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7.5.2021

Konstituierung der Demokratie 1918/1919

Im Sommer 1918 erklärt die Oberste Heeresleitung den Ersten Weltkrieg für verloren und plädiert für Waffenstillstandsverhandlungen. Revolutionäre Unruhen führen das Ende der Monarchie in Deutschland herbei. Durch maßgeblichen Einfluss der SPD wird das Reich eine parlamentarische Demokratie, deren Repräsentanten das Waffenstillstandsabkommen und einen umstrittenen Friedensvertrag unterzeichnen.

Bereits während des Krieges ist die Lebensmittelversorgung unzureichend, dies verstärkt auch die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung. Warteschlange vor einem Metzgerei im süddeutschen Raum. (© Knorr + Hirth / Süddeutsche Zeitung Photo)


Kriegsende und Revolution

Am 28. Juli 1914 hatte der Erste Weltkrieg begonnen, der an der Westfront bald zu einem verlustreichen Stellungskrieg erstarrte. In vier Jahren fielen dem Krieg weltweit etwa 15 Millionen Menschen zum Opfer, darunter rund neun Millionen Soldaten und über sechs Millionen Zivilisten. Allein in Deutschland waren zwei Millionen militärische und 700.000 zivile Todesfälle, darunter viele Hungertote, zu beklagen.
Nach der Hungersnot des "Steckrübenwinters" 1916/17 hatte es im Frühjahr 1917 wegen der schlechten Lebensmittelversorgung bereits in verschiedenen Orten Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen gegeben. Im Januar 1918 erreichten die Streiks dann eine neue Qualität:

Nach der russischen Oktoberrevolution und dem deutsch-russischen Waffenstillstand am 15. Dezember 1917 war das Ausscheiden Russlands aus dem Krieg absehbar. Die kommunistischen Bolschewiki hatten unter Führung Lenins durch einen Staatsstreich die Macht ergriffen und Lenin wollte selbst um den Preis sehr harter Friedensbedingungen den Krieg beenden, um die Herrschaft der Bolschewiki zu stabilisieren. Diese Entwicklung beflügelte die Hoffnung der kriegsmüden, durch Hungersnöte geschwächten Bevölkerung, dass es endlich Frieden geben würde.

Am 28. Januar 1918 traten in Berlin rund 400.000 Arbeiter und Arbeiterinnen der kriegswichtigen, metallverarbeitenden Industrie in den Streik. Den Vorsitz der Streikleitung übernahm Richard Müller, der eine führende Rolle bei den Revolutionären Obleuten spielte. Diese hatten innerhalb der Gewerkschaftsstrukturen in verschiedenen Industriebetrieben ein unabhängiges Netzwerk frei gewählter Vertrauensleute gebildet, lehnten den Krieg ab und verstanden sich als eine betrieblich organisierte Arbeiteropposition.

Gestreikt wurde Ende Januar 1918 nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Städten. Insgesamt waren mehr als eine Million Menschen im Ausstand. Der Streik war aber nicht nur für das Wilhelminische Kaiserreich eine Herausforderung, sondern auch eine Gefahr für die SPD.

Die Partei der Arbeiterbewegung hatte sich im Kaiserreich gegen alle Widerstände der herrschenden Eliten behauptet und seit den Reichstagswahlen 1912 die mit Abstand stärkste Fraktion im Reichstag gestellt. Trotz aller inneren Distanz zur Monarchie hatte sie unter ihrem Vorsitzenden Friedrich Ebert und (seit 1917) Philipp Scheidemann mehrheitlich die erforderlichen Kredite zur Finanzierung des Krieges mit bewilligt, innenpolitische Konflikte zurückgestellt, auf Arbeitskämpfe verzichtet und die Kriegsanstrengungen mitgetragen.

Diese sogenannte Burgfriedenspolitik geschah allerdings um den Preis der Spaltung: Die pazifistischen Kräfte, die diesen Kriegskurs nicht mittragen wollten, wurden 1917 aus der Partei ausgeschlossen und gründeten unter Führung von Hugo Haase die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Der größere Teil der Mitglieder verblieb in der SPD, die deshalb umgangssprachlich auch als Partei der Mehrheitssozialdemokraten (MSPD; hier im Weiteren: SPD) bezeichnet wurde.

Auch die kleine Gruppe der Linksradikalen um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die seit 1916 die illegalen "Spartakusbriefe" herausgab und deshalb "Spartakusgruppe" genannt wurde, schloss sich der USPD an, ging dann allerdings ab November 1918 eigene Wege.

Angesichts der eskalierenden Streiksituation wollte die SPD unter allen Umständen den Eindruck vermeiden, die große Mehrheit der traditionell sozialdemokratischen Arbeiterschaft stehe nicht mehr hinter ihr. Deshalb trat der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert in die Streikleitung ein, obwohl er den Streik eigentlich ablehnte. Er wollte sicherstellen, dass der Streik sich nicht ausweitete, sondern zu einem baldigen Ende kam. Da sich die Obrigkeit nicht verhandlungsbereit zeigte und bewaffnete Verbände mobilisierte, wurde der Streik abgebrochen – ein offener Kampf gegen das Militär war keine Option.

Nachdem Russland im März 1918 mit dem Friedensschluss von Brest-Litowsk endgültig aus dem Krieg ausgeschieden war, unternahmen die Deutschen im Sommer 1918 an der Westfront eine letzte militärische Offensive. Doch die Anstrengungen scheiterten und das Deutsche Reich musste am 8. August 1918 eine schwere Niederlage hinnehmen. Daraufhin erklärte die Oberste Heeresleitung (OHL) – Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff, der die faktische Leitung innehatte, – den Krieg an der Westfront für verloren und plädierte für die Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen.

Kaiser Wilhelm II. kündigte an, das parlamentarische System solle nun auch in Deutschland eingeführt werden. Am 3. Oktober ernannte er den süddeutschen Liberalen Prinz Max von Baden zum neuen Reichskanzler. Am 28. Oktober traten mit dem "Gesetz zur Abänderung der Reichsverfassung" die sogenannten Oktoberreformen in Kraft. Die Regierung benötigte nunmehr das Vertrauen des Reichstags und dieser erhielt darüber hinaus die Kompetenz für Kriegserklärungen und Friedensschlüsse, die bisher der Kaiser innegehabt hatte. In letzter Sekunde war das Deutsche Reich zur konstitutionellen Monarchie geworden.

