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22.2.2021

Politikdidaktik und digitale Medien

Fake-News, Echokammern oder Populismus – negativ besetzte Phänomene bestimmen heute die Debatte um digitale Medien. Was bedeutet diese Entwicklung für die politische Bildung? Politikdidaktiker Dennis Hauk skizziert grundlegende Erkenntnisse der politikdidaktischen Forschung und ihre Konsequenzen für die politische Bildung.

Welche Bedeutung hat es, wenn eine Handvoll Konzerne aus dem Silicon Valley zunehmend zur Anlaufstelle für politische Informationen werden? Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (Illustration: Johanna Benz und Tiziana Beck/graphicrecording.cool)


In einem Gastbeitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung äußerte der Bildungsexperte Guido Brombach vor einigen Jahren die Hoffnung, dass die Digitalisierung die Demokratie im Herzen verbessern könne. Das Angebot zur politischen Partizipation hätte sich durch die aufkommende Digitalisierung enorm verbreitert, wodurch sich neue Chancen für die politische Teilhabe eröffnen würden. Uns stünde damit ein neues "Zeitalter der umfassenden Bürgerbeteiligung" [1] bevor, in dem die Grenzen zwischen politischen Repräsentanten und Repräsentierten zunehmend verschwinden würden.

Hiervon, so die Hoffnung, würde auch die politische Bildung profitieren, denn nun sei es möglich, mit Kindern und Jugendlichen reales politisches Handeln in alltagsrelevanten und digital vermittelten Kontexten (z. B. in öffentlichen Foren, sozialen Netzwerken, Petitionsportalen, Online-Bürgersprechstunden von Abgeordneten) und direkt im Klassenzimmer zu erproben.

Acht Jahre nach dem Erscheinen dieses Artikels hat sich dieser optimistische Blick auf die Digitalisierung grundlegend verändert. Politische Bildner*innen und politische Bildungswissenschaftler*innen blicken gegenwärtig wesentlich skeptischer auf das emanzipatorische Potenzial der Digitalisierung. Statt des Ideals eines demokratischen Aufbruchs bestimmen heute problematische Erscheinungsformen wie Hate-Speech, Postfaktizität, Fake-News, Social-Bots, Echokammern und politischer Populismus sowie Extremismus im Netz die Debatte. Was bedeutet dieser veränderte Blick auf die Digitalisierung für die politische Bildung? Wie sollen und können politische Bildner*innen im Rahmen der schulischen und außerschulischen politischen Bildung darauf reagieren?

Dennis Hauk (© Thomas Victor)

Vor dem Hintergrund dieser Fragestellungen beschäftigt sich dieser Beitrag aus einer politikdidaktischen Perspektive mit dem Einsatz digitaler Medien in der politischen Bildung. Das Ziel ist es, grundlegende Erkenntnisse und Zugänge zu skizzieren, welche die politikdidaktische Wissenschaft – ohne den Anspruch auf Vollständigkeit – in den vergangenen Jahren sowohl aus einer theoretischen als auch aus einer empirischen Perspektive hervorgebracht hat.

Die politikdidaktische Forschung zum Einsatz digitaler Medien

Die Digitalisierung beschäftigt die Politikdidaktik bereits seit einiger Zeit. Seit der Jahrtausendwende bemühen sich politikdidaktische Forscher*innen darum, Antworten auf die oben gestellten Fragen zu geben. Dabei haben sich drei zentrale Forschungsparadigmen herauskristallisiert, die zugleich den zeitlichen Ablauf der bisherigen wissenschaftlichen Debatte konturieren. Diese Forschungsparadigmen lassen sich in die drei Bereiche 1) Digitale Bildungsangebote, 2) Digitales Lernen und 3) Digitale Bildungsziele einbetten.

Digitale Bildungsangebote: Wie und mit welchen digitalen Medien soll gelehrt werden?

