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13.11.2008

Besuch einer Gedenkstätte

Gedenkstättenbesuche sollten nicht aus kurzen Führungen einer Großgruppe bestehen. Hinweise zur Vorbereitung und Durchführung.

Besuche von Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus gehören heute meist selbstverständlich zum Programm des Geschichtsunterrichts, sind aber auch zunehmend Teil außerschulischer historisch-politischer Bildung. Sie ergänzen durch die Anschauung vor Ort, die der Aufbereitung und Erklärung bedarf, die schulische historisch-politische Bearbeitung des Themas "Nationalsozialismus", können jedoch die Auseinandersetzung mit dem Thema in der Schule nicht ersetzen.

Besucherin im Dokumentationszentrum des Zwangsarbeiterlagers Schöneweide in Berlin, 2007. (© Stiftung EVZ / Jan Zappner)


Gedenkstätten sind Orte gemeinsamen Lernens und Gedenkens sowie der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Sie entfalten ihre Wirkung für die politischen Bildung jedoch nur, wenn ihr Besuch sorgfältig vorbereitet und auf die Fragen und Bedürfnisse der Besucher/innen ernsthaft, möglichst individuell und nicht routinemäßig eingegangen wird.

Von Kurzzeitbesuchen, wie einer meist zweistündigen Führung einer Großgruppe durch eine Ausstellung oder einem alleinigen Orientierungsrundgang über das Gedenkstätten-Gelände, ist nachdrücklich abzuraten. Erfahrungsgemäß sind solche, einem Programm geschuldeten "Pflichtbesuche" nicht nur pädagogisch wirkungslos, sondern können die Kommunikation der Jugendlichen untereinander stören.

Bei Führungen dieser Art sind die Besucherinnen und Besucher einseitig zur Rezeption einer Vielfalt dargebotener Materialien und Bilder genötigt, ohne nachfragen oder sich kritisch damit auseinandersetzen zu können. Lehrkräfte oder pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemerken oft nicht, dass sie mit langen, detailreichen Vorträgen die Aufnahmefähigkeit der Besucherinnen und Besucher überfordern oder durch drastische Darstellungen von Grausamkeiten gegen das Überwältigungsverbot (Beutelsbacher Konsens) verstoßen.

Für einen Gedenkstättenbesuch sollte mindestens ein ganzer Tag eingeplant werden. Besser noch sind Projekte an zwei bis fünf Studientagen vor Ort, wie sie in den meisten "großen" KZ-Gedenkstätten realisiert werden können. Ein Gedenkstättenbesuch sollte nie kollektiv verordnet werden, sondern auf freiwilliger Teilnahme basieren.

Inhaltlich-organisatorische Vorbereitung

Ein Gedenkstättenbesuch wird sinnvollerweise mit allen Beteiligten gemeinsam vorbereitet. Zusammen mit den Teilnehmenden sollte vorab geklärt werden: Für die pädagogische Leitung einer Gruppe beginnt die inhaltliche Vorbereitung mit der Kontaktaufnahme zur Gedenkstätte. Die Rahmenbedingungen des Gruppenbesuchs sollten möglichst vor Ort unter folgenden Fragestellungen geklärt werden:

Die Vorbereitung der Gruppe

Die (sichtbar zu machende) inszenierte Realität beim Besuch kann durchaus zu "blinden" Anschauungen und damit zu falschen, weil der realen geschichtlichen Situation nicht entsprechenden Begriffen führen. Das Authentische spiegelt historische Realität oft nur vor, wo sie, wie alle Erinnerung, lediglich Rekonstruktion ist. Insofern sind alle Relikte, die sich scheinbar selbst erklären, in hohem Maße erläuterungsbedürftig, sie sprechen nicht für sich.

Für einen Gedenkstättenbesuch müssen inhaltliche Schwerpunkte erarbeitet werden. Sei es, dass die Gruppe sich zum Beispiel mit einzelnen Biographien von Opfern, mit einer bestimmten Opfergruppe, mit den Lebensbedingungen in einem KZ oder mit den Tätern auseinandersetzt.

Zeitgeschichtliche Grundkenntnisse erarbeiten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor dem Gedenkstättenbesuch im Unterricht, in der Arbeitsgemeinschaft oder in Vorbereitungsseminaren. Ziel ist, dass die Teilnehmenden auf der Basis ihres Vorwissens Fragen eigenständig entwickeln und vor Ort stellen können. Bibliotheken sowie die Landeszentralen/Bundeszentrale für politische Bildung halten dafür ein breites Angebot an Materialien bereit.

Es ist nicht Aufgabe der pädagogischen Betreuerinnen beziehungsweise Betreuer in den Gedenkstätten oder der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, historische Basiskenntnisse zu vermitteln. Gedenkstättenmitarbeiter/ innen und Zeitzeuginnen/Zeitzeugen sollten daher über die Gruppe, ihre Vorkenntnisse und Vorbereitungsarbeiten informiert sein, damit Wiederholungen vor Ort vermieden werden.

