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10.3.2005

Wirtschaftliche Modernisierung

Frankreich hat seit 1945 eine ähnliche wirtschaftliche Entwicklung vollzogen wie seine europäischen Nachbarn, allerdings im Zeitraffer. Auf einen staatlich gelenkten Aufholprozess folgte eine Phase zunehmender Liberalisierung.

Einleitung

Die Besonderheit Frankreichs liegt darin, dass der Prozess des Strukturwandels einschneidender und manchmal auch dramatischer war als etwa in Deutschland. Die französische Wirtschaft durchlief in den vergangenen sechs Jahrzehnten einen tiefgreifenden Prozess der doppelten Modernisierung:

Reformimpulse "von oben" (1944-1974)

Frankreich stand, anders als Deutschland, nach 1945 nicht nur vor dem Problem des wirtschaftlichen Wiederaufbaues und der Beseitigung der Kriegsfolgen. Es hatte darüber hinaus auch ein Modernisierungsproblem: Die Industrialisierung war im 19. Jahrhundert ins Stocken geraten und hatte sich seitdem nur zögernd und in vielen Bereichen nicht vollständig durchgesetzt. Wirtschaft und Politik jener Zeit bevorzugten in erster Linie Stabilität und weniger - wie in den Nachbarländern - eine dynamische industrielle Entwicklung. Die Folge war eine jahrzehntelange Stagnation in der Bevölkerungsentwicklung, im Wirtschaftswachstum und in der Modernisierung von Landwirtschaft und Industrie.

Als Ergebnis dieser Entwicklungen war Frankreich in einen erheblichen industriellen Rückstand gegenüber seinen wichtigsten Nachbarn, Großbritannien und Deutschland, geraten. Noch 1945 war die Landwirtschaft der stärkste Sektor und beschäftigte mehr Menschen als die Industrie. Zu wenig Unternehmen hatten moderne Methoden der Produktion und der Unternehmensführung eingeführt. Für die Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft, die nach der Befreiung 1944 den Wiederaufbau in die Hand nahmen, war klar, dass Frankreich sich aus dieser Rückständigkeit befreien und seine Wirtschaft und Gesellschaft mit aller Kraft modernisieren musste. Es galt, in kurzer Zeit den Vorsprung der anderen aufzuholen und traditionelle, stark landwirtschaftlich geprägte Produktions- und Verhaltensweisen zu überwinden.

Wie aber sollte dieses umfangreiche Projekt gelingen? Während im westlichen Deutschland 1948 Ludwig Erhard sein Leitbild der "sozialen Marktwirtschaft" durchsetzte, die dem Markt Vorrang vor staatlichen Eingriffen gab, fiel die Grundentscheidung in Frankreich umgekehrt: Fast alle politischen Kräfte waren der Auffassung, dass die gewünschte Modernisierung nicht allein dem Markt und schon gar nicht den Unternehmen überlassen werden könne, die sich als mitverantwortlich für den wirtschaftlichen Rückstand erwiesen hatten. Daher wurde dem Staat und der Verwaltung eine führende Rolle als "Modernisierungsagentur" zugewiesen, wurden Wiederaufbau und Modernisierung entscheidend durch staatliche Impulse und Lenkungsmaßnahmen vorangetrieben. Einige Beispiele: Um die damals knappen Finanzmittel zielgerichtet einzusetzen, wurde eine Wirtschaftsplanung (Planification) mit einer kleinen Stabsbehörde, dem Plankommissariat an ihrer Spitze eingerichtet. Sie hatte nichts gemein mit der Planwirtschaft im kommunistischen Europa, sondern bestand in erster Linie aus einer mittelfristigen Finanz- und Investitionsplanung. So gab der erste Plan, nach seinem "Vater" Jean Monnet auch Monnet-Plan genannt, sechs Prioritäten vor, in denen besondere Engpässe bestanden und die für Wiederaufbau und Modernisierung vorrangig waren: Kohle, Elektrizität, Stahl, Zement, Verkehr sowie landwirtschaftliche Maschinen. Der Erfolg des Monnet-Planes ließ die Planification in den Augen vieler Franzosen zu einem Aushängeschild des französischen Weges der staatlich gelenkten Modernisierung werden - obwohl sie ab 1954 ständig an Bedeutung verlor und ihre wahre Rolle nunmehr eher in anderen Bereichen lag (und noch liegt): etwa als Ort des sozialen Dialogs oder als Prognose- und Beratungszentrum für die Regierung und die Öffentlichkeit.

