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25.4.2017

Förderung der Politik- und Demokratiekompetenz bei Schülerinnen und Schülern mit kognitiven Beeinträchtigungen

(…)
Bedeutung gemeinsamer Lern- und Entwicklungszeit
"Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, aber zu viel, die wir verschwenden." Seneca (2008, 1.3)

Der "Imperativ der Zeitverdichtung" (Geißler 2012, S. 25) und die Beschleunigung sind speziell bei (politischen) Lernprozessen in der Regelschule häufig gegeben. Systemzeitliche Vorgaben und Rahmenprinzipien – wie Lehrpläne, Leistungsdruck, der 45-Minuten-Takt der Stundentafel, Stofffülle – bewirken Zeithetze, die die Realisierung der Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in Regelklassen schwierig machen dürfte.
In der Schule führt das Fach Sozialkunde bzw. politische Bildung (zwei Begriffe, die wir stellvertretend für weitere länderspezifische Fächer-Bezeichnungen verwenden) in der schulischen Fächerfülle nicht selten eine Nebenrolle. Nachhaltiges inklusives (politisches) Lernen dürfte im Unterrichtsalltag vor diesem Hintergrund problematisch sein. Trotzdem müsste ein erfolgreicher inklusiver Unterricht von folgender Voraussetzung ausgehen: "In enger Verbindung zur Ganzheitlichkeit des Lernens und zu den Eigenzeiten der Lernenden steht die Zeitsouveränität der Lernenden." (Görtler 2012, S. 195)
Die Schülerorientierung über Zeit zu definieren, bedeutet die Betonung des eigenzeitlichen Bedürfnisses der Schülerschaft.
Ein solcher Unterricht wäre jedoch nicht nur für die Schülergruppe mit Förderbedarf wünschenswert, sondern auch für Regelschülerinnen und -schüler. Dagegen stehen die zeitgebundenen Vorgaben der Bildungspläne.
Gerade aber der Schonraum Schule bietet viele Kreativitätspotenziale. Politisches Lernen könnte wirklichkeitsnah ohne negative Auswirkungen und Sanktionen beispielsweise in Rollenspielen erprobt werden. Insbesondere kreative Ausdrucksformen im politischen Unterricht können nach Janssen wie folgt gefördert werden: "Kreativ wird der methodenorientierte Politikunterricht, wenn es gelingt, in die methodische Ausgestaltung von Unterrichtssituationen die erfahrungsorientierten Möglichkeiten des spielerischen und erkundenden Lernens oder andere Formen der Handlungsorientierung zu integrieren."(2008, S. 8)

Abb. Strukturbild - Erziehung/Bildung zur "demokratie-kompetenten Bürgerschaftlichkeit" (© bpb)


Die Rolle der Lehrperson im eigenzeit- und projektorientierten inklusiven Unterricht wandelt sich vom reinen Wissens- und Lernstoffvermittler zum Lernbegleiter und Moderator von Lern- und Erlebnischancen.
Das (…) in (der) Abb. (…) veranschaulichte Verständnis von "Demokratie als Lebensform" (Himmelmann 2001, S. 40 ff., Schiefer u. a. 2011, S. 246 ff.) stellt somit einen wichtigen Zugang zu politischen Lern- und Erlebnischancen dar. Damit kann Demokratie-Kompetenz im Sinne Himmelmanns (2001, S. 122 ff.) auf der Basis von Ich-Kompetenz und zunehmender Sozial-Kompetenz durch eine sich erweiternde Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen und Bedingungen nach und nach in Richtung eines Verständnisses von Demokratie als Gesellschafts- und Herrschaftsform bei den Schülerinnen und Schülern (mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung) angebahnt werden.
In den folgenden Gedanken und Beispielen zur Unterrichtsgestaltung sind diese Zielsetzungen aufgenommen.

