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10.3.2005

Unser Nachbar Frankreich

Nach 1945 haben sich die deutsch-französischen Beziehungen grundlegend gewandelt. Kooperation und fortschreitende Angleichung im Rahmen der europäischen Integration bestimmen den Alltag. Dennoch bleiben zum Teil historisch begründbare Unterschiede.

Die Unterzeichnung des Schumanplans 1951 nach dem Zweiten Weltkrieg findet u.a. mit den Außenministern Frankreichs und Deutschlands statt: Paul van Zeeland (Belgien), Joseph Bech (Luxemburg), Joseph Meurice (Belgien) Graf Carlo Sforza (Italien), Robert Schuman (Frankreich), Konrad Adenauer (Westdeutschland), Dirk Stikker und Jan van den Brink (Niederlande) (v.l.n.r.). (© AP)


Einleitung

Eine wechselvolle, tausendjährige Geschichte verbindet die Deutschen mit ihrem Nachbarland. Deutschland und Frankreich entstanden aus einem gemeinsamen Territorium, dem Frankenreich Karls des Großen, das von 800 bis 843 bestand. Erst nach dem Zerfall dieses Reiches bildeten sich Gebiete mit deutlich unterschiedenem Sprach- und Lebensraum heraus: im Westen ein überwiegend romanischer, im Osten ein vorwiegend germanischer. Deshalb urteilt der Historiker Karl Ferdinand Werner: "Wenn jemals in der Weltgeschichte, so kann man in diesem Fall von zwei großen Nachbarnationen sagen, sie seien ihrer Herkunft nach, Geschwister'." Die folgenden Jahrhunderte waren meist von friedlicher Nachbarschaft, von fruchtbarem kulturellem Austausch und von Kooperation, aber auch von Gegensätzen bestimmt. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert waren die Beziehungen oft durch Feindseligkeit, Konfrontation und drei mörderische Kriege - den deutsch-französischen Krieg 1870/71, den Ersten und Zweiten Weltkrieg - gekennzeichnet.

Nach 1945 vollzog sich ein grundlegender Wandel. Es hat eine historisch einmalige und beispielhafte Bedeutung, wie zwei einstmals verfeindete Völker sich aussöhnen und zu einer engen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Partnerschaft in Europa finden konnten. "Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert, dass der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird", verlangte der französische Außenminister Robert Schuman 1950. Daraus entstand 1952 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) als Vorläuferin der 1957 gegründeten EWG, der heutigen Europäischen Union.

Seit jenen Gründungstagen haben Frankreich und Deutschland, auch im Wissen um die Vergangenheit und ihre besondere Verantwortung, allmählich eine vertrauensvolle und erfolgreiche Zusammenarbeit im Rahmen der europäischen Einigung entwickelt.

Heute ist Frankreich unser wichtigstes Partnerland in Europa. Dies gilt für die intensiven wirtschaftlichen Beziehungen, für die enge politische Zusammenarbeit, aber auch für die kulturellen und gesellschaftlichen Kontakte: Nirgendwo gibt es ein derart dichtes Netz an Partnerschaften zwischen Gemeinden und Städten, Schulen und Hochschulen, Vereinen und Verbänden wie zwischen Frankreich und Deutschland, nirgendwo sonst umfasst dieses Netz viele Tausende von Menschen, die diese Partnerschaft tagtäglich mit Leben erfüllen.