Ein zweites Symbol für die staatliche Modernisierungspolitik war der verstaatlichte ("nationalisierte") Wirtschaftssektor. Zwischen 1944 und 1948 wurde ein beachtlicher Teil der Unternehmen unter öffentliche Kontrolle gestellt. Vor allem im Banken- und Versicherungssektor, der für die Finanzierung der Modernisierung von entscheidender Bedeutung war, wurde der allergrößte Teil der Unternehmen verstaatlicht. Auch die großen, für die wirtschaftliche Entwicklung ebenfalls lebensnotwendigen Bereiche der Infrastruktur Verkehr, Nachrichtenwesen und Energie übernahm der Staat. Dagegen blieben die Unternehmen in der Industrie bis auf wenige Ausnahmen wie Renault sowie die Flugzeugbauer SNIAS (Société Nationale Industrielle Aéronautique Spatiale) und SNECMA (Société Nationale d'Etudes et de Construction de Moteurs d'Avion) im privaten Besitz.

Der Beitrag der nationalisierten Unternehmen zur erfolgreichen Modernisierung des Landes ist unbestreitbar. Er trug mit dazu bei, dass die Franzosen bis Anfang der 1980er Jahre mehrheitlich der Meinung waren, verstaatlichte Unternehmen seien ein wirksames Mittel der Wirtschaftskraft und auch ein Instrument, wirtschaftliche Krisen zu bekämpfen. So ist es zu erklären, dass 1981 die sozialistische Regierung unter Präsident Mitterrand umfangreiche weitere Verstaatlichungen in der Industrie vornahm. Erst danach setzte ein Umschwung ein, der ab 1986 zu einer Privatisierungswelle führte.

Mit den Verstaatlichungen nach 1944 schlug auch die Geburtsstunde der großen öffentlichen netzgebundenen Dienstleistungsunternehmen in den oben erwähnten Infrastrukturbereichen: Zum service public zählen in erster Linie die Elektrizitätsgesellschaft EDF (Electricité de France), das Gasunternehmen GDF (Gaz de France), die Bahngesellschaft SNCF (Société Nationale des Chemins de Fer Français) sowie Post und Telefon (heute La Poste und France Télécom). Diese Unternehmen haben nicht nur einen erheblichen Beitrag zur Modernisierung der Infrastrukturen in Frankreich geleistet; sie galten - und gelten - auch als Garanten für den gleichen kostengünstigen Zugang aller Französinnen und Franzosen zu elementaren Dienstleistungen und darüber hinaus für eine wirtschaftliche Entwicklung aller, auch der ärmeren, französischen Regionen. Generell steht der service public für eine Wirtschaftsordnung, die nicht alles den Marktkräften überlässt. Deshalb sind die gegenwärtig diskutierten, durch den EU-Binnenmarkt vorgegebenen Reformen, die die früheren staatlichen Monopolgesellschaften dem Wettbewerb öffnen und auch Teilprivatisierungen umfassen, unpopulär und stoßen auf heftigen Widerstand.

