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14.11.2008

Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert werden die lateinamerikanischen Staaten politisch unabhängig, in der Gesellschaft überdauern allerdings Einflüsse der feudalen Vergangenheit. Erste Industrialisierungsansätze, aber auch heftige soziale Konflikte entwickeln sich.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts trugen u.a. Bananen dazu bei, dass der Export Lateinamerikas florierte. (© picture-alliance, Robert Harding World Imagery)


Einleitung

Die heutige lateinamerikanische Staatenlandschaft hat ihre Wurzeln in einer dreihundertjährigen Kolonialherrschaft. Nachdem Christoph Kolumbus Lateinamerika 1492 für die Europäer entdeckt hatte, eroberten die Spanier und Portugiesen bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts den gesamten Kontinent. 1494 einigten sich die beiden Seemächte im von Papst Alexander VI.vermittelten Vertrag von Tordesillas auf eine Aufteilung der nichtchristlichen Welt. Das Land westlich einer Trennlinie circa 2200 Kilometer westlich der Kapverdischen Inseln sollte fortan Spanien gehören, das Land östlich dieser Linie Portugal. Damit erhielten die Spanier einen großen Teil des bis dahin noch überwiegend unbekannten Lateinamerika zugesprochen; Portugal bekam einen Teil des südamerikanischen Ostens, der später zur Kolonie Brasilien werden sollte. Ausgehend von Mexiko und Zentralamerika wurde das übrige Lateinamerika von den Conquistadores (Eroberern) für die spanische Krone in Besitz genommen. Die Hochkulturen der Azteken, Maya und Inka wurden dabei militärisch unterworfen. Über 60 Millionen Indígenas (so der spanische Sammelbegriff für die ursprünglichen Bewohner des Kontinents) fielen der Eroberung durch Gewalt, eingeschleppte Krankheiten oder unmenschliche Lebensbedingungen zum Opfer; der Großteil der verbleibenden Indígenas wurde versklavt und zur Arbeit in Gold- und Silberminen sowie in den Haziendas (große landwirtschaftliche Güter, die häufig von Sklavenarbeit abhängig waren) und Plantagen gezwungen. Das spanische Königshaus unterteilte den eroberten Kontinent in Vize-Königreiche und diese wiederum in so genannte Capitanías Generales, die aus den einzelnen Eroberungsfeldzügen hervorgingen.

Die politischen Machthaber waren zunächst Spanier, die vom König eingesetzt wurden, während die Kreolen - die spanischstämmigen, aber in Lateinamerika geborenen Nachfahren der Conquistadores nur geringen politischen Einfluss erlangten. Sie erhielten kaum Anerkennung seitens der spanischen Krone und wurden politisch wie wirtschaftlich benachteiligt. Im 18. Jahrhundert entwickeltensie jedoch ein immer größeres Selbstbewusstsein und eine amerikanische Identität, die zur treibenden Kraft der Unabhängigkeitskämpfe des frühen 19. Jahrhunderts wurde. Dabei erfuhren die Kreolen Unterstützung durch die Handelsmacht England, die zu den Kolonien direkte Wirtschaftsbeziehungen unterhalten wollte. Die Unabhängigkeitskriege der nordamerikanischen Siedler, die sich gegen das englische Königshaus erhoben, die französische Revolution und die Ideen der Aufklärung beeinflussten und bestärkten die Kreolen ideell. Gleichzeitig sank Spaniens militärische und politische Stärke durch verlorene Kriege gegen England und das napoleonische Frankreich, das die iberische Halbinsel 1808 besetzte. Schließlich trieb - vor allem nach einem erfolgreichen Sklavenaufstand in Haiti (1791-1804) - auch die Angst die Kreolen voran, ihre aufkommende Autorität an andere Bevölkerungsgruppen zu verlieren.

Bis 1825 hatten sich fast alle lateinamerikanischen Kolonien - bis auf Kuba und Puerto Rico - von Spanien unabhängig erklärt, und unter kreolischer Führung bildeten sich verschiedene Nationalstaaten, wobei die neuen Staatsgrenzen sich meist an den alten Verwaltungsgrenzen der spanischen Kolonien orientierten. Brasilien, die ehemalige portugiesische Kolonie, erlangte zur selben Zeit die Unabhängigkeit, wurde jedoch keine Republik, sondern Kaiserreich (von 1822 bis 1889), zuerst unter der Herrschaft von Pedro I. - dem Sohn des portugiesischen Königs João VI. - und anschließend unter dessen Sohn Pedro II.. Das geschwächte Spanien konnte der Unabhängigkeit seiner ehemaligen Kolonien nichts entgegensetzen. Die USA hatten zudem in der so genannten Monroe-Doktrin (einer Rede des damaligen Präsidenten Monroe im Dezember 1823) erklärt, eine erneute Kolonisierung der amerikanischen Kontinente durch europäische Mächte nicht mehr zu tolerieren. Die Monroe-Doktrin wurde so zu einer der Grundlagen lateinamerikanischer Unabhängigkeit unter US-amerikanischem Schutz.

Die politische Eigenständigkeit ging aber nicht mit einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit einher. Die lateinamerikanischen Republiken waren abhängig von der europäischen Nachfrage nach den in Übersee produzierten Gütern und von den europäischen Handelsgesellschaften, die die Waren über den Atlantik schifften. Der wirtschaftliche Aufstieg der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewirkte lediglich eine Verlagerung der Abhängigkeiten.

