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16.5.2019

Die Methode der Narrativen Biografiearbeit

Die Geschichte Jamal al-Khatibs speist sich aus autobiografischen Gedanken, Erzählungen und Texten des jugendlichen Projektteams. Dabei geht es vor allem um gemeinsame Reflexion, die Formulierung neuer Perspektiven und Handlungsoptionen sowie die Erarbeitung alternativer Narrative.

Die Figur Jamal al-Khatib ist als Ergebnis der biografischen Arbeit mit Jugendlichen entstanden. (© Stefan Wernig)


Die Zusammenarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen stellt einen zentralen Punkt der zweiten Staffel des Projekts "Jamal al-Khatib – Mein Weg" dar: Jugendliche, die in der Vergangenheit mit der IS-Ideologie bzw. religiös motiviertem Extremismus sympathisiert haben, bekommen die Möglichkeit an einem Projekt mitzuarbeiten, das verhindern soll, dass andere Jugendliche ähnliche Sympathien (weiter-)entwickeln.

Den am Projekt beteiligten Jugendlichen soll auf diese Weise (a) die Möglichkeit gegeben werden, die eigenen Biografien zu reflektieren (Biografiearbeit), (b) ihre Schlüsse daraus an Gleichaltrige weiter zu geben (Peer Education) und (c) damit in einem für sie relevanten Diskurs öffentlich sprechmächtig zu werden (Empowerment).

Warum Narrative Biografiearbeit?



Die Geschichte der fiktiven Figur Jamal al-Khatib, über die die Inhalte an die Zielgruppen herangetragen wird, basiert auf den Texten, autobiografischen Erzählungen und Gedanken, die innerhalb des Projektteams mit der Methode der Narrativen Biografiearbeit erarbeitet werden. Das Projektteam besteht dabei aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aus der jihadistischen Szene ausgestiegen sind und solchen, die sich in der "Hochphase" des sog. Islamischen Staat (IS) resilient gegenüber jihadistischen Narrativen gezeigt haben. Gemeinsam ist allen, dass sie Position gegen jihadistische Propaganda beziehen wollen.

Die Jugendlichen werden zum Teil von Kolleg/-innen des Vereins Turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention seit Jahren sozialarbeiterisch betreut und wurden bei ihren individuellen Wegen aus der jihadistischen Szene heraus begleitet und unterstützt. Dadurch konnte ein sehr gutes Vertrauensverhältnis entstehen.

Ein zentraler Gedanke hinter der Erarbeitung von Alternativen Narrativen ist, dass es, bei aller Unterschiedlichkeit individueller Fanatisierungsprozesse, auch Gemeinsamkeiten gibt: Erfahrungen von Ohnmacht und Erniedrigung, sowie Entfremdung von der Gesellschaft als Ganzes. Für diese Erfahrungen ist nicht unbedingt relevant, ob es zu tatsächlicher Diskriminierung oder Ausgrenzung gekommen ist: Entscheidend ist das Gefühl, nicht dazuzugehören, Außenseiter/-in, ohnmächtig und fremdbestimmt zu sein.

Dazu kommt die Wut – die Wut über Ungerechtigkeiten, die individuell erfahren werden, aber auch die Wut über die Beschaffenheit der Welt. Hierzu stellen sich viele Jugendliche ähnliche Fragen: Wie kann es sein, dass so viele Menschen von Krieg und Ungerechtigkeit betroffen sind, es jedoch scheinbar niemanden interessiert, während Menschenrechte doch angeblich für alle Menschen gleichermaßen gelten sollten?

An diese Wut knüpfen jihadistische Narrative (vor allem auf der emotionalen Ebene) an, sie versehen sie mit einem ideologischen Framing und konkreten "Handlungsangeboten", um gegen diese Ungerechtigkeiten vorgehen zu können. Es reicht daher nicht, jihadistische Narrative nur zu dekonstruieren ohne gleichzeitig die Wut und das Ungerechtigkeitsempfinden ihrer Zielgruppe mit in den Fokus zu nehmen. Die Gründe für diese Wut (wie Krieg, Rassismus, Ungerechtigkeit) sind real vorhanden. Wut ist in diesem Sinne also auch als legitimer Antrieb zu begreifen, die Frage ist nur, ob es möglich wird, konstruktive bzw. progressive Formen für einen Umgang mit ihr zu finden.

