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9.6.2005

Entwicklungsdefizite und mögliche Ursachen

Gesundheit ist ein zentrales Element für die Lebensqualität jedes Menschen und ein wichtiger Faktor für die Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung. In den Entwicklungsländern spielen allerdings noch andere Faktoren wie zum Beispiel Binnen- oder grenzüberschreitende Migration eine Rolle.

Labortechniker Mercy Oluya testet Blutproben auf HIV in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières) in den Kibera-Slum von Nairobi, Kenia. (© AP)


Streit um Begriffe

Der Begriff "Entwicklungsländer" (developing countries) ist sprachlich in gewisser Weise problematisch. Kritische Stimmen wie der schwedische Ökonom Gunnar Myrdal haben darauf hingewiesen, er unterstelle in unangemessen optimistischer Weise, dass diese Länder sich tatsächlich entwickelten. Dabei sei doch gerade die Frage, ob und wie sie sich entwickelten, klärungsbedürftig. Für die ärmsten Entwicklungsländer hat sich der Begriff "am wenigsten entwickelte Länder" (Least Developed Countries - LDC) durchgesetzt. Die Bezeichnung "Dritte Welt" wird meist historisch auf die Einteilung in Erste Welt (westliche Industrieländer) und Zweite Welt (östliche Industrieländer) bezogen, sodass die Entwicklungsländer dann als jüngste Ländergruppierung als Dritte Welt erscheinen. Er ist nicht etwa im Sinne einer Rangordnung ("drittrangig") zu verstehen. Der Begriff Dritte Welt wurde auch verwendet, um die Einheit dieser Ländergruppe zu betonen. Andere Fachleute haben die ärmste Teilgruppe, die "am wenigsten entwickelten Länder", noch als "Vierte Welt" ausgegliedert. Mit dem Ende des Ostblocks und der Pluralisierung der Entwicklungsländer wird der Benennung zunehmend fragwürdig.

Ländergruppen

Aber auch die mögliche sprachliche Alternative, der "Süden", ist problematisch. Nicht nur die geografische Zuordnung ist ungenau, da sich beispielsweise die wohlhabenden Staaten Australien und Neuseeland auf der Südhalbkugel befinden. Vielmehr legt der Begriff "Süden" eine Einheitlichkeit von Interessen und Handlungen nahe, die faktisch nicht oder nicht mehr vorhanden ist.

Die diskutierten Begriffe werden trotz wachsender Kritik überwiegend weiter verwendet - wie auch hier -, weil sie in den Sprachgebrauch eingegangen sind und bessere Alternativen fehlen. Man sollte sich aber der mit ihnen verbundenen Problematik bewusst sein. Unter "Entwicklung" können sehr verschiedene Dinge verstanden werden. Die 1977 unter Vorsitz des früheren deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt eingesetzte internationale "Unabhängige Kommission für internationale Entwicklungsfragen" (Brandt-Kommission) hat den Begriff wie folgt umschrieben: "Entwicklung ist mehr als der Übergang von Arm zu Reich, von einer traditionellen Agrarwirtschaft zu einer komplexen Stadtgemeinschaft. Sie trägt in sich nicht nur die Idee des materiellen Wohlstands, sondern auch die von mehr menschlicher Würde, mehr Sicherheit, Gerechtigkeit und Gleichheit."

Die wachsende Gefährdung des Ökosystems Erde hat ebenso ihren Niederschlag in der Entwicklungspolitik gefunden. Mitte der 1980er Jahre wurde der Begriff "Entwicklung" um das präzisierende Adjektiv "dauerhaft" oder "nachhaltig" (sustainable) erweitert. Die "Weltkommission für Umwelt und Entwicklung" (Brundtland-Kommission) hat in ihrem 1987 vorgelegten, an Industrie- wie Entwicklungsländer gerichteten Bericht folgende Definition gewählt: "Unter dauerhafter Entwicklung verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Die Forderung, diese Entwicklung 'dauerhaft' zu gestalten, gilt für alle Länder und Menschen. Die Möglichkeit kommender Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ist durch Umweltzerstörung ebenso gefährdet wie durch Unterentwicklung in der Dritten Welt." In einem anderen Versuch ist Entwicklung betont als "menschliche Entwicklung" (human development) definiert worden.

