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30.6.2010

Baustein 2: Die Klasse – eine ganz besondere Gruppe

Um die Befragung zum "Klassenklima" inhaltlich zu begleiten und zu vertiefen, ist eine Beschäftigung mit Aspekten der Gruppenpsychologie sowie der Klasse als Gruppe hilfreich: Baustein 2 bietet dazu Materialien und Planungshinweise an, die sehr handlungsorientiert aber auch mit Anknüpfung an soziologische und psychologische Grundlagen die Auseinandersetzung mit dem Lernen und Leben in Gruppen anregen.

Lernziele

Die Schülerinnen und Schüler sollen



Um die Befragung zum "Klassenklima" inhaltlich zu begleiten und zu vertiefen, ist eine Beschäftigung mit der Klasse als Gruppe hilfreich:

Arbeiten und Leben in der Gruppe: wie können positive und negative Aspekte von Gruppenprozessen analysiert und verändert werden? (© digitalstock)

Baustein 2 bietet dazu Materialien und Planungshinweise an, die sehr handlungsorientiert aber auch mit Anknüpfung an soziologische Grundlagen die Auseinandersetzung mit dem Arbeiten und Leben in Gruppen anregen. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler Impulse bekommen, das eigene Verhalten und auch das Verhältnis zu anderen Gruppenmitgliedern zu reflektieren.

Die Jugendlichen lernen die Bedeutung von Gruppen für das eigene Wohlfühlen zu erschließen sowie positive und negative Aspekte von Gruppen kennen. Mittels verschiedener Übungen und Texte sollen sie zudem für das Zusammenwirken von Individuen in Gruppen sowie Gruppenprozesse sensibilisiert werden.

Sachliche Auseinandersetzung im Mittelpunkt

Dabei wurde darauf Wert gelegt, keine Materialien und Übungen zu integrieren, die einen allzu sozialtherapeutischen und womöglich eskalierenden Charakter haben (Soziogramm u.Ä.). Letztlich muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass Sie als Lehrkraft entscheiden, welche Übungen/Experimente und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen für Ihre Klasse angemessen und zielführend sind. Bei der Auswahl sollte eine möglichst sachliche Auseinandersetzung mit den Phänomenen im Mittelpunkt stehen und unbedingt verhindert werden, dass eine verstärkte Etikettierung bspw. von ausgegrenzten Schülerinnen und Schülern erfolgt.

Teamwork immer vorne?

Zum Einstieg in den Baustein ist ein kleines Experiment angedacht. Hierzu werden drei Jugendliche ausgewählt, die eine Reihe von Aufgaben auf einem Arbeitsblatt (M 02.01) jeweils alleine lösen sollen. Diese Jugendlichen sollten im besten Fall keine allzu schlechten Schüler sein oder Schüler, von denen Sie wissen, dass es eher Außenseiter sind. Im Vergleich dazu werden die übrigen Schülerinnen und Schüler der Klasse im Zufallsprinzip in Vierer- oder Fünfer-Gruppen aufgeteilt. Diese lösen die Aufgaben in der Gruppe. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten Gruppen die Aufgaben schneller und auch korrekter lösen werden.

Nachdem die richtigen Ergebnisse besprochen wurden, soll im Anschluss über die Erfahrungen der Einzelspieler als auch über die Erfahrungen und Strategien der Gruppenspieler reflektiert werden. In Form einer Redekette sollen sich die Jugendlichen zunächst zu ihren direkten Erfahrungen und Vorgehensweisen äußern. Wurden die Aufgaben in der Gruppe komplett gemeinsam gelöst oder wurde arbeitsteilig vorgegangen? Wie haben sich die Einzelspieler gefühlt? Anschließend soll das Gespräch auf eine generelle Untersuchung der Vor- und Nachteile von Gruppenarbeit gelenkt werden. Hierzu können die Schülerinnen und Schüler ihr Vorwissen als Unterrichtsexperten und Gruppenarbeitserfahrene aktivieren und einbringen.

Daran anknüpfend sollen in der folgenden Erarbeitungsphase neue Inhalte zu den Vorteilen der Gruppenarbeit erlernt werden. Dazu lesen die Jugendlichen einen Text (M 02.02), der sowohl die Vorteile der Gruppenarbeit aufzeigt, als auch darstellt, dass es selbstverständlich auch Tätigkeiten und Lernvorgänge gibt, die besser in Einzelarbeit vollzogen werden sollten. Hierbei sollten jedoch die Vorteile der Gruppenarbeit bzw. des Teamworks auch für die spätere Berufswelt hervorgehoben werden (M 02.02).

Wann läuft Gruppenarbeit gut?

Zur Überleitung kann in einem nächsten Schritt entweder mit typischen Schülerzitaten zur Gruppenarbeit (M 02.03) eingestiegen oder aber ein weiteres kooperatives Gruppenspiel (M 02.04) eingeplant werden. Der kooperative Turmbau macht den Schülerinnen und Schülern erfahrungsgemäß viel Spaß und kann als Aufhänger zur Reflexion über Voraussetzungen, Verhaltensweisen und Regeln für gute Gruppenarbeit genutzt werden. Bei der Durchführung der Übung können einige Schülerinnen und Schüler die Rolle von externen Beobachtern einnehmen. In der anschließenden Reflexionsphase sollen die Gruppen mit Hilfe von strukturierenden Leitfragen über die gemachten Erfahrungen und Beobachtungen reflektieren. Hier können die Jugendlichen ihr Vorwissen, aber basierend auf den erlernten Vorteilen von Gruppenarbeit, auch neue Aspekte einbringen. Dazu überlegen sie zunächst in Einzelarbeit, dann in Partnerarbeit und abschließend in der Gruppe, unter welchen Rahmenbedingungen eine Gruppenarbeit gut läuft (M 02.05).

