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24.9.2012

MB 02.10 Aufgaben und Ziele des Wahlkampfes

Definition und Stellenwert des Wahlkampfes
Der Wahlkampf ist die politische Auseinandersetzung von Parteien und Wählervereinigungen um Zustimmung des Bürgers zu Personen und Programmen; letztlich um die politische Herrschaft. […] Dieser Wahlkampf kann wiederum unterteilt werden in "Vorwahlkampf" und "heiße Phase", die in der Regel die letzten drei bis vier Wochen vor dem Wahltag ausmacht.
Träger des Wahlkampfes sind bei der Bundestagswahl wie auch bei den Landtags- und Europawahlen fast nur noch die Parteien. Sie allein verfügen über die finanziellen Mittel und personellen Kapazitäten, um einen Wahlkampf zu führen. Sie präsentieren im Wahlkampf dem Bürger ihre Ziele und führen ihm ihr personelles und sachliches Angebot vor Augen und Ohren. Sie versuchen, die Zustimmung und Sympathien der Bürger zu gewinnen, um am Wahltag ihre Stimme zu erhalten. In dieser Zeit verschärft sich die politische Auseinandersetzung zwischen den Parteien, und die Bürger werden intensiver als sonst angesprochen. Der Wahlkampf ist die Zeit der Stimulanz für Politiker und Wähler, findet in ihm doch sichtbar das Ringen um unterschiedliche Ziele und Wege zur Lösung der in der Gesellschaft anstehenden Probleme statt. Jedoch ist der Wahlkampf auch die Zeit, in der an die Emotionen der Bürger appelliert wird, indem mit Vereinfachungen bis hin zu Schlagworten und Leerformeln, kurz, mit Entpolitisierung, gearbeitet wird. So kann der Wahlkampf, anstatt das politische Interesse und Engagement des Bürgers zu stärken, genau das Gegenteil bewirken, indem sich der Bürger von der emotionsgeladenen Auseinandersetzung abgestoßen fühlt.

Funktionen des Wahlkampfes
Da ein sehr großer Teil der Wähler sich bereits lange Zeit vor dem Wahltag für die Stimmabgabe zugunsten einer Partei oder eines Kandidaten festgelegt hat – hier werden Anteile zwischen zwei Drittel und vier Fünftel der Wähler geschätzt –, sind die Funktionen des Wahlkampfes von besonderem Interesse. Man kann sie analytisch unterscheiden nach: Information, Identifikation und Mobilisierung. Je nach Adressat werden diese Funktionen eine unterschiedliche Gewichtung erfahren.

Information
Generell wird im Wahlkampf verstärkt informiert – in Form von Wahlprogrammen, politischen Äußerungen der Kandidaten, Anzeigen der Parteien, Flugblättern, eigenen Zeitschriften, Illustrierten usw. Theoretisch verfügt der Wähler also gerade während des Wahlkampfes über ein großes Angebot, sich mit den Zielsetzungen und Problemlösungskompetenzen der Parteien auseinanderzusetzen. Die Parteien und Kandidaten reduzieren jedoch die politischen Probleme oft auf schwarz-weiße Grundmuster, d.h., sie vereinfachen und betonen die Gegensätze. Öffentlichkeitswirksame Schlagwörter, einprägsame Redewendungen und Formeln ("Sprechblasen") kennzeichnen häufig Politikeräußerungen. Wichtiger als die Information selbst erscheint die Besetzung von Themen. Parteien müssen gesellschaftliche Probleme aufnehmen und ihren Kompetenzvorsprung gegenüber dem Konkurrenten nachweisen. Auf diese Weise wird oft Informationsvernebelung anstelle von Informationen geboten.

Identifikation – Mobilisierung
Das Ziel der verstärkten Identifizierung richtet sich vor allem auf die Mitglieder und Anhänger der Parteien selbst. Gerade in einer Zeit verstärkter Außendarstellung der Parteien besteht für die Mitglieder und Anhänger der Parteien leichter die Möglichkeit, sich zu ihnen zu bekennen und auf diese Weise für sie zu werben. Schließlich dient der Wahlkampf der Motivierung und Mobilisierung von Mitgliedern sowie parteinahen Wählergruppen oder Personen.

Aus: Wichard Woyke: Stichwort: Wahlen. Wähler – Parteien – Wahlverfahren. 8. überarbeitete Auflage. Opladen: Leske + Budrich 1994, S. 95f.

Was sollten Wahlkämpfe sein?
"Eigentlich müsste die Zeit der Wahlkampagne für einen Demokraten eine stimulierende Zeit sein, denn sie gibt dem handelnden Politiker wie dem behandelten Publikum Gelegenheit, über Argumente nachzudenken, Anregungen aufzunehmen, Kritik zu vertiefen." (M. Dönhoff: Jenseits von Wahl und Wahlkampf, in: DIE ZEIT, 26.September 1980). Wahlkämpfe sollten mit klaren Argumenten geführt werden, als Sachdebatten über für die Gesellschaft wichtige Themen. Aus dem Wahlkampf sollte eine Erneuerung der Politik resultieren. Er sollte Antworten auf Zukunftsprobleme geben. Die Kämpfer sollten ihre Aktivitäten daran messen, dass die erbitterten Gegner von heute nach dem Wahltag wieder wie ganz normale Menschen miteinander umgehen müssen. "Ein Wahlkampf sollte [...] eine Anschauung von dem geben, was seelisch in einer Nation steckt, wo ihre Neigung und Abneigung steckt, was sie liebt und was sie verachtet." (W. Hennis: Frage nach der politischen Kultur. Der Wahlkampf in der Bundesrepublik ist ohne Substanz, in: Rheinischer Merkur, 29.08.1980).

Aus: Wolfgang R. Langenbucher: Wahlkampf - ein ungeliebtes, notweniges Übel?, in: Winfried Schulz und Klaus Schönbach (Hrsg.): Massenmedien und Wahlen, München: UVK Verlagsgesellschaft mbH 1983, S. 116f.

Arbeitsaufträge:
  1. Schreibe eine knappe Definition des Begriffs "Wahlkampf".
  2. Beschreibe, welche Funktionen der Wahlkampf (idealerweise) erfüllen sollte.
  3. Vergleiche Anspruch und Wirklichkeit: Wo werden – deiner Erfahrung nach – die Ideale des Wahlkampfes in der Praxis eingehalten und wo nicht? Nenne aktuelle Beispiele.
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