Eurodistrikt Straßburg-Kehl

Immer mehr Franzosen aus Straßburg und Umgebung entschließen sich zum Umzug über die Grenze hinweg nach Kehl am Rhein. [...] Bereits mehr als tausend der 34000 Kehler sind Gemeindemitglieder mit französischer Staatsbürgerschaft. [...] "Inzwischen können wir einander akzeptieren und verstehen", berichtet der Polizist Bernd Belle über den Alltag im deutsch-französischen Polizeizent-rum nahe der Europa-Brücke. "Wir haben gelernt, einander zu vertrauen." [...] Gemeinsam ringen sie mit den unterschiedlichen nationalen Rechtsordnungen, immer wieder aber finden sie Brücken, sagen sie; [...].
Natürlich muss sich die deutsch-französische Zusammenarbeit heute, nach der Erweiterung der Europäischen Union, neuen Aufgaben stellen. Sie muss bescheidener und ehrgeiziger zugleich werden: Bescheidener, weil in der EU der 25 zwei Staaten nicht den Anspruch erheben können, alleine den Weg für die Union zu weisen; das deutsch-französische Tandem muss sich öffnen. Ehrgeiziger, weil auch und gerade in der erweiterten EU die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und kurzfristige nationale Interessen zugunsten tragfähiger europäischer Lösungen zurückzustellen, wichtiger denn je geworden ist. Hier haben beide Länder viel Erfahrung einzubringen; ihre Fähigkeit, unterschiedliche Standpunkte durch beharrliches gemeinsames Arbeiten zusammenzuführen, ist weiterhin gefragt. Ohne deutsch-französische Übereinstimmung ist auch in der erweiterten EU kein Fortschritt denkbar.

Wer ist aber unser Nachbar Frankreich? Er ist uns nah, er ist uns in vielerlei Hinsicht ähnlich; gleichzeitig ist er aber auch anders. Dies ist nur scheinbar ein Widerspruch. Beide Länder sind sich durch ein halbes Jahrhundert gemeinsamer Integration in Europa näher gekommen. Früher bestehende Unterschiede sind allmählich eingeebnet worden; beide Länder zählen heute zu der kleinen Gruppe westlicher, marktwirtschaftlich organisierter, hochentwickelter Demokratien. Beide haben derzeit auch ähnliche Probleme, ob es nun um die Alterung der Bevölkerung, den Reformbedarf in der Sozialen Sicherung oder die Überwindung der hohen Arbeitslosigkeit geht.

Prägende historische Erfahrungen

Dennoch bleiben Unterschiede. Auch wenn ihr Ausmaß deutlich geringer ist als früher, sind sie heute, wo beide Länder auf vielen Feldern eng zusammenarbeiten, stärker spürbar. Ob es sich um die Beamtenschaft der Ministerien handelt, um Ingenieure oder um Verantwortliche im Management, an Hochschulen, in Gemeinden und Kommunen: In der täglichen Praxis der Zusammenarbeit zeigen sich oft die kleinen, aber manchmal folgenreichen Andersartigkeiten, die den Partner, der doch in vielem so ähnlich ist, plötzlich fremd erscheinen lassen.

Dies liegt vor allem an historischen Erfahrungen, die das Denken und Handeln bis heute prägen. So ist die demokratische Kultur Frankreichs stark von der Revolution von 1789 geprägt worden und spätes-tens seit 1871 (III. Republik) ein fester Bestandteil des politischen Lebens. Frankreich ist eine der ältesten Demokratien auf unserem Kontinent; die Erklärung der Menschenrechte vom 26. August 1789 hat universelle Bedeutung für die Entstehung der modernen Demokratien und die weltweite Entfaltung der Menschenrechte erlangt.

Die Tradition des Zentralismus reicht sogar weit in die vorrevolutionäre Zeit des Ancien Régime zurück. Sie ist eng mit der Entstehung des französischen Nationalstaates verbunden. Denn der Prozess der nationalen Einigung Frankreichs vollzog sich im Wesentlichen, indem die Monarchie den territorialen Feudalgewalten die Autorität der zentralen königlichen Verwaltung gegenüberstellte und damit ihren Führungsanspruch schrittweise durchsetzte.