Allgemein gilt es, die genannten Begriffe mit Vorsicht zu verwenden, weil dabei unbedacht Wertungen einfließen, die dem eigenen Kulturkreis entstammen und als Beurteilungsmaßstab zu Pauschalurteilen führen können.


Schwächen in der Binnenökonomie

Die folgende Zusammenstellung berücksichtigt Merkmale und spezielle Probleme der Entwicklungsländer im Bereich der Binnenökonomie.

Zwischen Slum und High-Tech

[...] V. Papathi [...] kann nicht lesen, sie kann nicht schreiben. Mit ihren zwei Kindern lebt die Vierunddreißigjährige in Kuduremala, einem der gut 80 Slums vor den Toren der Provinzstadt Mysore, und ist die Sprecherin der Frauen hier. Sie gehören den Dalit an, den rund 160 Millionen Unberührbaren in der größten Demokratie der Erde. Treffen sie auf Angehörige einer höheren Kaste, wechseln sie stumm die Straßenseite. Sie leben davon, Toiletten zu putzen, Abfall der Mittelschicht wegzuräumen, Nachttöpfe zu leeren. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) hat ihnen geholfen, in Kuduremala ein menschenwürdiges Zuhause zu bauen. Seine 800 Bewohner haben nun sauberes Wasser, einen Weg zwischen ihren Hütten, den auch der Monsun nicht wegspült, eine Mauer um ihr kleines Dorf. Und nun bestimmt der Computer ihr Denken, ihr Träumen. Was ist dein größter Wunsch Papathi? "Ich will, dass meine Kinder Computeringenieure werden können! Wie die Kinder der Reichen in Bangalore", sagt die Frau mit fester Stimme.


Nachteile in der Außenwirtschaft

Als wichtige Merkmale der außenwirtschaftlichen Beziehungen der Dritten Welt gelten: Die wichtigsten Ursachen waren:

Die Schulden der Entwicklungsländer

Betrug die Gesamtverschuldung der Entwicklungsländer im Jahre 1980 nach Angaben der Weltbank 647 Milliarden US-Dollar, so erreichte sie 2001 2332 Milliarden US-Dollar. Der Grad der Verschuldung ist in der Dritten Welt sehr unterschiedlich. Spitzenreiter sind Brasilien (2001: 226 Milliarden US-Dollar), China (170 Milliarden), Mexiko (158 Milliarden), Russland (153 Milliarden) und Argentinien (137 Milliarden). Die absolute Höhe der Verschuldung sagt noch wenig über die Fähigkeit aus, den Schuldendienst zu leisten und die damit verbundene Belastung zu tragen. Aussagefähiger ist in dieser Hinsicht die Schuldendienstquote, die den Prozentsatz der Exporterlöse angibt, der für den Schuldendienst aufgebracht werden muss. Sie war nach Angaben der Weltbank für die Schuldenspitzenreiter 2001 sehr unterschiedlich: Brasilien lag bei 28,6 Prozent, China bei 4,2 Prozent, Mexiko bei 14,1 Prozent, Russland bei 12 Prozent und das in einer akuten Krise befindliche Argentinien bei extremen 48,6 Prozent.

Die Schuldendienstquote zeigt aber auch an, dass Länder, deren absolute Verschuldung auf den ersten Blick nicht besonders hoch erscheint, von der Last dieser Schulden erdrückt werden. So erreichte zum Beispiel das zu den ärmsten Entwicklungsländern zählende Sierra Leone 2001 untragbare 74,3 Prozent. Im regionalen Vergleich entfällt die höchste Verschuldung auf die wirtschaftlich relativ besser gestellten Entwicklungsländer Lateinamerikas und der Karibik. Sie wiesen 2001 knapp ein Drittel der Gesamtverschuldung sowie eine Schuldendienstquote von 19,4 Prozent auf. Gezielte Maßnahmen wie die Initiative gegen die Verschuldung der am stärksten betroffenen Entwicklungsländer (Highly Indebted Poor Countries, HIPC - hoch verschuldete arme Länder) haben zur Stabilisierung der Gesamtsituation beigetragen, ohne dass das Verschuldungsproblem als gelöst angesehen werden kann.