Eine wichtige Grundlage für diesen Ansatz bildet das sozial-kognitive Konzept der Selbstwirksamkeitserwartungen: Gemeint ist die Erwartung eines Individuums an sich selbst, auf der Basis der eigenen Kompetenzen gezielt Einfluss auf die Belange des eigenen Lebens und die Welt nehmen zu können, statt bloß äußere Umstände, Zufall, Glück und andere unkontrollierbare Faktoren als bestimmend ansehen zu müssen (siehe S. 11-12 des pädagogischen Pakets zur Staffel 1). So soll die Teilnahme am Projekt die Möglichkeit bieten, auf der Grundlage von Selbstreflexion durch Peer Education gleichsam sprachmächtig zu werden. Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartungen verfolgt damit auch einen politisch bildnerischen Ansatz, da es unter anderem die Ermöglichung eines selbständigen Urteilens zum Ziel hat, welches wiederum eng mit dem Prinzip der (inneren) Autonomie zusammenhängt.

Wie entsteht die Geschichte Jamal al-Khatibs?



Im Zuge des Projektes führen Sozialarbeiter/-innen im ersten Schritt gemeinsam mit Islamwissenschaftler/-innen und den Jugendlichen mehrere narrative Einzelinterviews und Gruppendiskussionen durch. Bei der gemeinsamen Reflexion werden Themen gesammelt, erlebte Geschichten erzählt, Probleme formuliert und neue Perspektiven und Handlungsoptionen entwickelt.

Der Schwerpunkt der Biografiearbeit liegt dabei auf der Phase der politischen Sozialisation, dem Ein- und Ausstieg in die jihadistische Szene sowie den dafür entscheidenden biografischen Momenten und Prozessen. Dabei werden durch retrospektive Sinngebung neue Perspektiven auf die eigene Geschichte entwickelt. Von der individuellen Ebene führt dieser Prozess zur gesellschaftlichen Ebene und der Frage "Was hat das mit der Welt zu tun?". Dabei werden problematische Strukturen, die eine Hinwendung zu jihadistischen Narrativen befördern können, kritisch hinterfragt sowie naheliegende und utopische Alternativen überlegt.

In weiterer Folge werden jihadistische Narrative dekonstruiert, die Mechanismen dahinter abstrahiert und die Bedürfnisse untersucht, die hinter der Hinwendung zu diesem ideologischen Angebot stehen, um diese Mechanismen phänomenübergreifend diskutieren zu können. Mit der Methode des Reframing werden die Narrative und die Bedürfnisse dahinter in einen anderen Rahmen gesetzt und mit alternativer Bedeutung gefüllt sowie alternative Narrative und konkrete alternative Angebote (wie z.B. humanitäres Engagement und Solidarität mit der notleidenden Zivilbevölkerung in Syrien) dazu erarbeitet. Diese alternativen Narrative stellen menschenfeindlichen Ideologien die Idee einer anderen Gesellschaft gegenüber, einer Gesellschaft aufgebaut auf Werten, wie z.B. gleichen Rechten für alle, Solidarität und Demokratie. Thematisiert und dekonstruiert bzw. reframed werden in den fünf Videos der zweiten Staffel unter anderem das "takfir"-Konzept (und damit gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit), das Prinzip "al-wala wa-l-bara" (und damit der Wunsch nach vermeintlich homogenen Gemeinschaften) und das Konzept des "kufr bit taghut" bzw. der "Demokratie ist Shirk"-Diskurs (und damit Autoritarismus).

Am Ende dieses Prozesses entstehen unter wissenschaftlicher Begleitung Texte, welche als Vorlage für die Videos dienen. Die Jugendlichen arbeiten dabei, in Kooperation mit einem Experten für Filmproduktion, aktiv an der Konzeption der Videos, über die Skripterstellung bis hin zum Dreh und der Endproduktion mit. Außerdem erfolgt im Rahmen von Arbeitstreffen eine Auseinandersetzung mit Themen wie dem Umgang mit Sozialen Medien und Online-Campaigning. Es werden Gesprächsführung und diskursive Zugänge im Rahmen von Online-Interventionen (von Social Media-Policy über Deeskalation bis hin zu taktischer Gesprächsführung) diskutiert. Die gewonnenen Erkenntnisse können so im Zuge der Online-Kampagne, entsprechend des Peer-to-Peer-Ansatzes, auch durch die teilnehmenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen angewendet werden. So können sie sich, zusätzlich zu Team der Onlinestreetworker/-innen, in die Onlinediskussionen über die Videos einbringen.
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