Feudale Strukturen

Im Unterschied zu den europäischen Siedlungskolonien in Nordamerika und Australien waren die entstehenden lateinamerikanischen Gesellschaften stark von den feudalen Strukturen der iberischen Kolonialmächte geprägt. Dies wurde durch ein zweites Charakteristikum der meisten lateinamerikanischen Gesellschaften erleichtert: Die große Mehrheit der Bevölkerung - Indígenas und schwarze Sklaven bzw. deren Nachfahren - unterschied sich bereits ethnisch von den herrschenden Klassen und wurde von vornherein zu abhängiger Arbeit gezwungen. So entstanden Gesellschaften mit einer großen Kluft zwischen Arm und Reich. Typischerweise ist diese Kluft in denjenigen lateinamerikanischen Gesellschaften, in denen auch die Mittel- und Unterschichten weitgehend europäischen Ursprungs waren, nicht ganz so groß (etwa: Argentinien, Chile, Uruguay, der Süden Brasiliens oder Costa Rica). Hier gab es keine starke indigene Bevölkerung und auch keine Plantagenwirtschaft mit Sklavenarbeit.

Die traditionelle weltwirtschaftliche Ausrichtung Lateinamerikas auf den Export von Rohstoffen (zunächst vor allem Edelmetalle, dann Salpeter, Kupfer und Zinn sowie Agrarprodukte wie Naturfarben, Zucker, Kakao, Tabak, Kaffee und Bananen) förderte die Beibehaltung dieser sozialen Strukturen - Anreize für einen gesellschaftlichen Modernisierungsprozess und die Entwicklung einer verarbeitenden Industrie blieben gering. Die meisten Güter des alltäglichen Bedarfs konnten mit traditionellen landwirtschaftlichen und handwerklichen Methoden lokal hergestellt werden, und die Eliten verfügten über die notwendigen Einnahmen, um den Import ihrer Luxusgüter und notwendige infrastrukturelle Einrichtungen, etwa den Eisenbahnbau, zu finanzieren. Auch ausländische Kreditaufnahme und Investitionen im Rohstoffsektor sowie im Infrastrukturbereich stärkten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen. Prägend für das Verhalten lateinamerikanischerEliten war die Tatsache, dass wirtschaftlicher Erfolg seit der Kolonialzeit von politischen Privilegien abhängig war. Beispielsweise vergab die spanische Krone und später der jeweilige Staat Export-, Import- und Produktionsrechte. Aus diesen erwuchsen Renten, hier verstanden als wirtschaftliche Einkünfte, die nicht auf produktiven Leistungen beruhen, sondern auf der Verfügung über Grundbesitz oder auf der Macht, politische Entscheidungen entsprechend zu beeinflussen. Die solchermaßen privilegierten Eliten waren daher an der Aufrechterhaltung der überkommenen Rohstoffökonomie und an Staatsinterventionen zur Sicherung ihrer Renteneinnahmen interessiert.

Obwohl die Anführer der Unabhängigkeitsbewegungen, wie zum Beispiel der in Caracas geborene Simón Bolívar, meist bürgerlich-liberale Ideen vertraten, änderte sich durch den Gewinn der politischen Selbstständigkeit weder etwas am fast ausschließlich vorkapitalistischen Charakter der Ausbeutungsbeziehungen in der Exportproduktion - die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse auf den Haziendas bestanden fort - noch am geringen Interesse der herrschenden Klassen an der Förderung der einheimischen gewerblichen Produktion. Grundlagen bürgerlicher Gesellschaften, so wie sie in Europa seit dem 18. Jahrhundert entstanden waren, gab es in den lateinamerikanischen Staaten noch nicht. Stattdessen versuchten liberale Politiker in Lateinamerika politische Strukturen aufzubauen, denen die materielle Basis in Form eines breiten bürgerlichen Unternehmertums und rasch wachsender städtischer Mittelschichten weitgehend fehlte. Dennoch: Mit der Unabhängigkeit bildeten sich neue politische Räume, innerhalb derer sich die politischen Kräfteverhältnisse in unterschiedlicher Weise äußern konnten. Viele Länder kennzeichnete ein Gegensatz zwischen konservativen und liberalen Parteien, wobei die Konservativen stärker die Positionen eines binnenorientierten Großgrundbesitzes vertraten, die Liberalen eher die Interessen einer weltmarktorientierten Exportoligarchie. Es kam jedoch nirgendwo zum Aufbau stabiler, auf politischem Wettbewerb basierender politischer Systeme. Auch der wirtschaftliche Aufschwung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stärkte meist die vorhandenen staatlichen Strukturen, zum Teil stabile Diktaturen (etwa Porfirio Díaz in Mexiko).

United Fruit Company

1884 schloss die costaricanische Regierung einen Vertrag mit dem US-amerikanischen Unternehmer Minor Cooper Keith über die Fertigstellung einer Eisenbahnstrecke zwischen dem zentralen Hochland und der Karibikküste. Keith erhielt als Gegenleistung für 99 Jahre die Nutzungsrechte über die Eisenbahn, den Atlantikhafen von Limón sowie 300 000 Hektar Land an der Karibikküste. Er begann auf diesem Land mit dem Anbau von Bananen für den Export in die USA, wo seit der Weltausstellung von Philadelphia im Jahre 1876 die Nachfrage nach Bananen rasch gewachsen war. Der Vertrag wurde zum Vorbild für zahlreiche ähnliche Abkommen. Vor allem in Guatemala, Honduras, Costa Rica und Panama wurden in den folgenden Jahrzehnten riesige Ländflächen in Bananenplantagen umgewandelt, deren Besitzer US-amerikanische Firmen waren.


