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21.9.2012

Baustein 3: Wann ist eine Wahl fair? Die Wahlrechtsgrundsätze

Dieser Baustein hat das Ziel, den Schülerinnen und Schülern einen knappen und fokussierten Einblick in ausgewählte Etappen der Entwicklung des deutschen Wahlrechtes zu geben.

Die Schülerinnen und Schüler… Eine tabellarische Übersicht über den Verlauf des Bausteins steht als PDF-Icon PDF-Dokument zum Download bereit.

Den Einstieg in den Baustein liefert ein Zitat des RCDS-Vorsitzenden Gottfried Ludewig (MW 03.01), der im Frühjahr 2008 ein doppeltes Stimmrecht für so genannte Leistungsträger zulasten von Sozialhilfeempfängern und Rentnern vorschlug. Aufgabe der Schülerinnen und Schüler ist es, die Forderung des Jungpolitikers als grundgesetzwidrig und unvereinbar mit den Wahlrechtsgrundsätzen zu identifizieren.

Basierend auf dieser antiquiert-undemokratischen Forderung stellt sich den Schülerinnen und Schülern die Frage, wie sich das heutige Wahlrecht entwickelt hat. Zur Untersuchung dieser Fragestellung erarbeiten sie dabei nicht nur verschiedene Texte, sondern visualisieren die Selektivität des Wahlverfahrens mittels Rollenkarten.

Dazu lesen die Jugendlichen zunächst einen Grundlagentext zum jeweiligen Wahlverfahren (MW 03.04- MW 03.05) und beantworten in Einzelarbeit Fragen zu den Merkmalen des jeweiligen Verfahrens. In einer zweiten Phase werden den Schülerinnen und Schülern mittels Rollenkarten (MW 03.03) verschiedene Rollen zugewiesen (Geschlecht, Alter, Bürgerstatus, Einkommen, Anteil am Steueraufkommen), die sie qua Definition des jeweiligen Wahlrechts entweder in den Stand eines Wählers heben oder aber auch vom Wahlvorgang ausschließen. Dazu stehen zunächst diejenigen Schülerinnen und Schüler auf, die gemäß ihrer Rolle nach dem damals geltenden Recht wahlberechtigt waren. Den Schülerinnen und Schülern wird so bewusst, inwiefern das jeweilige System Bevölkerungsgruppen ausschloss. Beim Zensuswahlrecht sollten zudem durch die Kennzeichnung der verschiedenen Steuerklassen die Ungerechtigkeiten im Stimmgewicht bei der Wahl der Wahlmänner deutlich gemacht werden. Zentrale Momente für die Bewertung der verschiedenen Wahlrechtsmodelle sollten dabei die Kriterien der Repräsentativität, der Stimmgewichtung (Gleichheit) sowie der Volkssouveränität sein. Um die Spannung zu erhöhen und die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler zu erhalten, können die Rollenkarten nach jeder Visualisierung neu gemischt und verteilt werden.

Wahlrecht ab Geburt?



Runter mit dem Wahlalter! (© Barbara Henniger)

Einen kritischen Blick auf die Repräsentativität des heutigen Wahlrechts soll die anschließende Vertiefungsphase bieten (fakultativ). Für den Fall, dass die Schülerinnen und Schüler in der Bewertung des geltenden Wahlrechts der BRD keine Defizite in puncto Repräsentativität der Bevölkerung entdecken, kann mit Hilfe der Tortengrafik zum Anteil der unter-18-jährigen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung (MW 03.07) deutlich gemacht werden, dass auch in diesem Verfahren einige Bevölkerungsteile ausgeschlossen werden. Alternativ kann auch die Karikatur "Runter mit dem Wahlalter!" (MW 03.06) herangezogen werden (Karikatur interpretieren). Die Problemfrage der anschließenden Phase lautet: "Soll eine Absenkung des Wahlalters oder gar ein Wahlrecht ab Geburt eingeführt werden?" Dazu führt die Lehrkraft zunächst eine Erstabstimmung durch, in deren Anschluss die Schülerinnen und Schüler ein Spontanurteil abgeben können (Politische Urteilsbildung einüben). Eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit der Thematik erfolgt dann in der Erarbeitungsphase. Dazu werden die Jugendlichen in Gruppen eingeteilt (idealerweise nach ähnlichem Standpunkt). Sie beschäftigen sich dazu zunächst entweder nur mit den Argumenten der Befürworter oder mit den Argumenten der Gegner eines Wahlrechts ab Geburt. Geleitet von Fragen arbeiten sie dazu in Einzelarbeit die zentralen Argumente aus den Texten heraus. Diese besprechen und diskutieren sie anschließend in der Gruppe. Auf Basis dieser Arbeit fertigen sie Spickzettel mit den wichtigsten Pro- bzw. Contra-Argumenten an (Spickzettel anfertigen). Ausgerüstet mit diesem Spickzettel und einem weiteren leeren Blatt Papier und Schreibgerät werden die gefundenen Argumente im Kugellagergespräch mit einem Partner von der jeweils anderen Argumentationsgruppe besprochen (Kugellagermethode). Dazu machen sich die Partner jeweils Notizen zu den Hauptargumenten des Gesprächspartners. Eine Diskussion über die eigenen Standpunkte bildet den Abschluss des ersten Paargespräches. Auf Anweisung der Lehrkraft und idealerweise nach einer vorgegebenen Zeit rücken die Schülerinnen und Schüler jeweils einen Stuhl weiter und wiederholen das Prozedere.

In der Plenumsphase wird eine erneute Abstimmung durchgeführt. Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Gelegenheit ihren Standpunkt zum Thema darzulegen. Interessant dürfte es werden, wenn sich Schülerinnen und Schüler im Studium der Texte oder aber im Austausch mit dem Partner von einer anderen Meinung haben überzeugen lassen.

Am Beispiel der Diskussion um eine Herabsetzung des Wahlalters lässt sich zudem verdeutlichen, dass Wahlrechtsfragen zum Teil auch heute noch Setzungen sind und immer auch mit Machtfragen verbunden sind. Welche Chance haben z.B. kinderreiche Familien, ihrer Sichtweise in der Politik Gehör zu verschaffen?

Es gilt auch die Auswirkungen einer radikalen Absenkung des Wahlalters zu bedenken: Die Parteien müssten sich schwerpunktmäßig der Familienpolitik widmen! Nähere Informationen zur Diskussion um das Wahlrechtsalter finden sich beim Unterrichtskonzept FAIRURTEILEN unter www.pbnetz.de.

Wolfgang Sander, Angela Gralla, Sabine Kühmichel, Julia Haarmann

Zur Person

Wolfgang Sander

Prof. Dr. phil., geb. 1944; Erziehungswissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Anschrift: Westfälische Wilhelms-Universität, Institut für Erziehungswissenschaft, Georgskommende 33, 48143 Münster.
E-Mail: sander@uni-muenster.de


Angela Gralla

Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität
Lehrerin für die Sekundarstufe I und II


Sabine Kühmichel

Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster


Julia Haarmann

Zentrum für Lehrerbildung, Westfälische Wilhelms-Universität Münster


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