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10.6.2014

M 03.04 Vierte Macht im Staat? Die Nationalmannschaft erreicht jeden Winkel der Gesellschaft

Das Material befasst sich mit der Rolle der Nationalmannschaft in der Gesellschaft. Dabei wird erklärt, dass viele "Winkel" unserer Gesellschaft durch die Nationalmannschaft erreicht werden und kaum eine Gesellschaftsgruppe unberührt davon bleibt.

Die Nationalmannschaft erreicht alle Einkommensklassen gleichermaßen
Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass die Identifikation mit der Nationalmannschaft einkommensunabhängig ist. So bestehen im Mittelwertvergleich über alle Einkommensklassen hinweg (500 EUR bis über 4.000 EUR Nettoverdienst pro Monat) keine signifikanten Unterschiede. Im Gegensatz zur Nationalmannschaft bestehen hinsichtlich der Identifikation mit Bundesligaclubs zwischen Umfrageteilnehmern aus verschiedenen Einkommensgruppen hochsignifikante Unterschiede. Personen aus den untersten Einkommensgruppen (<500 EUR Nettoverdienst pro Monat) identifizieren sich dabei signifikant mehr mit ihrem Lieblingsclub als Personen aus höheren Einkommensgruppen.

Die Nationalmannschaft erreicht gesellschaftlich wenig engagierte genauso wie sozial vernetzte Personen
Die Identifikation mit der Nationalmannschaft ist unabhängig vom persönlichen Engagement in einem Verein oder einer wohltätigen Organisation. Die Nationalmannschaft erreicht damit auch diejenigen, die weniger aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Vereinsfußballspieler bilden hier die Ausnahme, da sie sich erwartungsgemäß starker mit der Nationalmannschaft identifizieren als andere. Aus der statistischen Analyse der Umfragedaten resultiert zudem, dass Beziehungsstatus, Bildungsniveau, Staatsangehörigkeit und Verweildauer in Deutschland einen signifikanten Einfluss auf die Identifikation der Umfrageteilnehmer mit der Nationalmannschaft ausüben.

Singles identifizieren sich mehr mit der Nationalmannschaft als Personen in einer festen Beziehung
Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die Identifikation mit der Nationalmannschaft mit zunehmender Bindung an einen Partner abnimmt. Alleinstehende weisen die höchste, Verheiratete die geringste Identifikation mit der Nationalmannschaft auf. Die Identifikationswerte von Unverheirateten, die aber in einer Beziehung leben, liegen dazwischen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Nationalmannschaft durchaus als ≫Beziehungsersatz ≪ dienen kann.

Weniger Gebildete identifizieren sich stärker mit der Nationalmannschaft als Akademiker
Die Auswertung zeigt, dass mit steigendem Bildungsniveau die Identifikation mit der Nationalmannschaft sinkt. Die höchsten Identifikationswerte weisen Personen ohne Schulabschluss auf, die geringsten Werte dagegen promovierte Umfrageteilnehmer. Es liegt nahe, dass mit zunehmender Bildung Themen außerhalb des Fußballs an Bedeutung gewinnen.

Ausländische Umfrageteilnehmer identifizieren sich stärker mit der Nationalmannschaft als deutsche
Die Identifikation mit der Nationalmannschaft ist abhängig von der Staatsangehörigkeit der Befragten. So identifizieren sich ausländische Umfrageteilnehmer starker mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft als deutsche. Ihr Identifikationswert sinkt, je langer sie bereits in Deutschland ansässig sind, und nähert sich dem Wert von deutschen Staatsbürgern über die Zeit an. Dieser Zusammenhang wird weder durch das Alter noch durch das Bildungsniveau der Befragten signifikant beeinflusst. Im Gegensatz zur Nationalmannschaft ist hinsichtlich der Identifikationswirkung eines Bundesligaclubs zwischen deutschen Staatsangehörigen und ausländischen Umfrageteilnehmern kein Unterschied zu beobachten. Demnach erscheint die Nationalmannschaft aufgrund ihrer Breitenwahrnehmung in der Bevölkerung gerade für ausländische Mitbürger als wichtiger Anknüpfungspunkt für ihre gesellschaftliche Integration. Aufgrund ihrer landesweiten Strahlkraft über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg erscheint der Vergleich mit den drei staatlichen Gewalten: der Judikative, der Legislative und der Exekutive gar nicht so abwegig. Häufig wird ja bereits von den öffentlichen Medien als vierte, virtuelle Macht im demokratischen System der Gewaltenteilung gesprochen. Ähnlich wie den Medien konnten der Nationalmannschaft auch eine Sozialisations-, Integrations-, Rekreations-, Gratifikations- und soziale Orientierungsfunktion (siehe Burkart, 2002; Ronneberger, 1971, 1985; Saxer, 1974) und damit durchaus die Legitimität einer vierten Macht im Staat zugesprochen werden.

Zitatesammlung: Aus: Schmidt, Prof. Dr. Sascha L.; Bergmann, Andreas: Wir sind Nationalmannschaft - Analyse der Entwicklung und gesellschaftlichen Bedeutung der Fußball-Nationalelf. ISBS Research Series – Issue 7. 2013. S. 25ff.
www.ebs.edu/dfbstudie (06.06.2014)


Arbeitsaufträge:
Einzelarbeit
Gruppenarbeit
  1. Arbeitet heraus welche Rolle die Nationalmannschaft in der Gesellschaft spielt.
  2. Wo gibt es Unterschiede und wo Gemeinsamkeiten?
  3. Ist „Vierte Macht im Staat“ eine passende Bezeichnung?
  4. Erstellt ein Schaubild mit euren Ergebnissen.


Eine Druckversion des Arbeitsblatts steht als PDF-Icon PDF-Datei zur Verfügung.
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