Ökologische Probleme

Vielfach hat die Dritte Welt mit ähnlichen Umweltproblemen zu kämpfen, wie sie aus den Industrieländern bekannt sind, insbesondere mit den Folgeproblemen von Industrialisierung, Verstädterung und chemiegestützter Landwirtschaft. Das Tempo dieser Veränderungsprozesse und der armutsbedingte Verzicht auf ökologische Auflagen und Schutzmaßnahmen führen aber zu einer enormen Verschärfung der Umweltprobleme. Hinzu kommt, dass es sich in der Dritten Welt teilweise um besonders empfindliche, störanfällige Ökosysteme handelt. Obwohl die agrarisch genutzte Fläche unter dem Bevölkerungsdruck in der Dritten Welt noch ausgeweitet worden ist, wurde sie gleichzeitig entwertet, und zwar durch Überweidung und das Vorrücken der Wüste (Desertifikation), die Abtragung fruchtbarer Erde (Bodenerosion) und Versalzung des Bodens, Waldvernichtung zugunsten landwirtschaftlicher Nutzung und Waldschädigung, zum Beispiel durch übermäßige Entnahme von Feuerholz.

Die tropischen Regenwälder, die auf nur noch etwa sechs Prozent der Erdoberfläche circa 40 Prozent der biologischen Artenvielfalt beherbergen, gehen aufgrund von Edelholzeinschlag und Brandrodung dramatisch zurück. Allein zwischen 1975 und 1990 sind mehr als 220 Millionen Hektar tropischer Wälder vernichtet worden. 1990 bis 1995 wurden jährlich 12,5 Millionen Hektar zerstört. Bei konstanten Rodungsraten wäre nach Auskunft der Food and Agriculture Organization (FAO) 2050 mehr als die Hälfte aller Tropenwälder verschwunden.

Kettensägenmafia

Nein, das Paradies ist das natürlich nicht. Aber Joao Alves Pinheiro ist ganz zufrieden mit seinen vier Hektar, die er seit zwei Jahren bebaut. Mit einem gewissen Stolz zeigt er seinen Reis vor, der trocken noch am Halm hängt, und seine Zwiebeln, seine Bananen, seinen Maniok. In jeder Ecke der palmstrohgedeckten Hütte brütet eine Henne. [...] Zum ersten Mal in seinem 62 Jahre langen Leben hat Joao Alves Pinheiro eigenes Land, eine weite, bebaute Lichtung fruchtbaren Bodens, um die der Urwald wie eine grüne Wand steht. [...]
Die Tropenwälder binden als "globale Lungen" unter anderem Kohlendioxid (CO2), und die Abholzung des Waldes ("Kahlschlag") trägt nach Meinung vieler Fachleute zur langsamen Klimaerwärmung bei. Dadurch werden wiederum niedrig gelegene Länder mit Überflutungskatastrophen ganz neuen Ausmaßes bedroht. Die starke Zunahme künstlich bewässerter landwirtschaftlicher Nutzflächen und die wachsende Verunreinigung und Vergiftung von Wasser führen zu einer gefährlichen Verknappung nutzbaren Wassers. Der immer kostbarer werdende Rohstoff Wasser, der durch grenzüberschreitende Flüsse verteilt wird, droht bei Eingriffen in den Naturkreislauf (zum Beispiel Stauwerke) zu gewaltsamen Konflikten zwischen Staaten zu führen.

