zurück 
14.9.2021

Was WÜRDEst du tun?

Soziales und politisches Lernen zu einer zentralen Maxime der Demokratie

In der demokratisch-politischen Bildung ist „Würde“ ein wichtiger Begriff. Im Rahmen von politischen Konflikten liegt immer wieder die Frage nahe, ob jemandes Menschenwürde berührt ist. Aber auch im Fokus auf ein soziales Lernen im Horizont des sozialen Nahraums stellt Würde einen zentralen begrifflichen Ankerpunkt dar.

Einleitung

Was WÜRDEst du tun? (© bpb)

Im ersten Artikel des Grundgesetzes heißt es, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. In der demokratisch-politischen Bildung ist „Würde“ ein entsprechend wichtiger Begriff. Beispielsweise liegt im Rahmen der Auseinandersetzung mit bestimmten politischen Konflikten im Politikunterricht immer wieder begründet die Frage nahe, ob jemandes Menschenwürde berührt ist (vgl. Reinhardt 2019, 83, mit Bezug auf den Konfliktansatz Hermann Gieseckes). Aber auch im Fokus auf ein soziales Lernen im Horizont des sozialen Nahraums (u.a. Familie, Schule, Sportverein, Heimatort) stellt Würde einen zentralen begrifflichen Ankerpunkt dar (vgl. etwa Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München 2019, 47).

Im vorliegenden Beitrag wird zunächst skizziert, wie Lernenden der Begriff der Würde im Politikunterricht über den Einsatz des narrativen Mediums „Was WÜRDEst du tun?“ (Gruß/Krejtschi 2018) zugänglich gemacht werden kann. Wiewohl in diesem Bilderbuch nahräumliche Dimensionen des Würdebegriffs im Zentrum stehen, eröffnet der Einsatz des Buches didaktische Optionen, Lernenden auch politisch-rechtliche Bezüge dieses Begriffs näherzubringen und, im Kontext längerfristiger Lernzusammenhänge, z.B. eine entsprechende fachliche Progression hin zum Thema Grundrechte zu motivieren.

Die folgenden Unterrichtsideen sind für eine 10. Klasse an einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung entwickelt worden, bieten jedoch Anknüpfungspunkte auch für weitere Lerngruppen und -settings.


Zum Buch „Was WÜRDEst du tun?“

Das Bilderbuch „Was WÜRDEst du tun?“ bzw. Auszüge daraus sind sowohl für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als auch mit Erwachsenen potenziell geeignet. Großflächig und auf zentrale inhaltliche Grundlinien konzentriert werden im Buch jeweils auf Doppelseiten ausgewählte Situationen des Alltags beleuchtet, in denen die Würde bestimmter Figuren auf bestimmte Weise verletzt oder gefährdet wird – beispielsweise die Situation von Kindern in der Sporthalle, die Mannschaften bilden (müssen) und in der manche stets zuletzt „gewählt“ werden, da sie aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen bestimmte Leistungskriterien nicht oder nur unzureichend erfüllen können. In anderen Fällen scheinen ein auf Obdachlosigkeit hindeutendes Aussehen oder z.B. das Tragen eines Kopftuches für eine entsprechend negative Behandlung ausschlaggebend zu sein. Ob die Würde der Menschen missachtet oder dementgegen zur Richtschnur des Handelns wird – immer entscheidet sich dies konkret im Vollzug des Handelns, stets auf Neue. Ethisch sind hier alle in der Pflicht – so kommt auch ein Mensch, für den eine Situation wie die in der Sporthallte (s.o.) würdeverletzend oder -gefährdend war, immer wieder selbst in Situationen, in denen seine Mitmenschen von ihm einen würdevollen Umgang erwarten können sollten und es an ihm liegt, diesen zu realisieren.

Zu Einsatzmöglichkeiten von „Was WÜRDEst du tun?“ im Unterricht

Vorlesegespräch
Eine gemeinsame, methodisch planvoll fortschreitende Lektüre kann z.B. in und mit einem entsprechend strukturierten Vorlesegespräch initiiert werden. Denkbar ist, dass die Lernenden angeleitet durch die Lehrkraft zunächst jeweils den bildlichen Teil der Szene ergründen, ehe der zugehörige (je nach Lerngruppe ggf. noch zu elementarisierende) Text aufgedeckt und (vor-)gelesen wird. Dieser Text besteht auf jeder der Doppelseiten stets aus einem Aussagesatz und einer Frage. Insbesondere die Fragen können Lernende unmittelbar in einen produktiven Diskurs verwickeln: Wie würden die Schülerinnen und Schüler in der jeweiligen Situation fühlen, entscheiden, handeln etc.? Hierbei liegt ein Transfer auf eigene Erlebnisse und andere Ereignisse nahe.

Simulative Mikromethoden
Ferner können ausgewählte Situationen der Würdeverletzung bzw. -gefährdung (ggf. angeleitet durch die Lehrkraft als Regisseurin) auf den methodischen Wegen von Rollenspiel oder Standbildverfahren szenisch umgesetzt, ergründet, (perspektivisch) nachempfunden und reflektiert werden (vgl. zu entsprechenden handlungsorientierten simulativen Mikromethoden sowohl in der politischen Bildung als auch in der Didaktik im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung u.a. Janssen 2019, 16 f., 22 ff. sowie Terfloth/Bauersfeld 2019, 109, 191 ff.). Gemeinsam lassen sich im Zuge dessen jeweils positive Gegenstücke/-bilder im Rahmen entsprechender Verfahren entwickeln, die dann fotografisch festgehalten werden können.