Die Aufschwungphase, die Europa in der Zeit zwischen 1850 und 1873 erlebte, hatte auch weitreichende Auswirkungen auf Lateinamerika: Sinkende Transportkosten bewirkten eine deutliche Verbilligung der so genannten Kolonialwaren, wie zum Beispiel Zucker, Kaffee, Tabak oder Bananen. Durch das gleichzeitige rasante Wirtschaftswachstum vieler nordatlantischer Staaten stieg die Nachfrage nach diesen Produkten erheblich. In der folgenden Wirtschaftskrise der "Großen Depression" (1873-1896) investierten europäische und zunehmend auch nordamerikanische Unternehmer vermehrt in Lateinamerika, um am Rohstoffboom teilzuhaben und zurückgehende Gewinnraten in Europa zu kompensieren. Angesichts der florierenden Exportwirtschaft in Lateinamerika und in den Kolonien Asiens und Afrikas boten sich interessierten Unternehmen Möglichkeiten zum Ausbau von Bergwerken mit neuen Technologien, zur Fortsetzung des in Europa weitgehend abgeschlossenen Eisenbahnbaus sowie zum Bau von Häfen und anderen Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur in diesen Regionen.

Zertifizierte Bananen

[...] In der Nacht ist ein dichter Regen heruntergegangen über Sarapiquí, und die Luft ist noch feucht, als Mauricio Salas frühmorgens aufbricht. Der Biologe zertifiziert Bananenplantagen in Costa Rica und anderen lateinamerikanischen Ländern. Damit hat er gut zu tun, seit europäische Supermarktkunden nicht mehr nur normgebogene und billige Ware verlangen, sondern auch mit gutem Gewissen einkaufen wollen. Die Bananen, die Ananas, der Kaffee sollen umweltschonend und zu fairen Löhnen erzeugt werden. Dafür gibt es Menschen wie Mauricio Salas. Sie untersuchen Abwasserkanäle, inspizieren Arbeiterbaracken, checken Pestizid-Listen. Salas arbeitet für "Rainforest Alliance", einen US-Umweltverband, der Kriterien aufgestellt hat, die erfüllt sein müssen, damit die Ware das Siegel mit einem blauen Frosch erhält. Das soll zumindest einen Mindeststandard garantieren.


Industrialisierung und Populismus

In Regionen mit einer massiven Ausweitung der Exportproduktion (wie den Kaffeeanbaugebieten des brasilianischen Südostens oder den Viehzucht- und Weizenregionen Argentiniens) entwickelten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts Kaufkraft und Binnennachfrage nach Massenkonsumgütern dergestalt, dass Ansätze eigener industrieller Produktion rentabel wurden. Hier hatten kleinbäuerliche Produktionsstrukturen (Kaffeeanbau) bzw. Schritte, die zur Verarbeitung der Exportprodukte (etwa: Fleisch) notwendig waren, die Exporterlöse breiter gestreut. Zudem entstanden durch zunehmenden Handel und den Ausbau der Infrastruktur in begrenztem Umfang städtische Mittelschichten. Die Gesamtzahl der Industrieunternehmen in Brasilien stieg von 1907 bis 1920 von 3000 auf 13 000. Der erste Weltkrieg, der viele Lieferquellen in Europa und Nordamerika versiegen ließ, bewirkte einen weiteren Industrialisierungsschub in den fortgeschritteneren Ländern Lateinamerikas (in erster Linie Brasilien, Argentinien, Chile undMexiko).

Die Industrialisierungsansätze in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stärkten die politischen Kräfte, die eine Modernisierung der lateinamerikanischen Gesellschaften forderten, es formierten sich Ansätze von industriellem Unternehmertum, Arbeiterbewegung und Mittelschichten. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erfuhr die industrielle Entwicklung Lateinamerikas vor allem in den 1930er Jahren nach der Weltwirtschaftskrise einen weiteren Anschub. In deren Folge gingen die Exporterlöse und damit auch die Importkapazität rapide zurück, was die rohstoffexportierenden Länder zwang, ihre Produktion soweit wie möglich an den im Inland vorhandenen Ressourcen sowie an der Inlandnachfrage auszurichten. Zuvor importierte Produkte wurden nun zunehmend selbst hergestellt (so genannte importsubstituierende Industrialisierung). Währungsabwertungen stabilisierten die Exporterlöse in nationaler Währung trotz des starken Rückgangs der Weltmarktpreise, die nationale Produktion wurde aufgrund der Verteuerung der Importe konkurrenzfähiger. Zölle, Importverbote bzw. -quoten gewährten den einheimischen Industriebranchen zusätzlichen Schutz. In gleiche Richtung wirkten Maßnahmen zur Stützung der Rohstoffpreise, wie die brasilianische Politik der Kaffeepreisstabilisierung durch staatliche Aufkäufe und Lagerhaltung.

