Technik, Kritik, Methodik – Herausforderungen an Medienpädagogik heute


Das 33. GMK-Forum Kommunikationskultur (bpb / bearbeitet / Lizenz: CC BY-SA 4.0)


"Es gab eine Zeit, in der Medienpädagoginnen und Medienpädagogen mit ungefährer Sicherheit Handlungsempfehlungen geben konnten, weil die Konsequenzen und somit die Risiken kalkulierbar waren – diese Zeit ist vorbei."[1] Keine Medienpädagogin und kein Medienpädagoge, so Matthias Andrasch, könne ernsthaft und mit gutem Gewissen mehr sagen, was in Bezug auf die Nutzung von heutigen oder zukünftigen Online-Diensten, Apps oder Geräten einmal zum Vorteil oder Nachteil für die Nutzenden werden könnte. Der Grund: die zunehmende Möglichkeit, vielfältige Daten aus verschiedenen Quellen zu erheben, auszuwerten und sie als komplexes Geflecht zueinander in Beziehung zu setzen. Diese Veränderung bezeichnet Andrasch als "Data Breakthrough". Durch das Erreichen des "Data Breakthrough" seien die Konsequenzen für unser Handeln nicht mehr kalkulierbar.

Wie soll die Medienpädagogik damit umgehen? Für Medienpädagoginnen und Medienpädagogen bringt es letztlich die Notwendigkeit und die Chance mit sich, die eigene Disziplin sowie Haltungen und Arbeitsweisen zu überprüfen und zu verändern.

Der folgende Überblick über Themen und Erscheinungen, mit denen sich die Medienbildung und Medienpädagogik intensiver auseinandersetzen sollte, ist vor dem Hintergrund der Diskussionen um "Big Data" und der sogenannten "Datafizierung" entstanden und stellt Bezüge zum letzten Forum Kommunikationskultur der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) her.[2]

Problembewusstsein, Verstehen und Kompetenzentwicklung

In der Medienpädagogik geht es schon immer – und heute mehr denn je – darum, den Gegenstand zu kennen (Problembewusstsein), seine Bedeutung zu verstehen, und darum, einen Umgang mit ihm zu finden (Kompetenzentwicklung).

Ein Problembewusstsein bei den Themen Datensammlung und Datenverarbeitung zu entwickeln, etwa in Bezug auf die Chat-Anwendung WhatsApp, ist nicht einfach. Aussagen wie "Ich habe doch nichts zu verbergen!" oder auch "Was macht das schon? Das hat nichts mit mir zu tun", sind keine Seltenheit. Es macht den Anschein, als gäben einige Menschen gern alles von sich preis und als sei es ihnen gleichgültig, was mit ihren Daten passiert. Die Schwierigkeit liegt darin, dass Vielen oft gar nicht klar ist, dass ein Problem überhaupt vorliegt, geschweige denn, welche Konsequenzen es hat. Fragt man sie nach ihren persönlichen Ansichten zu verschiedenen Themen, wird schnell deutlich, dass jeder und jede bestimmte Dinge für sich behalten möchte und dafür konkrete Anforderungen hat. "Wir verbergen selektiv und beanspruchen Konventionen, Transparenz und Kontrolle", so die Medienpädagogin Isabel Zorn, die damit beispielsweise unser Privatleben, Antipathien und Probleme meint.[3] Dieses Prinzip ist vergleichbar mit Inhalten, die wir lieber in einem Briefumschlag verschicken, anstatt sie öffentlich und für alle lesbar auf eine Postkarte zu schreiben.

In Analogie zum verschlossenen Brief, gibt es in der digitalen Welt Verschlüsselungssysteme, um die eigenen Inhalte online nicht für alle sicht- und nutzbar zu machen. Auch wenn solche Bilder bei der Vermittlung eines Problembewusstseins schnell an ihre Grenzen stoßen, so können sie anfangs verdeutlichen, dass es in analogen und digitalen Kontexten sehr ähnliche Umstände, Bedürfnisse und Probleme gibt.

Das tatsächliche Verstehen der konkreten Anwendungen und die Fähigkeit, sie in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang einzubetten, bringt neue Herausforderungen mit sich. Medien- und Informationstechnologien gehen laut Harald Gapski vom Grimme-Institut in "Siebenmeilenstiefeln und mit exponentiellen Schritten" voran, während "Medienbildung versucht, reflexiv Schritt zu halten".[4] Es besteht kaum die Möglichkeit, die komplexen technologischen Entwicklungen vollends zu durchdringen und die Entwicklungen vollziehen sich so rasant, dass für das Verstehen oftmals kaum Zeit bleibt.