Arbeit am Begriff
Nach Möglichkeit sollte der abstrakte Begriff der Würde an geeigneter Stelle auch explizit beleuchtet, erarbeitet und von den Lernenden verständig zu verwenden gelernt werden. Abhängig von den jeweiligen Lernenden und der Lerngruppe als Ganzer sollte der Begriff dahingehend durch die Lehrkraft schon im Zuge ihrer Unterrichtsvorbereitung sorgsam in verschiedene grundlegende Bestandteile aufgegliedert, visualisiert und auf diese Weise für die Lernenden „griffiger“ gemacht werden. Zu einer dahingehenden lerngruppengerechten Elementarisierung regen beispielsweise der betreffende Eintrag zum Würdebegriff im Lexikon einfach POLITIK (2021) sowie das kostenlos erhältliche bpb-Heft „Das Grundgesetz. Die Grundrechte. Heft in einfacher Sprache“ (vgl. Meyer u.a. 2020, 10 ff.) an.
Für Lernende zugangsstiftend mag neben anderem eine anschauliche Begriffsreflexion entlang des Gedankenbildes von Kant sein, im Rahmen derer von der Lehrkraft ein alter Schuh als ‚Alltagsgegenstand‘ (vgl. Wehner 2011) eingesetzt werden kann: „Dinge sind wertvoll, wenn wir sie brauchen können. Ein Schuh ist zum Beispiel wertvoll, wenn er passt und man mit ihm gut laufen kann. Wenn der Schuh kaputt ist und niemand mehr in ihm laufen kann, hat er keinen Wert mehr. Bei Menschen ist das anders: Der Mensch hat immer einen Wert. Auch wenn er krank ist. Auch wenn er nicht arbeiten kann. Wenn etwas immer einen Wert hat, sagt man: Es hat eine Würde. Jeder Mensch ist deshalb wertvoll, weil er ein Mensch ist“ (Meyer u.a. 2020, 11). Darauf aufbauend heißt es im genannten bpb-Heft z.B. weiter, dass es egal ist, welche Religion Menschen haben, aus welchem Land sie kommen, welches Geschlecht sie haben oder wie alt sie sind (vgl. ebd.). Zentrale Sätze darin wie „Kein Mensch, der wirklich Hilfe braucht, darf allein gelassen werden“ (ebd., 12) werden dabei grafisch hervorgehoben.

Anwendungssituationen für das Begriffswissen
Mit dem erarbeiteten Begriffswissen können (weitere) Szenen aus dem Buch in der Folge explizit daraufhin beleuchtet werden, auf welche elementaren Bestandteile bezogen Würde verletzt oder gefährdet wird. Überdies kann dieses Wissen angewendet werden, indem eigene Szenen des würdegerechten Umgangs gemalt und einander präsentiert werden (vgl. Rösch 2019, 15). Vielleicht entsteht ein eigenes „Klassen-Bilderbuch“ mit den Produkten.

Weiterführend

Gerade im Kontext politischen Lernens stellt sich die Frage, wie auch auf politisch-rechtliche Bezüge des Würdebegriffs, die über die Lebenswelten der Lernenden hinausreichen, sinnvoll eingegangen werden kann:
Erstens kann Lernenden ein Zugang zu bestimmten gesetzlichen Regelungen bereits im Rahmen der Beschäftigung mit dem Bilderbuch „Was WÜRDEst du tun?“ gebahnt werden. Einen solchen Zugang bietet augenfällig die Situation im Buch, in der Jenny im Internet bloßgestellt und beschämt wird (vgl. Abbildung 3 unten). Nahegelegt wird damit die Auseinandersetzung mit gesetzlichen Regelungen, mit denen die Menschenwürde im Kontext von Bild- und Filmaufnahmen geschützt wird (§ 22 des Kunsturhebergesetzes; vgl. dazu im politikdidaktischen Kontext die näheren Ausführungen in Fischer 2020, 190 f.).
Da die Menschenwürde namentlich den Ausgangspunkt der in den Artikeln 1 bis 19 des Grundgesetzes festgelegten Grundrechte darstellt (vgl. ebd., 183), liegt zweitens eine planvolle Vertiefung und Erweiterung anhand dieses „klassischen“ Themas des Politikunterrichts nahe (vgl. dazu insgesamt die Anregungen in Fischer 2020). Abhängig von den Lernenden wäre in diesem Kontext u.a. nach unterrichtlichen Wegen zu suchen, den Schutz der Menschenwürde auch als „antitotalitäre Grundnorm“ (ebd., 191) bzw. als Schutz- und Abwehrrecht gegenüber dem Staat aufzuschließen. So lassen sich Maßnahmen der Staatsgewalt beispielhaft thematisieren, die diese Grundrechtsnorm verhindern soll, „wie ‚polizeistaatlichen Terror‘, ‚Zwangsarbeit‘, ‚Versklavungen‘, ‚Zwangssterilisierungen‘ oder ‚Sippenhaft‘“ (Baldus 2019, 51; zit. n. Fischer 2020, 191 f.).

Literatur

Johannes Jöhnck

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln