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28.9.2021

Die Nachricht als "Beifang“

Nina Heinrich am 29.09.2021

Welche Rolle sollten Nachrichten bei der Medienkompetenzschulung junger Menschen spielen? Wir haben Uwe Hasebrink von der Studie #UseTheNews und Kerstin Schröter von Journalismus macht Schule im Doppelinterview befragt.

Jugendliche konsumieren Nachrichten überwiegend während der Nutzung sozialer Medien. (© cottonbro pexels.com)


Worum genau geht es bei der Studie #UseTheNews? Und inwiefern unterscheidet sich der Online-Nachrichtenkonsum bei Jugendlichen, also Schülerinnen und Schülern, von dem älterer Menschen?

Uwe Hasebrink: #UseTheNews ist eine sehr große, viele journalistische Nachrichtenmedien umfassende Initiative, die sich mit der Frage auseinandersetzt, wie Jugendliche und junge Erwachsene besser mit Nachrichten erreicht werden können. Sie besteht aus drei Elementen: So wollen wir Wissen darüber bereitstellen, wie Jugendliche und junge Erwachsene eigentlich mit Medien umgehen – das ist der wissenschaftliche Teil. Dann gibt es einen eher journalistisch-praktischen Teil, sogenannte Journalismus-Labore, in dem die beteiligten Nachrichtenunternehmen innovative Ansätze der Nachrichtengestaltung oder Nachrichtenaufbereitung ausprobieren. Sie erhoffen sich davon, damit junge Menschen zu erreichen. Der dritte Strang ist eher bildungsorientiert und stellt die Frage, was die Schule, aber auch andere Bildungseinrichtungen dazu beitragen können, dass Nachrichten einen stabileren Platz im Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen einnehmen. Hier entsteht möglicherweise der Eindruck, dass Jugendliche und junge Erwachsene kein Interesse an Nachrichten haben, dass sie diese weniger nutzen, vor allem die etablierten Nachrichtenformate, also etwa Fernsehnachrichten, Radionachrichten oder die Tageszeitung überhaupt nicht in ihren Alltag integrieren.

Tun sie das denn?

Uwe Hasebrink: Ich finde in diesem Zusammenhang den direkten Vergleich zwischen jungen und älteren Menschen nicht ganz angemessen, weil wir in gewisser Weise Äpfel mit Birnen vergleichen. Es ist, seit ich mich erinnern kann, immer so gewesen, dass jüngere Menschen weniger Nachrichten nutzen als ältere Menschen, dass die Kinder in der Familie weniger Nachrichten nutzen als ihre Eltern, dass die Schüler und Schülerinnen weniger Nachrichten nutzen als ihre Lehrenden und so weiter. Das ist also ein alter Befund, der erstmal damit zusammenhängt, dass das Interesse an dem, was wir Nachrichten nennen, wachsen muss. Kleinere Kinder haben ganz andere Entwicklungsaufgaben als größere Kinder und diese wiederum ganz andere als Jugendliche. Das heißt, ihren Alltag begleiten auch andere Aufgaben als etwa einen Menschen Mitte fünfzig, wo man sich beispielsweise damit auseinandersetzen muss, wie die wirtschaftliche Entwicklung oder wie sicher der Arbeitsplatz ist. Wenn wir genauer hinschauen, dann gibt es selbst innerhalb der jüngeren Altersgruppen gewaltige Unterschiede – zum Beispiel gibt es unter den 14 bis 17-Jährigen eine Teilgruppe, die richtig journalistisch interessiert ist, die gezielt und relativ häufig Radionachrichten oder Fernsehnachrichten konsumiert oder Online-Magazine liest, durchaus auch auf Twitter aktiv ist und andere Dienste nutzt, um sich zu informieren.

Und welche Faktoren entscheiden darüber, ob Jugendliche sich für Nachrichten interessieren?

Uwe Hasebrink: Der vermutlich wichtigste Faktor ist nach unseren Daten die formale Bildung. Man könnte uns vorwerfen, dass diese Erkenntnis nicht besonders produktiv ist, mal wieder festzustellen, dass diejenigen, die zum Gymnasium gehen, andere Voraussetzungen mitbringen als diejenigen, die zur Hauptschule gehen. Ich würde dieses Argument gerne produktiv umdrehen: Auch, wenn sowas per se erstmal mit Bildung zu tun hat, sind innerhalb einer Bildungsstufe wiederum unglaubliche Spielräume zu entdecken. Wer in der Hauptschule guten Unterricht durch engagierte Lehrerkräfte erlebt, hat potenziell ein höheres Nachrichteninteresse als andere. Ich verstehe formale Bildung nicht so sehr als einen starren Faktor, der festschreibt, wer in der Gesellschaft "gute Chancen" oder "schlechte Chancen" hat, sondern sehe das eher als Herausforderung und Chance für alle Bildungseinrichtungen.

