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23.6.2021

Im Praxistest: Was geht? Menschenwürde und Co. Das Heft über Grundrechte

Im Frühling des Jahres 2021 hatte die weltweite Corona-Pandemie bereits seit mehr als einem Jahr das Leben der meisten Menschen in Deutschland beeinflusst. Im März diesen Jahres begann der Kampf gegen eine dritte Infektionswelle mit einem erneuten Lockdown, Distanzunterricht und – zu diesem Zeitpunkt erstmalig – den ersten Ausgangsbeschränkungen auf Bundesebene. Mit Hilfe dieser Maßnahmen sollten das Virus und steigende Inzidenzzahlen gebremst werden. In der gleichen Zeit wurden Begriffe wie "Grundrechte" und "Menschenrechte" in den Medien diskutiert. Hintergrund war eben jene Einschränkung dieser Rechte, um im Frühjahr 2021 die dritte Infektionswelle zu brechen. Durch Distanzunterricht und homeschooling sahen viele beispielsweise das Recht auf Bildung bei Kindern und Jugendlichen gefährdet. Die Ausgangssperren sorgten für starke Kritik, da Politikerinnen und Politiker, Verbände und zahlreiche andere Menschen hier Grundrechte unausgewogen verletzt sahen.

Für viele Menschen in Deutschland waren bis dato Menschen- und Grundrechte eher ein abstrakter Begriff, da diese Rechte für uns wohl vollkommen alltäglich sind und selten hinterfragt werden. Gleichzeitig gibt es auf der Welt zahlreiche Staaten, in denen Menschenrechte und Freiheiten bis heute eingeschränkt sind – und das teilweise sehr drastisch. Zudem hat jüngst der Autor Ferdinand von Schirach in seinem kurzen Band Jeder Mensch die These aufgestellt, dass unsere derzeitigen Menschenrechte zwar richtig und wichtig, jedoch inaktuell sind, beziehungsweise im Laufe der Zeit nicht ergänzt wurden. Daher formulierte von Schirach sechs weitere Artikel, darunter zum Beispiel das Recht eines jeden Menschen auf eine geschützte und gesunde Umwelt, auf digitale Selbstbestimmung oder das Recht auf Transparenz bei digitalen Algorithmen.

Was jedoch sind Menschenrechte? Was sind Grund- und Bürgerrechte? Wer hat ein Recht auf diese Rechte? Diesen Fragen geht das vorgestellte Material der bpb nach.

Konzeption des Materials

Auf elf Doppelseiten nähert sich das Heft dem Leitthema auf sehr spielerische Art und Weise an. Ein kurzes Quiz mit sechs Fragen dient als Einstieg und sorgt für eine erste Orientierung. Eine fiktive Foto-Story leitet hin zu Artikel 3 des Grundgesetzes (Gleichheit vor dem Gesetz und Verbot von Diskriminierung). Für jugendliche Lernende dürften die O-Töne auf Seite 9 und 14 interessant sein, da dort Zitate des Schauspielers Elias M’Barek und der YouTuberin Bibi zu Grundrechten zu finden sind. Weitere Materialien finden sich u.a. in Form eines allgemeinen Informationsüberblicks über Menschenrechte, einem kurzen Comic-Strip zum Thema Frauen in der Bundeswehr als Beispiel der Gleichberechtigung und weiteren, illustrierten Daten und Fakten. Am Ende des Heftes findet man die Auflösung des Quiz mit tiefergehenden Erläuterungen. Das Heft ist optisch sehr auffällig gestaltet, das Layout recht bunt und bildlastig, längere Texte finden sich nicht. Für Lehrkräfte gibt es zudem ein vierseitiges Begleitheft, welches allgemeine Infos zum Thema, Unterrichtsvorschläge, Kompetenzerwartungen und weiterführende Links bereithält.

Einsatzmöglichkeiten und Anregungen für den Unterricht

Das Thema Menschenrechte ist nicht nur aufgrund der aktuellen Geschehnisse als Thema für den Unterricht interessant, sondern auch mehr oder weniger konkret in den Curricula diverser Schulfächer – wie beispielsweise Politik, Sozialwissenschaften, Geschichte oder Philosophie/Ethik – verankert. Die auffällige Konzeption des Materials und die bewusst jugendnahe Gestaltung, gepaart mit dem Verzicht auf lange theoretische Texte, wirken sicherlich auf viele Lernende motivierend. Gleichzeitig sorgt dies dafür, dass das Material eher als Türöffner zu dem doch sehr umfangreichen Themenkomplex verstanden werden sollte.

