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24.9.2012

MB 02.19 Internetwahlkampf

Im Jahr 2012 nutzten ca. zwei Drittel aller Personen über 14 Jahren das Internet. Betrachtet man das Nutzungsverhalten in Abhängigkeit vom Alter, wird deutlich, dass in den jüngeren Bevölkerungsgruppen (14-29 Jahre) nahezu jeder zumindest gelegentlich auf das Internet zugreift. Aber auch in der Gruppe der 30-49-Jährigen ist der Anteil der Internetnutzer mit über 90 % sehr hoch (Stand: 2011). Lediglich in der Gruppe der Über-60-Jährigen finden sich weniger Nutzer (rund 35%). Angesichts solcher Zahlen überrascht es wenig, dass die Bedeutung des Internets für den Wahlkampf der Parteien in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat. Eine Analyse des Wahlkampfs zu den Landesparlaments-Wahlen in Berlin soll dies im Folgenden verdeutlichen.

Eigener Text nach: Statista, de.statista.com/statistik/daten/studie/13070/umfrage/entwicklung-der-internetnutzung-in-deutschland-seit-2001/ (23.08.2012).
Statista, de.statista.com/statistik/daten/studie/36149/umfrage/anteil-der-internetnutzer-in-deutschland-nach-altersgruppen-seit-1997/ (23.08.2012).

Anfängerfehler und fehlende Interaktion
Im Superwahljahr 2011 sind die deutschen Parteien verstärkt in den sozialen Netzwerken unterwegs. Beim Wahlkampf um das Berliner Abgeordnetenhaus in Berlin setzen sie auf Mitmach-Angebote im Internet, auf Apps und auf Videobotschaften. Doch nicht alle Parteien nutzen die Möglichkeiten des Internets gleich geschickt. […]
Besonders aktiv sind die Grünen: Sie haben sich von einer Online-Agentur ein interaktives Portal und zwei Apps einrichten lassen. Das Portal heißt "Da müssen wir ran" – es ist der Wahlkampf-Slogan der Berliner Grünen. Ähnlich wie auf dem Portal abgeordnetenwatch.de können Bürger die Kandidaten öffentlich befragen. Mit dem App kann also jeder, der auf seinem Spaziergang durch Berlin ein Ärgernis entdeckt – ganz egal ob Baustelle oder Hundekot – dies den Grünen per Smartphone an Ort und Stelle mitteilen – allerdings nur via iPhone (für eine Android-Version fehlte das Geld). In einer Karte kann der User seinen Standpunkt markieren und ein Foto hochladen – schon wird für die Grünen eine "Aufgabe" erstellt. Diese heißen dann: "Crazy Verkehr beruhigen" Oder: "Alte Bäume in Moabit erhalten". Fast 700 solcher Aufgaben finden sich inzwischen auf der Seite, mehr als 600 Antworten der Politiker gibt es bereits.
Die Grünen sind also sehr emsig im Netz unterwegs. Manchmal zu emsig. Denn in einem der ersten Einträge weist ein Nutzer namens Andreas Gebhard auf einen gefährlichen Radweg hin. Spitzenkandidatin Renate Künast erschien samt Bezirksstadtrat schon kurze Zeit später an der Gefahrenstelle, auch Medienvertreter waren eingeladen. Dumm nur, dass es sich bei dem vermeintlichen um die Verkehrssicherheit besorgten Bürger um den Geschäftsführer eben jener Web-Agentur handelte, die die Grünen in ihrem Wahlkampf berät. Mehrere Blogger hatten Gebhard im Netz enttarnt. Von der Internetgemeinde ernteten die Grünen dafür Spott und Häme. Bezeichnend der Userkommentar: "Wirklich doofer Anfängerfehler." […]
Auch Berlins [r]egierender Bürgermeister Klaus Wowereit will bürgernah im Netz sein. "Jede Woche beantwortet Klaus Wowereit Bürgerfragen. Stellt Eure Fragen hier auf Facebook", heißt es auf der Seite des SPD-Spitzenkandidaten. Wenig positiv fällt jedoch das Urteil der Kommentatoren aus. Denn schriftlich beantwortet hat Wowereit bislang keine der Fragen. Der Grund: Die Fragen, die am häufigsten gestellt werden, würden in einer Videobotschaft durch Wowereit beantwortet, sagt Daniela Augenstein, Sprecherin der Berliner SPD. Die Nutzer sind damit nicht zufrieden: "Na, wie Dialog klingt das nicht! Eher wie ein Monolog, würde ich sagen .... schade!", schreibt einer. […]
Ähnlich wie die Grünen probiert sich auch die CDU am Mitmach-Web: Bereits im Frühjahr versucht die Partei, per Internet die 100 wichtigsten Probleme Berlins zu finden. Sie rief die Bürger auf, bei der Erstellung des Wahlprogramms mitzuwirken. Die Wähler konnten auf der Seite den Programmentwurf lesen, diskutieren und einzelne Probleme als sehr wichtig, wichtig oder unwichtig bewerten. "Wir haben es geschafft, crossmedial zu agieren", sagt Dirk Reitze, Landesgeschäftsführer der CDU. Weniger euphorisch klingt da der Online-Experte Wenzel. Denn inzwischen ist die Programmdiskussion nicht mehr im Netz zu finden. Auch einen Twitter-Account sucht man bei der CDU ebenfalls vergebens. "Hier fehlt die Transparenz. Da liegt der Schluss auf einen Marketing-Effekt nahe", kritisiert er. Reitze hingegen erklärt das damit, dass die Programmdiskussion zu einem fertigen Programm geführt habe. Der CDU-Abgeordnete Peter Trapp lud im Juli zu der Diskussion "Wie sicher ist Berlin?" ein. Termin und Ort wurden auch via Facebook angekündigt - ausgerechnet kurz nachdem CDU-Politiker mit ihrer Forderung nach einem Verbot von Facebook-Partys für Aufsehen sorgten. Die Antwort ließ auch nicht lange auf sich warten: Schnell wurde die Einladung im Netz verbreitet. Ein Blogger schrieb "CDU Berlin startet Facebook-Party". Am Ende meldeten sich plötzlich mehr als 700 Personen an - statt der erwarteten 30.
Die Linke verzichtet auf eine aufwendige Kampangenseite. Sie informiert mit Hilfe eines Wahl-Blogs über Demonstrationen, lädt Bilder hoch, bedankt sich bei einer Seniorin, die trotz Gehwagen fleißig Wahlkampfmaterial verteilt, und postet eine satirische Überarbeitung eines SPD-Wahlplakates, auf dem Wowereit eine ältere Dame zwingt, die SPD zu wählen. Die Kommunikation mit den Anhängern scheint bei den Linken zu funktionieren: So informierte ein User die Partei über eine falsche Zahlenangabe in einem Wahlwerbespot der rechtsextremen NPD. Die Folge: Linke-Fraktionschef Udo Wolf bat RBB-Intendantin Dagmar Reim, den Spot nicht auszustrahlen – mit Erfolg.
Probleme hingegen hatte die Linke zunächst mit Twitter, denn der Account "Die Linke Berlin" war bereits vergeben […]. Erst seit drei Monaten könne man unter diesem Namen twittern – derzeit folgen der Partei lediglich 131 Personen.
Die größten Erwartungen in Sachen Online-Wahlkampf wurden vermutlich an die Piraten gestellt. Das Wahlprogramm der Internetpartei ist als Audiodatei verfügbar und über die Diskussionsplattform "Liquid Feedback" findet Bürgerbeteiligung statt. Wehmutstropfen hingegen ist das unübersichtliche Design der Website. […]
Bei der Auswertung des Online-Wahlkampfes der Berliner Parteien durch [die Informations- und Kommunikationsplattform, Anm. d. Red.] politik-digital schnitt die FDP am schlechtesten ab. Dabei nutzt die Partei im Netz alle möglichen Kommunikationskanäle - zur Abgeordnetenhauswahl hat sie sich eine neue Wahlkampfseite zugelegt, sie ist auf Twitter, Facebook, dem Videoportal Youtube und sogar dem Fotokanal Flickr vertreten. Dennoch […] gibt es auf dem Youtube-Kanal kaum Videos und ein aktueller Wahlkampf-Blog existiert nicht. "Die FDP ist der größte Verlierer", sagt Wenzel [Geschäftsführer von politik-digital, Anm. d. Red.] und hat auch eine Erklärung: Es findet keine Interaktion mit den Wählern statt.

