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2.8.2017

Schülerfirmen – Ein Mittel zur wirtschaftlichen Mündigkeit?

Redaktion | Peter Schuller am 22.09.2017

"Gründet ein Unternehmen, entwickelt ein Produkt und versucht es zu verkaufen!“ Im Wirtschaftsunterricht wird mit der Gründung von Schülerfirmen Wissen vermittelt. Dazu gehört auch, den Einfluss von Unternehmen zu reflektieren.

Schülerfirmen: Einblicke in die Praxis ( Brodie Vissers / bearbeitet / Stocksnap / Lizenz CC0 )


Seit mehreren Jahrzehnten sind Schülerfirmen vor allem in den Jahrgangsstufen 8 bis 10 fester Bestandteil des schulischen Wirtschaftsunterrichts. In erster Linie sollen sie, so die Kultusministerkonferenz 2008, zur "Vermittlung wirtschaftlicher Grundkenntnisse" beitragen. Wenn es nach den Lehrplänen der Bundesländer geht, dienen Schülerfirmen auch dazu, Schülerinnen und Schüler in die "Arbeits- und Berufswelt einzuführen und auf Berufswahl und Berufsausübung vorzubereiten." Primäres Ziel ist also nicht, sie mit dem Alltag eines bestimmten Berufs vertraut zu machen – vielmehr sollen Jugendliche die betriebliche Wirklichkeit erforschen und zu "unternehmerischer Selbstständigkeit" oder zur "Existenzgründung" motiviert werden, wie etwa das Saarland als Zielsetzung der Methode formuliert.

Wie funktionieren Schülerfirmen?

Schülerfirmen nehmen in mehrerlei Hinsicht eine besondere Stellung im schulischen Alltag ein. Sie fallen unter die Projektmethode: Schülerinnen und Schüler werden selbst tätig, indem sie eigenständig Bedarfe und Marktlücken aufspüren, die Herstellung und Verkaufsstrategie ihres Produkts planen und strategische Entscheidungen fällen.

Während andere Projekte nach einer Unterrichtssequenz oder wenigen Wochen ihren Abschluss finden, sind Schülerfirmen langfristig angelegt, über ein ganzes Schuljahr oder noch länger. In der Regel überschreiten sie die reguläre Stundenanzahl des Fachs Wirtschaft und finden außerhalb der eigentlichen Unterrichtszeit statt. Eine Schülerfirma muss keine eigene Rechtsform haben, die betreuenden Lehrkräfte und Schulleitung müssen die Schülerfirma jedoch genehmigen.

Unternehmen aus der freien Wirtschaft können bei der Gründung von Schülerfirmen eine Rolle spielen, etwa als Sponsoren eines Schulfördervereins, der die Schülerinnen und Schüler finanziell unterstützt. Voraussetzung hierfür ist, dass die Satzung des Fördervereins mit den Zielen der Schülerfirma übereinstimmt. Bei einem der bundesweit größten und bekanntesten Schülerfirmen-Projekte JUNIOR erfolgt die Genehmigung und rechtliche Absicherung durch das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW). Das IW stellt dabei nicht nur Infomaterial zur Verfügung, sondern vermittelt auch Kontakte zu Unternehmen, die die Schülerfirmen bei der Umsetzung ihres Projekts unterstützen und beraten. Eine Übersicht aller Schülerfirmen und damit verbundener Wettbewerbe bietet das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Im Einklang mit dem Bildungsauftrag

Welche Chancen und Risiken bietet nun aber die Gründung einer Schülerfirma? Im Vergleich zu lehrerzentriertem Unterricht haben Schülerfirmen als handlungsorientierte Methode einige Vorteile: Zum einen fördern sie Selbsttätigkeit, Teamfähigkeit und Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler – Kompetenzen, die nicht nur im beruflichen Kontext wichtig sind, sondern auch ihre Entwicklung hin zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern unterstützen. Zum anderen erhalten Schülerinnen und Schüler einen praxisnahen Einblick in die Funktionsmechanismen einer auf Wettbewerb basierenden Marktwirtschaft. Nicht zuletzt sind aus Schülerfirmen, wenn auch selten, schon "echte" Unternehmen hervorgegangen.

Die Vernetzungsmöglichkeiten durch das Internet ermöglichen darüber hinaus, dass sich die Schülerfirmen online über Best-Practice-Beispiele austauschen können. So bietet etwa das onlinebasierte Netzwerk für nachhaltige Schülerfirmen in Niedersachsen, die NaSch-Community, Tools wie ein Forum oder ein eigenes Wiki zum Austausch und zur Wissensweitergabe.

Jedoch sollten Schülerfirmen so angelegt sein, dass die Rolle wirtschaftlichen Unternehmertums in der sozialen Marktwirtschaft reflektiert wird – ökonomisches Lernen also nicht, wie der Wirtschaftsdidaktiker Moritz Peter Haarmann betont, zum Selbstzweck gerät, der von anderen gesellschaftlichen Sphären entkoppelt ist. Insbesondere wenn, wie dies häufig der Fall ist, Patinnen oder Paten von Arbeitgeberseite durch ihre Beratung, Bereitstellung von Projektmaterialien und die Teilnahme an Wettbewerben Einfluss auf Schülerfirmen und deren Konzeption nehmen, gilt es für Lehrende unter anderem zu reflektieren: Steht die Einflussnahme der eingebundenen Wirtschaftsakteure in Einklang mit dem Ziel ökologischer Nachhaltigkeit im Sinne der Umwelterziehung? Oder finden arbeitnehmerrechtliche Aspekte wie die innerbetriebliche Mitbestimmung – im Unternehmen wie in der Schülerfirma – Berücksichtigung?

Einblicke in die Praxis

Schülerfirmen sollten schließlich nicht einseitig auf Gewinnstreben ausgerichtet sein. Stattdessen können Gewinne etwa als Spenden verwendet werden. Wenn Schülerinnen und Schülern zudem vermittelt wird, dass menschliche Arbeit eine "fundamentale Kategorie allgemeiner Bildung" und damit weit mehr als bloßes Streben nach Profit ist, wie Marianne Demmer von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) betont, erweitert sich das Spektrum etwa auf genossenschaftliche oder Non-Profit-Ansätze, auf Care-Arbeit, Sozialunternehmertum, Lernarbeit oder netzbasierte Ansätze wie etwa der Sharing Economy. Projekte wie die NaSch-Community oder eine Schülerfirma in Freising, die mit "My Welcome Book" ein Malbuch für Geflüchtete produzierte, stehen hier exemplarisch für ökologische oder sozialverträgliche Formen nachhaltigen Unternehmertums, die mit der Methode "Schülerfirma" vermittelt werden können.

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