Praktische Auswirkungen hatte das allerdings nicht mehr, denn Prinz Max blieb auch ohne Wahl durch den Reichstag im Amt und weder die Oberste Heeresleitung noch die Seekriegsleitung machten Anstalten, sich auf den Boden der Oktoberreformen zu stellen. Angesichts der unabwendbaren deutschen Niederlage hatten die verbleibenden alliierten Kriegsgegner des Deutschen Reiches, die USA, Großbritannien und Frankreich, inzwischen auch kein Interesse mehr an Verhandlungen, zumal eine wichtige Vorbedingung, der Rücktritt des Kaisers, noch immer nicht erfüllt war.

In dieser Situation berief Prinz Max mit den Reichstagsabgeordneten Philipp Scheidemann und Gustav Bauer erstmals zwei Sozialdemokraten zu Staatssekretären, um sie als Repräsentanten der stärksten Reichstagsfraktion in die Regierungsarbeit einzubinden.

Das Ende der Monarchie
Bereits am 7. November 1918 erklärte Kurt Eisner, der Vorsitzende der bayerischen USPD, den bayerischen König Ludwig III. für abgesetzt. Innerhalb weniger Tage wurden alle 22 gekrönten Häupter, die in Deutschland bis dahin regiert hatten, abgesetzt oder traten zurück. Der Kaiser hatte Berlin bereits am 28. Oktober verlassen und sich in sein militärisches Hauptquartier im belgischen Spa begeben.

Der Kieler Matrosenaufstand, der am 3. November begonnen hatte und sich im Land rasch ausweitete, nahm Wilhelm II. zwar die letzten Illusionen, dass seine Machtposition noch eine Zukunft hatte. Dennoch zögerte er und überlegte, nur als Kaiser, nicht aber als preußischer König und Oberbefehlshaber des Heeres zurückzutreten.

Daraufhin gab Prinz Max am 9. November 1918 eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. bekannt. Um die Mittagszeit erschienen die Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann im Reichskanzler-Palais, wo sie von Prinz Max, dem Vizekanzler und weiteren Regierungsmitgliedern erwartet wurden. Der Reichskanzler fragte die SPD-Politiker, ob sie angesichts der revolutionären Stimmung im Land für Ruhe und Ordnung garantieren könnten, was Scheidemann bejahte. Prinz Max trug daraufhin unter Zustimmung der anwesenden Staatssekretäre Ebert als dem Vorsitzenden der größten Reichstagsfraktion das Amt des Reichskanzlers an.

Zum Abschluss verständigten Prinz Max und Ebert sich darauf, eine möglichst bald einzuberufende Nationalversammlung über die Frage der künftigen Staatsform entscheiden zu lassen. Doch schon wenig später, um 14 Uhr, rief Scheidemann vor dem Reichstag die "deutsche Republik" aus, sehr zum Ärger Eberts, mit dem er dies nicht abgesprochen hatte. Und nach weiteren zwei Stunden verkündete der Spartakist Karl Liebknecht von einem Balkon des Berliner Stadtschlosses die "freie sozialistische Republik Deutschland".

Die zweifache Ausrufung der Republik durch Scheidemann und Liebknecht zeigte bereits in der Stunde ihrer Gründung überdeutlich, dass die Revolutionäre ganz unterschiedliche Ziele hatten. Die Mehrheitssozialdemokraten wollten eine parlamentarische Demokratie mit einer sozialen Verfassung. Die Spartakisten, die damals noch Teil der USPD waren und Ende des Jahres 1918 die KPD gründeten, erstrebten dagegen die von Karl Marx propagierte "Diktatur des Proletariats".

Zunächst hatte der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert daran gedacht, die Zusammenarbeit mit der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei und dem katholischen Zentrum fortzusetzen. Die drei Parteien hatten im Juli 1917 im Deutschen Reichstag gemeinsam eine Friedensresolution durchgesetzt, die auf einen Verständigungsfrieden mit den Kriegsgegnern abzielte und das bisherige Kriegszielprogramm verwarf. Seitdem arbeiteten sie in einem Interfraktionellen Ausschuss zusammen.

Doch angesichts der beträchtlichen Anhängerschaft der USPD unter den Arbeitern entschloss Ebert sich, mit der USPD über die Bildung einer rein sozialistischen Regierung zu verhandeln. Die bisherigen Staatssekretäre, wie die Ressortminister damals hießen, blieben allerdings im Amt. Neun Staatssekretäre waren parteilos, drei gehörten dem Zentrum an, zwei der SPD, je einer den Nationalliberalen und der Fortschrittlichen Volkspartei.

Waffenstillstand
Am Morgen des 11. November 1918 betrat der Zentrums-Politiker Matthias Erzberger, der inzwischen Staatssekretär ohne Geschäftsbereich geworden war, einen Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne. Dort unterzeichnete er im Auftrag von Friedrich Ebert das Waffenstillstandsabkommen, das den Ersten Weltkrieg faktisch beendete. Die vorausgehenden Verhandlungen, die einem Diktat gleichkamen, hatte der gemeinsame Oberbefehlshaber der Alliierten an der Westfront, der französische Marschall Ferdinand Foch, geleitet.

Das Abkommen enthielt harte Bedingungen. Neben der Einstellung der Feindseligkeiten verlangte es:

Wiedereingliederung und Versorgung der Kriegsteilnehmer, Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen

[…] Am 11. November 1918 endeten für das Deutsche Reich die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs mit einem Waffenstillstand […]. […]. Über fünf Millionen Soldaten standen noch im Westen und Osten jenseits der deutschen Grenzen. Sie mussten zügig zurückgeführt und demobilisiert werden und sollten dann bald wieder einen Arbeitsplatz erhalten.
Deutschland sollte so weit geschwächt werden, dass eine Wiederaufnahme der Kampfhandlungen unmöglich war.