Der heutige zentralistische Staats- und Verwaltungsaufbau geht auf Napoleon Bonaparte (1799-1814) zurück und galt damals in Europa als vorbildlich. Er war ein wichtiges Mittel zur Durchsetzung der Demokratie im Lande und gilt bis heute als Garant des nationalen Zusammenhalts. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt die Überzeugung, dass dem Volk und seinen gewählten Vertretern, also Regierung und Parlament, eindeutig der Vorrang gegenüber so genannten Zwischengewalten zukommt, die sich zwischen den einzelnen Bürger und den Staat schieben, wie zum Beispiel Verbände, Parteien oder Regionen. Bis heute ist die Stellung der Verbände in der Politik deutlich schwächer ausgebildet als in Deutschland.

Ferner kann Frankreich auf eine lange nationalstaatliche Tradition zurückblicken, das Verhältnis zur Nation ist ungebrochener als in Deutschland. Damit ist aber auch die Sichtweise auf die europäische Integration eine andere: Für Frankreich war stets klar, dass sie den Nationalstaat nicht ersetzen, sondern ihn ergänzen solle. Aus diesen und anderen, zum Beispiel wirtschaftlichen Gründen, fanden in Frankreich auch wiederholt härtere Auseinandersetzungen über den Fortschritt der europäischen Integration statt, weil der damit verbundene Verzicht auf nationale Souveränität von vielen politischen Kräften als problematisch angesehen wurde.

Auch aus der jüngeren Geschichte lassen sich bestimmte Eigenarten unseres Nachbarlandes herleiten. So war der Zweite Weltkrieg für Frankreich zunächst ein traumatisches und demütigendes Ereignis. Innerhalb von nur sechs Wochen wurde es im Mai/Juni 1940 von den Truppen der deutschen Wehrmacht überrannt. Ein Großteil des Landes geriet unter deutsche Besatzung, der Rest verblieb als Rumpfstaat unter Führung des Marschalls Philippe Pétain, der mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete (Kollaboration) und dessen Regierung ihren Sitz in Vichy hatte (Vichy-Regime). Gegen Besatzung und Kollaboration entwickelte sich ein von unterschiedlichen Gruppierungen getragener Widerstand (Résistance) im Inneren des Landes, aber auch in London, wo General Charles de Gaulle eine Exilregierung bildete. Dieser Widerstandsbewegung, ihrer Rolle bei der Befreiung Frankreichs 1944 und der Beharrlichkeit de Gaulles gegenüber den anderen Alliierten verdankt Frankreich, dass es nach Ende des Zweiten Weltkrieges als vierte Siegermacht neben den USA, der Sowjetunion und Großbritannien anerkannt wurde und einen Teil seines internationalen Einflusses zurückgewann. Gleichzeitig trug die Résistance dazu bei, das Trauma von 1940 zu überwinden und neues Selbstbewusstsein zu gewinnen. Die Erinnerung an Widerstand und Befreiung haben für das demokratische Nachkriegsfrankreich bis heute eine grund-legende Bedeutung. Daher fällt es der französischen Gesellschaft bis in die Gegenwart eher schwer, das Vichy-Regime und seine Verstrickung mit der Be-satzungsmacht sowie der nationalsozialistischen Politik aufzuarbeiten.