Die veränderte wirtschaftliche Situation hatte auch Auswirkungen auf die politischen Kräfteverhältnisse in den lateinamerikanischen Ländern. Einerseits begannen Interessen eines wachsenden industriellen Bürgertums eine politische Rolle zu spielen, andererseits gewann vor allem die städtische Bevölkerung an politischem Einfluss. In dieser Zeit entstand der für Lateinamerika charakteristische Populismus, die Durchsetzung von Modernisierungsstrategien durch eine personalistische Politik mit starker Massenmobilisierung, es entwickelten sich Bündnisse gegen die traditionellen Agraroligarchien. In Brasilien unter Getulio Vargas (1930-1945, 1951-54) und in Argentinien unter Juan Domingo Perón (1946-1955) entstanden klassische populistische Regime mit breiter Unterstützung in der Bevölkerung und einer massiven Förderung der nationalen Industrie; in Mexiko kam es nach den Revolutionswirren von 1910-1917/1921 und einem folgenden unruhigen Jahrzehnt im Jahre 1929 zur Gründung des PNR (Partei der Nationalen Revolution, seit 1946: PRI) mit starken populistischen Tendenzen. In Chile führte die relativ starke Arbeiterbewegung mit ihren Arbeiterparteien nach europäischem Vorbild zu einem Bündnis von modernisierungsorientierten Mittelschichten und Teilen der Unterschicht in Gestalt des Frente Popular (1938-1941). In anderen Ländern wiederum entstanden - beeinflusst unter anderem durch den peruanischen Politiker und Publizisten Victor Haya de la Torre - moderne populistische Parteien wie die Acción Democrática (Venezuela) und der Partido Liberación Nacional (PLN, Costa Rica).

Die Mexikanische Revolution

Die Mexikanische Revolution begann 1910 als Aufstand liberaler bürgerlicher Kräfte gegen den Diktator Porfirio Díaz, der Mexiko seit 1877 nahezu ununterbrochen autoritär regierte und unter dessen Herrschaft die Landbevölkerung zunehmend verarmt war. Im November 1911 musste Díaz abdanken und Francisco Madero, der Initiator des Aufstandes, wurde Präsident. Mittlerweile hatten verschiedene gesellschaftliche Lager die ursprüngliche Idee eines Staatsstreiches aber zu einer Revolution ausgeweitet, die sie nun vorantrieben, da ihre Forderungen über die zögerliche Sozialpolitik Maderos hinausgingen.


Veränderungen nach 1945

Mehr noch als der Zweite Weltkrieg markierte die mit seinem Ende entstehende neue internationale Ordnung einen wichtigen Einschnitt für Lateinamerika. Es wurde durch die nun folgende Re-Integration in den Weltmarkt wieder mit der überlegenen Wettbewerbsfähigkeit der Industrieländer konfrontiert, die eine Fortsetzung der krisen- und kriegsbedingten spontanen Importsubstitution nicht zulassen würde. Vor allem aber fand sich die Region als Teil einer entstehenden neuen Weltordnung wieder, die durch den Ost-West-Konflikt und den Nord-Süd-Konflikt geprägt wurde. Waren die lateinamerikanischen Länder bisher unterschiedlich starke Mitglieder einer internationalen Staatengemeinschaft, so wurden sie nun zunehmend der Kategorie der "Entwicklungsländer" zugeordnet - als Teil der westlichen Welt, wobei die westlichen Führungsmächte jeden intensiveren politischen Kontakt zum "Osten" mit Misstrauen beobachteten. In diesem Rahmen geriet die "importsubstituierende Industrialisierung" zu einementwicklungsstrategischen Exportschlager. Sie basierte auf einem in den 1940er Jahren vom argentinischen Ökonomen Raúl Prebisch theoretisch ausgearbeiteten Modell.

Prebisch war ab 1950 Exekutivsekretär der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL); er entwickelte gleichzeitig mit Hans Singer, einem britischen Ökonomen deutscher Abstammung, der ab 1947 den Bereich "Entwicklung" im UN-Sekretariat leitete, die so genannte Prebisch-Singer-Hypothese. Sie besagte, dass die Preise für den Export von Primärgütern (Agrarprodukte und mineralische Rohstoffe) sich langfristig schlechter entwickelten als die Preise für den Export von verarbeiteten Produkten. Exporteure von Primärgütern, das heißt also auch die lateinamerikanischen Länder, mussten demnach ein Interesse daran haben, ihre Industrie so weiterzuentwickeln, dass sie auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig würde. Eine systematische Protektion (Schutz) neuer Industrien, etwa der Elektro-, Chemie- und Automobilindustrie, unterstützt durch eine Modernisierung der Infrastruktur bei gleichzeitiger Förderung des Imports der nötigen Kapitalgüter (Maschinen und im Lande nicht verfügbare Rohstoffe) sollte die Basis für eine dynamische lokale industrielle Entwicklung schaffen. Die Erlöse aus den traditionellen Rohstoffexporten sollten diese Importe finanzieren. Diese Strategie verknüpfte im allgemeinen sehr hohe Zollsätze bzw. Einfuhrverbote für diejenigen Branchen, die man lokal entwickeln wollte, mit einer Überbewertung nationaler Währungen, um die nötigen Importe von Kapitalgütern zu verbilligen.

Allerdings sollte diese protektionistische Politik durch eine gezielte Förderung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit dieser Industrien ergänzt werden: Die Zölle sollten allmählich sinken. Eine lateinamerikanische Freihandelszone sollte geschaffen werden, um die lokalen Industrien einer zunehmenden Konkurrenz auszusetzen, und schließlich sollte eine eigenständige Technologieentwicklung die bessere Anpassung der Produktionsprozesse an lokale Bedingungen (und damit auch eine verbesserte Konkurrenzfähigkeit) erreichen.

Doch diese wettbewerbsfördernden Maßnahmen wurden kaum systematisch in Angriff genommen. Das lag unter anderem daran, dass die binnenmarktorientierten Industrien, die hinter den hohen protektionistischen Mauern vor Konkurrenzrisiken geschützt waren, zunächst hohe Gewinnspannen erbrachten. Die zunächst hohen Wachstumsraten der industriellen Produktion sanken jedoch gegen Ende der 1960er Jahre langsam ab, von 6,8 Prozent im lateinamerikanischen Durchschnitt der 1940er Jahre auf 5,4 Prozent in den 1960er Jahren (Spitzenreiter von 1955-60: Brasilien mit 10,3 Prozent, Mexiko mit 8,1 Prozent).