Aus: Marie Zahout: Anfängerfehler und fehlende Interaktion, in: Süddeutsche Zeitung, 14.09.2011, /www.sueddeutsche.de/politik/wahl-in-berlin-facebook-anfaengerfehler-und-fehlende-interaktion-1.1140594 (15.08.2012).

Arbeitsaufträge:
  1. Partnerarbeit: Erstellt eine Tabelle mit drei Spalten. Tragt in die erste Spalte die im Text genannten Internetformate ein: Facebook, App, Twitter, Blog, YouTube, Flickr, Liquid Feedback. Erläutert in der zweiten Spalte in Stichpunkten worum es sich bei diesen Internetformaten handelt. Tragt dann in der dritten Spalte ein, inwieweit diese den Nutzer zur Interaktivität und zum Mitmachen einladen.
  2. Arbeitsteilige Einzelarbeit: Halte in Stichpunkten fest, wie die
  3. die verschiedenen Internetformate im Wahlkampf in Berlin nutzten.
  4. Partnerarbeit: Tausche dich mit einem Partner deiner Gruppe (a, b oder c) über die Ergebnisse aus und ergänzt dann gemeinsam, wie den Parteien insgesamt die Umsetzung gelungen ist.
  5. Gruppenarbeit: Untersucht die aktuellen Angebote des Internetwahlkampfs: Inwiefern sind diese interaktiv, d.h. den Nutzer einbeziehend und informativ. Spricht das Angebot euch an? Schreibt die Parteien an und gebt ihnen eine Rückmeldung, wie die Angebote auf euch wirken.
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