Eines der ersten politikdidaktischen Forschungsziele im Kontext Digitalisierung bestand Anfang der 2000er-Jahre darin, adäquate politische Bildungsangebote als Reaktion auf die fortschreitende digitale Entwicklung (z.B. durch den Ausbau der Breitbandverbindungen, später durch das Aufkommen des Smartphones und die Entstehung neuer Medienangebote wie YouTube, Facebook, etc.) zu designen und in der Praxis zu erproben. Als richtungsweisende Forschungsarbeiten, die sich erstmalig auch empirisch mit der digitalen Medienwelt des Internets auseinandersetzten, gelten unter diesem Gesichtspunkt die Studien von Harth, Breit und Lesske und Sander. [2] Während Harth in der Anfangszeit des Internets noch versucht hat, das politikdidaktische Potenzial des gesamten Internets mit allen darin enthaltenen Medien, Diensten und Anwendungen für die politische Bildung nutzbar zu machen, widmen sich Breit und Lesske (2001) dem spezifischen Einsatz von Online-Zeitungstexten im Politikunterricht. Die Forschungsgruppe um Sander (2007) legte den Fokus auf digitale politische Bildungsangebote im Grundschulbereich.

Ohne an dieser Stelle auf die Forschungsergebnisse im Detail eingehen zu können, finden sich innerhalb der Studien auch für die heutige Zeit noch relevante und gewinnbringende Hinweise für das Design digitaler politischer Bildungsangebote. Deutlich wird erstens, dass die Implementierung digitaler Medien im Rahmen der politischen Bildung nicht kontextfrei, sondern immer unter einer fachdidaktischen Perspektive und mit direktem Bezug zu den fachspezifischen Bildungsstandards erfolgen sollte (eine unter diesen Prämissen entwickelte Unterrichtsreihe findet sich beispielsweise bei Hauk [3]). Zweitens erweisen sich besonders solche Lehr-Lernangebote als geeignet, die mithilfe digitaler Medien ein selbstgesteuertes, projekt- und problemorientiertes sowie individualisiertes Lernen ermöglichen. [4] Drittens benötigt der Einsatz digitaler Medien ein medienpädagogisches Propädeutikum, in dem neben einem rein technischen Bedienungswissen (Stichwort "Medienkompetenz") vor allem auch medienkritische und reflexive Fähigkeiten enthalten sind. Vor diesem Hintergrund ist eine der zentralen Aufgaben der politischen Bildung, auch über die gesellschaftlichen und persönlichen Folgen der Digitalisierung aufzuklären (hierzu Wolfgang Sander in einem Interview mit der BpB). Welche Bedeutung hat es beispielsweise, wenn eine Handvoll Konzerne aus dem Silicon Valley vor allem für jüngere Bürger*innen zunehmend zur Anlaufstelle für politische Informationen werden, während im gleichen Zeitraum originäre journalistische Formate verstärkt von der Bildfläche verschwinden? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus auch für das publizistische Mediensystem und das eigene Medienkonsumverhalten?

Digitales Lernen: Wie wirkt und wie gestaltet sich das politische Lernen mit digitalen Medien?

Mit der stärker empirisch ausgerichteten Forschung veränderte sich auch der Blickwinkel der Politikdidaktik, weg vom Lehren und vom Design digitaler Bildungsangebote und hin zum digitalen politischen Lernen. Vor diesem Hintergrund untersucht Manzel erstmalig die mittel- und längerfristigen Lerneffekte des digitalen Medieneinsatzes am Beispiel der Methode "WebQuest". [5]

Digitales und analoges politisches Lernen. Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (Illustration: Johanna Benz und Tiziana Beck/graphicrecording.cool)