Vor allem die immer wieder versprochene Verbesserung der sozialen Situation trat für große Teile der Bevölkerung nicht ein. Im Gegenteil: Mit der in den 1950er Jahren eingeleiteten Industrialisierung der Landwirtschaft (vor allem dem vermehrten Einsatz vom Maschinen) und mit der Entstehung neuer landwirtschaftlicher Bereiche wie der Viehzucht oder dem Baumwollanbau ging vielerorts sogar eine dramatische soziale Verschlechterung einher. Zum einen enteigneten Staat und Großgrundbesitzer Land, das zuvor Kleinbauern ohne reguläre Besitztitel entweder subsistenzwirtschaftlich (auf Selbstversorgung angelegt) oder auf lokale Märkte orientiert bewirtschaftet hatten. Vor allem für die Rinderzucht wurde viel Land benötigt. Zum anderen wurden in diesen neuen landwirtschaftlichen Betrieben nur wenige Arbeitskräfte benötigt. Viele zuvor in der Landwirtschaft Beschäftigte verloren damit ihre Lebensgrundlage.

In der Folge zogen viele Lateinamerikaner vom Land in die Städte; es kam zu einer starken Urbanisierung (Verstädterung). In den urbanen Regionen hatte der wirtschaftliche Modernisierungsprozess zwar steigende Investitionen transnationaler Konzerne, ein weiteres industrielles Wachstum und das Entstehen einer modernen Mittelschicht bewirkt, doch bezog diese Entwicklung nur einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung ein. Das Einkommensniveau auf dem Land und in den städtischen Slums blieb so niedrig, dass die Nachfrage nach modernen dauerhaften Konsumgütern, wie Autos und großen Haushaltsgeräten, unbedeutend blieb. Das Wachstum der am Binnenmarkt orientierten Industrie und ihr Beitrag zur Schaffung neuer Arbeitsplätze sowie zur Überwindung sozialer Ungleichheit hielten sich folglich in Grenzen. Ende der 1960er/ Anfang der 1970er Jahre wurden die Krisenerscheinungen importsubstituierender Industrialisierung zunehmend zu einem Problem der lateinamerikanischen Politik.

Soziale und politische Konflikte

Aufgrund der wirtschaftliche Probleme verloren die populistischen Bündnisse langsam ihre Basis, und es begann eine lange Phase sozialer und politischer Auseinandersetzungen, die charakteristisch für die Geschichte Lateinamerikas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden sollten. Die 1960er bis 1980er wurden zu Jahrzehnten der Militärputsche und Diktaturen. In Zentralamerika waren diese Jahrzehnte außerdem durch Guerillabewegungen und interne Kriege gekennzeichnet.

Mit dem Verweis auf Kuba und dem Argument, den Kommunismus aus Lateinamerika fernhalten zu müssen, übernahm oder stabilisierte das Militär in den 1960er und 1970er Jahren in den meisten lateinamerikanischen Ländern seine Macht und etablierte Diktaturen oder andere Formen autoritärer Herrschaft. Als Folge sich verschärfender sozialer Konflikte und wiederum inspiriert durch die Kubanische Revolution und ihre charismatischen Anführer Fidel Castro und Ernesto "Che" Guevara, entstanden in vielen Ländern Lateinamerikas gleichzeitig soziale Protestbewegungen, aus denen in einigen Fällen Guerillabewegungen entstanden. US-Präsident John F. Kennedy verkündete im März 1961 - als Reaktion auf die kubanische Revolution - das Entwicklungshilfeprogramm "Allianz für den Fortschritt". Das Programm sollte die Armut in Lateinamerika durch Reformen abbauen und gleichzeitig die Ausbreitung kommunistischer Tendenzen stoppen, da auch die USA einen von Kuba ausgehenden Domino-Effekt befürchteten. So unterstützten die Vereinigten Staaten in den folgenden Jahrzehnten einerseits demokratische Reformregierungen wie die von Eduardo Frei zwischen 1964 und 1970 in Chile oder die Regierung Venezuelas, gleichzeitig aber auch autoritäre Regime, die sie für das "kleinere Übel" hielten.

Die Kubanische Revolution

1956 begann ein kleiner Trupp von Revolutionären in den unwegsamen Bergen der Sierra Maestra einen Guerilla-Krieg gegen die Diktatur des kubanischen Generals Fulgenico Batista. Streiks, Studentenproteste und Mordanschläge erschütterten die Hauptstadt Havanna. Batista war unfähig, die Situation unter Kontrolle zu bringen und ergriff schließlich die Flucht. Am Neujahrstag des Jahres 1959 zogen die bärtigen Rebellen unter ihrem Anführer Fidel Castro in Havanna ein.
Das erste lateinamerikanische Militärregime wurde nach der Kubanischen Revolution 1964 in Brasilien errichtet. Mit der Begründung, die von Kuba inspirierte Linke könne einen Aufstand planen, stürzte das Militär den demokratischen Präsidenten João Goulart und begründete damit eine lange Epoche militärischer Herrschaft. Das Regime untergrub durch so genannte institutionelle Akte (Verordnungen, die es über die Verfassung stellte) die Rechtsstaatlichkeit. So wurden beispielsweise die Rechte des Parlaments eingeschränkt, wobei es zugunsten des demokratischen Scheins formal bestehen blieb. Die Opposition und politische Parteien wurde nicht verboten, aber in ihrem Handeln eingeschränkt, und regelmäßig wurden Wahlen inszeniert, die allerdings nicht demokratisch waren. Obwohl Folter und Repression zum Machterhalt angewandt wurden, gilt die Zeit der Militärherrschaft in Brasilien im Vergleich zu den autoritären Regimes in den Nachbarländern als weniger gewalttätig.Dieser Umstand und eine sehr erfolgreiche wirtschaftliche Modernisierungspolitik trugen dazu bei, dass sich das Militär bis 1985 an der Macht halten konnte. Erst in den 1980er Jahren begann diese Macht im Zuge der Wirtschaftskrise zu bröckeln. 1982 wurden erstmals seit 1964 wieder Gouverneure und Kongressabgeordnete direkt von der Bevölkerung gewählt. Die Opposition gewann mit einer großen Mehrheit.

