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26.10.2016

Presse und Experten zur digitalen Bildungsoffensive des BMBF

Redaktion | Birgit Frost am 26.10.2016

Mit der Bildungsoffensive des BMBF für die digitale Wissensgesellschaft soll Deutschland bei der digitalen Bildung einen großen Sprung nach vorn machen. Das am 12. Oktober 2016 von Ministerin Johanna Wanka vorgestellte Strategiepapier sieht vor allem ein Milliardenpaket für den Ausbau der digitalen Infrastrukturen an deutschen Schulen vor. Presse wie Expertinnen und Experten begrüßen die Initiative, haben jedoch Vorbehalte hinsichtlich pädagogischer, rechtlicher und finanzieller Aspekte.

BMBF: Alle deutschen Schulen verkabeln (Alex / Flickr / bearbeitet) Lizenz: cc by/2.0/de


Am 12. Oktober 2016 stellte Bundesministerin Johanna Wanka die Bildungsoffensive des BMBF für die digitale Wissensgesellschaft vor. Das Strategiepapier enthält fünf Handlungsfelder, in denen der digitale Wandel in der deutschen Bildungslandschaft vorangetrieben werden soll – von der frühkindlichen Bildung bis zur Berufsschule.

Die Handlungsfelder umfassen Für den Ausbau digitaler Infrastrukturen bietet das BMBF den Ländern den "DigitalPakt#D" an, der zwei Kernelemente beinhaltet: Der Bund (das BMBF) fördert bis 2021 die digitale Ausstattung an Schulen mit fünf Milliarden Euro, im Gegenzug verpflichten sich die Länder, digitale Bildung zu realisieren, unter anderem durch die Umsetzung entsprechender pädagogischer Konzepte. Denn Wanka betont: "Zentral für den Erfolg digitaler Bildung ist die Pädagogik – digitale Technik muss guter Bildung dienen, nicht umgekehrt."

Presse und Experten begrüßen die Initiative des BMBF, sehen bei der Umsetzung des Vorhabens jedoch kritische Punkte hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern, der mitunter ablehnenden Haltung der Lehrenden angesichts der Digitalisierung und deren adäquater Aus- und Weiterbildung sowie der finanziellen Ausstattung des Projekts.

In seinem Beitrag auf netzpolitik.org weist Daniel Seitz kritisch darauf hin, dass das Zustandekommen des Digitalpakts auch von der Kooperationsbereitschaft der Länder abhängig sei. Dies betreffe die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte im digitalen Bereich, denn Bildung sei immer noch Ländersache. Zudem stehe das 2006 beschlossene Kooperationsverbot im Bildungsbereich zwischen Bund und Ländern dem Vorhaben möglicherweise im Weg, auch wenn die Ministerin auf § 91c des Grundgesetzes verweist, wonach die Zusammenarbeit im Informationsbereich erlaubt sei. Entscheidend sei Seitz zufolge auch die innere Einstellung der Akteure: Die ablehnende Haltung vieler Lehrenden gegenüber der Digitalisierung sowie fehlende Medienkompetenz erschwere eine erfolgreiche Umsetzung.

Auch Dirk von Gehlen kommentiert in seinen Digitalen Notizen die mitunter reservierte Haltung der Lehrenden gegenüber Wankas Digitaloffensive. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, meinte entsprechend in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse: "Die Digitalisierung der Klassen würde die bei den Schülern ohnehin vorhandene Neigung zum Häppchenwissen noch verstärken. Es leidet die Konzentration. Es leidet das Lesevermögen und die Diskursfähigkeit." Von Gehlen appelliert hingegen an die Vorbildfunktion der Lehrenden, die mit einem vorwärtsgewandten, verantwortungsvollen Umgang mit (digitalen) Neuerungen die Schülerinnen und Schüler für das lebenslange Lernen wappnen sollten.

