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12.5.2020

Lernen auf Entfernung: Digitale Angebote über Nationalsozialismus und Holocaust

Verena Lucia Nägel, Sanna Stegmaier am 12.05.2020

Wie können die Themen Nationalsozialismus und Holocaust vermittelt werden, wenn Gedenkstättenbesuche und Treffen mit Zeitzeuginnen und -zeugen nicht möglich sind? Sanna Stegmaier und Verena Nägel über die Möglichkeiten des Distance-Learnings.

Gedenkstättenbesuche sind derzeit nur eingeschränkt möglich. (Fotograf: Luis Fernando Felipe Alves / bearbeitet / unsplash) Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de


Die Themen Nationalsozialismus und Holocaust werden in der schulischen Bildung häufig in Projekten behandelt. Methodisch steht dabei das forschende Lernen mit lokalgeschichtlichen Bezügen im Mittelpunkt, etwa Exkursionen zu KZ-Gedenkstätten, Besuche von NS-Dokumentationszentren und Museen, lokale Rechercheprojekte oder Begegnungen mit Zeitzeuginnen und -zeugen. All das ist derzeit nur bedingt möglich und Lehrende stehen vor der Herausforderung, den Unterricht weitgehend digital durchzuführen oder zumindest zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund möchten wir hier eine Auswahl inhaltlich und didaktisch wertvoller digitaler Materialien zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust vorstellen.

Zu dem Thema gibt es eine schwer überschaubare Anzahl an webbasierten Angeboten, die sich mit unterschiedlichen Intentionen an verschiedene Zielgruppen richten. Nur wenige wurden explizit für schulische Distance-Learning-Szenarien konzipiert. Aber es gibt zahlreiche aktuelle, qualitativ hochwertige Formate wie virtuelle Gedenkstättenbesuche, Webdokumentationen oder Podcasts, die in digitale Lehrszenarien einbindbar sind.

Einen umfassenden Überblick über das existierende Angebot an Unterrichtsmaterialien bietet – neben der Website der Bundeszentrale für politische Bildung – das Bildungsportal "Lernen aus der Geschichte", das einerseits zahlreiche Materialien für die Bildungsarbeit listet und rezensiert und mit einer Filterfunktion die Suche nach bestimmten Methoden und didaktischen Ansätzen ermöglicht, andererseits aber auch eigene Online-Lernangebote und Module zur Verfügung stellt.[1]

Online-Lernanwendungen

Nur wenige der existierenden Angebote wurden speziell für den Einsatz im Schulunterricht entwickelt und bieten auch eine didaktische Rahmung mit Aufgabenstellungen sowie didaktischen Kommentaren für die Lehrenden. Der Vorteil solcher Angebote ist, dass die Besonderheiten schulischen Lehrens und Lernens und die Bedürfnisse von Lehrenden und Lernenden bei ihrer Konzeption einbezogen wurden.

Das wohl umfassendste, nicht kommerzielle digitale Angebot für den Geschichtsunterricht bietet die Plattform segu. Sie wurde im Rahmen des Projekts "segu – selbstgesteuert-entwickelnder Geschichtsunterricht" an der Universität zu Köln entwickelt und bietet ein "internetbasiertes Lernkonzept offener Planarbeit", das sich vornehmlich an die Sekundarstufe I wendet und einen selbstgesteuert-entwickelten Geschichtsunterricht ermöglicht. Die auf der Plattform als Open Educational Resources (OER) frei verfügbaren Lernmaterialien sind nicht auf die Themen Nationalsozialismus und Holocaust beschränkt, beinhalten aber umfassende Module zu diesen.[2] Die Plattform bietet Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade an, in denen die Schülerinnen und Schüler mit variierenden Quellen arbeiten. So werden Formate zur Analyse von historischen Dokumenten und Fotos sowie Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen angeboten. Lehrende können ihre Unterrichtsreihen mit den zur Verfügung stehenden digitalen Lernmodulen planen und sie den Schülerinnen und Schülern für eine selbständige Bearbeitung in einem bestimmten Zeitraum zuweisen. Die Schülerinnen und Schüler speichern ihre Lernergebnisse in einer Geschichtsmappe, die später die Grundlage für die Leistungsbewertung darstellt. Das umfangreiche Angebot bietet lehrbuchähnliche Überblicksmodule, ist pädagogisch gerahmt und wird gleichzeitig dem Anspruch des selbstgesteuerten Lernens gerecht.

