verzichten. Daraus hat er eine Idee zukünftiger Arbeit generiert, die vor allem dazu dienen soll, "das Gold in den Köpfen zu heben". Mit wenig Arbeitseinsatz sollen siebzig bis achtzig Prozent der Dinge, die man zum Leben braucht, selbst phantasie- und sinnvoll gestaltet werden. Daneben sollen die Menschen aber moderne energiesparende Technologien nutzen, um sich selbst eigene Häuser und Möbel zu bauen, Nahrungsmittel anzupflanzen und Kleidung herzustellen. Aus dieser Unabhängigkeit soll neue Freiheit entstehen, über die Förderung eigener Fähigkeiten sich neues Selbstbewusstsein und Kreativität entwickeln, während die selbst geschaffenen Werte gleichzeitig Nutzen stiften und das geringe Einkommen über den Markt kompensieren. Bergmann stellt sich vor, die Arbeit in drei Einheiten zu teilen: Zwei Tage wöchentlich wird regulär gearbeitet, zwei Tage sind der Selbstversorgung auf hohem technischem Niveau gewidmet, und drei Tage tut jeder, was er immer schon tun wollte. Solche Projekte werden im Kleinen bereits realisiert. Sie sind wohl kaum verallgemeinbar, bieten aber Chancen, dem Ausschluss sozialer Gruppen durch Erwerbslosigkeit entgegenzuwirken und kreative Fähigkeiten zu entfalten.

Gemeingüter - solidarisch erstellt und kooperativ genutzt?

Im Prinzip existieren drei Arten der Güterproduktion und -verteilung: Für das Überleben, den sozialen Zusammenhalt und die kulturelle Entfaltung sind natürliche, soziale und kulturelle Gemeingüter erforderlich. Da sich niemand von ihrem Gebrauch ausschließen lässt und sie nicht privat angeeignet werden können, besteht die Gefahr, dass sie verkümmern, wenn sich niemand um ihren Bestand sorgt. Privatisierung könnte theoretisch zwar ihren Schutz bewirken, schlösse aber andere aus; der Staat kann sie schützen, seine Kontrollmöglichkeiten sind aber begrenzt.

Die Politikwissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat untersucht, wie Menschen Gemeingüter dauerhaft für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse nutzen, ohne sie zu zerstören. Kollektivgüter fordern eine kooperative Ökonomie des Teilens, damit niemand sie sich alleine aneignet und sie gemeinschaftlich in ihrem Bestand gewahrt und weiterentwickelt werden. So können Bedürfnisse auch mit geringerem Geldeinsatz befriedigt werden. Bei der Commons-Peer-Produktion des Ökonomen Yochai Benkler tragen alle Teilnehmer in unterschiedlichem Ausmaß nach ihren jeweiligen Fähigkeiten zur Produktion der Gemeingüter bei und nutzen sie gemeinsam.

Solche Gemeinschaften existieren in vielfältiger Weise: von der umweltschonenden Nutzung gemeinsamer Gebrauchsgüter, wie etwa beim Carsharing bis hin zu solchen Dienstleistern, die sich gegenseitig ihre Fähigkeiten und Talente in Tauschringen mit selbst geschaffenen Währungen als Zeiteinheiten anbieten. Selbst in anonymen Gemeinschaften entstehen solche Initiativen, die sich für die Schaffung, den Aufbau, die Pflege und Entwicklung von Gemeingütern einsetzen, etwa indem sie freie Software schaffen, Wissen verfügbar machen, Kulturgüter bereitstellen oder Nachbarschaftseinrichtungen entwickeln.

Die Allmende kann funktionieren!

[...] Als Allmende (im Englischen "Commons") werden gemeinschaftlich bewirtschaftete Güter bezeichnet. Etwa Weideflächen, auf die mehrere Bauern ihr Vieh stellen, oder Fischgründe, die allgemein befischt werden, oder Grundwasser, das von vielen Stellen angezapft wird. Die übliche ökonomische Theorie sagte, dass solche Gemeindegüter ruiniert werden. Jeder Nutzer habe individuell den Anreiz, so viel wie möglich herauszuziehen, obwohl er damit die Ressource kollektiv zerstört. Die Wiesen werden abgegrast, die Seen überfischt, das Grundwasser aufgebraucht. Dieses angebliche Prinzip der Selbstzerstörung hatte der amerikanische Biologe Garrett Hardin 1968 als "The Tragedy of the Commons" bezeichnet.


Haushalte in gewachsener Eigenverantwortung



Die privaten Haushalte haben im vergangenen Jahrhundert beispiellose Veränderungen erfahren. Während die Zahl ihrer Mitglieder gesunken ist, hat sich die Versorgung mit materiellen, marktgehandelten Gütern erheblich verbessert. Um ihre vielfältigen Bedürfnisse zu befriedigen, haben die privaten Haushalte erheblich gewachsene Entscheidungsspielräume, die sie vor neue Herausforderungen stellen, ihr Leben zu gestalten. Waren sie früher engen sozialen Bindungen mit entsprechenden Traditionen und Konventionen unterworfen, scheinen sie heute stärker von anonymen Marktkräften oder staatlichen Institutionen abhängig, die gleichzeitig zum Anstieg des materiellen Wohlstands beigetragen haben.

Mit dieser Entscheidungsdichte steigen die Anforderungen, während die Lebenszufriedenheit angesichts neuer Knappheiten, alter und neuer Risiken nicht gleichermaßen wächst. Auch die Suche nach Gestaltungsmöglichkeiten kooperativen Wirtschaftens gehört zur Gegenwart vieler Haushalte. Solche Optionen, die Markt und Staat nicht ersetzen, aber ergänzen, gleichzeitig soziale und ökologische Probleme zu mindern helfen und soziale Einbettung und kreative Entfaltung ermöglichen, existieren auch jenseits von Markt- und Sozialeinkommen, Haus- und Erwerbsarbeit sowie Privat- oder Staatseigentum. Sie erwachsen aus geteilten ökonomischen und sozialen Bedürfnissen und dem solidarischen Miteinander. Sie können die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung privater Haushalte sowohl erweitern als auch bereichern, sie verlangen aber auch die verantwortliche Nutzung und Gestaltung von Optionen.

Birgit Weber

Zur Person

Birgit Weber

Dr. phil. Birgit Weber ist Professorin für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld. Von 1989 bis 2006 war sie tätig im Bereich Wirtschaftswissenschaft und Didaktik der Wirtschaftslehre an der Universität Siegen. Dort leitete sie als Geschäftsführerin im Zentrum für Lehrerbildung von 2000 bis 2002 ein Projekt zur Förderung der unternehmerischen Selbstständigkeit in der Lehrerausbildung. Als stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung hat sie die Entwicklung von Bildungsstandards für die ökonomische Bildung mit vorangetrieben. Ihre fachlichen Schwerpunkte sind neben grundsätzlichen Fragen der Didaktik der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften vor allem Kultur der unternehmerischen Selbstständigkeit, Umweltökonomie sowie Fragen des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft.

E-Mail: birgit.weber@uni-bielefeld.de


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