Ein weiteres Symbol der staatlichen Lenkung der Modernisierung stellt die Industriepolitik dar. Hierbei handelt es sich um Maßnahmen zur Förderung industrieller Entwicklung, aber auch um eine strukturlenkende Politik mit besonderem Augenmerk für bestimmte "strategische" oder Zukunftssektoren. Da die französische Industrie in vielen Bereichen nur schwach entwickelt war, wurden für ausgewählte Branchen Sektoren-Entwicklungspläne entworfen. Besonders ausgeprägt war diese Politik nach 1958, als Präsident de Gaulle die Modernisierung der Industrie beschleunigen wollte, damit diese im beginnenden gemeinsamen europäischen Markt nicht unter die Räder geriet. De Gaulle förderte die Entwicklung hochtechnologischer Branchen und Produkte: etwa in der Luft- und Raumfahrt, in der Atomenergie, im Verkehr, im Computerbau oder in der Rüstungsindustrie. In diese "strategischen" Branchen, die politisch-militärisch oder für den technologischen Fortschritt bedeutsam waren, wurden erhebliche staatliche Gelder für Forschung, Entwicklung und Produktion gepumpt, um - manchmal buchstäblich aus dem Nichts - eine französische Produktion in diesem Bereichen zu sichern. Neben eindeutigen Erfolgen - wie dem europäischen Gemeinschaftsprodukt Airbus oder dem Hochgeschwindigkeitszug TGV - produzierte diese staatliche Sektorenpolitik auch eine Reihe von Fehlschlägen - etwa das Überschallflugzeug Concorde, den Versuch, eine französische Computerindustrie aufzubauen, die Pläne zugunsten des Werkzeugmaschinenbaus oder das Projekt eines Stahlwerks am Mittelmeer. Fehleinschätzungen der künftigen Marktentwicklung, aber auch die mangelnde Eignung des Staates, unternehmerische Entscheidungen zu treffen, waren dafür hauptverantwortlich und zeigten die Grenzen der strukturlenkenden Industriepolitik auf.

Die zentralstaatlich gelenkte "Modernisierung von oben" hat durchaus Erfolge aufzuweisen. In nur drei Jahrzehnten, die der Ökonom Jean Fourastié als "dreißig glorreiche Jahre" bezeichnet hat, gelang es, Frankreich aus einer traditionalistischen in eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft zu verwandeln. Zum einen verzeichnete das Land ein starkes Wachstum der Bevölkerung und der Wirtschaft. Diese neue Dynamik bildete einen deutlichen Kontrast zur Vorkriegs-Stagnation: So wuchs von 1950 bis 1999 die Einwohnerzahl von 41,6 auf 59 Millionen, also um 18 Millionen in knapp 50 Jahren, während in den 100 Jahren davor der Bevölkerungszuwachs ganze sechs Millionen betragen hatte. Auch das Wirtschaftswachstum erreichte mit durchschnittlich 4,8 Prozent jährlich in den 1950er Jahren und 5,6 Prozent in den 1960er Jahren Werte, die weder zuvor erreicht worden waren noch danach je wieder erzielt wurden.

Die wichtigsten Wirtschaftszweige

Die Modernisierung schlug sich zweitens in einem tiefgreifenden sektoralen Wandel der Beschäftigung nieder. Während der Anteil der Landwirtschaft an Produktion und Beschäftigung stark zurückging, dehnten sich die Industrie (bis 1970) und später der Dienstleistungssektor immer stärker aus.

Schließlich entwickelte sich ab den 1960er Jahren wie in den Nachbarländern die heutige Konsum- und Wohlstandsgesellschaft, die durch das rasche wirtschaftliche Wachstum, die Modernisierung und die dadurch ausgelösten Produktivitätsgewinne ermöglicht wurde. Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen haben sich allein von 1946 bis 1975 vervierfacht.

Allerdings verdeckt die nostalgisch verklärende Formel der "dreißig glorreichen Jahre", dass diese Zeit der Umbrüche auch von Krisen und Konflikten begleitet war. Der rasche Strukturwandel brachte für manche soziale Gruppen auch Opfer mit sich. Verlierer der Modernisierung, wie zum Beispiel Kleinunternehmer und -händler, protestierten gegen die staatlich begünstigte Konzentration der Wirtschaft, die zahlreiche Existenzen vernichtete. Die Protestbewegung des Mai 1968, die Frankreich an den Rand einer Staatskrise brachte, war nicht nur durch Studentenunruhen ausgelöst worden, sondern hatte ihren Ursprung unter anderem auch im Widerstand gegen eine Modernisierung "von oben", die als autoritär empfunden wurde und den Arbeitnehmern wie den Regionen zu wenig Mitsprache einräumte.

