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14.3.2017

Fluchterfahrungen

Eine Flucht kann Monate oder auch Jahre dauern, vor allem wenn sie von Wartezeiten unterbrochen ist. Die Menschen legen tausende Kilometer zurück und durchqueren viele Länder. Im Gepäck sind meist nur wenige Dinge wie Kleidung, Erinnerungsstücke, Bargeld und wichtige Papiere, zum Beispiel der Pass.[1] Ein Handy ist auf der Flucht überlebenswichtig, um Geld zu besorgen, die Weiterreise zu organisieren, den Weg zu finden und Kontakt mit der Familie zu halten.[2]
Mohammad Al Hussein und José Pierre Vunguidica sprechen in der Gästekabine des SV Sandhausen im Rahmen des Projekts "Refugee Eleven" über Fluchterfahrungen und Mohammad Al Husseins Weg von Syrien nach Deutschland. (© Bundeszentrale für politische Bildung)

Familien fliehen auch gemeinsam, häufig ist aber nur Geld für die Flucht einer Person vorhanden. In diesem Fall wird die Flucht oft von mehreren Familienmitgliedern finanziert. Dann ist der Druck für Geflüchtete hoch, die Schulden schnell zu begleichen und die Familie im Herkunftsland zu unterstützen. Da eine Flucht gefährlich ist, sind es meistens Männer, die fliehen und später die Familie finanziell unterstützen, manchmal auch nachholen sollen. 2016 waren zwei von drei der in Deutschland Asylsuchenden männlich.[3] Oft schicken Eltern ihre Kinder auch allein, um sie in Sicherheit zu wissen. Für sie ist die Flucht besonders gefährlich: Ihnen fehlt die Erfahrung, um zu erkennen, wem sie vertrauen können.[4] Menschen in hohem Alter und mit Behinderung fliehen eher selten.

Schleuser



Für Menschen auf der Flucht ist es fast unmöglich, ohne die Hilfe von Schleusern an ihre Ziele zu gelangen. Schleuser bringen Menschen illegal über Ländergrenzen. Dies gilt weltweit als Straftat, weil Einwanderungsgesetze missachtet und Grenzkontrollen umgangen werden.[5] Meistens verlangen die Schleuser für den Grenzübertritt viel Geld. Mehrere tausend Euro kann es kosten, je nachdem wie sicher ein Weg und wie hoch die Nachfrage ist.[6] Für Schleuser ist das ein Milliardengeschäft – nach einem Bericht von Europol sollen Geflüchtete 2015 zwischen drei und sechs Milliarden Euro an Schleuser gezahlt haben.[7]
  • Mohammad Al Hussein

    "Ich war sehr glücklich als ich in Deutschland ankam. Ich hatte sehr viel abgenommen, aber ich brauchte hier keine Angst zu haben zu sterben. Endlich konnte ich meine Familie in Syrien anrufen."

    Mohammad Al Hussein floh im Sommer 2015 aus Syrien
  • José Pierre Vunguidica

    "1992 herrschte in meinem Heimatland Angola ein Bürgerkrieg. Damals war ich zwei Jahre alt. Mein Vater hatte Angst um unsere Sicherheit, darum sind wir geflohen. Mein Vater ging voraus. Als er genug Geld gespart hatte, holte er meine Mutter, meine Schwester und mich nach. Wir sind nach Belgien geflogen und von dort mit dem Bus nach Deutschland weitergefahren."

    José Pierre Vunguidica 27 Jahre, Stürmer beim SV Sandhausen

Flugzeug



Obwohl es oft sogar günstiger und ungefährlicher wäre, fliehen nur wenige Menschen per Flugzeug. Der Grund ist eine EU-Richtlinie, die besagt, dass niemand ohne Einreiseerlaubnis an Bord eines Flugzeugs darf. Wenn eine Fluggesellschaft eine Reisende oder einen Reisenden ohne gültiges Einreisevisum mitnimmt, muss sie an den deutschen Staat 1.000 bis 5.000 Euro Bußgeld zahlen.[8] Ein Visum und damit das Recht, nach Deutschland einzureisen, haben aber nur sehr wenige Geflüchtete.[9]

Landweg



Deshalb fliehen die meisten Menschen über Land und Wasser. Die Routen verändern sich stetig, da immer wieder Grenzen geschlossen werden.[10] Informationen in sozialen Netzwerken haben auf die Wahl der Route großen Einfluss. Der Landweg wird mit Bussen, Zügen und in geschlossenen Lastwagen bewältigt, in denen die Fliehenden von Schleusern versteckt werden.[11] Oft legen die Menschen auch große Strecken zu Fuß zurück. Als Schlafplätze dienen einfache Unterkünfte, häufig im Freien.[12]

Mohammads Fluchtroute (© bpb)


Seeweg



Viele Menschen fliehen über das Mittelmeer. Der Seeweg ist sehr gefährlich. Die Überfahrt kann einige Tage dauern. Sie beginnt meist in der Nacht, aus Angst von Grenzpolizei oder Küstenwache [13] entdeckt zu werden. Auf einfachen Booten drängen sich viel zu viele Menschen. Obwohl nicht alle schwimmen können, gibt es oft nicht ausreichend Schwimmwesten. Immer wieder kentert ein Boot und Menschen ertrinken. Nach Angaben von Flüchtlingsorganisationen starben allein 2016 bei der Überfahrt auf dem Mittelmeer 5.022 Menschen.[14]

José Pierre Vunguidica und Mohammad Al Hussein sprachen in der Gästekabine des SV Sandhausen über Mohammads Weg von Syrien nach Deutschland. (© bpb)