Das Quiz zu Beginn des Heftes eignet sich gut für einen Einstieg in die Reihe, um bei den Lernenden Vorwissen abzufragen und möglicherweise erste Schwerpunkte zu setzen. Die Foto-Story wirkt zwar stellenweise eher künstlich und konstruiert (wenn dies auch ein zulässiges Stilmittel dieses Mediums sein mag), bietet jedoch diverse Anknüpfungspunkte, um beispielsweise Alltagserfahrungen zum Thema Diskriminierung bei Schülerinnen und Schüler zu erfragen. Je nach Planung der Sequenz und der Jahrgangsstufe der Lerngruppe haben die O-Töne von Elias M’Barek und Bibi durchaus Potential für eine Stundeneröffnung oder die Vertiefung zum Ende einer Stunde – zumal beide Personen fast allen Lernenden bekannt sein dürften und somit auch einen direkten Lebensweltbezug bieten. Um das Thema Grundrechte zu vertiefen, eignet sich das Material jedoch nur bedingt. Hier wird die fehlende Informationsdichte doch deutlich. Jedoch ist noch einmal hervorzuheben, dass eine tiefergehende Behandlung des Themas auch nicht das Ziel des Heftes ist.

Die Doppelseite Daten und Fakten lässt sich nutzen, um davon ausgehend die Bedeutung und Tragweite bestimmter Menschenrechte zu vertiefen. Es werden beispielsweise die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes mittels einer Illustration dargestellt, welche gemeinhin als Grundrechte gelten. An dieser Stelle dient eine weitere Grafik der Bundeszentrale für politische Bildung als gelungene Ergänzung, um den Unterschied zwischen Bürger- und Grundrechten zu visualisieren. Hier zeigt sich, dass in Deutschland viele Grundrechte nicht nur deutschen, sondern allen Staatsbürgerinnen und -bürgern zustehen. Ein weiterer Untersuchungsschwerpunkt könnte danach die Analyse von Menschenrechten weltweit sein. Das interaktive Kartenmodul der bpb bietet hier die Möglichkeit, die Entwicklung der weltweiten Menschenrechte von 1993 bis 2014 zu zeigen und Lernende dafür zu sensibilisieren, dass Menschenrechte, obwohl seit 1948 existent, für viele Menschen auf der Welt eben noch nicht selbstverständlich sind. Einziger Wermutstropfen hierbei ist das Alter der interaktiven Karte. Ein Update, um auch die gegenwärtigen Entwicklungen zu zeigen, wäre wünschenswert.

Das didaktische Begleitheft schlägt für den hier besprochenen Themenkomplex eine weitere eher spielerische Herangehensweise vor, bei der 20 Forderungen mit den vorgestellten Grundrechten verknüpft werden sollen und anschließend zehn dieser Forderungen gestrichen werden müssen. Die übrigen Forderungen sollen dann in ein Ranking nach Wichtigkeit eingeordnet werden. Hier wird deutlich, dass wir heutzutage eigentlich auf keines unserer Grundrechte verzichten wollen und selbst eine Rangfolge nach Wichtigkeit sehr schwierig aufzustellen ist.

Des Weiteren wäre es denkbar – um von Schirachs Forderung nach einer Erweiterung der Menschenrechte erneut heranzuziehen – die Idee einer Ergänzung der Artikel an die Lernenden weiterzugeben und in diesem Zusammenhang zu fragen, welche Rechte sie sich wünschen würden, die derzeit nicht in unseren Grund- und Menschenrechten zu finden sind.

Fazit

Insgesamt hinterlässt das Heft Was geht? Menschenwürde und Co. Das Heft über Grundrechte einen positiven Eindruck. Die Aufmachung ist sehr schülerorientiert und die Inhalte bieten einen gelungenen fachübergreifenden Einstieg in das Thema. Die Informationsdichte könnte insgesamt etwas höher sein, beziehungsweise das Heft um zwei bis drei Doppelseiten umfangreicher, um die einzelnen Schwerpunkte vertiefen zu können. Trotzdem bieten sich viele Anknüpfungspunkte, die auch in dem gelungenen didaktischen Begleitheft erläutert werden.

Zugriff

https://www.bpb.de/shop/lernen/was-geht/242698/menschenwuerde-co-das-heft-ueber-grundrechte, letzter Zugriff am 07.05.2021.

Marcus Kemmerich

Marcus Kemmerich

Marcus Kemmerich ist Politik- und Geschichtslehrer in Münster.


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