Krisen und Umbrüche (1974-2004)

Die ökonomischen Grenzen und Kehrseiten dieser gewissermaßen im Zeitraffer vollzogenen "Modernisierung von oben" zeigten sich in aller Klarheit, als eine sprunghafte Erhöhung der Ölpreise 1973 den ersten "Ölschock" auslöste. Damit ging die Periode des scheinbar ungebremsten Wachstums zu Ende, und eine Zeit weltwirtschaftlicher Turbulenzen und krisenhafter Veränderungen begann. Frankreich traf hierbei auf besondere Schwierigkeiten. Die staatliche Modernisierungspolitik der vergangenen Jahrzehnte hatte zwar gute Ergebnisse in einigen Wirtschaftszweigen wie Luft- und Raumfahrt, Energieversorgung, Rüstungsindustrie oder Schienenfahrzeugbau gezeitigt - Sektoren, in denen der Einfluss des Staates besonders hoch war. In anderen Bereichen mit überwiegend privatwirtschaftlicher Nachfrage wie Unterhaltungselektronik und Maschinenbau aber waren die Ergebnisse deutlich schlechter.

Die Modernisierung "von oben" hatte "strategische" Prestige-Objekte und Großunternehmen systematisch bevorzugt, darüber aber andere Bereiche wie die mittelständische Wirtschaft vernachlässigt. Auch waren notwendige Strukturanpassungen in traditionellen Branchen nicht oder erst verzögert vorgenommen worden. So hatte die Kohle- und Stahlindustrie auf die nachlassende Nachfrage und auf das Auftreten neuer Konkurrenten nicht rechtzeitig reagiert. Auch in der Textil- und Bekleidungsindustrie, die zunehmend unter der Konkurrenz billiger Anbieter aus Asien litt, wurden zu lange nicht mehr wettbewerbsfähige Produktionsstätten aufrecht erhalten. Dies führte zu Schwächen in der Konkurrenzfähigkeit der Industrie, Problemen für die Handelsbilanz, aber auch für Wachstum und Beschäftigung.

Kurswechsel ab 1983

Nach unterschiedlichen, aber erfolglosen Versuchen, der neuen Situation zu begegnen, setzte der neu gewählte Präsident François Mitterrand 1981 auf die Verstaatlichung der größten Industriekonzerne, eine Wachstumsbelebung und eine ehrgeizige Industriepolitik, um die Krise zu überwinden. Aber dieser Kurs scheiterte bereits nach kurzer Zeit: Die Wachstumsbelebung kam vor allem ausländischen Firmen zugute, weil sich die französische Industrie aufgrund ihrer Strukturschwächen nicht auf die neue Nachfrage einstellen konnte. Die gestiegenen Einfuhren brachten die Handelsbilanz aus dem Gleichgewicht und schwächten die französische Währung. Die neu verstaatlichten Unternehmen zeigten zu viele Schwächen, um ein wirksames Ins-trument der Krisenbekämpfung zu sein. So wurde schon 1983 ein Kurswechsel unumgänglich. Dieser bereitete den Weg für eine grundlegende, in den folgenden Jahren schrittweise vollzogene Neuorientierung der Wirtschaftspolitik, die eine historische Wende für das Verhältnis zwischen Staat und Markt bedeutete:

Hatte die frühere Modernisierungspolitik insbesondere ein hohes Wachstum angestrebt und dabei die hohe Inflation nicht in den Griff bekommen, so war künftig die Preisstabilität vorrangig, um die auch von Frankreich gewollte Europäische Währungsunion auf eine solide Grundlage zu stellen.

