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22.10.2020

Neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler und die "neue (digitale) Lernkultur"

Elisabeth Rangosch-Schneck am 26.10.2020

Wie können Schülerinnen und Schüler in Vorbereitungsklassen besser eigenständig und kooperativ in offenen Projekten lernen? Und wie können digitale Lernangebote sie dabei unterstützen? Das will ein Projekt zur kollaborativen Konzeptentwicklung untersuchen.

Wie können digitale Lernangebote dabei helfen eigenständig und kooperativ in Vorbereitungsklassen zu lernen? (© Andrew Ebrahim Unsplash/Lizenz)


Die Schulschließungen im Frühjahr 2020 machten Benachteiligungen im deutschen Schulsystem verstärkt sichtbar. Dies betraf auch (neu) zugewanderte, geflüchtete Schülerinnen und Schüler (SuS) sowie deren Eltern, die häufig kaum Raum und Ressourcen für ein "Lernen zuhause" hatten. Außerdem hatten viele SuS keinen Zugang zu digitalen Lernangeboten. Mehrsprachige digitale Lernangebote als Brücke, um die Barrieren der deutschen Bildungssprache zu überwinden, gab es nur vereinzelt (vgl. Digitales Lernen im "monolingualen Habitus"). Zeitgleich entstanden eine Reihe von Angeboten für digitales Lernen im Homeschooling und Ideen und Konzepte für eine "neue (digitale) Lernkultur".

Welche Erfahrungen machten in diesen Wochen Lehrerinnen und Lehrer in Vorbereitungsklassen[1]? Was waren ihre Perspektiven auf die "neue (digitale) Lernkultur" und was bedeutete das für ihre praktische Arbeit? Im Rahmen einer Expertinnen- und Expertenbefragung der Initiative "Migranten machen Schule / Stuttgart"[2] gaben Lehrende dazu Rückmeldung. Ihre Antworten legten die Grundlagen für das Projekt "Kollaborative Konzeptentwicklung: Digitales Lehren und Lernen in Vorbereitungsklassen (VKL/VABO)". Kennzeichnend für das Projekt ist, dass die beteiligten Lehrkräfte schrittweise wichtige Problemstellungen identifizieren und Handlungsmöglichkeiten erarbeiten. Dies setzt eine hohe Bereitschaft auf Seiten der Lehrkräfte voraus, ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu teilen und kontinuierlich zur Konzepterarbeitung beizutragen.

Die Antworten aus der Befragung zeigen ein breites Spektrum an Erfahrungen und Haltungen. Sie verweisen aber auch auf konkrete Handlungsbedarfe und Handlungsmöglichkeiten. Die Ergebnisse bilden im weiteren Verlauf des Projekts den Ausgangspunkt für die Suche nach Lerngelegenheiten, die den besonderen Lebens- und Lernbedingungen neu zugewanderter, geflüchteter Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Eltern Rechnung tragen. Auf diese Weise sollen Lernsettings gefördert werden, die Zugangs-Barrieren abbauen, statt nur nachträglich bei deren Überwindung zu helfen. Die Einbeziehung der Mehrsprachigkeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Selbstreguliertes Lernen

Zentral für die "neue Lernkultur" sind eigenständiges Lernen, Arbeit in offenen Projekten und Kooperation. "VKLer schaffen das nicht!" lautete eine Reaktion in der Befragung. Die Ablehnung der "neuen Lernkultur" für Schülerinnen und Schüler in Vorbereitungsklassen wird unter anderem damit begründet, dass die in VKL oft eher "bildungsfernen SuS damit überfordert sind" oder, wie mit Blick auf die offene Projektarbeit in Vorbereitungsklassen formuliert wird: "Eigenständiges Arbeiten funktioniert nur dann gut, wenn die Schüler über ausreichende sprachliche Kenntnisse verfügen". Daraus leiten sich für das Projekt unter anderem folgende Fragestellungen ab: Sprachbarrieren

Fehlende oder begrenzte Deutsch-Kenntnisse der Lernenden und ihrer Eltern gelten als zentrale Hindernisse der Kommunikation bei der Arbeit in Vorbereitungsklassen. In der Zeit der Schulschließungen führte das für die Lernenden der Vorbereitungsklassen zu deutlichen Einschränkungen der Lernmöglichkeiten: "Viele SuS der Regelklassen haben ihre Aufgaben gemeinsam im Chat bearbeitet. In den Vorbereitungsklassen war dies seltener der Fall, da es dort, unter anderem wegen der Sprachbarrieren und der kürzeren Verweilzeit, weniger enge Freundschaften gibt". Fehlende Deutsch-Kenntnisse haben außerdem Einfluss auf das Unterrichten: "Oftmals scheitert das Vermitteln […] fachliche(r) Kompetenzen […] an der Sprachbarriere."