Kerstin Schröter: Der Online-Journalismus stellt die junge Generation außerdem vor neue Herausforderungen: Viele Jugendliche können Nachrichten und andere Informationen nicht oder nur schwer unterscheiden. Das haben sie auch nicht gelernt, und es gibt im Internet ein anderes Layout, als wir es aus Zeitungen kennen. Auch die Konzentrationsspanne ist kürzer geworden sodass sich viele beim Recherchieren mit den ersten Ergebnissen bei Google zufriedengeben. Das grundsätzliche Interesse an Informationen und Nachrichten im Speziellen ist aber viel größer als wir denken. Es muss nur geweckt werden. Zum Beispiel lese ich mit meinen Schülerinnen und Schülern einmal die Woche On- und Offline-Nachrichten Es hat sich ritualisiert, dass wir uns so gemeinsam informieren. Im Anschluss tauschen wir uns über die Themen aus und verbinden so Deutsch und Gesellschaftskunde miteinander, wodurch sich der Wortschatz erweitert. Und wenn der wächst, trauen sich die Schülerinnen und Schüler auch schwierigere Texte und längere journalistische Veröffentlichungen zu lesen. Die Presselektüre muss bestenfalls in der Schule stattfinden, zu Hause ist das eher schwierig.

Welche Zeitungen lesen Sie im Unterricht – und warum auch als Printausgabe?

Kerstin Schröter: Wir lesen, was die Schülerinnen und Schüler im engeren Kreis betrifft, also hier in Hamburg zum Beispiel das Hamburger Abendblatt oder auch Lokalnachrichten aus den Stadtteilen, sodass die Jugendlichen interessante Themen finden können. Es ist am Anfang manchmal zielführender, gemeinsam eine Print-Zeitung zu lesen und zu zeigen, welche journalistischen Darstellungsformen es gibt, weil diese vom Layout besser auseinandergehalten werden können als online. Sobald Jugendliche den Unterschied zwischen Meinung und Nachricht kennen, fällt es ihnen leichter, beides auch in den Sozialen Medien differenzierter zu betrachten. Wenn wir ein Thema gefunden haben, wozu verschiedene Medien verschiedene Aussagen treffen – dann wird es spannend. Das ist ein guter Aufhänger zum Beispiel für das Thema "Fake News".

…und auch für die Tatsache, dass unterschiedliche Medien unterschiedlich politisch gefärbt sind?

Kerstin Schröter: Das auch. Ein Problem ist aber, dass Nachrichten speziell für Jugendliche in diesen Zeitungen eigentlich fehlen.

Abseits des Schulunterrichts: Wo informieren sich Jugendliche heute in der Regel?

Uwe Hasebrink: Größtenteils über Soziale Medien. Das sind die mit Abstand am häufigsten genutzten Nachrichtenquellen. Dabei hat beispielsweise die Corona-Pandemie eher zu einem Anstieg der Nachrichtennutzung geführt. Es ist ein Charakteristikum dieses Themas, dass es eine direkte Koppelung zwischen persönlicher Betroffenheit, großen strukturellen weltpolitischen und wissenschaftlichen Fragen gibt. Die für Jugendliche besonders wichtige Frage in Hinblick auf Nachrichten ist: Inwiefern ist das für mich relevant? Sei es nun die gesundheitliche Sorge, aber auch die Kenntnis über die ergriffenen politischen Maßnahmen – also, dass ich weiß, was ich eigentlich darf und muss und was möglich ist oder nicht, was ich mitbringen muss, um zu einem Konzert zu gehen oder zum Fußball. Das schafft ja ein Informationsbedürfnis, das dann über Nachrichtenmedien erfüllt wird.

Welche Plattformen werden dafür genutzt?

Uwe Hasebrink: Bei den Jüngeren steht Facebook nicht mehr so im Vordergrund, wie das früher einmal der Fall gewesen ist, ist aber immer noch wichtig. Instagram spielt quantitativ die größte Rolle. Twitter ist mehr eine Randerscheinung, ein Feld für den Journalismus selbst oder auch für Wissenschaft und Politik. Abgesehen von der konkreten Nutzung ist vor allem interessant, dass Jugendliche in den Sozialen Medien mehr oder weniger unbeabsichtigt auf Nachrichten stoßen. Sie sind dort in der Regel nicht, um gezielt nach Nachrichten zu suchen. Nachrichten sind, wie mein Kollege Sascha Höflich das oft nennt, eher der "Beifang" der normalen sozialen Mediennutzung im Netz. Historisch gesehen ist auch das nichts Neues. Ich habe mich mal vor Jahrzehnten damit auseinandergesetzt, wieso gerade das Radio für Jugendliche ein wichtiges Nachrichtenmedium war. Es lag auch damals daran, dass die Jugendlichen das Radio wegen der Musik benutzt haben. Sie haben das Medium nicht genutzt, um sich gezielt zu informieren, sondern sie wollten sich unterhalten. So ähnlich ist das heute bei Sozialen Medien auch.

Nachrichten werden also über Soziale Medien eher zufällig konsumiert und sind daher oft nicht so stark in einen Kontext eingebettet. Wäre es Ihrer Meinung nach Aufgabe der Schule, diese Lücke zu schließen?