Die Praxis der Industriepolitik, ganze Sektoren durch ehrgeizige Programme entwickeln und steuern zu wollen, machte schrittweise einem neuen Kurs Platz, der vor allem die Rahmenbedingungen der Unternehmen verbessern wollte. Auch die jahrelang verzögerten Rationalisierungen in einigen Branchen wie der Textil- und Bekleidungsindustrie, der Kohleförderung, aber auch im Automobilbau wurden nun durchgeführt.

War der verstaatlichte Wirtschaftssektor nach den Nationalisierungen von 1981 noch einmal aufgebläht worden, so trat ab 1986 eine Wende ein: Die damalige bürgerliche Regierung begann, eine Reihe von Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen zu privatisieren. Alle folgenden Regierungen haben diesen Kurs fortgeführt, so dass heute nur noch wenige Unternehmen im Besitz des Staates sind.

Auch aus der EU kamen Impulse, die die Liberalisierung der Wirtschaft vorantrieben. Mit dem Aufbau des europäischen Binnenmarktes mussten die nationalstaatlichen Reglementierungen in zahlreichen Wirtschaftsbereichen abgebaut und für den Wettbewerb geöffnet werden. So wurde etwa die enge Reglementierung des Banken- und Finanzsektors aufgelöst. Auch die öffentlichen Dienstleistungsunternehmen des service public wurden gezwungen, ihre bisherige Monopolstellung aufzugeben und sich der Konkurrenz zu stellen - eine Entwicklung, die in Frankreich allerdings auf heftigen Widerstand stößt.

Der 1983 eingeleitete Kurswechsel hat tiefe Spuren hinterlassen. In der Tat hat die französische Wirtschaft in den vergangenen 20 Jahren ihr Gesicht gründlich verändert. Die wesentlichen Entwicklungen sind:

Die größten französischen Unternehmen



Außenwirtschaftliche Verflechtungen

Frankreich hatte nach 1944 seine Modernisierung zunächst unter dem Schutz hoher Zollmauern begonnen, die seine Wirtschaft vor unliebsamer ausländischer Konkurrenz schützten (Protektionismus). Die bevorzugten Handelspartner waren die übersee-ischen Gebiete des französischen Kolonialreiches, die ebenfalls geschützte Märkte für die französischen Produzenten darstellten.

Dies änderte sich nach 1958, als General de Gaulle den Eintritt in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bekräftigte und die Entkolonisierung vollzog. Nunmehr sah sich die - häufig noch junge und verletzbare - französische Industrie dem harten Druck der Konkurrenz aus den Nachbarländern ausgesetzt. Seither hat die zunehmende Einbindung der französischen Wirtschaft in die europäische Integration und in die Weltwirtschaft den oben beschriebenen Strukturwandel beschleunigt.

Wichtigste Handelspartner Frankreichs

Auch die im Rahmen der EU beschlossenen Regeln erhöhten den Zwang, die französische Wirtschaftspolitik zu verändern: So schränkten das Europäische Währungssystem (1978 bis 2000) und später die Europäische Währungsunion Frankreichs Möglichkeiten ein, seine Wachstumspolitik wie bisher fortzusetzen. Das Programm eines einheitlichen europäischen Binnenmarktes, das verbliebene nationale Barrieren, Handels- und Wettbewerbshemmnisse beseitigte, zwang Frankreich wie seine Partner ebenfalls zu einem umfassenden Kurswechsel.

Heute ist die französische Wirtschaft wie ihre Nachbarn in hohem Maße mit der Weltwirtschaft verflochten. Globalisierungs- und Europakritik

Die europäische Integration und die außenwirtschaftliche Öffnung haben die Wirtschaft Frankreichs gründlich verändert und insgesamt positive Auswirkungen erzielt. Die französischen Unternehmen konnten zunehmend von der Globalisierung profitieren und ihre Firmenstrategien überwiegend erfolgreich am Weltmarkt ausrichten. Aber der Strukturwandel war für viele Firmen und Beschäftigte auch schwierig und mit Opfern verbunden. Die EU und später die Globalisierung wurden als Urheber der krisenhaften Veränderungen gesehen und entsprechend kritisiert.