Zu den wachsenden Umweltproblemen der Dritten Welt tragen häufig auch die Industrieländer direkt oder indirekt bei. So exportieren sie unter Ausnutzung der Notlage und vielfach mit Hilfe der Korruption gefährliche Abfallstoffe in Entwicklungsländer, um sie dort zu lagern. Mit einem Energie- und Rohstoffverbrauch, der pro Kopf gerechnet in den Industrieländern um ein Vielfaches höher liegt als in den Entwicklungsländern, geben die Industriestaaten darüber hinaus ein schlechtes Vorbild ab. Wenn Entwicklungsländern im Zuge globaler Umweltpolitik ökonomische Nutzungsverzichte (zum Beispiel zum Schutz der tropischen Regenwälder) zugemutet werden, ist es notwendig, sie dafür zu entschädigen.

Risikotrends der Bevölkerungsentwicklung

Eines der Schlüsselprobleme der Dritten Welt, das ihre Entwicklungschancen mindert, ist das starke Wachstum ihrer Bevölkerung seit dem 20. Jahrhundert. Der medizinische Fortschritt, insbesondere bei der Seuchenbekämpfung, hat auch in den Entwicklungsländern zu einem Rückgang der Sterbeziffer (Zahl der Verstorbenen pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner) geführt. Anders als in den Industrieländern ist die Geburtenziffer aber nicht im entsprechenden Maße abgesunken, auch wenn sie rückläufig ist. Daher wächst die Weltbevölkerung derzeit jährlich noch um 1,6 Prozent, und die UN erwarten, dass sie von 6,3 Milliarden 2003 bis 2050 auf knapp neun Milliarden steigen wird. Dabei wird die Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten etwa bei 1,1 Milliarden stagnieren, in Europa sogar zurückgehen. Der Bevölkerungszuwachs konzentriert sich in Zukunft also auf die Entwicklungsländer. Mit dem stärksten prozentualen Bevölkerungswachstum, einer Verdoppelung von 0,9 auf 1,8 Milliarden Menschen, ist in Afrika zu rechnen. Der Anteil der Entwicklungsländer an der Weltbevölkerung von etwa fünf Sechstel 2003 wird bis auf etwa sieben Achtel 2050 weiter ansteigen. Die Chancen und Risiken des Bevölkerungszuwachses werden unterschiedlich bewertet, wobei auch die verschiedenen Ausgangsbedingungen wie Bevölkerungsdichte und Verfügbarkeit von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen eine Rolle spielen. Positiv wird das mit wachsender Bevölkerung größer werdende Potenzial an menschlicher Kreativität hervorgehoben. Auf der Negativseite stehen die mit einer großen Kinderzahl verbundenen Belastungen: Nahrungssicherung, Bereitstellung von Wohnungen und Schulen, die enormen Investitionen für die erforderlichen Arbeitsplätze und die Gefahr einer Überlastung der natürlichen Ressourcen. Das bisherige, durchaus beachtliche wirtschaftliche Wachstum der Dritten Welt hat sich aufgrund des Bevölkerungswachstums pro Kopf etwa halbiert. Die meisten Entwicklungsländer versuchen daher, das Bevölkerungswachstum zu verringern. Mögliche Mittel dafür sind die Heraufsetzung des Heiratsalters und die Verringerung der Geburtenzahl mit Hilfe verstärkter Familienplanung (Empfängnisverhütung). Die staatliche Steuerung in diesem intimen Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen ist jedoch umstritten.

Bisherige Erfahrungen zeigen, dass es für die Verringerung der Geburtenzahl auf eine Veränderung der Rahmenbedingungen ankommt. Eine allgemeine Erhöhung der Lebensqualität, breitere Bildung, eine Verbesserung der Situation von Frauen, verringerte Kindersterblichkeit, eine nicht mehr allein auf eine große Kinderzahl gestützte Altersversorgung sind wichtige Faktoren. Notwendig sind aber auch Mentalitätsveränderungen, zum Beispiel weg von der Fixierung auf männliche Nachkommen. Die Erfolge der Bevölkerungspolitik, insbesondere der Rückgang der Kinderzahl pro Frau, fallen in den einzelnen Entwicklungsländern und Weltregionen sehr unterschiedlich aus - am geringsten sind sie in den Ländern Afrikas südlich der Sahara. Der Altersaufbau der Bevölkerung in den Entwicklungsländern - etwa die Hälfte ist unter 20 Jahre - sorgt dafür, dass die Zahl der Frauen, die in das gebärfähige Alter kommen, noch lange zunehmen wird.