Entwicklungen der Nachkriegszeit

Ein anderer Impuls, der sich aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges ergab, war die Überzeugung nahezu aller politischen Kräfte, dass die demütigende Niederlage 1940 auch eine Folge unzureichender industrieller Entwicklung war. "Modernisierung oder Dekadenz", formulierte Jean Monnet, damals Mitarbeiter der provisorischen Regierung de Gaulles, später Mitbegründer der europä-ischen Einigung, die Zukunftsalternativen. Die Modernisierung wurde zur nationalen Aufgabe der kommenden Jahrzehnte erklärt: eine grundlegende Erneuerung der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts allzu sehr hinter der Entwicklung der großen Nachbarländer wie Deutschland oder Großbritannien zurückgeblieben waren. Dazu zählten unter anderem der Aufbau einer modernen staatlichen Verwaltung, die zum Hauptträger der Modernisierung wurde, die zielstrebige und systematische Industrialisierung des Landes, die Modernisierung der Landwirtschaft und die Schaffung einer umfassenden Sozialversicherung (Sécurité Sociale). So vollzog unser Nachbarstaat in den ersten Nachkriegsjahrzehnten einen wahren "Sprung in die Moderne", der eine ganze Nachkriegsgeneration geprägt hat und einen Schlüssel zum Verständnis des heutigen Frankreich darstellt. "Dreißig glorreiche Jahre" (Trente glorieuses) hat der französische Wirtschaftswissenschaftler Jean Fourastié diese alles in allem erfolgreiche Entwicklung der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte genannt - nicht ohne wehmütige Verklärung, denn mit der ersten Ölkrise 1973, dem Ende des ungebrochenen Wachstums und später der Globalisierung ist auch Frankreich in eine Periode schmerzhafter Veränderungen eingetreten.

Die Nachkriegszeit war also für Frankreich eine Periode rascher Veränderungen und einschneidender Umbrüche, die nicht ohne Konflikte und Krisen abliefen. Dies zeigt sich an der Verfassungsentwicklung. Die - nach einer Übergangsregierung unter Führung von de Gaulle - 1946 begründete IV. Repub-lik vermochte es nicht, stabile, entscheidungsfähige Institutionen herauszubilden. Mit einer Verfassung, die dem Parlament ein starkes Übergewicht sicherte, wollte die IV. Republik an die Tradition der III. Republik (1871-1940) anknüpfen.

Von der Vierten zur Fünften Republik

Aber die Zeiten hatten sich verändert und erforderten vor allem handlungsfähige Regierungen. Die - durch die Verhältniswahl begünstigte - Zersplitterung des Parteiensystems führte zu instabilen Mehrheiten im Parlament. Anti-System-Parteien auf der Linken (die Kommunistische Partei kam regelmäßig auf über 25 Prozent der Stimmen) und der Rechten (die Gaullisten errangen 1951 21 Prozent; die von Pierre Poujade angeführte Protestpartei der durch die Modernisierung bedrohten Kleinhändler, Handwerker und Bauern erreichte 1956 zwölf Prozent) erschwerten den Parteien der Mitte zunehmend das Regieren. Die Folge: 21 Regierungen lösten einander in nur zwölf Jahren ab. So war die IV. Republik den drängenden Problemen immer weniger gewachsen und zerbrach schließlich an ihren Krisenherden: vor allem am Kolonialproblem sowie der damit zusammenhängenden langanhaltenden Finanzkrise. Im Zuge des Algerienkrieges unternahmen Teile des Militärs am 13. Mai 1958 einen Putschversuch. Unter diesen bürgerkriegsähnlichen Umständen wurde schließlich Charles de Gaulle an die Spitze der Regierung berufen. Er entwarf noch im gleichen Jahr die anschließend per Volksabstimmung bestätigte Verfassung der V. Republik. Sie versuchte Lehren aus dem Scheitern der IV. Republik zu ziehen, und ihre Eigenarten sind vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Diese V. Republik, in Frankreich zunächst viel diskutiert und angefeindet, hat sich in den vergangenen fast fünf Jahrzehnten gut bewährt. Zusammen mit einer Veränderung des Parteiensystems aufgrund der nun durchgängig angewandten absoluten Mehrheitswahl brachte sie in der Regel stabile Mehrheiten hervor. Außerdem ermöglichte sie nach 23-jähriger Herrschaft des bürgerlichen Lagers - bestehend aus der gaullistischen Partei, die Präsident de Gaulle bis 1969 unterstützte und seither sein politisches Erbe bewahren wollte, und ihren konservativen Verbündeten - 1981 erstmals und seither wiederholt den politischen Machtwechsel und damit ein Wechselspiel zwischen Regierung und Opposition.