Deshalb ist die Haltung der Bürgerinnen und Bürger sowie der Parteien zur europäischen Integration stets widersprüchlich gewesen: Aber auch die Globalisierung hat zahlreiche Kritik auf sich gezogen und eine umfangreiche Protestbewegung entstehen lassen. Das - mittlerweile weltweit tätige - globalisierungskritische Netzwerk der Organisation Attac (Association pour une taxation des transactions financières pour l'aide aux citoyens - Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürgerinnen und Bürger) ist in Frankreich entstanden und verfügt hier über einen erheblichen Einfluss, ebenso wie zahlreiche andere Gruppierungen, zum Beispiel José Bové und seine alternative Bauerngewerkschaft Confédération paysanne.

Der Kern der Kritik richtet sich gegen den "neoliberalen" Charakter der Globalisierung: Sie sichere dem international mobilen Kapital eine buchstäblich grenzenlose Entfaltung, während vor allem die Arbeitnehmer zahlreiche Nachteile in Kauf nehmen müssten. Die Regierungen gerieten unter einen erheblichen Druck, ihre Politik an den Interessen dieses Kapitals auszurichten. Damit gefährde die Globalisierung nicht nur den seit 1944 entwickelten Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit, also die sozial verpflichtete Marktwirtschaft; auch die Demokratie werde immer weiter ausgehebelt, weil die demokratisch legitimierten Regierungen sich zunehmend den "Sachzwängen" der Globalisierung unterwerfen müssten. Ob die Europäische Union ein wirksames Bollwerk gegen die Globalisierung sein kann oder im Gegenteil als ihr Instrument wirkt, ist in den Reihen der Globalisierungskritiker umstritten.

Die Franzosen und die Globalisierung

Die Globalisierungs- und Europakritik wird nicht von allen Franzosen geteilt. Im November 2003 erklärten 35 Prozent der Bevölkerung, sie fühlten sich den Globalisierungskritikern sehr oder ziemlich nahe, 59 Prozent hatten keine oder wenig Gemeinsamkeiten mit ihnen. Aber das Unbehagen an einer ungesteuerten Globalisierung wird von Vielen geteilt und hat zahlreiche politische Kräfte erfasst. Die politische Kultur Frankreichs geht von einem Vorrang der (demokratisch legitimierten) Politik aus und akzeptiert nur schwer die vom Markt ausgehenden anonymen "Sachzwänge". Das von linken wie rechten Regierungen übereinstimmend verfolgte Ziel ist eine "gesteuerte Globalisierung", wobei der EU eine Schlüsselrolle für eine derartige weltweite Steuerung zuerkannt wird.

Sektorale und regionale Strukturen

Im Zuge des raschen Strukturwandels seit 1944 hat die Landwirtschaft ihre früher dominierende Rolle verloren. War 1946 noch jeder Dritte in der Landwirtschaft beschäftigt, so ist es heute nur noch jeder Fünfundzwanzigste. Über fünf Millionen Menschen haben ihr in den vergangenen Jahrzehnten den Rücken gekehrt. Von 2,3 Millionen landwirtschaftlichen Betrieben im Jahre 1955 sind heute noch 664000, etwa ein Drittel, übrig geblieben; diese haben aber mit durchschnittlich 42 Hektar eine wesentlich größere Betriebsfläche als früher. Die massive Freisetzung von landwirtschaftlich Beschäftigten wurde ermöglicht durch eine grundlegende Modernisierung der Anbaumethoden, der Ausstattung der Betriebe mit Maschinen, durch Flurbereinigungen und eine dementsprechend höhere Produktion je Beschäftigtem.