Ringen um die künftige Regierungsform

Rat der Volksbeauftragten

Rätedemokratie. Eigene Darstellung auf Basis von "Menschen und Politik". Sekundarstufe II (© Westermann Gruppe, Braunschweig 2019, S. 47)


Die USPD zeigte sich in der Frage der Regierungsbildung kompromissbereit und machte starke Abstriche von ihrem ursprünglichen Forderungskatalog, der die sofortige Errichtung der Diktatur des Proletariats vorgesehen hatte. So konnte sich schon am 10. November der Rat der Volksbeauftragten konstituieren, dem je drei Vertreter der SPD und der USPD angehörten. Für wenige Wochen fanden die beiden Flügel der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung noch einmal zusammen, wobei Ebert als Vorsitzender der mit Abstand größten deutschen Partei und ernannter Reichskanzler von Anfang an eine dominierende Rolle spielte. Die Mitglieder des Rates waren formal den Staatssekretären übergeordnet, de facto aber auf deren Sachkenntnisse angewiesen. Man hatte auch der kleinen Gruppe der Spartakisten eine Mitarbeit angeboten, aber Karl Liebknecht lehnte ebenso ab wie Richard Müller, der Vorsitzende der linken Gewerkschaft der Revolutionären Obleute.

Am Abend des 10. November tagten im Cirkus Busch die 3000 von den Berliner Soldaten und Arbeitern gewählten Vertrauensmänner. Für die verschiedenen Strömungen sprachen die Vorsitzenden von MSPD und USPD Friedrich Ebert und Hugo Haase, außerdem Karl Liebknecht für die Spartakisten. Liebknecht klagte die Sozialdemokraten an, "die heute mit der Revolution gehen und vorgestern noch Feinde der Revolution waren". Doch seine Anklage fand wenig Beifall. Vielmehr ertönten stürmische Rufe nach Einigkeit. Eberts Bekanntgabe, dass die beiden sozialdemokratischen Parteien gemeinsam den Rat der Volksbeauftragten gebildet hatten, löste dementsprechend großen Jubel und Zustimmung aus.

Am Ende wurde ein Vollzugsrat gewählt, der aus je 14 Arbeitern und Soldaten bestand. Sieben Vertreter der Arbeiterschaft kamen von der SPD, während die sieben USPD-Mandate von den Revolutionären Obleuten übernommen wurden, die mit Richard Müller auch den Vorsitzenden stellten. Die Spartakisten waren nicht vertreten. Der Vollzugsrat war gewissermaßen der Arbeitsausschuss der Arbeiter- und Soldatenräte, die – so ihr Selbstverständnis – als Ausdruck des revolutionären Volkswillens ein provisorisches Parlament gebildet hatten.

Der Rat der Volksbeauftragten wiederum sollte im Auftrag des Vollzugsrates für die politische Umsetzung der von den Arbeiter- und Soldatenräten formulierten Ziele sorgen: "Die Träger der politischen Macht sind jetzt Arbeiter- und Soldatenräte. (…) Die rasche und konsequente Vergesellschaftung der kapitalistischen Produktionsmittel ist nach der sozialen Struktur Deutschlands und dem Reifegrad seiner wirtschaftlichen und politischen Organisation ohne starke Erschütterung durchführbar. Sie ist notwendig, um aus den blutgetränkten Trümmern eine neue Wirtschaftsordnung aufzubauen, um die wirtschaftliche Versklavung der Volksmassen und den Untergang der Kultur zu verhüten."

Aufruf des Rates der Volksbeauftragten vom 12. November 1918

An das deutsche Volk!

Die aus der Revolution hervorgegangene Regierung, deren politische Leitung rein sozialistisch ist, setzt sich die Aufgabe, das sozialistische Programm zu verwirklichen. Sie verkündet schon jetzt mit Gesetzeskraft folgendes:
Dieses radikale Programm fand jedoch kaum Eingang in die politische Arbeit. Der Vollzugsrat erließ zwar eine Vielzahl von Gesetzen und Anordnungen, die klassische Grundrechte wie die Meinungsfreiheit betrafen und vor allem auf dem Gebiet der Sozialpolitik für die Menschen spürbare Verbesserungen brachten. So wurde beispielsweise zum 26. November 1918 der Achtstundentag eingeführt, ein sozialpolitischer Meilenstein. Aber umwälzend im Sinne einer sozialistischen Revolution waren diese Regelungen nicht.

Parlamentarismus oder Rätesystem?

Eigene Darstellung (© bpb)


Jahrzehntelang war die SPD eine Partei des Klassenkampfs gewesen, die sich in grundsätzlicher Gegnerschaft zum Staat befunden hatte. Nun standen die Sozialdemokraten plötzlich selbst an der Spitze des Staates und sahen ihre Aufgabe vor allem darin, den Übergang in eine neue Nachkriegsordnung – soweit möglich – ohne Blutvergießen zu bewältigen. Eberts Ziel war es, die Arbeiter- und Soldatenräte, die in vielen Städten als Ordnungskräfte des Übergangs entstanden waren, so rasch wie möglich zu entmachten und die Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken. Dabei kam ihm der Umstand zustatten, dass in den allermeisten Städten die Arbeiter- und Soldatenräte von den Mehrheitssozialdemokraten dominiert wurden. Diejenigen, die das Rätesystem zur Grundlage der Verfassung einer sozialistischen Republik machen wollten, waren bei weitem in der Minderheit. Nur in wenigen Städten, etwa in Bremen und in München, gab es ernsthafte Versuche zur Errichtung einer Räterepublik.

Münchner Räterepublik

Wie alle gekrönten Häupter musste auch der bayerische König bei Kriegsende abdanken. Am 7. November 1918 stürmte eine revolutionär gestimmte Gruppe, die vor allem aus Soldaten bestand, mit Kurt Eisner an der Spitze zu den Kasernen, die alle kampflos eingenommen wurden. Eisner, der ursprünglich der SPD angehörte und ein radikaler Pazifist war, hatte sich im Jahr zuvor der USPD angeschlossen. Er rief den "Freistaat Bayern" aus und wurde am Tag darauf von einem provisorischen Nationalrat zum bayerischen Ministerpräsidenten und zum Außenminister ernannt. Als am 12. Januar 1919 Landtagswahlen stattfanden, erhielt die USPD nur drei der 180 Landtagsmandate. Am 21. Februar befand sich Eisner auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des neugewählten Landtags, um dort den Rücktritt seiner Regierung zu erklären, als er von dem jungen Nationalisten Anton Graf Arco hinterrücks erschossen wurde.
Die Spartakisten um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, damals noch Teil der USPD, publizierten am 10. November in ihrer Zeitung "Die rote Fahne" ein Programm, das ihren Wunsch nach einer ganz anderen Staatsform deutlich machte. Sie forderten die Entwaffnung der gesamten Polizei, die Übernahme aller Behörden und Kommandostellen durch den Arbeiter- und Soldatenrat, die Beseitigung des Reichstags und aller Parlamente und die Errichtung eines reichsweiten Arbeiter- und Soldatenrates, die Abschaffung aller Dynastien und Einzelstaaten und stattdessen "eine einheitliche sozialistische Republik Deutschland".
An das Programm schloss sich eine Notiz der Redaktion an. Sie schickte "ihren ersten und heißesten Gruß der föderativen sozialistischen Sowjetrepublik und bittet sie, unseren russischen Brüdern kundzutun, dass die Berliner Arbeiterschaft den ersten Jahrestag der russischen Revolution gefeiert hat durch die Vollbringung der deutschen Revolution."