Internationales Aufsehen erregte auch die Militärdiktatur in Chile. 1970 gewann Salvador Allende mit seinem sozialistisch orientierten Wahlbündnis Unidad Popular die Präsidentschaftswahlen. Nach seinem Wahlsieg verstaatlichte Allende wichtige Wirtschaftszweige und brachte damit neben den USA auch die mittelständische Opposition in Chile gegen sich auf. Am 11. September 1973 wurde Allende durch einen Militärputsch gestürzt, und General Augusto Pinochet übernahm die Staatsführung. Begründet wurde auch dieser Putsch mit dem Kampf gegen den Kommunismus. Tausende Oppositionelle wurden in den folgenden Jahren inhaftiert, gefoltert und ermordet. Erst 1988 begann sich Chile nach einer Volksabstimmung wieder zu demokratisieren. Das Referendum war von der Regierung ursprünglich mit dem Plan angeordnet worden, Pinochet als einzigen Kandidaten bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu bestätigen und diesem Vorgehen einen demokratischen Anschein zu verleihen. Der Opposition gelang es aber, die Mehrheit der Bevölkerung (54 Prozent) zu einem "Nein" zu bewegen.

In Argentinien stürzte das Militär 1976 die demokratische Regierung. General Jorge Rafael Videla übernahm die Macht, und eine von ihm angeführte Militärjunta etablierte ein diktatorisches Regime. Die Junta übernahm den gesamten Staatsapparat und schuf ein umfangreiches System der Überwachung aller Institutionen und der Bevölkerung. In den folgenden Jahren wurden etwa 20 000 Menschen durch das Militär und den Geheimdienst ermordet. Etwa eine halbe Million Argentinier musste ins Ausland flüchten. Das Land kehrte 1983 zur Demokratie zurück. Ausschlaggebend dafür war neben der negativen Wirtschaftsentwicklung und wachsendem politischem Druck durch die Opfer des Regimes der Falkland-Krieg. Argentinien und Großbritannien hatten beide Anspruch auf die von Großbritannien besetzten Falkland-Inseln (span. Islas Malvinas) erhoben. Argentinische Truppen griffen 1982 überraschend das britische Militär auf den Inseln an, erlitten dabei jedoch eine herbe militärische Niederlage. Die politische Autorität des Militärs wurde dadurch so geschwächt, dass es sich nicht mehr gegen die Forderungen nach einer Wiederherstellung rechtstaatlicher Verhältnisse wehren konnte.

Auch in Zentralamerika etablierten oder stabilisierten sich im Zuge des Kalten Krieges autoritäre Regime. Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre führten in Guatemala die Präsidenten Juan José Arévalo (1945-1951) und Jacobo Arbenz (1951-1954) umfangreiche Landreformen durch. 1954 stürzte das Militär unter der Führung von Castillo Armas die Regierung Arbenz und unterwarf Guatemala in der Folge bis 1996 einem autoritären Regime. Auch diesen Putsch unterstützten die USA mit Verweis auf die sozialistische Orientierung der Politik von Arbenz. 1960 begann ein Bürgerkrieg zwischen den wechselnden autoritären Regierungen und einer Guerillabewegung. Dieser bewaffnete Konflikt endete nach 36 Jahren erst 1996 durch einen Friedensvertrag zwischen Regierung und Guerilla und kostete vermutlich über 200 000 Menschen das Leben. Vor allem unter General Efraín Ríos Montt wurden 1982 und 1983 Tausende Zivilisten systematisch ermordet, um so die Guerilla zu schwächen.

In Nicaragua hatte 1937 Anastasio Somoza die Macht übernommen. Er und seine beiden Söhne Louis und Anastasio regierten das Land mit wenigen Unterbrechungen bis 1979. Die Familiendiktatur war durch Repression und eine persönliche Bereicherungspolitik gekennzeichnet. 1961 gründete sich vor dem Hintergrund autoritärer Regierungsführung und sozialer Ungleichheit die linke revolutionäre Befreiungsbewegung Frente Sandinista de Liberacion Nacional (FSLN). Nach der Ermordung des liberalen Oppositionsführers Pedro Chamorro im Jahr 1978 kam es schließlich zu einem Volksaufstand unter Führung der FSLN und mit Unterstützung der bürgerlichen Opposition. Die Nationalgarde reagierte mit dem Bombardement mehrerer Städte, woraufhin ein Bürgerkrieg zwischen dem Somoza-Regime und der FSLN ausbrach. Im Juli 1979 gewannen die Sandinisten diesen Krieg und leiteten in den folgenden Jahren weitreichende soziale und wirtschaftliche Reformen ein. Zwischen 1981 und 1990 versuchten anti-sandinistische Truppen die Macht im so genannten Contra-Krieg wiederzuerlangen. Die Contras wurden dabei wiederum von den USA logistisch und finanziell unterstützt. 1990 ging die sozialdemokratisch ausgerichtete Violeta Chamorro, die Frau des 1978 ermordeten Pedro Chamorro, als Präsidentin aus den ersten demokratischen Wahlen seit 1979 hervor. Die Bevölkerung stand nach Jahren des Contra-Krieges und einer durch Misswirtschaft und ein US-Embargo negativen wirtschaftlichen Situation nicht mehr hinter den Sandinisten. Diese wiederum akzeptierten ihre Abwahl.

Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und Gewalt

Von Anika Oettler

Das Spektrum der Menschenrechtsverletzungen, die in Lateinamerika während der Diktaturen und Bürgerkriege der 1970er und 1980er Jahre verübt wurden, ist breit. Es reicht von militärischer Präsenz, Ausgangssperren, Ausnahmezuständen, Pressezensur, Schließung von Universitäten, Auflösung von Parteien, Einrichtung von geheimen Haftzentren, Aufbau eines brutalen Sicherheitsapparats, Folter, Exekutionen und Exilierung bis hin zu "Verschwindenlassen" und Massakern. In Argentinien wurde die Frage, wie mit den Gräueln der Vergangenheit umzugehen sei, bereits vor einem Vierteljahrhundert gestellt, in anderen Ländern wurde sie wesentlich später aufgeworfen. Obwohl die Aufarbeitung der Diktaturen und Bürgerkriege im Einzelnen sehr unterschiedlich verlaufen ist, gibt es spezifische Charakteristika des lateinamerikanischen Umgangs mit der Vergangenheit.

Menschenrechtsschutz in Zeiten der Diktatur

Pinochet starb ohne Reue und ohne Verurteilung seiner Verbrechen vor weltlichen Richtern. Offiziell bekannt geworden ist durch die Rettig-Kommission, Chiles Wahrheitskommission, dass in der Zeit seiner Diktatur 3194 Personen ermordet und mehr als 1100 verschwunden sind. Nachweislich wurden 28 000 Menschen gefoltert, die wahren Zahlen liegen um ein Vielfaches höher.
Nach dem Ende von Diktaturen und Bürgerkriegen wurden in den meisten lateinamerikanischen Ländern Wahrheitskommissionen eingesetzt, das heißt Untersuchungsinstanzen, die die zuvor begangenen Menschenrechtsverletzungen aufklären und Empfehlungen zur nachfolgenden Politikgestaltung vorlegen sollten. Die erste lateinamerikanische Wahrheitskommission, die auch international Aufsehen erregte, war die 1983 von Präsident Alfonsín in Argentinien eingesetzte "Nationale Kommission über das Verschwinden von Personen" (CONADEP). Die Kommission konnte die Entführung und das "Verschwindenlassen" von 8963 Menschen sowie die Existenz von 340 geheimen Folterzentren nachweisen. Seit den frühen 1980er Jahren haben in Lateinamerika 13 offizielle Wahrheitskommissionen versucht, das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen und Gewalttaten öffentlich aufzuklären. Das Wirken dieser Kommissionen, von denen zwei ihre Arbeit nie beendet haben (Ecuador, Bolivien) und eine ihre Arbeit womöglich nie beenden wird (Paraguay), wird durch eine Reihe von "wahrheitskommissionsähnlichen" - staatlichen oder zivilgesellschaftlichen - Aufarbeitungsinitiativen ergänzt.

In den meisten lateinamerikanischen Ländern vermochten sich die Militärs (und, vor allem in Zentralamerika, auch die Guerilleros) erfolgreich gegen die Durchführung von Strafprozessen zu wehren. Der Verzicht auf die Bestrafung der Täter gilt zumeist als der Preis, den die lateinamerikanischen Gesellschaften für die Demokratisierung zu entrichten hatten. Eine Ausnahme bildet Argentinien. Unter Präsident Raúl Alfonsín wurden hochrangige Militärangehörige und Mitglieder der Juntas, die zwischen 1976 und 1983 geherrscht hatten, strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. Vor dem Hintergrund verschlechterter Beziehungen zwischen Militär und Zivilregierung und einer großen Anklageflut beschnitten jedoch noch unter Alfonsín das so genannte Schlusspunktgesetz und das "Gesetz des pflichtgemäßen Gehorsams" die Möglichkeiten der strafrechtlichen Ahndung von Menschenrechtsverletzungen, und unter Präsident Carlos Menem wurden 1990 die verurteilten Generäle begnadigt. InArgentinien, wie auch in anderen lateinamerikanischen Ländern, war damit jedoch keineswegs ein Schlusspunkt gesetzt. Im Gegenteil, die Vergangenheit war immer wieder Gegenstand von Auseinandersetzungen, die vor den Gerichten, in Verwaltungen, Parlamenten, Schulen, Universitäten, Kinosälen und Theatern stattfanden.