Thematisch viel eingegrenzter und spezifisch für die Nutzung von Video-Interviews von Zeitzeuginnen des Holocaust und Nationalsozialismus im Unterricht konzipiert sind die an der Freien Universität Berlin entwickelten Online-Lernumgebungen Lernen mit Interviews. Zeugen der Shoah sowie Lernen mit Interviews: Zwangsarbeit 1939-1945, in deren Zentrum halbstündige Interviewfilme mit Überlebenden der Shoah sowie ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern stehen[3]. Beide Anwendungen ermöglichen eine kompetenzorientierte inhaltliche Annäherung an die Perspektive und die Erinnerungen der Opfer und gleichzeitig eine quellenkritische Auseinandersetzung mit der Methode der Oral History, also der Geschichtsvermittlung auf Basis von mündlichen Zeugnissen von Zeitzeuginnen und -zeugen. Zusätzliche Materialien wie Hintergrundfilme und Methodentipps helfen, die Erinnerungsberichte zu verstehen und einzuordnen. Die Lernumgebungen enthalten Arbeitsvorschläge, die ab 14 Jahren für unterschiedliche Niveaustufen fast aller Schulformen geeignet sind und in einer 90-minütigen Unterrichtseinheit durchgeführt werden können. Eine Besonderheit der Online-Lernumgebungen ist, dass Lehrende ihre Schülerinnen und Schüler klassenweise registrieren können und Ergebnisse innerhalb der Anwendung mit den Lehrenden geteilt werden können. Die Anwendungen eignen sich für eine quellenkritische Reflexion der Opferperspektive und bieten somit eine wichtige ergänzende Perspektive zu den klassischen Materialien des Geschichtsunterrichts an. Sie enthalten allerdings keinen allgemeinen inhaltlichen Einstieg in das Thema Nationalsozialismus und Holocaust.

Inhaltlich und methodisch ähnlich aufgebaut ist die App Fliehen vor dem Holocaust des österreichischen Instituts für Holocaust Education Erinnern.at. Die App, die auf Computern, Tablets oder Smartphones (iOS und Android) genutzt werden kann, stellt fünf 20-minütige Berichte von Zeitzeuginnen und -zeugen ins Zentrum, die die Flucht vor der NS-Verfolgung thematisieren. Der Zeitaufwand zur Erarbeitung eines Films und der begleitenden Aufgaben und Materialien beträgt etwa zwei Stunden. Die Ergebnisse können im pdf-Format exportiert werden. Damit kann die App als eine Art virtueller Workshop ergänzend zum Unterricht genutzt werden, um Gegenwartsbezüge zu erarbeiten und eine quellenkritische Reflexion der Methode der Oral History zu fördern.

Mit "Anne Franks Geschichte" und „Das Hinterhaus“ bietet das Anne Frank House digitale Unterrichtseinheiten für die 5. und 6. Klasse an. Die für Tablet und digitale Schultafel (Digiboard) konzipierten Unterrichtseinheiten funktionieren auch im Browser und sind linear aufgebaut. Sie starten mit einer Mindmap, basieren auf einem Kurzfilm und der Arbeit mit Fotos und einer Zeitleiste. Am Beispiel der persönlichen Geschichte Anne Franks bieten sie jüngeren Schülerinnen und Schülern einen Einstieg in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Digitales Gedenken – #ClosedbutOpen & #75Befreiung

Der Besuch von KZ-Gedenkstätten und NS-Dokumentationszentren ist in Deutschland ein bedeutender Aspekt der Vermittlung der nationalsozialistischen Verbrechen und ihrer Auswirkungen für die Opfer. Insbesondere die pädagogischen Abteilungen der Gedenkstätten haben in den vergangenen Monaten verstärkt digitale Social-Media-Formate entwickelt. Diese ersetzen keinen physischen Gedenkstättenbesuch, eignen sich aber sehr für eine Auseinandersetzung mit den Orten:

• Die KZ-Gedenkstätte Dachau bietet auf Facebook 45-minütige Live-Rundgänge an, die einen Einblick in ausgewählte Aspekte der KZ- und Gedenkstättengeschichte bieten und bei denen Kommentare und Fragen live beantwortet werden.

