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3.11.2020

Editorial

Der Begriff Digitalisierung ruft ganz unterschiedliche Reaktionen hervor: Während er bei den einen Zukunftsvisionen einer gerechteren und schöneren Welt heraufbeschwört, löst er bei anderen Befürchtungen vor tiefgreifenden Veränderungen aus – bis hin zur Angst, von Maschinen ersetzt zu werden.

Dabei ist die Digitalisierung in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Bereichen mehr oder weniger unbemerkt zum vertrauten Alltagsbegleiter und unentbehrlichen Bestandteil moderner Gesellschaften geworden. Ihre Weiterentwicklung wird als unabdingbar angesehen, um mittelfristig Fortschritt, Wissenserweiterung und Wohlstand zu garantieren.

In den 1990er-Jahren entwickelte der britische Forscher Tim Berners-Lee die textbasierte Computersprache HTML und damit das World Wide Web. Seine WWW-Software machte er weltweit kostenlos und frei zugänglich. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde die Hardware zunehmend mobiler, handlicher und leichter bedienbar. Damals überwog die Freude über die Möglichkeiten der neuen Technik: Unabhängig von Zeit und Ort konnten Nachrichten und Informationen erhalten und ausgetauscht, an politischen Vorgängen partizipiert, Wissen geteilt und Geschäfte getätigt werden.

Doch die Prinzipien der Offenheit und Beteiligung blieben nicht ungefährdet. Technologiekonzerne kommerzialisieren Teilbereiche von Information und Kommunikation, freie Meinungsäußerung im Netz umfasst häufig auch Hassrede und Desinformation, und die Privatsphäre der Nutzerinnen und Nutzer wird kaum mehr ausreichend gewahrt. Digitale Technik ermöglicht Übergriffe sowie Überwachung und Kontrolle aus wirtschaftlichem Interesse, aber auch zum Machterhalt autoritärer staatlicher Systeme.

Die Gefahrenpotenziale der Digitalisierungsprozesse für unsere rechtsstaatliche Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt beschäftigen längst breite Teile der Zivilgesellschaft und erfordern politische Steuerung. So entwickelte die Bundesregierung zwischen 2014 und 2017 mit der "Digitalen Agenda" und der "Digitalen Strategie 2025" Programme, um die Chancen der Digitalisierung positiv zu nutzen. 2018 kam der "Digitalpakt Schule" hinzu. Auf EU-Ebene gibt es Initiativen zur Harmonisierung und Regulierung der Digitalpolitik.

Die Coronavirus-Pandemie hat der Digitalisierung 2020 einen kräftigen Schub gegeben. Was zuvor vielfach nur überlegt worden war, realisierte sich unter den Zwängen der Pandemie innerhalb von wenigen Wochen: Homeschooling, Homeoffice, flexible Arbeitszeitmodelle und Videokonferenzen. Selbst einfache Alltagskontakte wurden ohne digitale Unterstützung undenkbar: ein gigantisches Experimentierfeld, das den Blick für neue Möglichkeiten geweitet hat, die auch nach der Pandemie bleiben dürften. Deutlich wurde, wie viel noch zu tun ist, um Chancengleichheit zu gewährleisten, etwa bei der Bildungsgerechtigkeit oder der Arbeitsplatzgestaltung, aber auch bezüglich der digitalen Infrastruktur.

Je mehr wir über die Digitalisierung lernen, desto eher können wir Ängste ablegen, die technischen Möglichkeiten selbstbestimmt nutzen und über die Bedingungen mitbestimmen, unter denen sich das Verhältnis Mensch und Maschine in Zukunft demokratisch gestalten lässt.

Christine Hesse
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