Es wäre jedoch falsch, das Gewicht des Agrarwesens nur an den 2,7 Prozent ihres Beitrages zum Sozialprodukt zu messen. Zum einen ist die französische Landwirtschaft sehr leistungsfähig und mit 20 Prozent der EU-Produktion Spitzenreiter der EU-Länder, dicht gefolgt von Italien mit 18,4 Prozent, Spanien mit 17,9 und Deutschland mit 10,8 Prozent. Zum Zweiten bietet die Landwirtschaft die Grundlage für die Nahrungsmittelindustrie, die die Agrarprodukte verarbeitet. Firmen wie Danone, Pernod-Ricard oder Nestlé-France prägen das Bild einer erfolgreichen Branche, die zusammen mit der Landwirtschaft hohe Exportüberschüsse erzielt. Dazu kommt drittens, dass die französische Siedlungsstruktur nach wie vor durch weite ländliche Gebiete geprägt ist. Da zudem die massive Landflucht erst spät einsetzte, haben (und pflegen) zahlreiche Personen, auch aus der Politik, ihre familiäre Verwurzelung im ländlichen Frankreich. Aus diesen Gründen hält Frankreich am gemeinsamen Agrarmarkt der EU fest, den es 1957 durchgesetzt hatte und von dem es noch heute stark profitiert. Französische Regierungen tun sich deshalb auch schwer mit den seit Jahren anstehenden Reformen der EU-Agrarpolitik.

Veränderung der Beschäftigung

Die Industrie stand im Mittelpunkt sowohl der Modernisierungspolitik seit 1944, die im Kern eine Politik nachholender Industrialisierung des Landes war, als auch der strukturellen, krisenhaften Veränderungen seit 1974. Nachdem sich die Zahl der Industriebeschäftigten bis Anfang der 1970er Jahre stark erhöht hatte, sind seither 1,5 Millionen industrielle Arbeitsplätze verloren gegangen. Dies hat unterschiedliche, teilweise sich überlappende Ursachen:

Dennoch ist das häufig verwendete Bild der Entindustrialisierung zu einfach. Denn teilweise beruht es auf statistischen Effekten: So haben die Industriefirmen bestimmte Aufgaben, zum Beispiel Buchhaltung, Wartung, Logistik und Werbung, zunehmend ausgelagert und Dienstleistungsfirmen übertragen.

Deren Beschäftigte werden damit ebenso zu den Dienstleistenden gezählt wie die gestiegene Zahl von Leiharbeitnehmern (heute circa 300000) in der Industrie. Alle diese Vorgänge schlagen sich in einem starken Anstieg der Dienstleistungen an Unternehmen nieder. Industrielles und tertiäres Wachstum bedingen und stützen einander.

Der Anteil der Industrie am Sozialprodukt ist im übrigen in den vergangenen zwei Jahrzehnten bemerkenswert stabil geblieben. Heute präsentiert sich die französische Industrie in vielen Bereichen als hoch leistungsfähig und weist eine Reihe weltweit führender Unternehmen auf: Peugeot-Citroën und Renault im Automobilbau, das mehrheitlich deutsch-französische Gemeinschaftsunternehmen EADS (European Aeronautic Defense and Space Company) in der Luft- und Raumfahrt, der Energiekonzern EDF (Electricité de France) sowie LVHM (Louis Vuitton/Moët Hennessy) in der Luxusgüterbranche.

Die Gründe für die Ausbreitung des Dienstleistungssektors liegen vor allem in der Dynamik der Dienstleistungen an Unternehmen: Gegenüber der eigentlichen Produktion gewinnen vorgelagerte Arbeitsprozesse wie Forschung und Entwicklung sowie Design und nachgelagerte Tätigkeiten wie Vertrieb und Werbung an Bedeutung. Aber auch Veränderungen im Konsumverhalten, die mit steigendem Wohlstand einhergehen, haben Dienstleistungen an Private gefördert, hier vor allem Restaurants. Mit dem Fortschritt des Sozialstaates, der Medizin und der steigenden Bedeutung der Bildung haben sich auch die öffentlichen Dienstleistungen in den Bereichen Bildung, Soziales, Gesundheit in den vergangenen Jahrzehnten stark ausgeweitet. Stagnierende Sektoren sind dagegen der Einzelhandel, der Transport, die Finanzdienstleistungen oder die Verwaltungen. In einer Reihe von Dienstleistungsbereichen haben französische Unternehmen eine starke Position. Dies gilt für den Handel, wo zum Beispiel die Hypermarktkette Carrefour und die Kaufhaus- und Versandhandelsgruppe Pinault-Printemps-Redoute weltweit führende Unternehmen sind. Auch im Bereich örtlicher Dienstleistungen wie Wasserversorgung und Abfallbeseitigung haben französische Privatunternehmen wie Suez oder Veolia, deren Filiale Connex auch in Deutschland als Konkurrent der Deutschen Bahn auftritt, große Erfahrung und sind weltweit im Geschäft.