Biographische Zugänge, exemplarische Geschichten sowie persönliche Erlebnisse von Zeitzeuginnen sowie Zeitzeugen und ihre emotionale Verarbeitung wirken dagegen oft tief ergreifend. Nicht nur Berichte aus der Perspektive der Opfer oder des Widerstands, sondern auch Erinnerungen von Mitläuferinnen/Mitläufern oder Zuschauerinnen/Zuschauern können wichtige Erkenntnisse über individuelles menschliches Verhalten unter Extrembedingungen vermitteln.

Die Teilnehmenden können in Kleingruppen (ggf. arbeitsteilig) Informationen über bestimmte Themenbereiche der Gedenkstätte recherchieren, z.B. Über

Methoden der Erschließung einer Gedenkstätte

In der Gedenkstätte sollten die Jugendlichen in Kleingruppen Gelegenheit für eine erste eigenständige Erkundung des Ortes (arbeitsteilige Selbstführung) und die Bearbeitung der von ihnen vorbereiteten Themen haben. Dabei sollten die Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter der Gedenkstätte und die pädagogische Leitung der Gruppe lediglich Hilfe anbieten und direktives Verhalten vermeiden.

Leitlinie für den Gang durch die Ausstellung und/oder über das Gelände der Gedenkstätte sollte sowohl bei den Selbstführungen, insbesondere aber bei Begleitung durch einen sachkundigen Mitarbeiter der Gedenkstätte das dialogische Prinzip sein. Dies bedeutet, dass die/der Vermittelnde sich auch als Lernende/r versteht und Vorwissen, Fragen und Gefühle in der Kommunikation jeweils partnerschaftlich geachtet, berücksichtigt und einbezogen werden.

Diese dialogische Gesprächskultur empfiehlt sich besonders für multinationale Gruppen. Insbesondere die Wahrnehmung einer anderen nationalen Perspektive und damit auch einer anderen nationalen Erinnerungskultur trägt nämlich zur eigenen Identitätsentwicklung bei.

Als handlungsorientierte Methoden des Lernens im Rahmen eines Gedenkstättenbesuchs bieten sich darüber hinaus auch an:

Auswertung und Nachbereitung

Die ersten Eindrücke und Gefühle sollten in der Gruppe ohne Strukturierung durch die Betreuerinnen oder Betreuer ausgetauscht werden. Erfahrungen und Gefühle lassen sich besser zuerst in Kleingruppen besprechen.

Für den Austausch im Plenum können die Kleingruppen angeregt werden, jeweils eigene Formen der Präsentation ihrer Eindrücke zu entwickeln z.B. Collagen, szenische Lesungen, Plakate oder gemeinsame Texte. Darauf aufbauend können ergiebigere Konsequenzen für die Gegenwart und mögliche Folgeprojekte diskutiert werden.

Zur Vertiefung und Veröffentlichung der Ergebnisse können eine Foto-Ausstellung, ein Bericht in der Lokalzeitung, eine öffentliche oder schulinterne Veranstaltung entstehen. Sehr beliebt ist dafür bei Jugendlichen auch die Erstellung einer Bildschirm-Präsentation.

Literatur

Ahlheim, K. et al.: Gedenkstättenfahrten. Handreichung für Schule, Jugend- und Erwachsenenbildung in Nordrhein-Westfalen. Schwalbach/T. 2004.

Brinkmann, A. et al. (Hrsg.): Lernen aus der Geschichte. Projekte zu Nationalsozialismus und Holocaust in Schule und Jugendarbeit (Buch und CD-ROM). Bonn 2000.

Ehmann, A.: Besuch einer Gedenkstätte. In: Deutsch-Polnisches Jugendwerk (Hrsg.): Und was machen wir heute? Aspekte einer deutsch-polnischen Jugendbegegnung. Potsdam, Warschau 2007, S. 146 –149.

Rathenow, H.-F.; Weber, N. H.: Gedenkstättenbesuche im historisch-politischen Unterricht. In: Ehmann, A. et al. (Hrsg.): Praxis der Gedenkstättenpädagogik – Erfahrungen und Perspektiven. Opladen 1995, S. 12-26.
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Annegret Ehmann, Hanns-Fred Rathenow

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Annegret Ehmann

Annegret Ehmann ist Historikerin und Pädagogin und seit 2001 freiberufliche Dozentin mit dem Schwerpunkt politische Bildung. Sie hat im Jahr 2000 an der Erstellung der CD-ROM "Lernen aus der Geschichte" mitgewirkt und ist Mitglied des Vereins Lernen aus der Geschichte e.V..


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Hanns-Fred Rathenow

Hanns-Fred Rathenow ist Professor für Didaktik der Sozialkunde und als Geschäfsführender Direktor des Instituts für Gesellschaftswissenschaften und historisch-politische Bildung an der Technischen Universität Berlin tätig.


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