• Die österreichische KZ-Gedenkstätte Mauthausen bietet kurze, an Schülerinnen und Schüler adressierte Videos an, in denen Orte der Gedenkstätte vorgestellt werden, die üblicherweise Teil einer Führung sind. Zu jedem Video werden Arbeitsblätter für die Unter- und die Oberstufe angeboten.[4]

• Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme publiziert wöchentlich auf Facebook eine Video-Reihe, in der Expertinnen und Experten in 20-minütigen Vorträgen verschiedene Themen des Nationalsozialismus und der KZ-Gedenkstätte besprechen.[5]

Durch die Corona-Pandemie und die darauffolgenden Maßnahmen mussten die offiziellen Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager abgesagt werden und konnten nur virtuell stattfinden. Die entstandenen digitalen Gedenkformate verfolgen zwar keine genuin pädagogische Motivation, gehen aber neue Wege des Digital Storytellings, des digitalen Geschichten-Erzählens. Diese laden zu einer kritischen Beschäftigung mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen ein und sind in schulische Formate integrierbar. Drei Beispiele:

• Im Rahmen des virtuellen Gedenkens an die Befreiung der Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück wurde der Animationsfilm "Am Lagertor" online veröffentlicht. Dieser war ursprünglich für die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten entwickelt worden. In dem rund zehnminütigen Film werden die Erinnerungen des KZ-Überlebenden Thomas Buergenthal und des jüdischen Befreiers Bernhard Storch mit animierten Zeichnungen von Cosimo Morinelli illustriert.

• Die Gedenkstätte Bergen-Belsen hat zum 75. Gedenktag einen digitalen Gedenkort geschaffen, wo Videobotschaften von Rednerinnen und Rednern, etwa der Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch, Informationen zur Lagerbefreiung und Videoaufzeichnungen von Lagerrundgängen angeschaut werden können.

• Die von der KZ Gedenkstätte Dachau und dem Bayerischen Rundfunk zum 75. Jahrestag der Befreiung geplante Augmented-Reality-App "Die Befreiung" wurde als virtueller Rundgang online veröffentlicht. Der virtuelle Rundgang auf dem heutigen Gelände der Gedenkstätte wird mit historischen Fotos und Audioaufnahmen verknüpft. So überlappen sich Aufnahmen von Vergangenheit und Gegenwart auf dem Smartphone oder Tablet und werden gleichzeitig sichtbar.[6]

Schon etwas länger existiert die vom WDR produzierte 360-Grad-Dokumentation Inside Auschwitz, die es mittels Virtual Reality ermöglicht, das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau online zu besuchen. Die Geschichten dreier überlebender Frauen, die von ihren Erfahrungen im Lager berichten, begleiten den virtuellen Rundgang. Das ergänzende Bildungsmaterial unterstützt die Einbindung in den Unterricht.

Digitale Angebote zur Ergänzung der Lehre

Digitale Dokumentationen analoger (Wechsel-)Ausstellungen und Ausstellungen, die speziell für das Internet konzipiert wurden, bieten Materialien und Dokumente zu verschiedenen Themen der NS-Geschichte. Für die Nutzung im Unterricht muss die pädagogische Rahmung selber erarbeitet werden, doch die online Ausstellungen bieten gut aufbereitete Darstellungen zu Einzelthemen wie der Flüchtlingskonferenz in Evian 1938, den Novemberpogromen, dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus 1939-1945 oder der Verfolgung der Juden in den Niederlanden 1940-1945. Auch der häufig vernachlässigten Geschichte des nationalsozialistischen Genozids an den Sinti und Roma widmen sich verschiedene Onlineformate: Die europäische Website www.romasintigenocide.eu, richtet sich explizit an den schulischen Kontext und stellt grundlegende Informationen über den Völkermord und begleitende Materialien und Aufgabenstellungen bereit. Die Seite "Rassendiagnose: Zigeuner" des Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma legt einen zusätzlichen Fokus auf den Kampf um Anerkennung und gegen Antiziganismus. Das 2019 gestartete RomArchive, das Künste und Kulturen der Sinti und Roma und ihren Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte sichtbar macht, bietet einen Fundus an Quellen – jenseits der Darstellungen in Schulbüchern.