Uwe Hasebrink: Ein für den Unterricht geeigneter Anknüpfungspunkt wäre etwa die Frage: Was bringt dich dazu, eine bestimmte Nachricht mit deinen Freunden zu teilen oder sie weiterzuleiten oder zu kommentieren? Genau das sind ja die alltäglichen Erfahrungen, die Jugendliche machen. Das meiste rauscht an ihnen vorüber, aber manchmal sagen sie "Das schicke ich weiter" oder "Da kommentiere ich sogar etwas dazu" – das passiert nicht oft, aber ich glaube, hier findet sich ein wichtiger Aspekt in der Beziehung von Jugendlichen und Nachrichten.

Kerstin Schröter: Ja, auf jeden Fall, denn im Prinzip sind Jugendliche genauso neugierig, wie Journalistinnen und Journalisten. Es sollte Teil des Curriculums sein, dass Kinder und Jugendliche, sobald sie lesen und schreiben können, auch lernen, Informationen zu analysieren. In den Lehrplänen festgeschrieben und am Ende geprüft wird auch, ob die Lernenden Berichte, Nachrichten und Meinungen unterscheiden können. "Nachrichtenbildung" ist nicht ganz treffend, da Jugendliche ja viel mehr Informationen als Nachrichten konsumieren, von ihren Freunden, Bekannten und aus Kanälen, die sie abonnieren. Das sind nicht alles Nachrichten, sondern auch Beiträge, lustige Videos oder Schminktipps. Nachrichtenkompetenz ist deshalb zu eng gefasst. Tatsächlich müssten Jugendliche Informationskompetenz haben, bevor sie Nachrichtenkompetenz erlernen könnten.

Glauben Sie, dass sich die Ergebnisse der #UseTheNews-Studie in Zukunft ändern würden, wenn Mediennutzung im Schulcurriculum eine größere Rolle spielte?

Uwe Hasebrink: Ich hoffe, dass das einen Effekt hätte. Wir erleben derzeit im öffentlichen Diskurs eine Krise der Empirie-geleiteten Vernunft. Wir machen uns viele Gedanken über Verschwörungstheorien, über abstruse Falschaussagen, über Wissenschaftsskeptizismus, es herrscht auch eine Stimmung grundsätzlicher Journalismuskritik. Ich bin nicht jeden Tag in der Schule, deswegen halte ich mich damit zurück, den Kolleginnen und Kollegen dort neue wichtige Aufgaben zuzuschanzen. Aber wenn ich das machen sollte, dann würde ich genau hier ansetzen: Wo ist der Unterschied zwischen Meinungen und Behauptungen, zwischen einer schnell rausgeschossenen These und einer mühevollen, kritischen, reflektierenden oder Beobachtungen sammelnder Evidenz? In der Hinsicht sehe ich die großen gesellschaftlichen Funktionen, die Bildung, Journalismus und Wissenschaft haben, sehr eng beieinander.

Was also wäre Ihr Plädoyer für jugendfreundlichen Journalismus?

Uwe Hasebrink: Eine Botschaft, die wir bei #UseTheNews vertreten, ist: Versucht nicht, euch den Jugendlichen anzubiedern, indem ihr Nachrichten produziert, die sich mehr nach Hitparade als Journalismus anhören, sondern seid Nachrichten und bekennt euch dazu, Nachrichten im guten Sinne zu sein: Solche, die den Anspruch haben, gut recherchiert zu sein und sich zu unterscheiden von plumpen Meinungsäußerungen. Alles andere geht auf Kosten der journalistischen Qualität.

Kerstin Schröter: Richtig, wir haben einen Bildungsauftrag und das heißt, die Jugendlichen müssen schon mit einem bestimmten Niveau an Texten oder Videos konfrontiert werden, weil sie auch die Möglichkeit haben sollten, ihre Sprache, ihren Horizont und ihr Wissen weiterzuentwickeln.

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Über unsere Interviewpartnerin und unseren Interviewpartner

Interviewpartner Uwe Hasebrink (© Hans-Bredow-Institut)

Uwe Hasebrink ist Leiter des Forschungsprojekts #UseTheNews. Er ist seit 1986 am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) tätig. 2001 wurde er von der Universität Hamburg und dem Hans-Bredow-Institut auf eine Professur für Empirische Kommunikationswissenschaft berufen. Die Schwerpunkte seiner Forschung am Institut liegen in den Bereichen Mediennutzung und Medieninhalte sowie Medienpolitik.

Interviewpartnerin Kerstin Schröter (© privat)

Kerstin Schröter bringt als ehemalige Journalistin ihre Medienerfahrungen in ihre Tätigkeit als Lehrerin und Dozentin in der Lehrkräfte-Aus- und Fortbildung ein. Sie hat das digital.learning.lab inhaltlich mitentwickelt und veröffentlich dort u.a. Stundenentwürfe zu den Themen "Fake News“ und "Journalistisches Lernen“. Sie gehört zum bundesweiten Netzwerk Journalismus macht Schule und berät auch beim "dritten Strang“, den Bildungsangeboten, von #UseTheNews.

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