Auf Deutschlandradio Kultur kommentiert die Online-Journalistin Margarete Hucht die Haltung Kraus’ als Aufruf zur "kollektiven Realitätsverweigerung". Ihm ginge es um "die Verdammung des bösen Internets". Das hartnäckige Gerücht, auf Papier gedruckte Buchstaben seien mehr wert als Buchstaben am Bildschirm, widerlegt Hucht mit einer Reihe von Beispielen für die gelungene Nutzung digitaler Tools im Bildungsbereich. Für die Autorin gliche es einer "Bildungskatastrophe", unsere Kinder innerhalb der Schule mit der digitalen Welt außerhalb der Schule allein zu lassen. "Pädagogen, die das Netz als Lebenswirklichkeit von Heranwachsenden verleugnen, handeln … aus meiner Sicht nicht nur realitätsverweigernd, sondern schlicht verantwortungslos."

Die Initiative Keine Bildung ohne Medien! begrüßt das Digitalpaket Wankas nachdrücklich und bewertet die digitale Ausstattung der Schulen als "dringend geboten". Es solle jedoch kein rein technisches Add-On sein, sondern es bedürfe auch einer ausreichenden Aus- und Weiterbildung der Lehrenden: "Nur wenn die pädagogischen Fachkräfte über das notwendige konzeptuelle und technische Rüstzeug verfügen, können die Investitionen in die Ausstattung auch in sinnvolle und adäquate pädagogisch-didaktische Handlungsformen umgesetzt werden."

Die Bertelsmann Stiftung bezweifelt, dass die vom BMBF anvisierten Mittel für die Digitaloffensive ausreichen werden und hat errechnet, dass "für die Basisinfrastruktur (Internetanbindung, WLAN, Support) und die IT-Ausstattung der Schulen (Endgeräte, Software-Lizenzen, Präsentationsmedien etc.) sowie für Lernmedien und pädagogische Unterstützung jährlich mit Kosten in Höhe von bis zu 2,62 Milliarden Euro gerechnet werden muss – allein für die Schulen der Sekundarstufe. Die avisierten fünf Milliarden werden also nicht reichen, um alle 40.000 Schulen dauerhaft und umfassend auszustatten."

Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellt fest, dass Wankas Fünf-Milliarden-Euro-Programm aus Sicht vieler Bildungsakteure längst nicht ausreicht und versammelt hierzu verschiedene Stimmen. Darunter Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, der von Bund und Ländern eine viel höhere Investitionssumme, nämlich 2,5 Milliarden Euro pro Jahr, und die stärkere Verankerung der Digitalisierung in Unterrichtsinhalten fordert. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert den Digitalpakt als unzureichend und bewertet ihn mit Blick auf den Sanierungsstau an maroden deutschen Schulgebäuden lediglich als Teil einer dringend notwendigen, umfassenden Bildungsstrategie: "Wo in Klassenzimmern der Schimmel die Wände hochkriecht und Schulklos verstopft sind, reicht es nicht, Tablets und WLAN bereitzustellen", so DGB-Vizechefin Elke Hannack. Wie auch Beiträge der Süddeutschen Zeitung und von Heise Online zeigt die FAZ außerdem die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern hinsichtlich der Ausstattung mit Computern und Internet auf, die berücksichtigt werden müssen.

Presse und Experten stellen immer wieder auch die Frage, wer konkret die von Wanka angekündigten Gelder überhaupt zur Verwendung erhält. Christian Füller lässt in seinem Blog Pisaversteher verschiedene Akteure sprechen, die sich fragen, ob die Mittel an IT-Firmen gehen, die weit weg von den Bedürfnissen der einzelnen Schulen sind, oder ob es den Personen an die Hand gegeben wird, die den digitalen Ausbau an den Schulen koordinieren. "Ist das ganze vielleicht eine Geldspritze für die Telekom? (Ihr gelänge es wohl mühelos, die fünf Milliarden für Breitband zu verbuddeln, ohne dass ein einziges Tablet für Schüler übrig bleibt.)"

Aktuell handelt es sich bei dem BMBF-Strategiepapier noch um ein Konzept. Ob seine Umsetzung noch vor der Bundestagswahl 2017 angegangen wird, ist Presse wie Expertinnen und Experten unklar. Einig sind sich die meisten von ihnen darin, dass das Papier ein längst fälliger Schritt in die richtige Richtung ist, damit Deutschland in der digitalen Schulbildung den großen Sprung nach vorn schafft. Jetzt muss es darum gehen, die zahlreichen kritischen Fragen zu klären und die verschiedenen Positionen an einen Tisch zu bringen.
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