Auch Podcasts werden inzwischen häufig als Medium des Digital Storytelling genutzt, beispielsweise, um die Geschichte des Nationalsozialismus und Holocaust durch Erinnerungen von Zeitzeuginnen und -zeugen zu ergänzen. Interessante Beispiele sind die 16-teilige dokumentarische Höredition Die Quellen sprechen, die begleitend zu der Edition "Judenverfolgung 1933–1945" erscheint,, und der zehnteilige Podcast zur Ausstellung "Verfolgung der Juden in den Niederlanden 1940-1945".

Der online verfügbare Dokumentarfilm Geheimsache Ghettofilm, der sich mit Propaganda-Aufnahmen der Nationalsozialisten von 1942 im Warschauer Ghetto befasst, wirft medienethische Fragen auf und eignet sich für eine kritische Auseinandersetzung mit Propagandamaterial und Täterfotografien.[7] Zu dem Film steht ergänzendes, didaktisches Material zum Download zur Verfügung, welches für zwei Unterrichtseinheiten à eineinhalb Stunden konzipiert wurde.

Ein weiteres digitales Format sind Webdokus. Hier werden verschiedene Medienformate mit Elementen des Dokumentarfilms zu einem digitalen Storytelling verbunden. Das interaktive Konzept erlaubt es den Nutzerinnen und Nutzern, sich bei der Auseinandersetzung mit einem Thema von den eigenen Interessen leiten zu lassen. Ein Beispiel ist die deutsch-italienische Webdoku "Im Märkischen Sand", die in 24 Episoden das Massaker an 127 italienischen Miltiärinternierten im April 1945 im brandenburgischen Treuenbrietzen und seine Aufarbeitung in Deutschland und Italien thematisiert.

Fazit

Keines der vorgestellten Angebote hat den Anspruch Schulunterricht zu ersetzen. Sie stellen aber einen Fundus an ergänzenden Angeboten und neuen Formaten dar, in einer Zeit, in der Lehrende, Schülerinnen und Schüler und auch Eltern vor der Herausforderung stehen, anders zu lehren und zu lernen als gewohnt. Neben Ideen für ein abwechslungsreiches und projektorientiertes Lernen bieten viele der vorgestellten Projekte ergänzende Inhalte zum quellenkritischen Lernen und Lehren an, was gerade in Bezug auf digitale Anwendungen zu den Themen Nationalsozialismus und Holocausterinnerung von besonderer Bedeutung ist.

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Online-Veranstaltung histoCon

Am 8. und 9. Mai 2020 fand die histoCON:LINE der Bundeszentrale für politische Bildung statt. Die ursprünglich analog geplante internationale (Jugend-)Konferenz näherte sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Frage an, was der Zweite Weltkrieg heute noch für unsere gesellschaftliche Realität bedeutet. Hierzu können auf histoCON.de unter anderem ein Podcast zum Thema "Commemoration in Israel", ein Talk inklusive Lesung zum Thema "Representations of War and the Holocaust in Comics" und vieles mehr abgerufen werden.
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Fußnoten

1.
Anm. Leider sind die Inhalte der Onlinemodule zum Teil nur mit dem Adobe Flash-Player abspielbar, welcher von den meisten Browsern nicht mehr unterstützt wird und ab Ende dieses Jahres komplett eingestellt wird.
2.
https://segu-geschichte.de/nationalsozialismus/; https://segu-geschichte.de/judenverfolgung/, https://segu-geschichte.de/zweiter-weltkrieg/
3.
Auf der Website der Bundeszentrale gibt es zum Thema der NS Zwangsarbeit ein begleitendes Dossier, von dem aus die Online-Lernumgebung erreicht werden kann: https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/ns-zwangsarbeit
4.
https://www.mauthausen-memorial.org/de/Aktuell/KZ-Gedenkstaette-Mauthausen-Bildungsarbeit-nun-digital.
5.
Hier sei auf den Vortrag von Susann Lewerenz hingewiesen, in der sie ihre Ausstellung zum kolonialen und rassistischen Denken im Nationalsozialismus und dem im Unterricht oft wenig besprochenen Thema rassistischer Ausgrenzung Schwarzer Menschen im Nationalsozialismus vorstellt: https://www.facebook.com/Neuengamme.Memorial/videos/144914810264112/.
6.
Ergänzend dazu hat der Bayrische Rundfunk zudem einen Podcast produziert, der über die gängigen Podcast-Apps abrufbar ist, https://www.br.de/mediathek/podcast/die-befreiung/831.
7.
https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/geheimsache-ghettofilm/199331/didaktisches-material

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