Regionale Disparitäten

"Paris und die französische Wüste": So lautete der bis heute bekannte Titel eines Buches aus dem Jahre 1947. Damit wurde die außerordentliche, durch den Zentralismus noch verstärkte Konzentration des wirtschaftlichen Wohlstandes und der unternehmerischen Machtzentren auf die französische Hauptstadt angeprangert. Seither bemüht sich die französische Raumordnungspolitik, dieses Gefälle zwischen Paris und der "Provinz" - wie kurzerhand der Rest Frankreichs bezeichnet wird - auszugleichen, mit einem gewissen, aber doch begrenzten Erfolg: Im Pariser Großraum, der Region Ile-de-France, leben heute 10,9 von 58,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern Frankreichs (18,7 Prozent - doppelt so viel wie in der nächstgrößten Region Rhône-Alpes mit 5,6 Millionen). Der Anteil am Sozialprodukt ist mit 29 Prozent sogar noch höher (wiederum folgt Rhône-Alpes mit weitem Abstand: 9,4 Prozent).

Das Problem ist vor allem qualitativ: Der Großraum Paris zieht die "strategischen", höchstqualifizierten Tätigkeiten in einem Maße an sich, die den übrigen Ballungsgebieten nur wenig Entfaltung lässt. Allein 45 Prozent dieser strategischen Arbeitsplätze sind in der französischen Hauptstadt konzent-riert - elfmal soviel wie in der nächstgrößeren Stadt Lyon. Hier zeigt sich die Eigendynamik und die anhaltende Attraktivität einer der großen europäischen Metropolen, aber auch eine starke Hierarchie zwischen Paris und der "Provinz".

Bruttoinlandsprodukt

Dennoch haben auch die übrigen Regionen vom wirtschaftlichen Aufschwung nach 1944 profitieren können. Die "Provinz" hat ihr Gesicht gründlich geändert - gefördert von einer Politik, die Firmenansiedlungen in diesen Regionen vorantrieb und die auch großstädtische Ballungsräume wie Straßburg, Lille, Nantes, Bordeaux, Marseille oder Lyon als so genannte "Ausgleichsmetropolen" förderte. Überdies konnte ein zweites Gefälle - zwischen dem überwiegend landwirtschaftlichen Westen und Südwesten sowie dem Nordostraum, in dem die Industrialisierung Fuß gefasst hatte - weitgehend eingeebnet werden. Unterschiede bestehen heute eher zwischen den großstädtischen Ballungsgebieten - die von der wirtschaftlichen Dynamik der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft profitieren - und den übrigen Räumen.

Die Dezentralisierung seit 1982, die den Regionen stärkere Möglichkeiten einer eigenständigen regionalen Entwicklung gab, kann diesen Prozess weiter befördern. Alle Verantwortlichen haben erkannt, dass die künftigen Wachstums- und Entwicklungschancen nicht so sehr in einer zentralstaatlichen Umverteilung oder Wirtschaftsförderung liegen als vielmehr in der Fähigkeit der regionalen Akteure aus Politik, Wirtschaft, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, ihre Strategie selbst zu definieren und ihre eigenen Kräfte zu mobilisieren. Die Regionen wachsen allmählich zu wirtschaftspolitischen Akteuren heran, auch wenn ihre Finanzausstattung weiterhin unbefriedigend ist und sie gegenüber den Departements und Gemeinden über keinerlei Weisungsbefugnisse verfügen.

Henrik Uterwedde

Zur Person

Henrik Uterwedde


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