Schnelle Verstädterung

Zu den Merkmalen der Dritten Welt gehört nicht nur das explosive Bevölkerungswachstum, sondern auch dessen ungleiche Verteilung zwischen Stadt und Land. Obwohl die Geburtenrate in den Städten der Entwicklungsländer meist geringfügig unter der ländlicher Regionen liegt, ist der Bevölkerungszuwachs in den Städten sehr viel größer. Dazu trägt wesentlich die Landflucht (Migration) gerade jüngerer Menschen in die Städte bei, die nach Schätzungen der Weltbank etwa 25 bis 30 Prozent des Zuwachses ausmacht. Auch wenn die Verstädterung nicht nur Nachteile hat - als vorteilhaft erweist sich die Konzentration von Wirtschaftsfaktoren mit geringen Transport- und Kommunikationskosten -, werden vor allem die Verwaltungen der Großstädte überfordert, wenn sie die nötigen städtischen Infrastrukturleistungen bereitstellen sollen. So entstehen Slums, steigen die Kriminalität und die ökologische Belastung. Dennoch bleiben die urbanen Ballungsräume für die mobilen Teile der Landbevölkerung attraktiv, da sie bessere Einkommens- und Arbeitsmöglichkeiten sowie eine vorteilhaftere Versorgung mit öffentlichen Leistungen bieten.

Wohnen im Slum

Im Zentrum Kalkuttas schlafen sie schichtweise in Lehmhöhlen, nicht viel größer als ein Sarg. Meist kaum mehr als fünf, sechs Stunden, dann muss der Platz geräumt werden für den nächsten in der Familie, der sein Ohr niederbetten will. In Kairo sind sie in der "Stadt der Toten" zu Hause, wie ein Friedhof dort genannt wird, auf dem sich die Ärmsten der Armen in Ermangelung jeglicher anderer Bleibe angesiedelt haben. So wie ihre Schicksalsgenossen auf den "intra-murios" von Rabat.
Grenzüberschreitende Migration

Neben der Binnenmigration haben auch grenzüberschreitende Wanderungsbewegungen zugenommen, beschleunigt in den 1990er Jahren. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Migrantinnen und Migranten, die außerhalb ihres Geburtslandes leben, 2000 auf 175 Millionen Menschen (1990: 154 Millionen). Ziel der Arbeitsmigration sind vergleichsweise attraktive Entwicklungsländer - zum Beispiel Südafrika für Menschen aus seinen Nachbarstaaten, die arabischen Golfstaaten für Arbeitssuchende aus Ägypten -, überwiegend aber die Industrieländer (2000: 62 Prozent).

Angesichts aktuell wachsender eigener Probleme wie Arbeitslosigkeit hält eine zunehmende Zahl der Zielländer den Zustrom von Zuwandernden für zu hoch und versucht, ihn zu steuern und zu begrenzen. Dies trifft auch die Flüchtlinge unter den Migranten, die 2000 16 Millionen (neun Prozent) ausmachten. Bürgerkriegsflüchtlinge ziehen größtenteils in ihreunmittelbaren Nachbarstaaten und stellen für diese häufig eine kaum tragbare zusätzliche Bürde dar. Weil die meisten Kriege auf der Südhalbkugel geführt werden, entfiel der größte Teil der Flüchtlinge 2000 auf Asien (neun Millionen) und Afrika (vier Millionen).