Eine Flucht ist eine hohe emotionale und körperliche Belastung und stellt eine persönliche Ausnahmesituation dar.[15] Dabei riskieren Menschen ihr Leben. Viele Geflüchtete sind neben Kälte, Hitze, Hunger und Durst auch der Angst um das eigene Leben und der Angst um das Leben geliebter Menschen ausgesetzt.[16] Es kann auch zu Gewalt gegenüber Geflüchteten kommen, besonders Frauen werden immer wieder Opfer von sexuellen Übergriffen.[17]

Diese Gefahren sind den Fliehenden oft bekannt – aus den Medien oder Erzählungen von Familienmitgliedern und Bekannten, die bereits geflüchtet sind. Doch aufgrund der Situation in ihrem Herkunftsland entscheiden sie sich dennoch zu fliehen.[18]

Aufgaben für den Unterricht

  • Stell dir vor, du musst fliehen. Was nimmst du mit? Schreibe eine Packliste.
  • Eine Flucht ist mit Gefahren verbunden. Welche sind das? Hätte das, was auf deiner Packliste steht, dir dabei geholfen? Wer oder was hätte dir helfen können?
  • Welche positiven und negativen Erfahrungen hat Mohammad auf der Flucht gemacht? Sprich mit Anderen in der Gruppe darüber, wie ihr euch an seiner Stelle gefühlt hättet.
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Fußnoten

1.
Vgl. Bpb (2015): Auf der Flucht. Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers, Bonn: Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG (Band 1694), S. 37, 90-97.
2.
Fritz Habekus, Stefan Schmitt, Zeit Online (2015) Wozu ein Handy? Im Internet: http://www.zeit.de/2015/40/smartphone-fluechtling-whats-app-kommunikation
3.
Vgl. BAMF (2016): Aktuelle Zahlen zu Asyl. Ausgabe: Dezember 2016, S. 7. Im Internet: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/aktuelle-zahlen-zu-asyl-dezember-2016.pdf?__blob=publicationFile
4.
Vgl. UNO-Flüchtlingshilfe: Besonders verletzlich. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Im Internet: https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/fluechtlingsschutz/fluechtlingskinder/umf.html
5.
Vgl. Andreas Schloenhardt, bpb (2015): Samariter, Schlepper, Straftäter: Fluchthilfe und Migrantenschmuggel im 21. Jahrhundert. Im Internet: https://www.bpb.de/apuz/208009/
fluchthilfe-und-migrantenschmuggel?p=all
6.
Vgl. Ana Carbajosa, Ileana Grabitz, Welt 24 (2015): Die Flucht über die Ägäis kostet zurzeit 600 Euro. Im Internet: https://www.welt.de/politik/ausland/article146628873/Die-Flucht-ueber-die-Aegaeis-kostet-zurzeit-600-Euro.html
7.
Vgl. Europol Public Information (2016): Migrant smuggling in the EU, S. 2. Im Internet: https://www.europol.europa.eu/sites/default/files/documents/migrant_smuggling_
_europol_report_2016.pdf
8.
Vgl. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: Aufenthaltsgesetz – AufenthG Paragraph 63, Absatz 3. Im Internet: https://www.gesetze-im-internet.de/aufenthg_2004/__63.html
9.
Vgl. Lisa Erdmann, Vanessa Steinmetz und Alexander Sarovic, Spiegel Online (2015): Die fatale EU-Richtlinie 2001/51/EG. Im Internet: http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-warum-sie-nicht-per-flugzeug-kommen-koennen-a-1051827.html
10.
Vgl. Kathrin Staudinger, United Internet for UNICEF: Flüchtlingskind Ibrahim- Auf dem Weg in ein sicheres Leben. Im Internet: https://www.united-internet-for-unicef-stiftung.de/aktuelles/blog/fluechtlingskinder-mazedonien/87902
11.
Vgl. Bpb (2015): Auf der Flucht. Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers, Bonn: Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG (Band 1694), S. 93, 96,120.
12.
Vgl. Pro Asyl (2016): 2016: Das tödlichste Jahr in der Geschichte der EU-Flüchtlingspolitik. Im Internet: https://www.proasyl.de/news/2016-das-toedlichste-jahr-in-der-geschichte-der-eu-fluechtlingspolitik/
13.
Vgl. Bpb (2015): Auf der Flucht. Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers, Bonn: Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG (Band 1694), S. 43.
14.
Vgl. UNHCR (2017): Regional Bureau Europe, Weekly Report, S. 1. Im Internet: https://data2.unhcr.org/en/documents/download/52674
15.
Vgl. Andreas Schloenhardt, bpb (2015): Samariter, Schlepper, Straftäter: Fluchthilfe und Migrantenschmuggel im 21. Jahrhundert. Im Internet: https://www.bpb.de/apuz/208009/fluchthilfe-und-migrantenschmuggel?p=all
16.
Vgl. Bpb (2015): Schiffbruch. Das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik, Bonn: Knaur Verlag (Band 1627), S. 11.
17.
Vgl. United Nations (2015): United Security Council Resolution 2242. Im Internet: http://www.securitycouncilreport.org/atf/cf/%7B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%7D/s_res_2242.pdf
18.
Vgl. Andreas Schloenhardt, bpb (2015): Samariter, Schlepper, Straftäter: Fluchthilfe und Migrantenschmuggel im 21. Jahrhundert. Im Internet: https://www.bpb.de/apuz/208009/fluchthilfe-und-migrantenschmuggel?p=all
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