Es ist also erforderlich, den Blickwinkel zu verändern und zu erweitern. Im ganzheitlichen Verständnis von Medienkompetenz sind deswegen auch gesellschaftliche Aspekte einzuschließen. Aufbauend auf grundlegenden und bestehenden Konzepten der Medienkompetenz, geht es um ein Verständnis darüber, was Digitalisierung bedeutet, wie Software funktioniert und welche gesellschaftliche Tragweite damit einhergeht.
Im Rahmen des GMK-Forums wurden diesbezüglich konkrete Aspekte und Erwartungen benannt, die Medienpädagogik heute leisten muss: Mit Blick auf Heranwachsende spielt außerdem der Bezug zur eigenen Lebenswelt eine besondere Rolle. Das setzt voraus, dass Medienpädagogen und Medienpädagoginnen sich mit den Bezügen, Räumen und Kulturen der Jugendlichen und junge Menschen auseinandersetzen und sie verstehen. Jugendnetzkulturen prägen die Werte und Normen von Jugendlich stark, sagt Angelika Beranek von der Hochschule München.[6] Eine Auseinandersetzung damit, wie diese Strukturen durch Algorithmen beeinflusst werden, ist somit für die Medienpädagogik dringend erforderlich – seien es die Schönheitsideale, Filterfunktionen, Werte von YouTube-Stars, vermeintliche "Top-Meldungen" oder auch "relevante Kommentare", die Plattformen den Nutzerinnen und Nutzern auf Grundlage von Algorithmen zusammenstellen, ohne dass ihnen dies bewusst ist.[7]

Medienkritik, Medienethik und kreative Angebote in den Blick nehmen

Die genannten, erweiterten Kompetenzbereiche, der Lebensweltbezug und die gesellschaftliche Dimension, greifen im Grunde das Verständnis der "handlungsorientierten Medienpädagogik" auf: Medien kritisch durchdenken, ethisch und sozial beurteilen und selbstbestimmt in das eigene Leben integrieren.[8]

Vor dem Hintergrund der Digitalisierung und Big Data geht es immer mehr um eine zu schärfende Medienkritik und einen kritisch-reflexiven Umgang mit Technologien. Wie strukturieren Algorithmen und Datenbanken unsere Wahrnehmung der Welt und voneinander? Welche Wertvorstellungen und Vorurteile fließen in die Gestaltung digitaler Kommunikationsumgebungen (Suchmaschinen, Content-Plattformen, soziale Netzwerke usw.) ein und was sind mögliche Folgen? Und wie können wir mit dem "Partizipationsparadox"[9] umgehen – der Tatsache also, dass wir diese Online-Umgebungen zur alltäglichen Teilhabe gebrauchen, als Nutzende aber oft kaum Spielräume, geschweige denn Mitspracherechte haben, wenn es um deren Gestaltung geht? Die Fragen machen deutlich, dass mehr Medienkritik und Medienethik in den Mittelpunkt medienpädagogischer Arbeit gestellt werden müssen.

Neue Methoden und Herangehensweisen ausprobieren

Auf der Ebene der Praxis finden sich aktuell vielerlei Angebote, die vor allem auf kreative Weise an aktuellen medienpädagogischen Fragen arbeiten und dabei auch die Herausforderungen um Digitalisierung und Big Data in den Blick nehmen. Auffällig ist, dass in der medienpädagogischen Arbeit, beispielsweise in der Fertigung eines Produkts, medienkritische Fragestellungen und gesamtgesellschaftliche Elemente einen besonderen Stellenwert einnehmen. Beispielhaft sind hierfür zu nennen: Alle diese Projekte bieten umfangreiche Materialien und Beschreibungen zum Nachmachen an.[10]

Die Medienpädagogik als Vermittlerin verstehen

Die Medienpädagogik ist eine offene Disziplin, für die interdisziplinäre Zugänge und Bezüge sehr wichtig sind. Dazu gehören auch technische Fragestellungen, ganz besonders im Diskurs über die Herausforderungen der "Datafizierung".[11] Aber auch die Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, etwa mit der Informatik zur Stärkung der medienpädagogischen und der informatischen Grundbildung, zählen dazu.[12]

Die Medienpädagogik sollte viel deutlicher in Erscheinung treten. Sie hat das Potenzial, eine Vermittlungsposition zwischen der Dateninfrastruktur, den Menschen und der damit verbundenen Gestaltung der Gesellschaft einzunehmen. Sie bringt dafür die notwendige kritische Haltung mit, da sie die Sammlung und Verarbeitung von Daten nicht verharmlost und immer wieder deutlich macht, dass diese Daten unmittelbar mit unserer Person in Verbindung stehen.[13] Als Vermittlerin wäre sie als gesellschaftliche Stellschraube in der Lage, die Transparenz und Offenheit von den Anwendungen einzufordern, für alle zu übersetzen, andere zu befähigen, mitzugestalten sowie alte und neue Konzepte (weiter) zu entwickeln und umzusetzen.

Von Medienpädagoginnen und Medienpädagogen würde diese Vermittlungsrolle ein neues Selbstverständnis verlangen. So wären sie nicht die vermeintlich allwissenden Personen, die sagen, was richtig oder falsch ist, die wissen, was zu tun ist und klare Handlungsempfehlungen aussprechen können. Das können und sollen sie gar nicht (mehr) leisten. Vielmehr wären sie hinterfragende, kritische Vermittlerinnen und Vermittler, die sich sichtbar einmischen und andere aktivieren, die Gesellschaft zu verändern.

Was denken die Teilnehmenden des GMK-Forums über Medienbildung heute? Hier geht es zur Video-Umfrage.




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