Auch die eigenartige Konstruktion der V. Republik, deren "doppelköpfige" Exekutive - Präsident und Premierminister - aus zwei unterschiedlichen Wahlen hervorgeht (Präsidentschafts- bzw. Parlamentswahl), bestand ihre Bewährungsprobe: Als 1986 dem Präsidenten (damals François Mitterrand) erstmals eine oppositionelle Mehrheit in der Nationalversammlung gegenüberstand, wurden damit die Linke und die Rechte zum "Zusammenleben" (cohabitation) gezwungen. Seitdem erlebte Frankreich bislang dreimal, 1986 bis 1988, 1993 bis 1995 und 1997 bis 2002, eine solche cohabitation, ohne dass, wie vielfach im Vorfeld befürchtet, eine Verfassungskrise eingetreten wäre. Auch wenn in den Medien immer wieder einmal der Ruf nach einer "VI. Republik" laut wird: Frankreichs Institutionensystem hat sich weitgehend bewährt. Wie viele ihrer Nachbarn sieht sich die französische Demokratie vor zahlreiche Probleme gestellt, die zum Beispiel aus der Entfremdung zwischen Bürgerschaft und politisch Verantwortlichen, aus dem Aufstieg von Protest- und extremistischen Parteien, aus schwierigen sozialen Problemlagen und Reformblockaden resultieren. Diese müssen aber politisch gelöst werden und erfordern keine neuen Institutionen.

Weltweite Präsenz

Ausgangs des Zweiten Weltkrieges verfügte Frankreich nach Großbritannien noch über das zweitgrößte Kolonialreich, das einschließlich des Mutterlandes 111 Millionen Menschen in allen Erdteilen umfasste: überwiegend im nördlichen Afrika, aber auch in Asien (Laos, Kambodscha, Vietnam), vor den Küsten Amerikas (zum Beispiel Guadeloupe, Martinique) oder Australiens (etwa Neukaledonien). Nach 1945 gewannen die zahlreichen Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien rasch an Bedeutung; Versuche der französischen Republik, durch halbherzige Reformen und Verfassungskonstruktionen wie die Union française (1946-1958) oder die Communauté française (1958-60) die Kolonien im eigenen Einflussbereich zu halten, scheiterten. Frankreich wurde in langjährige, blutige Kolonialkriege verwickelt, etwa in Indochina (1946-54) oder Algerien (1954-62). Diese jahrelangen Auseinandersetzungen banden hunderttausende französischer Soldaten in letztlich aussichtslose Kriege, verursachten horrende Kosten und lösten - vor allem infolge zahlreicher Skandale und der Anwendung der Folter in Algerien - auch eine moralische Belastungsprobe aus. Nur das außergewöhnliche Prestige de Gaulles, der 1958 an die Macht zurückkehrte, vermochte diese schwere politische, finanzielle und moralische Zerreißprobe zu beenden. Mit der Entlassung Algeriens in die Unabhängigkeit 1962 war das Kolonialreich endgültig aufgelöst.

Sein Erbe ist aber weiterhin prägend für Frankreichs Rolle und Selbstverständnis in der Welt. Eine Reihe überseeischer Territorien ist freiwillig bei Frankreich verblieben. Zehn Überseegebiete, in denen insgesamt 2,4 Millionen Menschen leben, sind heute Teil der französischen Republik: Vier Überseedepartements (Guadeloupe, Guyane, Martinique, Réunion), vier Überseeterritorien (Nouvelle-Calédonie, Polynésie française, Wallis-et-Futuna, Terres australes et antarctiques françaises) sowie zwei Gebietskörperschaften (Mayotte, Saint-Pierre-et-Miquelon). Abgesehen von der europäischen Raumfahrtstation in Kourou (Französisch Guayana) oder den bis 1995 im Mururoa-Atoll praktizierten Atomtests ist ihre wirtschaftliche oder strategische Bedeutung heute eher gering. Wichtiger ist ihre kulturelle und insofern auch politische Signalwirkung: Sie unterstreichen das französische Selbstverständnis als Mittelmacht mit weltweiten Interessen.