Aufbauend auf den Erfahrungen der Lehrkräfte sollen jetzt exemplarische Handlungsmöglichkeiten und Antworten auf folgende Fragen gefunden werden: Digitales Lehren und Lernen

Die Erfahrungen der Lehrerinnen und Lehrer der VKL-Klassen zum Thema digitales Lehren und Lernen sind geprägt von den Schulschließungen im Frühjahr 2020. Der begrenzte Zugang vieler Schülerinnen und Schüler zum Internet und die mangelnde Ausstattung mit Endgeräten waren hohe Hürden für den Einsatz digitaler Lernangebote. Hinzu kamen seitens der Lehrkräfte zum Teil grundsätzliche Bedenken: "Fernlernunterricht [ist] für bildungsferne SuS und für absolute Anfänger beim Deutschlernen nicht zielführend. Solche SuS können auf diese Weise gar nichts lernen." Gleichzeitig wurde deutlich, dass gerade für digitale Lernsettings Aspekte wie Mehrsprachigkeit für eine gelingende Anwendung in Vorbereitungsklassen im Fokus stehen müssen: "Gerade im Hinblick auf Homeschooling ist es besonders wichtig, Aufgaben und Übungsformate sprachlich zu überdenken, da der Lehrer nicht unmittelbar zur Verfügung steht."

Im weiteren Verlauf des Projekts geht es darum, nach digitalen Möglichkeiten zu suchen, die das Handlungsrepertoire der Lehrkräfte erweitern: so könnte das Thema Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum mit Hilfe von Handyfotos erarbeitet werden (linguistic landscaping[3]), kollaborative Tools können für das (mehrsprachige) Beschreiben von zentralen Orten im Stadtteil genutzt werden (Demokratiebildung) und die Arbeit mit interaktiven Bildern könnte die Wortschatzarbeit erweitern.

Das Projekt soll schließlich auch Lern- und Erfahrungsraum für die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer sein: Wie die eigene Expertise einbringen? Wie Verantwortung für das gemeinsame "Produkt" übernehmen? Und wie können digitale Tools auch für eine verstärkte Kollaboration der Lehrenden genutzt werden?

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Hintergrundinformationen

Projekt „Kollaborative Konzeptentwicklung: Digitales Lehren und Lernen in Vorbereitungsklassen“

Lehrerinnen und Lehrer erarbeiten im Projekt der Initiative Migranten machen Schule/ Stuttgart gefördert durch die Partnerschaft für Demokratie Stuttgart / Demokratie leben! einen Konzeptentwurf für die Arbeit mit (neu) zugewanderten Schülerinnen und Schülern in Vorbereitungsklassen (VKL/VABO): Ausgehend vom Wissen und den Erfahrungen der Projektbeteiligten werden Handlungsmöglichkeiten dargestellt und Vorschläge für das Schuljahr 20/21 erarbeitet. Im Zentrum steht die Einbeziehung der Mehrsprachigkeit und die Nutzung digitaler Möglichkeiten für den Unterricht. Die Projektlaufzeit umfasst sechs Monate zwischen Juni und Dezember 2020. Einblick in den Stand des Projekts gibt ein Projekttagebuch. 2021 sollen die Projektergebnisse als interaktive Angebote und OER-Materialien online bereitgestellt werden.

Zur Person

Elisabeth Rangosch-Schneck ist Erwachsenenpädagogin. Sie arbeitet seit 2006 in der Lehrendenbildung mit dem Schwerpunkt Migration und koordiniert das Projekt „Kollaborative Konzeptentwicklung: Digitales Lehren und Lernen in Vorbereitungsklassen (VKL/VABO)“. Zentral für ihre Arbeit ist das „expansive Lernen“ (Holzkamp), das in der Aus- und Fortbildung von Lehrpersonen durch Lernwerkstatt-Arbeit und forschendes Lernen sowie die Nutzung dafür förderlicher digitaler Möglichkeiten umgesetzt wird.
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Fußnoten

1.
Vorbereitungsklassen bereiten an allgemeinbildenden Schulen (VKL) und Beruflichen Schulen (VABO) in Baden-Württemberg zugewanderte, geflüchtete Schülerinnen und Schüler mit geringen Deutschkenntnissen auf den Übergang in Regelklassen, in eine Berufsausbildung oder auf den Besuch eines weiterführenden Bildungsganges des beruflichen Schulwesens vor. (vgl. https://km-bw.de/,Lde/Startseite/Schule/Fluechtlingsintegration)
2.
Die Initiative „Migranten machen Schule!“ entstand 2006 mit dem Ziel, Lehrpersonen mit Migrationsbiografie und ihre Kompetenzen sichtbar zu machen, Professionalisierungsprozesse zu fördern und junge Migrantinnen und Migranten für den Lehrberuf zu gewinnen. Eine neue Homepage ist im Entstehen, Materialien und weitere Informationen können angefragt werden unter migranten.machen.schule.com.
3.
Linguistic Landscaping („Sprachlandschaften“) macht im öffentlichen Raum schriftlich vorhandene Sprachen sichtbar (Straßen- oder Hinweisschilder, Aushänge in Läden, Plakate usw.). Zunehmend wird das didaktische Potenzial der Methode auch für den Unterricht (vgl. Projekttagebuch S. 16) genutzt.

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