Wie sich das politische Lernen von Kindern und Jugendlichen beim Einsatz digitaler Nachrichtenportale ausgestaltet, wurde in einer weiteren Studie für den Politik- und Wirtschaftsunterricht an einer Berufsschule untersucht. [6] Die Ergebnisse zeigen u.a., dass Lernende beim Einsatz publizistischer Internetmedien (Spiegel-Online, FAZ.net, Süddeutsche.de etc.) im Unterricht – oft unbewusst – bestehende Medienkonzepte (im Sinne von Alltagsvorstellungen über die politische Bedeutung spezifischer informationstechnischer Medienformate und -anbieter) für die Bewertung digital vermittelter Medieninhalte heranziehen. Der millionenfach geklickte Beitrages des YouTubers Rezo ("Die Zerstörung der CDU") würde hierdurch beispielsweise anders von den Unterrichtsteilnehmer*innen bewertet werden, wäre er nicht auf YouTube, sondern als Leserbeitrag im gedruckten Spiegel publiziert worden. Diese mediale Erfahrungswelt der Bildungsadressat*innen muss im Unterricht somit nicht nur mitgedacht, sondern im Rahmen der politischen Analyse und Urteilsbildung immer auch expliziert und (mit-)diskutiert werden.

Digitale Bildungsziele: Was und zu welchem Zweck soll mit digitalen Medien gelernt werden?

Mit der Debatte um das KMK Strategiepapier "Bildung in der digitalen Welt" und dem Erscheinen der 21st-Century-Skills der OECD (in Deutschland vor allem bekannt als 4K-Modell) fragt die politische Fachdidaktik verstärkt (wieder) nach den politischen Bildungszielen des digitalen Medieneinsatzes im Politikunterricht. Gefordert wird eine Ergänzung, in Teilen sogar Substitution der bestehenden politischen Kompetenzstandards, wie sie etwa in den Modellen der GPJE oder im Politikkompetenzmodell gefordert sind. In einem aktuellen Beitrag sprechen sich etwa Gloe und Puhl vor diesem Hintergrund für eine stärkere Akzentuierung der Medienkompetenz innerhalb der bestehenden politischen Kompetenzmodelle aus und fordern eine New Media Literacy ein, unter der beispielsweise die kritische Analysefähigkeit, die Recherchefähigkeit, das digitale Lesen und Schreiben sowie ein technisches Bedienungswissen zusammengefasst werden. [7] Andere betonen vor allem das emanzipatorische Potenzial, das digital vermittelte Lehr-Lernsettings zur Förderung der politischen Mündigkeit sowie der politischen Konflikt- und Partizipationsfähigkeit im Unterricht böten. [8] Allen Ansätzen gemeinsam ist jedoch, dass sie nur einzelne Aspekte aus den bestehenden Kompetenzmodellen herausgreifen und weiterentwickeln. Eine allgemeine Theorie des politischen Lehrens und Lernens in Zeiten der Digitalisierung ist bis zum heutigen Zeitpunkt nicht zu erkennen.

Quo vadis digitale politische Bildung?

Wohin steuert der Politikunterricht 4.0? Statt an dieser Stelle eine wenig haltbare Prognose abzugeben, scheint es zum Ende dieser Ausführungen lohnender, die konkreten Aufgaben zu präzisieren, welche die politikdidaktische Wissenschaft und die politische Bildungspraxis in den kommenden Jahren zu bewältigen haben.

Auf Seiten der Wissenschaft steht zuvorderst das Anliegen, zu gesicherten Erkenntnissen über ein effektives politisches Lernen mit digitalen Medien zu gelangen, um daraus förderliche Rahmenbedingungen für die politische Bildungs- und Unterrichtspraxis ableiten zu können. Hierbei interessiert weniger der anachronistische Vergleich zu nicht-digital vermittelten Lehr-Lernangeboten und -umgebungen, sondern die lernwirksame, z. B. sprachliche, technische, interaktionistische und auch didaktische Implementierung der digitalen Lerngelegenheiten in den Unterrichtsprozess. Der Fokus sollte hierbei – in direkter Abgrenzung zur allgemeinen Medienpädagogik und bildungswissenschaftlichen Unterrichtsforschung – vor allem auf den fachspezifischen Kompetenzen liegen, über deren Anbahnung und Förderung in digital vermittelten Kontexten kaum gesicherte Erkenntnisse vorliegen.