Nachdem der Regimewechsel erstaunlich rasch und unblutig über die Bühne gegangen war, kam es im Dezember 1918 in der deutschen Hauptstadt zu ersten Spannungen. Am 6. Dezember schossen Gardefüsiliere, Soldaten eines Infanterieverbandes der preußischen Armee, mit Maschinengewehren auf eine belebte Straßenkreuzung in Berlin-Mitte. Innerhalb weniger Minuten richteten sie ein Blutbad an, das mehr Opfer forderte als die Umwälzungen vom 8. und 9. November.

Eine Gruppe schwerbewaffneter Soldaten und Matrosen, die von einigen Offizieren niedrigen Ranges angeführt wurden, nötigte Ebert anschließend, die Reichskanzlei zu verlassen und auf die Straße zu kommen. Sie wollten ihn zum Reichspräsidenten ausrufen, was er aber ablehnte. Zeitgleich wurde der Vollzugsrat vorübergehend verhaftet. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass dies ein rechter Putschversuch zur Entmachtung des Arbeiter- und Soldatenrates war. Die Hintergründe des Zwischenfalls konnten aber nie wirklich aufgeklärt werden.

Am 16. Dezember kamen Abordnungen der Arbeiter- und Soldatenräte aus ganz Deutschland in Berlin zu ihrem ersten Reichsrätekongress zusammen. Unter den Delegierten waren 288 Mehrheitssozialdemokraten, denen nur 88 Vertreter der USPD gegenüberstanden. Die Spartakisten stellten lediglich zehn Delegierte. So war es nicht überraschend, dass sich der von den Mehrheitssozialdemokraten befürwortete Weg in eine parlamentarische Demokratie durchsetzte. Der Antrag von Ernst Däumig (USPD), das Rätesystem zur Grundlage der Verfassung einer deutschen sozialistischen Republik zu machen, wurde mit 344 gegen 89 Stimmen abgelehnt, mit 282 Ja-Stimmen angenommen wurde dagegen der Antrag von Max Cohen (MSPD), am 19. Januar 1919 eine Verfassunggebende Nationalversammlung zu wählen.

Diskussion um die Nationalversammlung auf dem Reichsrätekongress

Max Cohen [MSPD] […]: Nur eine starke Zentralgewalt [...] kann dafür sorgen, daß die Glieder im Innern wieder zu einem richtigen Zusammenarbeiten gelangen. [...] [Aber es] kann keine Zentralgewalt mit starker Autorität […] geben, wenn sie nicht von der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes getragen ist. Parteigenossen, Kameraden, es gibt nach meiner festen Überzeugung nur ein einziges Organ, das diesen Volkswillen feststellen kann: Das ist die allgemeine deutsche Nationalversammlung, zu der jeder Deutsche, gleichviel ob Mann oder Frau, in allen Gebieten, die zu Deutschland gehören wollen, wählen kann. Wie man auch über die Arbeiter- und Soldatenräte denken mag […], in jedem Falle drücken die Arbeiter- und Soldatenräte nur einen Teilwillen, niemals aber den Willen des ganzen Volkes aus. Dieses festzustellen, darauf kommt es an. […]

Weihnachtskämpfe 1918 und Januaraufstand 1919
Eine gravierende und folgenreiche Konfrontation fand an Weihnachten 1918 statt. Im Rat der Volksbeauftragten hatte es seit einiger Zeit Auseinandersetzungen um die Militärpolitik gegeben. Diese spitzten sich zu, als Angehörige der Volksmarinedivision – eine Formation revolutionärer Matrosen, die sich im November gebildet hatte – vehement auf die Zahlung rückständigen Soldes drängten. Die Matrosen brachten am 23. Dezember die Reichskanzlei, die sie eigentlich bewachen sollten, in ihre Gewalt und nahmen den Berliner Stadtkommandanten Otto Wels (MSPD) als Geisel. Am Tag darauf kam es zu heftigen Kämpfen zwischen den Matrosen und Soldaten, die Generalleutnant Wilhelm Groener – seit Oktober Nachfolger General Ludendorffs in der OHL – auf Eberts Bitte in die Stadt entsandt hatte. Es gab Tote auf beiden Seiten, wobei die im Häuserkampf unerfahrenen Frontsoldaten erhebliche Verluste erlitten.

Diese Ereignisse an Weihnachten 1918 führten dazu, dass die Vertreter der USPD den Rat der Volksbeauftragten unter Protest verließen. Stattdessen traten die Mehrheitssozialdemokraten Gustav Noske und Rudolf Wissell zusätzlich in den Rat ein. Noske erhielt den Befehl, eine bewaffnete Macht zur Verteidigung der Regierung zu organisieren und dabei verstärkt auch auf Freikorps zu setzen. Freikorps waren Verbände aus ehemaligen Soldaten und ungedienten Freiwilligen, die in ihrer großen Mehrheit entschieden antirevolutionär und antidemokratisch gesinnt waren (siehe weiter unten).

Am 4. Januar 1919 wurde der Berliner Polizeipräsident Emil Eichhorn (USPD) vom Rat der Volksbeauftragten abgesetzt, weil er während der Weihnachtskämpfe mit den revolutionären Matrosen der Kriegsschiffe kollaboriert hatte. Seine Absetzung wurde von den Revolutionären als Provokation empfunden. Am Tag darauf beschloss eine Versammlung von etwa 70 Revolutionären Obleuten und dem Zentralvorstand der Berliner USPD mit großer Mehrheit, den Kampf um die Macht aufzunehmen, obwohl die Revolutionäre dem Rat der Volksbeauftragten, den sie absetzen wollten, militärisch kaum etwas entgegenzusetzen hatten.

Am 6. Januar begann der Januaraufstand, der in der DDR aus propagandistischen Gründen als Spartakusaufstand bezeichnet wurde, obwohl die Spartakisten dabei nur eine untergeordnete Rolle spielten. Ab dem 8. Januar folgte die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands, der innerhalb von vier Tagen zusammenbrach. Die Führer der kurz zuvor gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, hatten sich geweigert, die Stadt zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Am 15. Januar wurden sie auf Befehl des Generalstabsoffiziers der Garde-Kavallerie-Schützen-Division Waldemar Pabst von Soldaten ermordet.

Weimarer Reichsverfassung und Versailler Friedensvertrag

Verfassunggebende Nationalversammlung
Am 19. Januar 1919 wurde die Verfassunggebende Nationalversammlung gewählt. An dieser Wahl konnten sich erstmals alle Deutschen vom vollendeten 20. Lebensjahr an beteiligen. Es war eine allgemeine, gleiche, unmittelbare und geheime Wahl. Nun galt nicht mehr das Mehrheits-, sondern das Verhältniswahlrecht. Dieses hatte die SPD bereits seit 1891 gefordert, weil sie durch das Mehrheitswahlrecht und das Stichwahlsystem stets benachteiligt gewesen war. Das Verhältniswahlrecht, das heute noch gilt, erhielt sogar Verfassungsrang.

Außerdem führte das Deutsche Reich als eines der ersten Länder das aktive und passive Wahlrecht für Frauen ein. Neben 386 Männern gehörten 37 Frauen der Nationalversammlung an. Das Wahlalter wurde von 25 auf 20 Jahre gesenkt, sodass 36,3 Millionen Menschen wahlberechtigt waren, von denen 83 Prozent auch zur Wahl gingen. Ein wichtiger Unterschied zum heutigen System bestand darin, dass es keine Sperrklausel gab. So waren neben den sechs größeren Parteien in der Nationalversammlung auch drei Splittergruppen vertreten, die insgesamt nur 1,6 Prozent der Stimmen erhalten hatten und zusammen sieben Abgeordnete entsandten. Diese Zersplitterung steigerte sich kontinuierlich, sodass 1930 schließlich 15 verschiedene Parteien und Gruppierungen im Reichstag vertreten waren.

Die Einführung des Frauenwahlrechts

[… A]m 19. Januar 1919 gab es das in Deutschland zum ersten Mal: wählende Frauen. Den Beschluss zu einem Frauenwahlrecht hatte der Rat der Volksbeauftragten, die sozialdemokratische Übergangsregierung, wenige Monate zuvor, am 12. November 1918, gefällt. Die Wahlbeteiligung im darauffolgenden Januar war mit 83 Prozent außerordentlich hoch, es ging immerhin um die Zukunft, um die verfassunggebende Nationalversammlung. In Baden und in Württemberg durften Frauen bereits einige Tage früher Regionalparlamente wählen.

Marie Juchacz

Am 19. Februar 1919 erhob erstmals eine Frau in einem deutschen Parlament ihre Stimme. Sie begann ihre Rede, die seitens ihrer Partei mit großem Zuspruch begleitet wurde, mit den Worten "Meine Herren und Damen", was für große Heiterkeit sorgte. Marie Juchacz, 1879 geboren, war damals 39 Jahre alt. Nach dem Besuch der Volksschule hatte sie als Dienstmädchen, Fabrikarbeiterin und Krankenpflegerin gearbeitet, bevor sie eine Schneiderlehre absolvierte. 1908 trat sie der SPD bei und machte dort rasch Karriere. Nach der Spaltung der Partei holte Ebert sie 1917 in den Parteivorstand. Als Nachfolgerin von Clara Zetkin, die sich der USPD angeschlossen hatte, wurde sie Leiterin des Frauenbüros und Chefredakteurin der "Gleichheit – Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen".
Am 6. Februar trat die Nationalversammlung erstmals im Deutschen Nationaltheater in Weimar zusammen. Nach intensiven Beratungen hatte man sich gegen Berlin als Tagungsort entschieden. Ebert sagte zur Begründung: "Die Verlegung der Nationalversammlung nach dem Herzen Deutschlands wird den Einheitsgedanken, die Zusammengehörigkeit des Reiches mächtig stärken." Neben den Vorbehalten vor allem der südlichen Länder gegen die Reichshauptstadt spielte sicher auch eine Rolle, dass die Sicherheitssituation in Berlin so kurz nach der Niederschlagung des Januaraufstands noch immer unübersichtlich war. Der gewählte Tagungsort prägte den Namen Weimarer Republik für die erste Demokratie auf deutschem Boden.

Die SPD, die schon bei den letzten Reichstagswahlen vor dem Krieg die mit Abstand stärkste Partei gewesen war, steigerte ihren Stimmenanteil nochmals und erreichte 37,9 Prozent, war jedoch von der erhofften absoluten Mehrheit weit entfernt. Die katholischen Parteien Zentrum und Bayerische Volkspartei kamen auf 19,7 Prozent und die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP), die als Nachfolgepartei der Fortschrittlichen Volkspartei angesehen werden kann, erzielte 18,5 Prozent.

Diese Parteien, SPD, Zentrum, BVP und DDP, die schon 1917 im Interfraktionellen Ausschuss zusammengearbeitet hatten, bildeten gemeinsam die Regierung der sogenannten Weimarer Koalition. Die KPD hatte die Wahl boykottiert, weil sie eine sozialistische Revolution wollte und die Wahl zur Nationalversammlung ablehnte. Die USPD kam lediglich auf 7,6 Prozent. Auf der rechten Seite des Parteienspektrums erreichten die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) 10,3 Prozent und die Deutsche Volkspartei (DVP) 4,4 Prozent.

Der Eindruck großer Stabilität, den das Wahlergebnis suggerierte, relativierte sich allerdings schon bald, wie dann die ersten regulären Reichstagswahlen 1920 (siehe auch den Unterabschnitt Reichstagswahlen 1920 im folgenden Kapitel) zeigen sollten. Die erste deutsche Demokratie war nach der verheerenden Niederlage im Ersten Weltkrieg unter schwierigen Umständen zustande gekommen. Die gesellschaftlichen Eliten standen dem neuen System zum größten Teil mit Distanz, wenn nicht offener Feindschaft gegenüber. Die Ministerialbürokratie und die Justiz bestanden aus in der Kaiserzeit ausgebildeten Beamten, die sich in ihrer großen Mehrheit einer autoritär-monarchistischen Tradition verpflichtet sahen. In der Reichswehr gab es zahlreiche Monarchisten wie zum Beispiel General von Lüttwitz und Nationalisten wie General von Seeckt, der die Demokratie ablehnte und dennoch bis 1926 Chef der Obersten Heeresleitung war. Etliche junge Frontoffiziere sympathisierten mit nationalrevolutionären Gruppierungen wie der NSDAP (siehe auch den Unterabschnitt Anfänge der NSDAP im folgenden Kapitel).

Ein attraktives Sammelbecken für republikfeindliche Kräfte waren die Freikorps, deren Hilfe sich auch der Rat der Volksbeauftragten bediente, da er über keine eigenen militärischen Machtmittel verfügte. In der Frühphase der Weimarer Republik gab es etwa 365 Freikorps, die offiziell den militärischen Kommandobehörden des Deutschen Reiches unterstanden, aber sehr unterschiedliche Organisationsstrukturen hatten und zum Teil ein ausgeprägtes Eigenleben führten.
Viele dieser Freikorps gingen aus der Garde-Kavallerie-Schützen-Division hervor, die bei der Niederschlagung des Januaraufstands eine führende Rolle gespielt hatte. Im Baltikum waren in der Bürgerkriegsphase, die sich an den Ersten Weltkrieg anschloss, viele Freikorps-Soldaten an den Kämpfen beteiligt. Der offizielle Auftrag der "Baltikumer" war es, das Vordringen der Bolschewiki nach Ostpreußen zu verhindern. Diese letzten Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs waren nur auf die Führer der Freikorps vereidigt.

Weimarer Reichsverfassung

Die Verfassung der Weimarer Republik (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 50 070)


Bereits am 10. Februar 1919 hatte die Nationalversammlung ein "Gesetz über die vorläufige Reichsgewalt" erlassen, durch das entscheidende Weichen gestellt wurden. In diesem Gesetz war für das neu geschaffene Amt des Reichspräsidenten eine starke Stellung vorgesehen und bereits am Tag darauf wurde Friedrich Ebert zum vorläufigen Reichspräsidenten gewählt.

Der Verfassungsausschuss versuchte bei seiner Arbeit, verschiedenen Überlegungen Rechnung zu tragen. Entsprechend den politischen Verhältnissen und den die Regierung tragenden Parteien musste ein Kompromiss zwischen den bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie gefunden werden. In der Weimarer Verfassung gab es erstmals einen Grundrechtskatalog, bei dem vor allem die Vorstellungen der Sozialdemokraten zum Tragen kamen.

Die neue Frau: grundsätzlich gleichberechtigt?

[…] Erstmals wurden Frauen in der Weimarer Verfassung als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen anerkannt: "Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten", lautete Paragraf 109. Was zunächst wie eine einfache Formel aussah, entpuppte sich durch die Einschränkung "grundsätzlich" als problematisch. Denn mit dieser Bestimmung wurde eine grundlegende Revision geschlechterspezifischer Ungleichbehandlung von Frauen etwa im Ehe- und Scheidungsrecht, aber auch in Vermögensfragen, weiterhin blockiert.
Artikel 109 Absatz 1 legte fest: "Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten." Bisher bestehende soziale Schranken entfielen, denn in Artikel 109 Absatz 2 hieß es: "Öffentlich-rechtliche Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes sind aufzuheben. Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und dürfen nicht mehr verliehen werden." Um noch einmal zu betonen, dass niemand benachteiligt werden sollte wegen seiner Herkunft oder Religion, hieß es in Artikel 128 Absatz 1: "Alle Staatsbürger ohne Unterschied sind nach Maßgabe der Gesetze und entsprechend ihrer Befähigung und ihren Leistungen zu den öffentlichen Ämtern zuzulassen." Damit dies keine leeren Worte blieben, sollte auch das Schulwesen ganz neu geordnet werden. Es gab nun eine allgemeine Schulpflicht von acht Jahren, alle sollten dieselbe "Volksschule" besuchen und für das mittlere und höhere Schulwesen sollten Standesunterschiede und Religion keine Rolle mehr spielen. Des Weiteren garantierte die Verfassung das Recht auf Freizügigkeit, die Unverletzlichkeit der Wohnung, das Koalitionsrecht, das Recht auf geheime Wahl, das Briefgeheimnis, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit.

Schulpolitik

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte es in Preußen erste Pläne für ein einheitliches, flächendeckendes Schulsystem ohne Rücksicht auf die soziale Herkunft gegeben. Hundert Jahre später, nach der Novemberrevolution, stand das Thema erneut auf der Tagesordnung. Die laizistischen Parteien SPD und DDP wollten ein einheitliches und gestuftes Schulsystem, das nur noch staatlicher Aufsicht unterstehen sollte. Die Zentrumspartei war ebenfalls dafür, die Trennung der Schüler nach Ständen abzuschaffen, vertrat aber in religiösen Fragen Positionen, die denen der beiden anderen Parteien genau entgegengesetzt waren. Am liebsten hätte das Zentrum die 1872 abgeschaffte kirchliche Schulaufsicht wieder eingeführt. Außerdem sollten auf Wunsch der Eltern "Bekenntnisschulen" errichtet werden und der Religionsunterricht sollte unbedingt ein Pflichtfach sein. Das katholische Zentrum war von 1919 bis 1932 an allen Reichsregierungen beteiligt und gehörte auch der preußischen Landesregierung an und hatte so, trotz begrenzter Wählerbasis, eine starke Machtposition.
Auf der anderen Seite wurden die Grundzüge der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht in Frage gestellt; von den Ideen, jenseits des Parlaments ein Rätesystem zu etablieren oder Schlüsselindustrien zu sozialisieren, blieb kaum etwas übrig. Lediglich die USPD vertrat hier wie auch in anderen Fragen weitergehende Forderungen, wurde aber regelmäßig von den anderen Parteien überstimmt. Auch ihr Vorschlag, einen Einheitsstaat zu schaffen, fand keine Zustimmung.