Mängel in Gesundheit und medizinischer Versorgung

Gesundheit ist ein zentrales Element für die Lebensqualität jedes Menschen und ein wichtiger Faktor für die Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung. Die in der Regel deutlich schlechtere gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung in der Dritten Welt wird beeinflusst von der Ernährung, aber auch von den Wohnverhältnissen, von hygienischen Bedingungen und insbesondere dem fehlenden Zugang zu ausreichenden Mengen sauberen Trinkwassers, vor allem auf dem Land.

Welt-Aids-Bilanz 2004

Obwohl gerade bei der Bekämpfung von Epidemien in der Vergangenheit beachtliche Erfolge zu verzeichnen waren, stellen bestimmte Seuchen eine grenzüberschreitende Bedrohung dar, die wiederum am stärksten Entwicklungsländer trifft. Im Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit steht die Immunschwächekrankheit HIV/Aids; auch Tuberkulose und Malaria haben wieder an Bedeutung gewonnen und fordern in der Dritten Welt Millionen von Opfern. Angesichts von bisher 20 Millionen Aids-Toten und 38 Millionen HIV-Infizierten sowie der bisher höchsten Zahl von Neuinfektionen 2003 stellte die Welt-Aids-Konferenz 2004 in Bangkok das bisherige Versagen im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit fest.

Am stärksten ist derzeit das südliche Afrika mit extremen HIV-Raten von 20 bis über 30 Prozent betroffen. Die stärksten Steigerungsraten zeigen sich dagegen in Osteuropa und in den bevölkerungsreichen Ländern Asiens, denen ein Anstieg von sieben Millionen Infizierten 2003 auf 17 Millionen 2010 prognostiziert wird. Da Aids vor allem über ungeschützte Sexualkontakte und verschmutzte Drogenspritzen verbreitet wird, trifft das Virus vorrangig die jüngere Bevölkerung. Der im südlichen Afrika bereits beobachtbare Ausfall der besonders aktiven Jahrgänge führt zu katastrophalen sozialen, ökonomischen und politischen Folgen.

Bedrohtes Botswana

[...] Bei seiner Unabhängigkeit vor 38 Jahren gehörte der 1,7 Millionen Einwohner zählende Staat von der Größe Frankreichs zu den ärmsten Nationen der Welt: Heute ist Botswana auf der UN-Entwicklungsskala der Spitzenreiter Afrikas. Ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von jährlich neun Prozent [...] katapultierte den Halbwüstenstaat im Volkseinkommen in die Kategorie der obersten Mittelklasse: Botswana ist heute der größte Diamanten-Produzent der Welt und der größte Rindfleischlieferant der EU.
Das Beispiel HIV/Aids veranschaulicht die unzureichende medizinische Versorgung der Entwicklungsländer. Auch wenn es bisher keine Heilung von Aids gibt, können Medikamente den Ausbruch der Krankheit verzögern und Lebensqualität wie Arbeitsfähigkeit erhalten. Solche Medikamente stehen aber trotz politisch durchgesetzter Niedrigpreise und preiswerterer Nachahmerprodukte nur einem Bruchteil der Betroffenen in den Entwicklungsländern zur Verfügung. Allgemein ist die ärztliche Versorgung in den Entwicklungsländern viel schlechter als in den Industriestaaten, wobei noch die sehr ungleiche Verteilung zwischen Stadt und Land zu berücksichtigen ist.

Geringere Lebenserwartung

Als direkte Folge der Gesundheitsdefizite, aber auch größerer Gewaltbereitschaft, die sich in Kriminalität und ethnischen Konflikten äußert, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in der Dritten Welt mit 64 Jahren (2001) um 14 Jahre hinter den Industrieländern zurück. Dabei ist der zentrale Indikator Lebenserwartung in den meisten Entwicklungsländern nach 1945 deutlich gestiegen, vor allem aufgrund geringerer Kindersterblichkeit. Sein jetziges Durchschnittsniveau erreichten die heutigen Industriestaaten erst nach 1930. Andererseits hat insbesondere HIV/Aids die durchschnittliche Lebenserwartung in einigen Ländern deutlich herabgesetzt. Sie liegt in acht afrikanischen Staaten (wie zum Beispiel Botswana) nur noch bei knapp 40 Jahren.