Ein besonders schwerwiegendes Thema waren die verschwundenen Kinder. Von der Praxis, schwangere Gefangene bis zur Entbindung am Leben zu lassen, die Säuglinge illegal zur Adoption freizugeben und die Mütter lebendig ins Meer zu werfen, hatten viele Zeugen der CONADEP berichtet. 1992 wurde auf Drängen der Abuelas de la Plaza de Mayo, der Organisation der Großmütter von Verschwundenen, die "Nationale Kommission für das Recht auf Identität" (Comisión Nacional por el Derecho a la Identidad, CONADI) eingerichtet. Die entführten Säuglinge von einst sind inzwischen junge Erwachsene zwischen 20 und 36 Jahren, die in Unkenntnis ihrer Identität und oftmals in den Familien oder dem engen Umfeld der Mörder ihrer Eltern aufwuchsen. Die CONADI hat seit ihrer Einrichtung mehrere Dutzend dieser Fälle aufklären können.

In Chile stand die Aufarbeitung der Diktatur nach dem Machtwechsel 1990 zunächst ebenfalls unter dem Motto "Wahrheitskommission ja, Strafprozesse nein". Die "Nationale Kommission für Wahrheit und Versöhnung" wurde von dem bis 1994 regierenden christdemokratischen Präsidenten Patricio Aylwin einberufen. Der Staatspräsident selbst - und dies ist in der Geschichte der Aufarbeitung selten - stellte die Ergebnisse der Kommissionstätigkeit im März 1991 in einer Fernsehansprache vor und bat im Namen der Nation um Verzeihung. In den folgenden Jahren wurde trotz der Amnestiegesetze vor allem in den Gerichten um die "historische Wahrheit" gestritten. Weltweites Aufsehen erregte 1998 die Verhaftung des ehemaligen Diktators Augusto Pinochet auf Ersuchen eines spanischen Staatsanwalts in London. In den Debatten, die auf die Verhaftung folgten, stand die Frage einer internationalen Gerichtsbarkeit im Mittelpunkt. Was jedoch kaum beachtet wurde, war die Tatsache, dass in Chile bereits Strafverfahren gegen rund 250 Personen eingeleitet worden waren und auch der Diktator selbst mit 17 Ermittlungsverfahren konfrontiert war.

Unter Präsident Lagos (2000-2006) wurde ein Thema auf die politische Agenda gesetzt, das in den Auseinandersetzungen um die Vergangenheit bisher lediglich am Rande behandelt worden war: das Leid derer, die Folter und Verhaftung überlebt hatten. Lagos setzte mit der "Kommission zur Untersuchung politischer Haft und Folter" eine Instanz ein, die nicht nur die Schrecken der Vergangenheit aufklären, sondern auch nachfolgende Entschädigungsverfahren dokumentarisch untermauern sollte. 2005 wurde der Umgang mit der Vergangenheit zu einem wichtigen Wahlkampfthema. Mit Michelle Bachelet kandidierte die Tochter eines Luftwaffengenerals, der nach dem Putsch verhaftet worden war und ein Jahr später im Gefängnis starb. Sie selbst war in der berüchtigten Villa Grimaldi gefoltert worden und hatte viele Jahre im Exil (unter anderem in der DDR) gelebt. Wenige Monate nach ihrem Amtsantritt, im Dezember 2006, starb Augusto Pinochet. Die Präsidentin lehnte Staatstrauer und Staatsbegräbnis ab, gestattete aber dem Militär, die für oberste Heeresführer vorgesehenen Rituale zu befolgen. Der Tod des Diktators zeigte, wie gespalten die chilenische Gesellschaft im Hinblick auf die Diktaturvergangenheit ist. Es versammelten sich sowohl Pinochet-Gegner als auch Pinochet-Befürworter zu spontanen Kundgebungen.

Die politisch motivierte Ausübung von Gewalt und die systematische Verletzung von fundamentalen Menschenrechten ist in Lateinamerika zwar seit den 1990er Jahren deutlich zurückgegangen, aber keineswegs gänzlich verschwunden. Während im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas seit 1994 eine Auseinandersetzung zwischen einer gewaltarmen Guerilla (Ejér-cito Zapatista de Liberación Nacional) und Regierung/Militär schwelt, zeichnet sich der über 40-jährige Konflikt in Kolumbien durch ein hohes Gewaltmaß, die Ausbreitung paramilitärischer Gruppen und die Vermischung von politischen und ökonomischen Motiven aus. Zudem sind hier die kriegerischen Handlungen mit weiteren Gewaltformen (unter anderem sexuelle Gewalt sowie "soziale Säuberungen" das heißt die Ermordung von "unerwünschten" Personen wie Transvestiten, Homosexuellen, Straßenkindern, Jugendlichen) verzahnt. Seit dem Beginn der gewaltsamen Auseinandersetzungen wurden Hunderttausende ermordet. Amnesty International schätzt, dass im Jahre 2006 mehr als 219 000 Menschen vertrieben wurden.

Auch in Guatemala sind politische Morde und "soziale Säuberungen" nach wie vor verbreitet. Die chronische Schwäche des Justizsystems und anderer staatlicher Institutionen schaffen hier einen idealen Nährboden.

Wolfgang Hein, Sebastian Huhn

Zur Person

Wolfgang Hein

Prof. Dr. Wolfgang Hein, Politologe und Historiker, ist Leiter des Forschungsschwerpunktes "Transformation in der Globalisierung" am GIGA, wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIGA Institut für Lateinamerika-Studien und apl. Professor am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind Global Governance mit Schwerpunkt Gesundheit sowie internationale Migration.

Kontakt: hein@giga-hamburg.de


Zur Person

Sebastian Huhn

M. A., Historiker und Politologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIGA Institut für Lateinamerika-Studien. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind Gewalt und Kriminalität in Zentralamerika, internationale Migration und die soziale Konstruktion nationaler Identitäten und Gesellschaftsordnungen.

Kontakt: huhn@giga-hamburg.de


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