Die Länder blieben erhalten und bekamen, wie schon im Kaiserreich, mit dem Reichsrat neben dem Reichstag eine eigene Kammer. Der Reichsrat setzte sich aus Vertretern der 18 deutschen Länder zusammen, die von den Landesregierungen entsandt wurden. Er stand in der Tradition des deutschen Föderalismus. Der Dominanz Preußens wurden dabei Grenzen gesetzt. Das Land umfasste sowohl nach Bevölkerung als auch nach Fläche mehr als 60 Prozent des Deutschen Reiches. Aber im Reichsrat gab es eine Höchstgrenze von 40 Prozent der Stimmen für ein Land. Preußen hatte nicht mehr die starke Vetoposition, die das Land bis 1918 gehabt hatte.

Der Reichstag wurde in seinen Kompetenzen deutlich gestärkt. Während er im Kaiserreich im Wesentlichen nur über das Budgetrecht verfügt hatte, war die Regierung jetzt dem Parlament verantwortlich. Der Reichskanzler wurde zwar vom Reichspräsidenten ernannt, konnte aber vom Reichstag mit einem Misstrauensvotum gestürzt werden. Der Reichspräsident konnte den Reichstag auflösen, der Reichstag wiederum konnte mit einer Zweidrittelmehrheit eine Volksabstimmung über die Absetzung des Reichspräsidenten beschließen.

Das Volk konnte über die Wahlen hinaus auch durch den Volksentscheid direkt Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen (Gesetz über den Volksentscheid vom 27. Juni 1921). Dem Volksentscheid ging ein Volksbegehren voraus, bei dem mindestens zehn Prozent der Wahlberechtigten das Volksbegehren unterstützen mussten. Beim Volksentscheid selbst entschied die Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen. Allerdings konnte ein Beschluss des Reichstages durch einen Volksentscheid nur dann außer Kraft gesetzt werden, wenn sich die Mehrheit der Stimmberechtigten an der Abstimmung beteiligte. Sollte durch einen Volksentscheid eine Verfassungsänderung herbeigeführt werden, so musste die Mehrheit aller Wahlberechtigten zustimmen. An diesen Bestimmungen scheiterten in der Weimarer Zeit alle drei Versuche, einen Volksentscheid zum Erfolg zu bringen.

Die Weimarer Republik war eine parlamentarische Demokratie, aber der Reichspräsident, der als Staatsoberhaupt an die Stelle des Kaisers trat, gebot über eine große Machtfülle. Er war mit weitreichenden, fast diktatorischen Vollmachten ausgestattet. Das war auch die Absicht des DDP-Abgeordneten Hugo Preuß, der als "Vater der Weimarer Reichsverfassung" gilt. Da eine Mehrheit der sozialistischen Parteien bei künftigen Wahlen durchaus denkbar schien, sollte ein mit großer Machtfülle ausgestatteter Reichspräsident ein überparteiliches Gegengewicht zum Parlament bilden. Diese Rolle konnte er umso besser ausfüllen, als die politische Zersplitterung der Parteienlandschaft immer mehr zunahm und vor allem die republikfeindlichen Parteien an den politischen Rändern zunehmend stärker wurden, was die Handlungsfähigkeit des Reichstages minderte. Die Sozialdemokraten protestierten vergeblich dagegen, dass hier ein "Kaiserersatz" geschaffen werde.

Hugo Preuß

Hugo Preuß wurde 1860 in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Berlin geboren. Er studierte Jura, promovierte 1883 in Göttingen und habilitierte sich 1889 als Staatsrechtler an der Universität Berlin, konnte aber, da er nicht getauft war, dort nicht Professor werden. Erst 1906 erhielt er seine erste Professur an der neu gegründeten Handelshochschule Berlin; 1918 wurde er dann deren Rektor.
Die Weimarer Republik war folglich ein semipräsidentielles Regierungssystem. Der Reichspräsident wurde für sieben Jahre direkt vom Volk gewählt, was ihm eine starke und unabhängige Stellung verlieh. Er vertrat das Deutsche Reich völkerrechtlich, hatte den militärischen Oberbefehl und konnte, wenn ein Land seinen Verpflichtungen nicht nachkam, das Militär auch im Landesinneren einsetzen, was Friedrich Ebert auch mehrfach tat. Nach Absatz 2 des Artikels 48 konnte der Reichspräsident, wenn "im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten" und zu diesem Zweck auch Grundrechte außer Kraft setzen. Dieser Artikel wurde von den Juristen so interpretiert, dass der Reichspräsident mit Hilfe von Notverordnungen die Gesetzgebungskompetenz des Reichstages umgehen konnte, was dann in der Zeit der Präsidialkabinette (siehe auch das Kapitel "Zerstörung der Demokratie 1930 - 1933") häufig geschah.

Einen erbitterten Streit gab es über die Staatsflagge. SPD, Zentrum und eine Minderheit der DDP-Abgeordneten traten für die Farben Schwarz-Rot-Gold ein, die schon in der Revolution von 1848 offiziell zu den deutschen Bundesfarben erklärt worden waren. Die USPD plädierte für eine rote Fahne, die rechten Parteien wollten an der schwarz-weiß-roten Reichsflagge festhalten, die seit 1871 die Flagge des Deutschen Reiches gewesen war. Dies war ein symbolisch aufgeladener Konflikt zwischen Kaiserreich und Republik, zwischen Monarchie und Demokratie.

Am Ende wurde mit 211 zu 90 Stimmen Schwarz-Rot-Gold zu den neuen Nationalfarben bestimmt, gleichzeitig sollten aber die Handelsflagge und die Reichskriegsflagge Schwarz-Weiß-Rot mit einem schwarz-rot-goldenen Gösch – einem kleinen Obereck innerhalb der Flagge – sein. Das war ein problematischer Kompromiss, der bei offiziellen Anlässen regelmäßig zu Auseinandersetzungen darüber führte, wie nun geflaggt werden sollte. Ein starkes Bekenntnis zur Demokratie gab der Wehrverband "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" ab, dem sich vor allem Mitglieder der SPD, aber auch des Zentrums und der DDP anschlossen. Am 12. März 1933 wurden dann durch Erlass des Reichspräsidenten die schwarz-weiß-rote Fahne und die Hakenkreuzflagge als Reichsfarben eingeführt.