Politisch-bildende Lehrpersonen stehen wiederum vor der schwierigen Aufgabe, in einem sich ständig verändernden Umfeld traditionelle Unterrichtsrezepte zu überdenken und fortwährend nach neuen Wegen und Strategien des politischen Lehrens und Lernens zu suchen. Dies sollte jedoch nicht im Sinne einer Anbiederung und als vermeintlicher Beitrag zur Schüler*innenorientierung und -motivierung missverstanden werden. Stattdessen leistet der Einsatz digitaler Medien im Politikunterricht selbst einen wertvollen Beitrag, um die politische Teilhabe im Zeitalter der Digitalisierung weiterhin gewährleisten zu können. Es ist eine Illusion zu glauben, dass Schüler*innen allein durch ihr – teils extensives – Nutzungsverhalten zu medien- und politikkompetenten Bürger*innen werden. Die adäquate Nutzung der neuen digitalen Möglichkeiten verlangt vielmehr ein Mindestmaß an kritischer Distanz, ein Problembewusstsein sowie die Ausbildung einer reflexiven Urteils- und Analysefähigkeit, die jedoch nur in der direkten, d. h. lern- und handlungsaktiven Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Medium erworben werden kann. Die (auch außer-)schulische politische Bildung ist hierfür die erste Anlaufstelle auf dem Weg zur digitalen Bürger*innenschaftsbildung von Kindern und Jugendlichen.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-SA 4.0 - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Dennis Hauk für bpb.de

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Fußnoten

1.
Schmidt, E./ Cohen, J. (2013): Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft. Hamburg: Rowohlt.
2.
Harth, T. (2000): Das Internet als Herausforderung politischer Bildung. Schwalbach/Ts.: Wochenschau; Breit, Gotthard/ Lesske, Frank (2001): Politikunterricht mit Zeitungstexten aus dem Internet - ein Experiment. In: Weißeno, Georg (Hrsg.): Politikunterricht im Informationszeitalter (Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung, Bd. 374, Bonn: BpB, S. 145–158; Sander, Wolfgang (Hrsg.) (2007): Digitale Medien in der Grundschule: Ein Forschungsprojekt zum Sachunterricht. Schwalbach/Ts: Wochenschau.
3.
Hauk, Dennis (2018): Zur fachspezifischen Einbindung digitaler Medien in den Politikunterricht – Ergebnisse einer qualitativ-komparativen Fallstudie. In: Gesellschaft - Wirtschaft - Politik (GWP), 67(4), 537–546.
4.
Rosa, L. (2015): Projektlernen im digitalen Zeitalter.
5.
Die Ergebnisse des quasi-experimentellen Vergleichs zeigen bei Teilnehmer*innen der Interventionsgruppe einen statistisch-bedeutsamen Wissenszuwachs zum Themenfeld "Europa" im Vergleich zu Lernenden in einer nicht-internetgestützten Lehr-Lernumgebung. Vgl. Manzel, Sabine (2007): Kompetenzzuwachs im Politikunterricht: Ergebnisse einer Interventionsstudie zum Kernkonzept Europa. Münster u.a.
6.
Hauk, Dennis (2018): Zur fachspezifischen Einbindung digitaler Medien in den Politikunterricht – Ergebnisse einer qualitativ-komparativen Falllstudie. In: Gesellschaft - Wirtschaft - Politik (GWP), 67(4), 537–546.
7.
Gloe, M./ Puhl, S. (2019): Digitalisierung und (neue) Partizipation(en). Herausforderungen für die Politische Bildung. In: Batsch, S./ Lutter, A./ Meyer-Heidemann, C. (Hrsg.): Fake und Filter. Historisches und politisches Lernen in Zeiten der Digitalität. Schwalbach/Ts.:Wochenschau, S. 35–49.
8.
Hippe, T. (2020). Digitalisierung - Fluch oder Segen für Mündigkeit. Zeitschrift für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, 11(1), 83-102.

Dennis Hauk

Ein Portrait des Autors Dennis Hauk.

Dennis Hauk

Dr. Dennis Hauk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Schulpädagogik und Unterrichtsforschung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zuvor war er als Lehrer für Geschichte und Sozialkunde tätig. In seiner Promotion analysierte er die fachdidaktische Eignung digitaler Medien im Politikunterricht.


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