Spinelli, Altiero

[* 31.8.1907 · † 23.5.1986] ital. Politiker. Gehört zu den Gründervätern der EG. Seit den 1940er-Jahren zählte er zu den entschiedensten Verfechtern einer europ. Einigung und verfolgt das Ziel der »Vereinigten Staaten von Europa«. Als Kommunist wurde er im ital. Faschismus verfolgt und verhaftet; auf der Gefangeneninsel Ventotene verfasste er zusammen mit dem Journalisten und späteren Politiker Ernesto Rossi das nach der Insel benannte »Ventotene-Manifest«, dort werben sie für den Aufbau eines europ. Bundesstaates und die Auflösung der, so ihre Überzeugung und Erfahrung, zu Aggression neigenden Nationalstaaten. Das Manifest zählt zu den wichtigsten Dokumenten der Europäischen Föderalistischen Bewegung. Nach dem 2. Weltkrieg unterstützte S. als europapolitischer Berater des ital. Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi die ersten Schritte in Richtung eines geeinten Europa. In den 1960er-Jahren war S. als Gastprofessor an den Universitäten in Bologna und Rom tätig. 1965 war er an der Gründung des berühmten Forschungsinstituts »Istituto Affari Internazionali« in Rom beteiligt und 1966–70 dort Direktor. Als Mitglied in der Europäischen Kommission (1970–76) und dann v. a. als Mitglied in dem von ihm mitgegründeten Verfassungsausschusses des Europäischen Parlaments (1979–86) setzte sich S. für ein föderales Europa ein. Das wichtigste Ergebnis seiner Bemühungen war ein nach ihm benannter Verfassungstext (»Spinelli-Entwurf«), der vom Parlament am 14.2.1984 gebilligt wurde. Dieser Entwurf sah den radikalen Umbau der EG zu einer föderal organisierten Europäischen Union vor. Teile des Entwurfs wurden in den institutionellen Reformen der EG und EU in den 1990er-Jahren wieder aufgegriffen und umgesetzt (z. B. Unionsbürgerschaft, Grundrechte). 2010 gründete sich eine nach S. benannte Gruppe von Abgeordneten im Europäischen Parlament, die die EU im Sinne von S. reformieren will und für eine föderale Union wirbt.

Literatur

Siehe auch:
Club Crocodile
Europäische Bewegung
Föderalismus und EU

aus: Große Hüttmann / Wehling, Das Europalexikon (3.Auflage), Bonn 2020, Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH. Autor des Artikels: M. Große Hüttmann

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