In diesem Zusammenhang steht, dass viele ehemalige Kolonien weiterhin durch französische Einflüsse geprägt sind. Frankreich pflegt mit den Staaten des Maghreb (Nordafrika) und im Afrika südlich der Sahara ein enges Netz politischer, wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen. Seine weltweite kulturelle Präsenz drückt sich auch in der Tatsache aus, dass die französische Sprache heute in zahlreichen Staaten rund um den Erdball Mutter- oder Amtssprache ist (siehe Karte IV "Frankreich in der Welt - gestern und heute"); sie wird von 169 Millionen Menschen gesprochen und nimmt damit den neunten Rang der am meisten gesprochenen Sprachen der Welt ein. Frankreich unterhält mit mehr als 50 Staaten ein Netzwerk der Frankophonie mit entsprechenden Institutionen sowie regelmäßigen Treffen der Regierungschefs und versucht damit, den Einfluss seiner Sprache, Kultur und Wissenschaft in der Welt zu sichern.

Frankophonie

Die Frankophonie ist eine Gemeinschaft von 52 Staaten und Regierungen, die den französischen Sprachraum bilden. In dieser Vereinigung leben circa 200 Millionen Menschen, die Französisch als Muttersprache oder zweite Sprache sprechen oder als internationales Kommunikationsmittel benutzen. [...] Die Institutionen sind um eine Konferenz der Staats- und Regierungschefs strukturiert, die ebenfalls Gipfeltreffen der Frankophonie genannt wird. Sie verfügt über zwei Entscheidungsinstanzen: die Ministerkonferenz der Frankophonie und der Ständige Rat der Frankophonie.
Anders als Deutschland hat Frankreich den etwa 1,4 Millionen im Ausland lebenden Landsleuten einen besonderen Status zuerkannt: Sie besitzen eine eigene Repräsentation, den Hohen Rat der Auslandsfranzosen, und sind im Senat, der zweiten Kammer des Parlamentes, vertreten. Auch die Gesellschaft im Mutterland ist heutzutage stark multi-ethnisch geprägt - Ergebnis einer hohen Zahl von Eingewanderten vor allem aus ehemaligen Kolonialgebieten und einer traditionell großzügigen Einbürgerungspraxis. Dies verweist auf die hohe Leistung des französischen Integrationsmodells, auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten die Probleme und Konflikte stark zugenommen haben.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Alle diese und viele andere Erfahrungen haben das Verständnis der Französinnen und Franzosen von Demokratie, Staat und Wirtschaft sowie ihre Sichtweise der Welt geprägt. Dieses Heft will helfen, unser Nachbarland besser zu verstehen. Das bedeutet zum einen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und die Ursachen für unterschiedliche Strukturen und Verhaltensweisen zu erhellen. Das bedeutet aber auch, diese Unterschiede als normal zu begreifen, weil es eben nicht immer nur einen Weg gibt, das politische, wirtschaftliche oder soziale Zusammenleben zu gestalten. Das heißt ferner, am Beispiel Frankreichs auch die europäische Vielfalt zu verstehen - eine Vielfalt, die oftmals Entscheidungen in Europa erschweren mag, im Grunde aber den Reichtum der Europäischen Union ausmacht. Schließlich ist der Blick auf den Nachbarn, seine Leistungen und seine Probleme zugleich immer auch ein Blick auf unser eigenes Land. Er kann Einsichten vermitteln, die auch für Deutschland hilfreich sein können; aufgrund unserer engen Verflechtung in Europa sind wir voneinander abhängig und sitzen schon seit langem buchstäblich in einem Boot.

Henrik Uterwedde

Zur Person

Henrik Uterwedde


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