Produkt der abschließenden Gruppenarbeit soll eine gemeinsame Checkliste für eine gute Gruppenarbeit sein. Diese soll die künftigen Gruppenarbeiten begleiten und über die ablaufenden Prozesse reflektieren helfen. Eine Gruppe hält ihren Checklistenentwurf auf Folie fest und präsentiert diesen anschließend in der Sicherungsphase vor der Klasse. Diese Checkliste soll Diskussionsgrundlage für eine gemeinsame Checkliste der ganzen Klasse sein. Zur Ergänzung kann an dieser Stelle M 02.06 dienen. Dieser Vorschlag für Gelingensbedingungen und Regeln für die Gruppenarbeit stellt zudem die verschiedenen Rollen (Zeitwächter, Vortragende etc.) vor, die zur Organisation einer Gruppenarbeit innerhalb der Gruppe vergeben werden können.

Gruppendruck oder Wunsch dazu gehören zu wollen

Um in die Beschäftigung mit Phänomenen wie Gruppen- oder Konformitätsdruck einzuführen, kann zur Veranschaulichung mit der Durchführung des so genannten Asch-Experiments (Info 02.02) gestartet werden. Wenn Sie das Asch-Experiment im Unterricht thematisieren wollen, können Sie dies auf unterschiedliche Art und Weise tun:

Schematische Darstellung des Asch-Experiments. (© http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/wiki/images/f/fc/Asch.gif)

Ausführliche Hinweise zu den hier dargestellten Variantengibt es in Info 02.02. Bei Variante a) sollen in der anschließenden Reflexion sowohl die Versuchspersonen als auch die eingeweihten Mitglieder der Klasse über ihre Erfahrungen reflektieren. Wurde die Variante b) (Szenisches Spiel des Experiments) gewählt, soll die Klasse Vermutungen anstellen, was Sinn und Zweck des Experiments ist. Geht es hier tatsächlich um Wahrnehmungsforschung?

Die bei der Reflexion fallenden Begriffe wie Gruppendruck/-zwang, unter Druck setzen, Mehrheit, Anpassung etc. werden während des Gesprächs von der Lehrkraft an die Tafel geschrieben. Damit wird die anschließende Erarbeitung des Textes (M 02.09) vorbereitet, in dem mit dem Asch-Experiment als Aufhänger eine Klärung der Begriffe und Phänomene erfolgt. Im Mittelpunkt steht hierbei die Beschäftigung mit dem Phänomen Konformitätsdruck.

In der anschließenden Sicherungsphase sollen die Schülerinnen und Schüler nicht nur in der Lage sein, die Erkenntnisse über die Wirkungsweise von Gruppendruck wiederzugeben, sondern auch Beispiele aus dem Alltag dafür finden sowie Überlegungen zum Widerstehen von Gruppendruck anstellen können.

Der Mensch – ein Gruppenwesen

Nach den eher handlungsorientierten Herangehensweisen soll in einem nächsten Schritt auf eine vereinfachte Weise der Bezug zur soziologischen Theorie hergestellt werden. Hierzu sollen die Schülerinnen und Schüler zunächst darüber nachdenken, inwiefern sie Mitglied von Gruppen sind. Zur Unterstützung kann hier eine Folie mit unterschiedlichen Gruppenbildern aus dem Internet eingesetzt werden. Basierend auf den Ausführungen der Jugendlichen wird eine Definition von soziale Gruppe, sowie verschiedenen Formen von Gruppen erarbeitet. Anschließend sollen die Jugendlichen ihre verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten mit Hilfe der Fachbegriffe kategorisieren (M 02.10).

Clique und Klasse – prägende Gruppen im Jugendalter

In einem nächsten Schritt sollen die Schülerinnen und Schüler ihr gewonnenes Wissen zur sozialen Gruppe anwenden. Untersuchungsobjekt ist die Klasse. Ist die Klasse eine soziale Gruppe? Die Jugendlichen untersuchen in Partnerarbeit und mit Hilfe der Merkmale der sozialen Gruppe (M 02.10), inwiefern die Klasse eine soziale Gruppe ist. Dabei werden sie feststellen, dass die Klasse zwar einige Ansatzpunkte der sozialen Gruppe enthält, im strengen Sinne aber nicht als solche bezeichnet werden kann. Strittig ist zum Beispiel der Punkt, ob die Schulklasse ein gemeinsames Ziel hat. Schnell werden die Schülerinnen und Schüler anmerken, dass dieses Ziel ja vom Lehrer vorgegeben ist bzw. dass einige Gruppen andere Ziele haben als andere.

Sicher wird dann auch das Thema Cliquen in der Klasse zur Sprache kommen und die Überleitung zum nächsten Themengebiet ist gewährleistet. In Einzel- und Gruppenarbeit sollen die Schülerinnen und Schüler Chancen und Risiken von Cliquen erarbeiten (M 02.11). In der Diskussionsphase in der Gruppe sollen dabei auch eigene Erfahrungen und Einschätzungen zur Sprache kommen. Mit der Charakterisierung der "optimalen Clique" soll eine Reflexion über das eigene Verhalten in der Clique angeregt werden.
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Wolfgang Sander, Julia Haarmann, Sabine Kühmichel

Zur Person

Wolfgang Sander

Prof. Dr. phil., geb. 1944; Erziehungswissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Anschrift: Westfälische Wilhelms-Universität, Institut für Erziehungswissenschaft, Georgskommende 33, 48143 Münster.
E-Mail: sander@uni-muenster.de


Julia Haarmann

Zentrum für Lehrerbildung, Westfälische Wilhelms-Universität Münster.


Sabine Kühmichel

Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster.


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