Unterrichtliche Lern- und Erlebnischancen in inklusiven Klassen
Trotz verwaltungstechnischer und systemzeitlicher Vorgaben in Gestalt von ministeriellen Rahmenrichtlinien, Lehrplänen und Weisungen von Schulbehörden können Lehrpersonen in Regelschulen unterrichtliche Zeithetze und Zeitvorgaben minimieren, indem sie eigenzeitorientierte Lernprozesse durch fächerübergreifenden Unterricht, fachintegratives Lernen, Ganztagsunterricht, eigenzeitorientierte Rhythmisierungs- und Zeitstrukturierungsmodelle für den Gruppenunterricht, Arbeitsgemeinschaften, Projektwochen und Schwerpunktsetzungen in der inneren Schulentwicklung usw. unterstützen und gewährleisten. In diesen gewonnenen Kreativzeiträumen steckt darüber hinaus die Möglichkeit, die Gestaltungskompetenz der Schülerinnen und Schüler in politischen Lern- und Erlebnisprozessen zu fördern.
Es gibt verschiedene Methoden, aktives politisches Handeln einzuüben, mit dem sich die eigenen lebensweltlichen Belange beeinflussen lassen. Einige sollen hier beispielhaft angeführt werden. Mitwirkung und Engagement der Bürgerschaft für eine gelingende Demokratie
In der aktuellen Schullandschaft ist folgendes Phänomen zu beobachten: Es gibt Schulen, die vordergründig Inklusion praktizieren. Allerdings wird dort nach wie vor zwischen "Regelschülerinnen und –schülern" und "Inklusionsschülerinnen und –schülern" unterschieden. Somit steht auch innerhalb einer Klassengemeinschaft eine Trennung und begriffliche Differenzierung auf der Tagesordnung. Nicht selten entstehen und verbleiben Schranken in den Köpfen der Beteiligten und Verantwortlichen in Schulen und pädagogischen Fördereinrichtungen, die eine "Enthinderung" oder Inklusion (Aichele 2014, S. 19 ff) erschweren oder "behindern". Deutlich ist aber auch für das Fach Sozialkunde bzw. die politische Bildung festzustellen, dass es nicht jedem Schüler oder jeder Schülerin mit kognitiver Beeinträchtigung möglich sein wird, Politik- und Demokratiekompetenz zu erwerben und diese – in einem nächsten Schritt – umzusetzen. Für sie steht das Dabeisein oder die Teilhabe im Mittelpunkt. Es geht dann darum, Lerninhalte zu operationalisieren, damit unterschiedliche Lernniveaus berücksichtigt werden können. Damit können die Sichtweisen aller am Unterricht Beteiligten verändert werden. Und diese Erfahrungen gehören ebenso zum Auftrag "Demokratie lernen" – denn: Demokratie lebt von und legitimiert sich durch die Mitwirkung und das Engagement der gesamten Bürgerschaft. Dies ist das Grundprinzip der Volkssouveränität.



Literatur:
Aichele, V. (2014): Leichte Sprache – Ein Schlüssel zu »Enthinderung« und Inklusion. In: Aus Politik und
              Zeitgeschichte. Heft 9 – 11. S. 19 – 25.
Dederich, M. (2008): Der Mensch als Ausgeschlossener. In: Fornefeld, B. (Hrsg.), S. 31 – 49.
Geißler, K. A. (2012): Der Simultant – Kulturgeschichtliche Betrachtungen zu einer Sozialfigur der
              Gegenwart. In: Görtler, M./Reheis, F. (Hrsg.): Reifezeiten – Zur Bedeutung der Zeit in Bildung,
              Politik und politischer Bildung. Schwalbach am Taunus. S. 23 – 34.
Görtler, M. (2012): Politikdidaktik und Zeit. In: Görtler, M./Reheis, F. (Hrsg.): Reifezeiten – Zur Bedeutung der
               Zeit in Bildung, Politik und politischer Bildung. Schwalbach am Taunus. S. 193 – 207.
Himmelmann, G. (2001): Demokratie Lernen – als Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform. Schwalbach
               am Taunus.
Janssen, B. (2008): Methodenorientierte Politikdidaktik. Schwalbach am Taunus.
Petrik, A. (2007): Von den Schwierigkeiten, ein politischer Mensch zu werden – Konzept und Praxis einer
              genetischen Politikdidaktik. Studien zur Bildungsforschung. Band 13. Opladen u. a.
Petrik, A. (2009): Die genetische Politikdidaktik als Lernprozessdidaktik. In: polis. Heft 4. S. 11 – 12.
Petrik, A. (2010): Regiebuch zum Lehrstück Dorfgründung – Eine praxiserprobte Simulation zur Einführung in
              das demokratische System, politische Theorien, Debattieren und Urteilsbildung sowie in
               handlungsorientierte Methoden. Für Sek. I u. Sek. II. Schwalbach am Taunus.
Seneca, L. A. (2008): De brevitate vitae. Stuttgart.




Der Artikel ist eine gekürzte Fassung des Aufsatzes Schiefer, F./ Schütte, U./ Schlummer W., (2015): Förderung der Politik- und Demokratiekompetenz bei Schülerinnen und Schülern mit kognitiven Beeinträchtigungen. In: Dönges,C./Hilpert, W./Zurstrassen, B. (Hrsg.): Didaktik der inklusiven politischen Bildung. Bonn. S. 211 - 222.
Dort finden Sie auch Fundstellenangaben und weitere Literatur.

Dr. Frank Schiefer, Dr. Ute Schütte, Dr. Werner Schlummer

Zur Person

Dr. Frank Schiefer

Dr. Frank Schiefer ist Akademischer Rat am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.


Zur Person

Dr. Ute Schütte

Dr. Ute Schütte, ist Lehrkraft einer Förderschule mit den Förderschwerpunkten geistige, motorische und körperliche Behinderung.


Zur Person

Dr. Werner Schlummer

Dr. Werner Schlummer war bis zum Eintritt in den Ruhestand 2016 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Pädagogik und Rehabilitation bei Menschen mit geistiger und schwerer Behinderung der Universität zu Köln.


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