In mancher Hinsicht blieb die Weimarer Republik ein defizitäres Staatswesen. Sie verfügte nicht über ein Repertoire allgemein anerkannter Repräsentanten, Symbole und Rituale. Es gab keinen Nationalfeiertag, keine Orden und Ehrenzeichen, kein in allen Teilen des Volkes anerkanntes Staatsoberhaupt. Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert wurde immer wieder von Kommunisten wie Deutschnationalen geschmäht, angefeindet und als Landesverräter verleumdet. Nicht einmal die neuen Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold standen außerhalb des Streits der Parteiungen, weshalb es bei offiziellen Anlässen immer wieder zu Auseinandersetzungen über das Hissen der Fahnen an öffentlichen Gebäuden kam.

Am 31. Juli 1919 wurde die Verfassung mit 262 gegen 75 Stimmen angenommen. Die Ja-Stimmen kamen von den Regierungsparteien, die Nein-Stimmen von den Parteien am linken und rechten Rand, von der USPD, der DNVP und einem Großteil der DVP-Abgeordneten. Inzwischen war am 28. Juni 1919 auch der Versailler Friedensvertrag unterzeichnet worden. Die Verfassung und der Friedensvertrag bildeten gemeinsam die "äußeren und inneren Grundgesetze der Weimarer Republik" (Alexander Gallus).

Versailler Friedensvertrag
Bereits vom 29. Oktober bis 4. November 1918 hatte in Paris eine interalliierte Konferenz stattgefunden, bei der Amerikaner, Briten und Franzosen, die drei wichtigsten Siegermächte, sich über Waffenstillstandsbestimmungen und Grundlagen für die nachfolgenden Friedensverhandlungen verständigten. Am 5. November wurde das Ergebnis der Beratungen den Deutschen in einer von US-Außenminister Robert Lansing unterzeichneten Note übermittelt.

Die Bestimmungen des Friedensvertrags von Versailles (© mr-kartographie, Gotha 2021)


Die Lansing-Note stellte klar, was unter der Forderung des US-Präsidenten Woodrow Wilson nach "Wiederherstellung der besetzten Gebiete" zu verstehen war: Deutschland sollte "für alle durch seine Angriffe zu Wasser und zu Lande und in der Luft der Zivilbevölkerung der Alliierten und ihrem Eigentum zugefügten Schäden Ersatz leisten". Hier war schon ein zentrales Thema des Versailler Vertragswerks angesprochen. Der im Kampf Unterlegene sollte nicht nur für die unmittelbaren Kriegsschäden Reparationszahlungen leisten, wie das nach Kriegen allgemein üblich war, sondern auch für alle mittelbaren Kriegsfolgen aufkommen. Dies war der Ausgangspunkt für die sehr weitreichenden Bestimmungen des Artikels 231 des späteren Friedensvertrages, des sogenannten Kriegsschuldartikels.

Die Verhandlungen über den Friedensvertrag begannen am 18. Januar 1919 – auf den Tag genau 48 Jahre nach der Proklamation des deutschen Kaiserreiches – in Paris. Es waren einseitige Verhandlungen. 32 Nationen nahmen an den Beratungen teil, von Belgien bis Uruguay, nur die Besiegten waren nicht zugelassen. Die eigentlichen Beratungen konzentrierten sich auf den "Rat der Vier", Woodrow Wilson, den französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau, den britischen Premierminister Lloyd George und den italienischen Ministerpräsidenten Vittorio Emanuele Orlando.

Die deutsche Verhandlungsdelegation, geleitet von Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, durfte erst im April 1919 anreisen, als das Ergebnis der Beratungen bereits feststand. Am 7. Mai wurde den Deutschen der ausgearbeitete Vertragstext im Spiegelsaal von Versailles überreicht, Änderungsvorschläge durften sie nur schriftlich vortragen.

Die Bedingungen, auf die sich die Sieger nach langen und komplizierten Verhandlungen geeinigt hatten, waren ein Kompromiss, gleichwohl sehr hart für die Deutschen. Deutschland sollte nicht nur alle eroberten Gebiete zurückgeben, sondern auch 13 Prozent seines eigenen Territoriums verlieren, künftig auf schwere Waffen und eine Luftwaffe völlig verzichten sowie außerordentlich umfangreiche Reparationszahlungen leisten, deren genaue Höhe von einer eigenen Kommission ermittelt werden sollte. Die Kombination aus hohen Reparationszahlungen bei gleichzeitiger Liquidierung deutscher Auslandsguthaben und handelspolitischen Beschränkungen bedeutete gewaltige wirtschaftliche Belastungen. Das Rheinland wurde entmilitarisiert, das Saarland bis zu einer für 1935 angesetzten Volksabstimmung vom Deutschen Reich abgetrennt.

Entscheidender Stein des Anstoßes aber war aus deutscher Sicht der Artikel 231, der am Beginn des Abschnitts über Wiedergutmachungen platziert war: "Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber aller Verluste und aller Schäden verantwortlich sind, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben." Das Wort Schuld kam nicht vor. Aber in dem Artikel wurde die Alleinschuld am Kriegsausbruch festgeschrieben, um die für das Deutsche Reich sehr einschneidenden Friedensbedingungen juristisch und moralisch zu legitimieren. In Deutschland reagierte die Öffentlichkeit auf diesen "Kriegsschuldartikel" mit großer Empörung.

Philipp Scheidemann, der seit Februar 1919 Reichsministerpräsident war, wie der erste Ministerpräsident hieß, lehnte die Unterzeichnung ab und trat mit seinem gesamten Kabinett zurück. Am 23. Juni 1919 billigte die Weimarer Nationalversammlung das geringfügig modifizierte Vertragswerk dennoch, sodass es am 28. Juni vom neuen Außenminister, dem Sozialdemokraten Hermann Müller, und von Reichsverkehrsminister Johannes Bell, der dem Zentrum angehörte, unterschrieben werden konnte. Die Berliner "Tägliche Rundschau" erschien daraufhin mit der Schlagzeile: "Der Vernichtungsfriede unterzeichnet."

Ernst Piper

Ernst Piper

Ernst Piper, 1952 in München geboren, lebt heute in Berlin. Er ist apl. Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam und hat zahlreiche Bücher zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts publiziert, zuletzt "Geschichte des Nationalsozialismus. Von den Anfängen bis heute" (2018) und "Rosa Luxemburg. Ein Leben" (2018).


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