Soziokulturelle Hemmnisse

Hierzu zählen die

Frauen in Afrika

Sie säen, jäten, ernten. Sie gebären die Kinder und ziehen sie groß. Sie kochen und waschen. Sie pflegen die Alten und Aids-Kranken. Und nebenbei flicken sie das undichte Hüttendach und verdienen durch Perlenstickereien das Schulgeld für die Kinder.

Politische Strukturschwächen

Defizite in good governance

Good governance wird meist mit "gute Regierungsführung" oder "verantwortungsvolle Staatsführung" übersetzt und ist ein relativ weit gefasstes Konzept. Die Europäische Union hat es wie folgt umschrieben: "In diesem Sinne zeichnet sich eine verantwortungsvolle Staatsführung durch Transparenz, Verantwortungsbewusstsein, Partizipation, Gerechtigkeit und Achtung der Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit aus. Sie umfasst das gesamte staatliche Handeln gegenüber der Zivilgesellschaft, einschließlich der Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und der gerechten Verteilung der Ressourcen." Seit Ende der 1980er Jahre spielt good governance als Voraussetzung für Entwicklung eine wachsende Rolle.

Teufelskreise der Armut

Der "Wind des Wandels" hat insbesondere in den 1990er Jahren dazu geführt, dass die Zahl der demokratischen Regime auch in der Dritten Welt deutlich zugenommen hat. 2001 galten von 191 Staaten 118 und damit die Mehrheit als demokratisch regiert. Die Durchführung von Wahlen und der formale Status als Demokratie bedeuten allerdings noch keineswegs, dass die anspruchsvollen Anforderungen von good governance erfüllt sind. Dies zeigt sich auch bei den folgenden beiden Konkretisierungen. Viele der genannten Merkmale beeinflussen sich gegenseitig so, dass sie sich ringförmig verstärken ("Teufelskreise").

Ursachendiskussion

Die benannten Probleme werfen die Frage nach den Ursachen der Entwicklungsdefizite auf. Die wichtigsten Erklärungsversuche werden im Folgenden kurz diskutiert, wobei zur besseren Orientierung eine grobe Dreiteilung verwendet wird.

Natürliche Gegebenheiten

Sie stellen Potenziale dar, die die Menschen bereits als vorgegebene Bedingungen vorfinden. Als mögliche Ursachen der Unterentwicklung werden in diesem Zusammenhang genannt:

Nigerianisches Paradoxon

Heute leben rund zwei Drittel der Nigerianer unter der Armutsgrenze; die Infrastruktur ist zerfallen, Korruption ist allgegenwärtig, immer wieder brechen gewaltsame Konflikte in verschiedenen Landesteilen auf. Sinnbilder des nigerianischen Paradoxons sind die häufigen Stromausfälle und Krisen in der Benzinversorgung beim größten Ölexporteur Afrikas.
Innere Ursachen

Darunter werden Erklärungsansätze verstanden, die beim menschlichen Verhalten in Gesellschaften beginnen.

Sonst wächst die Weltbevölkerung



Äußere Ursachen

Als dritter Erklärungsversuch für Unterentwicklung gelten äußere Ursachen. Gemeint sind Einflüsse, die vom Umfeld der Entwicklungsländer, die ja Teil des internationalen Systems sind, ausgehen. Dabei sollen drei besonders umstrittene Thesen diskutiert werden.

Diskussionsstand

Die behandelten Ursachenannahmen können zweifellos zur Analyse möglicher Entwicklungshemmnisse beitragen. Aber in der Regel wird eine Mischung verschiedener Ursachen anzunehmen sein, wobei die Bestimmung des Mischungsverhältnisses für jedes Entwicklungsland individuell ausfällt und schwerlich für die Dritte Welt als Ganzes gelten kann.

Uwe Andersen

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